{"id":8845,"date":"2008-06-01T00:00:11","date_gmt":"2008-05-31T22:00:11","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8845"},"modified":"2022-07-26T14:14:47","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:47","slug":"bakunistischer-sound","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/06\/bakunistischer-sound\/","title":{"rendered":"Bakunistischer Sound"},"content":{"rendered":"<p>F\u00fcr Bakunin waren Freiheit, libert\u00e4rer Sozialismus und F\u00f6deralismus die Ideale und Prinzipien einer neuen Gesellschaftsordnung, die soziale Revolution und die freie Wissenschaft in der Bev\u00f6lkerung der Weg, diese Prinzipien durchzusetzen. Und aus der G\u00fcltigkeit der Prinzipien ergab sich f\u00fcr ihn eine Ablehnung der Religion, der Theologie und des Autoritarismus.<\/p>\n<p>Als Feind der Herrschaft des Menschen \u00fcber den Menschen war der Staat in seinen Augen &#8222;die schreiendste Verneinung des Menschentums&#8220;. ((1))<\/p>\n<p>Bakunin war sowohl ein gl\u00fchender Staatsfeind, als auch ein Liebhaber vorz\u00fcglichen Essens und guter Musik.<\/p>\n<p>Eine sch\u00f6ne Anekdote diesbez\u00fcglich beschreibt Madeleine Grawitz in ihrem Prachtband &#8222;Bakunin. Ein Leben f\u00fcr die Freiheit&#8220; ((2)):<\/p>\n<p>Am Palmsonntag 1849 hatte Bakunin ein Konzert in Dresden besucht. Gespielt wurde Beethovens Neunte Symphonie.<\/p>\n<p>Und die begeisterte den polizeilich Gesuchten so sehr, dass er anschlie\u00dfend vor das Orchester trat, um zu erkl\u00e4ren, &#8222;dass, wenn alle Musik bei dem erwarteten gro\u00dfen Weltenbrande verloren gehen sollte, wir f\u00fcr die Erhaltung dieser Symphonie mit Gefahr unseres Lebens einzustehen uns verbinden wollten&#8220;.<\/p>\n<h3>&#8222;H\u00f6re mit Schmerzen&#8220;<\/h3>\n<p>Wir wissen nicht, ob Bakunin auch die Musik der Einst\u00fcrzenden Neubauten gefallen h\u00e4tte. In den fr\u00fchen 1980er Jahren hat der bombastische &#8222;Krach&#8220; dieser experimentierfreudigen Kapelle schlie\u00dflich das ein oder andere Trommelfell zum Rei\u00dfen gebracht. Vielleicht h\u00e4tte Bakunin diesen &#8222;L\u00e4rm&#8220; mit Schmerzen geh\u00f6rt?<\/p>\n<p>Was wom\u00f6glich im Sinne der Neubauten gewesen w\u00e4re?<\/p>\n<p>Wir wissen es nicht. Was wir aber sagen k\u00f6nnen, ist, dass diese 1980 von Blixa Bargeld, NU Unruh, Gudrun Gut und Beate Bartel in Berlin gegr\u00fcndete, dadaistisch und &#8222;anarchistisch gepr\u00e4gte&#8220; ((3)) Band offensichtlich von den Ideen Bakunins beeinflusst wurde. Nicht umsonst steht ihre 1983 erschienene LP &#8222;Zeichnungen des Patienten O.T.&#8220; unter einem bakunistischen Slogan: &#8222;Destruction is not negative, you must destroy to build&#8220;.<\/p>\n<p>Die Anti-Pop-Band kommt aus der Punk- beziehungsweise Post-Industrial-Bewegung. Um ein apokalyptisches Klanggewitter zu inszenieren, das die eindringlichen Blixa Bargeld-Schreie und seinen Gesang untermalt, benutzt sie ein schrilles Instrumentarium aus (oft verstimmten) E-Gitarren, Bass, Megaphon, Alltagsgegenst\u00e4nden und Schrott: elektrisch verst\u00e4rkte Stahlspulen, F\u00e4sser, Bohrmaschinen, H\u00e4mmer, S\u00e4gen, Rasierapparate, ausrangierte Flugzeugtriebwerke, &#8230;<\/p>\n<p>Das Bakunin-Motto &#8222;Die Zerst\u00f6rung ist eine schaffende Kraft&#8220; zieht sich dabei als schwarz-roter Leitfaden durch die au\u00dfergew\u00f6hnliche &#8222;Noise-Music&#8220; der Combo. W\u00e4hrend in den fr\u00fchen 1980er Jahren die Grenzen zwischen Musik und L\u00e4rm ausgelotet wurden, sind die St\u00fccke seitdem allerdings melodi\u00f6ser geworden.<\/p>\n<p>&#8222;Sp\u00e4testens seit 1985 jedoch, als Depeche Mode sie f\u00fcr &#8218;People are People&#8216; sampelten, waren die Neubauten berechenbar geworden: Sie poltern auf der documenta und der XII. Biennale 1982 in Paris herum. Feuilleton und Boulevardpresse entdecken die Band; das Goethe-Institut schickt sie 1986 zur Expo nach Vancouver. Die Einst\u00fcrzenden Neubauten werden deutsches Kulturgut&#8220;, konstatiert Ronald Galenza auf der Internetseite des Goethe-Instituts. ((4))<\/p>\n<p>Auch der Autor dieser Zeilen konnte sich am 18. Mai 2008 im K\u00f6lner E-Werk davon \u00fcberzeugen, dass mensch heute ruhigen Gewissens ein Konzert der Rockband besuchen kann, ohne auf Ohropax angewiesen zu sein. Ihr im Oktober 2007 erschienenes &#8222;Alles Wieder Offen&#8220;-Album klingt bisweilen eher nach Rio Reiser und Ton Steine Scherben und nur noch selten nach den &#8222;alten&#8220; Neubauten. Das ist &#8211; auch aus libert\u00e4rer Sicht &#8211; keineswegs verwerflich. Ton Steine Scherben sind schlie\u00dflich seit den fr\u00fchen 1970er Jahren aus gutem Grund die wohl einflussreichste anarchistische Rockband in Deutschland. Und sie waren ein Vorbild auch f\u00fcr die Neubauten, wie Blixa Bargeld zum Beispiel Ende August 1996 in seinem, im SPIEGEL ver\u00f6ffentlichten, sensiblen Nachruf auf Rio Reiser (1950-1996) bekannt hatte. &#8222;Die Scherben waren die ganze Zeit \u00fcber ein gro\u00dfer Einfluss&#8220;, best\u00e4tigt Alexander Hacke, der seit 1980 Neubauten-Mixer, Gitarrist und Bassist ist. ((5))<\/p>\n<p>&#8222;Die Neubauten sind, nat\u00fcrlich inspiriert durch Blixa und freudig aufgenommen von den anderen Bandmitgliedern, Anarchisten. Blixa ist durch und durch ein Anarchist. Es geht ihm um eine radikale Freiheit, um ein radikales Zerst\u00f6ren, es geht ihm radikal darum, neue Dinge zu erschaffen&#8220; ((6)), so Fritz Brinckmann, Fotograf und Grafiker, der u.a. die Cover zu den Neubauten-Alben &#8222;F\u00fcnf auf der nach oben offenen Richterskala&#8220;, &#8222;Haus der L\u00fcge&#8220;, &#8222;Tabula Rasa&#8220; und &#8222;Ende Neu&#8220; gestaltet hat.<\/p>\n<p>Anders als einst der christliche Anarchist Rio Reiser, neigt Blixa Bargeld zur Blasphemie, zur Beschimpfung von &#8222;Gottes unendlichem Hoden&#8220; ((7)).<\/p>\n<p>Auch darin ist er dem libert\u00e4ren Atheisten Michail Bakunin n\u00e4her als z.B. dem christlichen Anarchopazifisten Leo Tolstoi (1828-1910), f\u00fcr den die Bergpredigt ein Grundpfeiler seiner gewaltfrei-libert\u00e4ren Ethik war.<\/p>\n<p>In seinem in den 1870er Jahren entstandenen Standardwerk &#8222;Gott und der Staat&#8220; stellte Bakunin dagegen fest: &#8222;Die Gottesidee enth\u00e4lt die Abdankung der menschlichen Vernunft und Gerechtigkeit in sich, sie ist die entschiedenste Verneinung der menschlichen Freiheit und f\u00fchrt notwendigerweise zur Versklavung der Menschen, in Theorie und Praxis. (&#8230;) Wenn Gott existiert, ist der Mensch ein Sklave; der Mensch kann und soll aber frei sein: Folglich existiert Gott nicht. Ich fordere jeden auf, diesem Kreis zu entgehen, und nun mag man w\u00e4hlen.&#8220; ((8))<\/p>\n<p>Offensichtlich haben die Einst\u00fcrzenden Neubauten gew\u00e4hlt. Ihr 1989 entstandenes &#8222;Haus der L\u00fcge&#8220;-Album geh\u00f6rt vielleicht zu den musikalisch interessantesten Werken, die nach Beethovens Neunter in diesem Lande entstanden sind. Anders als gelegentlich beim grandiosen Hofmusiker Beethoven fehlt bei den Werken von Blixa Bargeld und Co. das religi\u00f6se Pathos. Stattdessen finden wir eine ebenfalls oft pathetische, aber explizit atheistische und herrschaftsfeindliche Metaphorik, an der Genosse Bakunin zweifellos seinen Spa\u00df gehabt h\u00e4tte.<strong><\/strong><\/p>\n<h3>Haus der L\u00fcge<\/h3>\n<p>Erstes Geschoss:<br \/>\nHier leben die Blinden<br \/>\ndie glauben was sie sehen<br \/>\nund die Tauben<br \/>\ndie glauben was sie h\u00f6ren<br \/>\nfestgebunden auf einem K\u00fcchenhocker<br \/>\nsitzt ein Irrer, der glaubt<br \/>\nalles was er anfassen kann<br \/>\n(seine H\u00e4nde liegen im Schoss)<\/p>\n<p>Zweites Geschoss:<br \/>\nRolle f\u00fcr Rolle<br \/>\nBahn f\u00fcr Bahn<br \/>\nRauhfaser tapeziert<br \/>\nin den G\u00e4ngen stehen Mieter herum<br \/>\nBetrachten die W\u00e4nde aufmerksam<br \/>\nsuchen darauf Bahn um Bahn<br \/>\nnach Druck- und Rechtschreibfehlern<br \/>\nk\u00f6nnten nicht mal ihren Namen entziffern<\/p>\n<p>Auf ins n\u00e4chste Geschoss:<br \/>\nWelches, oh Wunder! nie fertiggestellt<br \/>\nnur \u00fcber die Treppe erreicht werden kann<br \/>\n&#8211;<br \/>\n&#8211;<br \/>\n&#8211;<br \/>\n&#8211;<br \/>\n&#8211;<br \/>\n&#8211;<br \/>\n&#8211;<br \/>\nhier lagern Irrt\u00fcmer, die geh\u00f6ren der Firma<br \/>\ndamit kacheln sie die B\u00f6den<br \/>\nan die darf keiner ran<\/p>\n<p>Viertes Geschoss:<br \/>\nHier wohnt der Architekt<br \/>\ner geht auf in seinem Plan<br \/>\ndieses Geb\u00e4ude steckt voller Ideen<br \/>\nes reicht von Funda- bis Firmament<br \/>\nund vom Fundament bis zur Firma<\/p>\n<p>Im Erdgeschoss:<br \/>\nBefinden sich vier T\u00fcren<br \/>\ndie f\u00fchren<br \/>\ndirekt ins Freie<br \/>\noder besser gesagt in den Grundstein<br \/>\nda kann warten wer will<br \/>\num zw\u00f6lf kommt Beton<br \/>\nGrundsteinlegung!<br \/>\nL\u00fcge! L\u00fcge! L\u00fcge!<\/p>\n<p>Gedankeng\u00e4nge sind gestrichen<br \/>\nin Kopfh\u00f6he braun<br \/>\ninfam oder katholisch violett<br \/>\nzur besseren Orientierung<\/p>\n<p>Dachgeschoss:<br \/>\nEs hat einen Schaden<br \/>\nim Dachstuhl sitzt ein alter Mann<br \/>\nauf dem Boden tote Engel verstreut<br \/>\n(deren Gesichter sehen ihm \u00e4hnlich)<br \/>\nzwischen den Knien h\u00e4lt er ein Gewehr<br \/>\ner zielt auf seinen Mund<br \/>\nund in den Sch\u00e4del<br \/>\ndurch den Sch\u00e4del<br \/>\nund aus dem Sch\u00e4del heraus<br \/>\nin den Dachfirst<br \/>\ndringt das Geschoss<\/p>\n<p>Gott hat sich erschossen<br \/>\nein Dachgeschoss wird ausgebaut<br \/>\nGott hat sich erschossen<br \/>\nEin Dachgeschoss wird ausgebaut<br \/>\nL\u00fcge! L\u00fcge! L\u00fcge!<br \/>\nEin Dachgeschoss wird ausgebaut<\/p>\n<p><strong>Epilog<\/strong><\/p>\n<p>Untergeschoss:<br \/>\nDies ist ein Keller<br \/>\nHier lebe ich<br \/>\nDies hier ist dunkel<br \/>\nfeucht und angenehm<br \/>\nHier lebe ich<br \/>\nDies ist ein Keller<br \/>\nDies hier ist ein Schoss<\/p>\n<p>Text: Bargeld, Musik: Bargeld \/ Einheit \/ Unruh \/ Chung \/ Hacke<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcr Bakunin waren Freiheit, libert\u00e4rer Sozialismus und F\u00f6deralismus die Ideale und Prinzipien einer neuen Gesellschaftsordnung, die soziale Revolution und die freie Wissenschaft in der Bev\u00f6lkerung der Weg, diese Prinzipien durchzusetzen. Und aus der G\u00fcltigkeit der Prinzipien ergab sich f\u00fcr ihn eine Ablehnung der Religion, der Theologie und des Autoritarismus. 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