{"id":8849,"date":"2008-06-01T00:00:16","date_gmt":"2008-05-31T22:00:16","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8849"},"modified":"2022-07-26T14:14:47","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:47","slug":"ich-bin-vielleicht-die-symbiose-aus-hiphop-und-anarchismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/06\/ich-bin-vielleicht-die-symbiose-aus-hiphop-und-anarchismus\/","title":{"rendered":"&#8222;Ich bin vielleicht die Symbiose aus HipHop und Anarchismus&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>GWR: Wie kamst du zum HipHop?<\/strong><\/p>\n<p><em>Chaoze One:<\/em><strong> <\/strong>Eine Antifa-Gruppe aus meiner Heimatstadt hat damals einen Sampler rausgegeben, u.a. mit Anarchist Academy, Kinderzimmer Productions und KRS-One drauf. Ich hab mir von allen drein Platten gekauft. Das waren meine ersten Rapplatten, und ab dem Moment wurden es immer mehr.<\/p>\n<p>Danach hat es noch zwei, drei Jahre gedauert, bis ich selber angefangen habe zu schreiben.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wie sahen deine ersten Schritte aus? Fandest du \u00fcberregional Anklang? <\/strong><\/p>\n<p><em>Chaoze One:<\/em><strong> <\/strong>Ich habe meine ersten St\u00fccke auf einer Internetseite ver\u00f6ffentlicht. Das hat in einem Vierteljahr so weit die Runde gemacht, dass ich Einladungen zu Konzerten bekommen habe. Ich hatte damals nicht mehr als drei Tracks. Das \u00e4nderte sich schnell, 2001 habe ich innerhalb von einem halben Jahr mein erstes Album fertig geschrieben. Freundeskreis und Anarchist Academy waren zu diesem Zeitpunkt grade verabschiedet, und es entstand eine L\u00fccke, die man schlie\u00dfen konnte. Mit den Auftritten ging es ein Jahr sp\u00e4ter los.<\/p>\n<p><strong>GWR: Warst du damals schon politisch aktiv?<\/strong><\/p>\n<p><em>Chaoze One:<\/em><strong> <\/strong>Ja. Ich war bei einer JUZ-Initiative, die versucht hat, ein Jugendzentrum in Selbstverwaltung zu erk\u00e4mpfen, und bin seit 1997 durchgehend in verschiedenen Antifa-Gruppen organisiert. Ohne den politischen Einfluss w\u00e4re ich musikalisch nicht da, wo ich heute bin und umgekehrt.<\/p>\n<p><strong>GWR: In einem deiner Texte bezeichnest du dich als HipHop-Anarchist. Das klingt sehr ausgefallen, da man anarchistische Positionen doch vorwiegend in der Punkkultur vermutet.<\/strong><\/p>\n<p><em>Chaoze One:<\/em><strong> <\/strong>Ich w\u00fcrde von mir sagen, ich bin Anarchist, obwohl es einige Leute gibt, die behaupten, ich sei keiner, sondern ein Kommunist, der es nicht zugeben kann. (lacht)<\/p>\n<p>Es hat etwas zu tun mit den politischen Gruppen, in denen ich mich bewegt habe, wie etwa Freiraum- und Antifa-Gruppen. Dar\u00fcber wurde ich politisiert, und dann kam die Musik dazu.<\/p>\n<p>HipHop an sich ist vielleicht irgendwie multikulturell, aber nicht unbedingt antifaschistisch, noch irgendetwas sonst. Insofern bin ich die Symbiose aus HipHop und Anarchismus &#8211; vielleicht. (lacht)<\/p>\n<p><strong>GWR: Du hast den Ruf eines heimatlosen Rappers. Wie kommt das?<\/strong><\/p>\n<p><em>Chaoze One:<\/em><strong> <\/strong>Ich bin heimatlos, weil ich mich \u00fcberall zuhause f\u00fchle, wo ich mich wohl f\u00fchle. Ich habe schon in Hamburg, Krefeld, Kempen, Neustadt und Karlsruhe gewohnt. Der Begriff Heimat ist oft sehr patriotisch besetzt, und ich f\u00fchle mich nicht als ein Deutscher.<\/p>\n<p>Deswegen trenne ich zwischen Heimat und Zuhause.<\/p>\n<p><strong>GWR: Du gilst als einer der eigenst\u00e4ndigsten Rapper, der von Produktion bis Vermarktung fast alles selber macht &#8211; sozusagen als selbstverwalteter Einmenschbetrieb. Lehnst du es ab, bei einem etablierten Label anzuheuern?<\/strong><\/p>\n<p><em>Chaoze One:<\/em><strong> <\/strong>Nein. Ich w\u00fcrde bei fast jedem Label anheuern, wenn mich irgendeins mit den Sachen \u00fcbernehmen w\u00fcrde, die ich grade schreibe. Mein Ziel ist es, dass viele Leute mich h\u00f6ren und sich Gedanken dar\u00fcber machen k\u00f6nnen. Insofern w\u00e4re es f\u00fcr mich in Ordnung, mich auch zu einem gro\u00dfen Label zu begeben. Aber im Moment f\u00fchle ich mich so wohler, und ich w\u00fcrde andernfalls nichts ver\u00e4ndern. Ich w\u00fcrde weiterhin die Vermarktung komplett bei mir belassen wollen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Glaubst du, das w\u00e4re \u00fcberhaupt m\u00f6glich, oder siehst du auch Gefahren f\u00fcr deine k\u00fcnstlerische Unabh\u00e4ngigkeit? <\/strong><\/p>\n<p><em>Chaoze One:<\/em><strong> <\/strong>Auf jeden Fall, da gibt es Gefahren, und im Prinzip, wenn man realistisch ist, schlie\u00dft sich das schon deswegen aus. Aber es ist oft so, dass HipHop auf kleineren Szenelabels entsteht, und insofern ist das gar nicht so &#8217;ne riesige Ausnahme, wie das bei mir l\u00e4uft.<\/p>\n<p><strong>GWR: W\u00fcrdest du auch bei einem Multi wie Virgin Records oder Sony BMG unterzeichnen?<\/strong><\/p>\n<p><em>Chaoze One:<\/em><strong> <\/strong>Wenn die sich gefallen lassen, dass ich sie auf ihrem eigenen Label beschimpfe, dann ja \u2026<\/p>\n<p><strong>GWR: \u2026 dich w\u00fcrde es nicht st\u00f6ren, von ihnen bezahlt zu werden?<\/strong><\/p>\n<p><em>Chaoze One:<\/em><strong> <\/strong>Das ist eine schwierige Sache. Mir geht&#8217;s nicht um das Bezahlt Werden, mir geht&#8217;s auch nicht darum, von Musik zu leben. Ich will gar nicht von Musik leben m\u00fcssen, weil ich dann den Druck habe, das so machen zu m\u00fcssen, dass ich genug Geld verdiene, damit mein Magen voll ist. Aber wenn Virgin mich verlegt, dann kriegt man mein Zeug schneller, und dann h\u00f6ren mich mehr Leute\u2026<\/p>\n<p><strong>GWR: \u2026 und wenn der finanzielle Erfolg weit \u00fcber das hinausginge, was du zum Magenf\u00fcllen brauchst? <\/strong><\/p>\n<p><em>Chaoze One:<\/em><strong> <\/strong>Wenn ich mit meiner Musik einen solchen Erfolg h\u00e4tte, f\u00e4nde ich das cool, weil es mir zeigen w\u00fcrde, dass die Menschen anfangen umzudenken. Aber im Moment ist das mit dem finanziellen Erfolg nicht so weit her. Ich glaube, wenn es wirklich so w\u00e4re, dass ich mit diesen Texten riesigen Zulauf kriegen w\u00fcrde, dann m\u00fcsste die Gesellschaft schon ver\u00e4ndert sein.<\/p>\n<p><strong>GWR: Du h\u00e4ttest also kein Problem, auch die finanziellen Vorteile anzunehmen?<\/strong><\/p>\n<p><em>Chaoze One:<\/em><strong> <\/strong>Kommt darauf an, ob wir von vor der Revolution oder von nach der Revolution reden.<\/p>\n<p>(lacht) Vor der Revolution muss grunds\u00e4tzlich jeder erst einmal zusehen, sein Leben so zu gestalten, dass er leben kann. Da w\u00fcrde ich die Kohle, glaube ich, nicht ablehnen. Sollte es so viel sein, dass man nicht mehr wei\u00df, wohin mit dem Geld, dann ist klar, dass man davon gemeinn\u00fctzig einen Gro\u00dfteil abtreten sollte. Da s\u00e4he ich multiple M\u00f6glichkeiten, das einzusetzen. Ich war z.B. im Sommer auf Tour f\u00fcr Stra\u00dfenkinder in der Dominikanischen Republik.<\/p>\n<p>Aber das sind reformistische Projekte, die einen faden Beigeschmack haben.<\/p>\n<p>Ich versuche daher zu unterscheiden zwischen dem Tropfen auf dem hei\u00dfen Stein und Dingen, die man radikal \u00e4ndern will.<\/p>\n<p><strong>GWR: Du bist bekannt f\u00fcr deine Zusammenarbeit mit zahlreichen MusikerInnen, auch au\u00dferhalb der HipHop-Szene. Was bewegt einen Eigenbr\u00f6tler wie dich zur Kooperation?<\/strong><\/p>\n<p><em>Chaoze One:<\/em><strong> <\/strong>Dass der eigene Tellerrand zu eng wird. Auch weil es spannend ist, sich auf Glatteis zu bewegen, anzufangen zu rutschen und zu sehen, wo man rauskommt. HipHop-Musik bildet eine gute Basis daf\u00fcr, da sie schon immer voll war von verschiedenen Einfl\u00fcssen. Sei es musikalisch, sei es textlich, seien es soziale Komponenten, die von Ort zu Ort unterschiedlich sind. Reggae, Ska, Latino, Klezmer &#8230; lassen sich wunderbar in HipHop-Musik integrieren.<\/p>\n<p><strong>GWR: Das Kombinieren von Elementen verschiedener Musikgattungen scheint ein, vor allem in der alternativen Musikszene wachsendes Ph\u00e4nomen zu sein. Warum hast du dich diesem Trend angeschlossen?<\/strong><\/p>\n<p><em>Chaoze One:<\/em><strong> <\/strong>Ich habe beim HipHop erlebt, dass viele das machen. Wegen meines Anspruchs, nationale oder andere konstruierte Identit\u00e4ten aufzul\u00f6sen, kann ich auch musikalisch gut damit umgehen. So wie bei meiner Koppstoff EP, bei der ich arabische Samples benutzt habe und die Beats orientalisch angehaucht waren, oder bei meinem letzten Album, in dem Funk und Soul mit drin war. Ich m\u00f6chte mir selbst keine Grenzen auferlegen und versuchen, auf alles klar zu kommen &#8211; au\u00dfer auf Techno.<\/p>\n<p><strong>GWR: Du verbindest in deinen Texten deine politische Botschaft mit deinen pers\u00f6nlichen Erfahrungen. Wie kommt das? <\/strong><\/p>\n<p><em>Chaoze One:<\/em><strong> <\/strong>&#8222;Das Pers\u00f6nliche ist politisch, das Politische ist pers\u00f6nlich.&#8220;<\/p>\n<p>Das Problem an linker Kritik ist, dass es oft eine Stellvertreterkritik ist, man selbst wenig damit zu tun hat und das Wort ergreift f\u00fcr andere. Letzteres finde ich grunds\u00e4tzlich auch nicht schlecht. Es hat aber immer das Image des Weltverbesserers, das meist schon von vornherein nicht mehr ernst genommen wird. Ich versuche, radikale Kritik auf meinen Alltag zu \u00fcbertragen, bzw. muss da gar nicht viel \u00fcbertragen.<\/p>\n<p>Wenn man wie ich in einem Stadtteil mit hohem Anteil an Migranten wohnt, sieht man immer noch rassistische Cops und Faschos, die offen rumlaufen. Es gibt Ph\u00e4nomene, die muss man nur wahrnehmen, um sie zu thematisieren. Die sind gar nicht soweit hergeholt, von daher wird es automatisch pers\u00f6nlich. Ein Freund von mir, S\u00e4nger bei Irie Revoltes, wurde vor drei Monaten auf offener Stra\u00dfe von Nazis verpr\u00fcgelt, da hat keiner geholfen, bis dann migrantische Jugendliche eingegriffen haben. Man muss sich gar nicht soweit aus dem eigenen Kontext raus bewegen, um diese Facetten wahrzunehmen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Was hoffst du, mit deiner Musik bewirken zu k\u00f6nnen?<\/strong><\/p>\n<p><em>Chaoze One:<\/em><strong> <\/strong>W\u00fcnschenswert w\u00e4re es, einen gesellschaftlichen Bewusstseinsprozess in Gang zu setzen. Das ist mein utopischer Traum. Ich will \u00d6ffentlichkeit schaffen, z.B. gegen rassistische Gesetze, was unsere Asylpolitik angeht, oder gegen soziale Ungerechtigkeit, was Neoliberalismus und prek\u00e4re Besch\u00e4ftigungsverh\u00e4ltnisse betrifft.<\/p>\n<p>Konkret m\u00f6chte ich gewisse Dinge wenigstens verbessern. Das klingt vielleicht reformistisch. Aber wir sind noch weit weg von der Revolution, f\u00fcrchte ich. Auf dem Weg dorthin kann man zumindest etwas verbessern.<\/p>\n<p><strong>GWR: Du sagst, die politischen Forderungen deiner Lieder auch au\u00dferhalb des Studios verwirklichen zu wollen. Wie setzt du diesen Anspruch um?<\/strong><\/p>\n<p><em>Chaoze One:<\/em><strong> <\/strong>Durch gelebte Solidarit\u00e4t, pers\u00f6nlich mit Leuten, die ich kenne. Da habe ich das Gef\u00fchl, es ist wichtig, so zu leben. Ich versuche, meine sexistische M\u00e4nnerrolle zu reflektieren. Das sind Sachen, wo man als Linker oft versucht ist zu denken, da sind wir ja von ausgenommen. Ich versuche, bewusst zu leben, ern\u00e4hre mich vegetarisch und verzichte auf Drogen.<\/p>\n<p>Ich mache auch bei Demos mit.<\/p>\n<p><strong>GWR: Du bist im Umfeld der G8-Gipfelproteste in Heiligendamm aufgetreten und hast dich aktiv an den Aktionen des Zivilen Ungehorsams beteiligt. Was waren deine Eindr\u00fccke?<\/strong><\/p>\n<p><em>Chaoze One:<\/em><strong> <\/strong>Ich habe den Gipfel im Vorfeld kritisch gesehen, weil es ein Massenhappening mit Woodstockcharakter zu werden schien. Ein Auflauf mit gro\u00dfem Spektakel. Als ich ankam, war alles drei Nummern kleiner, als ich mir das vorgestellt habe &#8211; der Festivalcharakter war nicht so krass wie bef\u00fcrchtet. Ich hatte den Eindruck, dass die Linke nicht so schwach ist, wie ich sie eingesch\u00e4tzt habe. Es hat gut getan. Die Aktionen haben gezeigt, dass wir noch etwas bewirken k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Die Diskussion \u00fcber die gewaltt\u00e4tigen Ausschreitungen w\u00e4hrend des Gipfels hat in der \u00d6ffentlichkeit und innerhalb der Protestbewegung polarisiert. Wie stehst du zur Gewaltfrage?<\/strong><\/p>\n<p><em>Chaoze One:<\/em><strong> <\/strong>Grunds\u00e4tzlich ist Gewalt schei\u00dfe, weil sie unterdr\u00fcckt und verletzt, psychisch oder physisch. Deswegen lehne ich Gewalt ganz klar ab. Wir leben aber in einer Zeit, in der wir h\u00e4ufig Gewalt ausgesetzt sind. Der Zwang zur Lohnarbeit oder Hartz IV als Ersatzzwang. Die Einschr\u00e4nkung von Freiheit durch \u00dcberwachung und Repression. Auch die direkte Konfrontation mit der Polizei, die eben nicht nur den Black Block betrifft, sondern jedem bl\u00fcht, der sich nur ansatzweise auflehnt oder nicht konform verh\u00e4lt. (&#8230;) Trotzdem ist mein Traum ein friedliches Miteinander, ohne Gewalt.<\/p>\n<p><strong>GWR: \u2026 und was ist mit der Gefahr, dass dieses Ziel, greift man zu gewaltsamen Mitteln, auf dem Weg liegen bleibt?<\/strong><\/p>\n<p><em>Chaoze One:<\/em><strong> <\/strong>Diese Gefahr sehe ich dann, wenn das Ganze unreflektiert in Hooliganismus abdriftet. Das ist ja auch zu beobachten, dass es bei manchen Demos nur noch um sinnentleerte Gewalt geht. Damit bin ich nicht einverstanden &#8211; auch wenn ich, bei all der strukturellen Gewalt, verstehen kann, dass Menschen gewaltt\u00e4tig werden, um sich zu wehren.<\/p>\n<p><strong>GWR: Du setzt dich auch f\u00fcr den Erhalt selbstverwalteter Jugendzentren ein. Warum liegt dir dieses Thema so am Herzen? <\/strong><\/p>\n<p><em>Chaoze One:<\/em><strong> <\/strong>Da gibt es vieles, das mir wichtig ist. In diesen Freir\u00e4umen kann man die Repression noch auf ein Minimum reduzieren und sich dem allgemeinen Konsumzwang entziehen. In der Ex-Steffi, (ehemaliges Jugendzentrum), das mir noch aus meiner Zeit in Karlsruhe einf\u00e4llt, haben sie z.B. des \u00f6fteren Fl\u00fcchtlingen Unterschlupf gew\u00e4hrt. F\u00fcr mich stellen diese R\u00e4ume wie das Ex-Steffi, das JUZ in Mannheim oder die K\u00d6PI Fluchtpunkte dar, in denen noch eine Gegenkultur zum latent nationalen Einheitsbrei existiert. Ich f\u00fchle mich wohler in einem JUZ, in dem auch noch was anderes l\u00e4uft als nur Popmusik, die ich \u00e4sthetisch zum Kotzen finde.<\/p>\n<p><strong>GWR: Lass uns noch mal auf dein Verh\u00e4ltnis zum Musikgewerbe eingehen. Du kritisierst das kommerzielle Rap-Establishment ebenso wie die unkommerzielle, so genannte Undergroundszene. Was st\u00f6rt dich an beiden?<\/strong><\/p>\n<p><em>Chaoze One:<\/em><strong> <\/strong>Es gibt Leute wie Bushido, die mehrere Ghostwriter besch\u00e4ftigen, um dieses Gangsterklischee zu reproduzieren. Das ist Rap vom Flie\u00dfband.<\/p>\n<p>Dann gibt es eine Form des politischen Aktivismus, der fast nur auf den Mainstream anspricht, d.h., nur in Zeiten des Irak- oder Afghanistankrieges auf Bush zu schimpfen, wenn es grade opportun ist. Da gab es von Mellow Mark den Song &#8222;Weltweit&#8220;, der in meinen Augen deutschnationalistisch ist. Aber das scheint nicht vielen Leuten aufgefallen zu sein.<\/p>\n<p><strong>GWR: Warum lehnst du es ab, dich, wie szene\u00fcblich, mit anderen Artists bei so genannten Rapbattles zu messen?<\/strong><\/p>\n<p><em>Chaoze One:<\/em><strong> <\/strong>Erstens, weil ich nicht freestylen kann, um all denen vorzugreifen, die behaupten, ich benutze alles andere nur als Ausrede. Zweitens sehe ich da keinen Sinn drin. Dieser Battlerap ist erfunden worden, damit man Gewalt von der Stra\u00dfe holt und auf der B\u00fchne in sportlicher, fairer Manier austragen kann. Das funktionierte ganz gut, solange es mit einem gewissen Grundrespekt ausgestattet war. Wenn man heutzutage mit den Leuten spricht, sagen die dir: Wir pr\u00fcgeln uns nicht weniger wegen Battlerap, sondern wir pr\u00fcgeln uns ganz oft, weil wir uns gebattelt haben.<\/p>\n<p>Die Leute sollten endlich erkennen, dass sie im gleichen Boot sitzen und gemeinsam gegen das System batteln, anstatt sich gegenseitig zu stressen. Dieses Recht des St\u00e4rkeren ist dasselbe, was mir auch beim Kapitalismus auf den Senkel geht, und das m\u00f6chte ich im HipHop vermeiden.<\/p>\n<p><strong>GWR: Mit weiteren Rapk\u00fcnstlerInnen hast du das Partisan Network gegr\u00fcndet. Welche Idee stand hinter dem Projekt?<\/strong><\/p>\n<p><em>Chaoze One:<\/em><strong> <\/strong>Wir haben das Partisan Network 2003 gegr\u00fcndet, da kam gerade das Buch von Hannes Loh und Murat G\u00fcng\u00f6r &#8222;Fear of a Kanak planet. HipHop zwischen Weltkultur und Nazi-Rap&#8220; raus, in dem sie die Migrationsgeschichte in Deutschland verkn\u00fcpft haben mit der Geschichte der HipHop-Kultur. Die meisten, die damals das Netzwerk mitgegr\u00fcndet haben, waren Leute, die das Buch gelesen und sich gedacht haben, da muss doch noch mehr gehen, als nur ein Buch zu lesen und danach wegzulegen.<\/p>\n<p>Wir wollten auch einen Gegenakzent zu dem harten Rap aus Berlin setzen, der damals popul\u00e4r wurde. Unser Ziel war es, die sozialen Wurzeln und die kritische Tradition von HipHop zur\u00fcckzubringen. Leider ist das Netzwerk zur Zeit ziemlich tot.<\/p>\n<p><strong>GWR: Mitte M\u00e4rz 2008 hast du dein neues Album &#8222;Letztes Kapitel&#8220; ver\u00f6ffentlicht. Kannst du es kurz vorstellen? <\/strong><\/p>\n<p><em>Chaoze One:<\/em><strong> <\/strong>&#8222;Letztes Kapitel&#8220; war eigentlich nur als Single-Auskopplung geplant. Hab mir aber \u00fcberlegt, eine Single allein ist zu langweilig. Daraufhin habe ich angefangen zu schreiben, und es kamen sechs neue St\u00fccke bei rum.<\/p>\n<p>Es geht um Freiheit. Was Freiheit ist und was sie manchmal zu sein scheint, aber nicht ist. Den G8-Gipfel in Heiligendamm haben wir noch mal aufgearbeitet, zusammen mit Mal Eleve, einem S\u00e4nger von Irie Revoltes. Es sind sehr pers\u00f6nliche Sachen drin wie der Titelsong oder &#8222;Hey Schwungi&#8220;, das ich an meinen Bruder geschrieben hab. Ich habe auch etwas sehr Tanzbares drauf: &#8222;Revolte Tanzparkett&#8220;. Das habe ich mit einer Ska-Band aus G\u00f6ttingen aufgenommen. Wir haben Ska mit Klezmer gemischt. Das geht richtig ab.<\/p>\n<p><strong>GWR: Woran arbeitest du aktuell?<\/strong><\/p>\n<p><em>Chaoze One:<\/em><strong> <\/strong>Ich bin grade an der Produktion einer Platte beteiligt. Das soll nicht nur ein Sampler werden. Wir haben mit f\u00fcnfzehn K\u00fcnstlerInnen eine neue Band gegr\u00fcndet, wo alle versuchen werden, sich jeden Track zu teilen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wer ist daran noch beteiligt?<\/strong><\/p>\n<p><em>Chaoze One:<\/em><strong> <\/strong>Z.B. Leute von Microphone Mafia und Anarchist Acadamy.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wird das etwas Dauerhaftes?<\/strong><\/p>\n<p><em>Chaoze One:<\/em><strong> <\/strong>Ich f\u00e4nde es cool, wenn&#8217;s was Dauerhaftes wird. Weil ich Spa\u00df daran habe, mit vielen anderen auf Tour zu sein, Musik zu machen, und die Leute sind auch super. Aber das wird ein logistisches Problem. Wie sich das abzeichnet, sind Leute aus T\u00fcbingen, Stuttgart, K\u00f6ln, Hamburg dabei, sodass es auch eine Frage der Zeit und des Geldes wird.<\/p>\n<p><strong>GWR: Was planst du f\u00fcr die Zukunft?<\/strong><\/p>\n<p><em>Chaoze One:<\/em><strong> <\/strong>Ich m\u00f6chte versuchen, auf jede Produktion noch eins draufzusetzen und sie noch abwechslungsreicher und extravaganter zu machen. Das Musikmachen ist mehr als nur ein Hobby f\u00fcr mich, aber ich m\u00f6chte kein Geld damit verdienen m\u00fcssen. Das ist der Haken an der Sache.<\/p>\n<p>Auch wenn ich froh w\u00e4re, auf Lohnarbeit verzichten zu k\u00f6nnen. Arbeiten an sich finde ich nicht grunds\u00e4tzlich schlecht, aber die Lohnarbeit hat immer unangenehme Nebeneffekte.<\/p>\n<p>Die Arbeitszeit, der wir uns aussetzen m\u00fcssen, ist zu hoch. Es gibt ja Berechnungen, wonach es angenehmer vonstatten gehen k\u00f6nnte. Die Art, wie Arbeit im Kapitalismus organisiert ist, macht die Leute kaputt. Aber die regul\u00e4re Besch\u00e4ftigung, die ich habe, halte ich f\u00fcr sinnvoll und w\u00fcrde sie auch weiter machen wollen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wie sieht dein Alternativmodell zur lohnabh\u00e4ngigen Arbeit aus? <\/strong><\/p>\n<p><em>Chaoze One:<\/em><strong> <\/strong>Die grundlegende Organisation, in der man Arbeit und Kompetenzen teilt, halte ich f\u00fcr eine gute Errungenschaft der Evolution. Aber momentan arbeiten wir viel f\u00fcr den Staat und dritte, die an uns mitverdienen. Es ist unn\u00f6tig, vierzig Stunden die Woche zu arbeiten. Man k\u00f6nnte das so einrichten, dass jeder weniger arbeiten m\u00fcsste, aber daf\u00fcr alle arbeiten k\u00f6nnten und genug Kohle h\u00e4tten. Man k\u00f6nnte es so organisieren, dass Menschen, die keinen Bock haben zu arbeiten, auch nicht arbeiten gehen m\u00fcssten. Ich habe da aber keine so konkreten Vorstellungen wie etwa Marx, sonst w\u00fcrde ich in die Politik gehen und den Leuten erz\u00e4hlen, dass ich&#8217;s raus hab. Aber ich sehe mich nicht in der Position, anderen zu erkl\u00e4ren, wie es zu laufen hat. (lacht)<\/p>\n<p><strong>GWR: Was gef\u00e4llt dir an Mannheim?<\/strong><\/p>\n<p><em>Chaoze One:<\/em><strong> <\/strong>Dass die Leute kein Blatt vor den Mund nehmen. Du wei\u00dft immer, woran du bist. Man merkt, dass es eine Hafenstadt ist, da ist alles ein bisschen direkter. Hier sagen es dir die Leute auch, wenn sie dich schei\u00dfe finden. Das ist genau wie die Stadt, dreckig und geradeaus, wie die Stra\u00dfen. Das geht mir sehr gut rein. Auch wenn es ein wenig romantisch klingt, gerade deswegen k\u00f6nnen hier unterschiedliche Meinungen nebeneinander Platz finden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GWR: Wie kamst du zum HipHop? Chaoze One: Eine Antifa-Gruppe aus meiner Heimatstadt hat damals einen Sampler rausgegeben, u.a. mit Anarchist Academy, Kinderzimmer Productions und KRS-One drauf. Ich hab mir von allen drein Platten gekauft. Das waren meine ersten Rapplatten, und ab dem Moment wurden es immer mehr. Danach hat es noch zwei, drei Jahre &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/06\/ich-bin-vielleicht-die-symbiose-aus-hiphop-und-anarchismus\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\"Ich bin vielleicht die Symbiose aus HipHop und Anarchismus\" - graswurzelrevolution","description":"GWR: Wie kamst du zum HipHop? Chaoze One: Eine Antifa-Gruppe aus meiner Heimatstadt hat damals einen Sampler rausgegeben, u.a. mit Anarchist Academy, Kinderzimm"},"footnotes":""},"categories":[6,45,1042],"tags":[],"class_list":["post-8849","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-330-sommer-2008","category-concert-for-anarchy","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8849","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=8849"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/8849\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=8849"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=8849"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=8849"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}