{"id":8856,"date":"2008-06-01T00:00:23","date_gmt":"2008-05-31T22:00:23","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8856"},"modified":"2022-07-26T14:14:47","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:47","slug":"the-pen-is-mightier-than-the-sword","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/06\/the-pen-is-mightier-than-the-sword\/","title":{"rendered":"The pen is mightier than the sword"},"content":{"rendered":"<p>Was als schwarz-roter Faden durch diese Entwicklung l\u00e4uft, ist eine konsequente anarchistische <em>Message<\/em>, die intelligente Absage an alle Formen von Unterdr\u00fcckung, Rassismus, Sexismus und Opportunismus.<\/p>\n<p>Dies ist auch bei ihrem neuesten Album so, das auf dem Kontinent im M\u00e4rz ver\u00f6ffentlicht wurde.<\/p>\n<p>Aber es gibt doch einen neuen Zungenschlag auf dieser Scheibe, der sie f\u00fcr Leserinnen und Leser der <em>Graswurzelrevolution<\/em> vielleicht besonders interessant macht. Hatten fr\u00fchere Songs zuweilen mit Ratschl\u00e4gen aufgewartet wie &#8222;Give the fascist man a gunshot&#8220; oder wie in &#8222;A Stitch in Time&#8220; geschildert, wie eine Frau sich an ihrem pr\u00fcgelnden, besoffenen Gatten r\u00e4cht, indem sie den Schlafenden in sein Bettzeug einn\u00e4ht und anschlie\u00dfend mit einer Bratpfanne schwarz und blau drischt &#8211; so hat das neue Album eine klare Botschaft der Gewaltlosigkeit. Die Leitvokabel ist &#8222;Worte&#8220;, und die CD stellt im Ganzen nicht weniger dar als eine anarchistisch-pazifistische Sprachphilosophie.<\/p>\n<p>Konsequenterweise hat die Platte den l\u00e4ngsten Titel, den je eine Schallplatte trug: 158 W\u00f6rter. &#8222;The Boy Bands Have Won&#8220; ist nur die Kurzfassung davon, der ausgeschriebene Titel hat diese Phrase als Anfang und als Schluss, und dazwischen steht ein flammendes Pl\u00e4doyer f\u00fcr Kreativit\u00e4t und gegen die grassierende Kultur des Nachmachens, des Anpassens an die Logiken der Casting-Shows usw. Das einzige Mittel aber, Musik zu besch\u00e4digen, sei, sie nicht zu ver\u00e4ndern.<\/p>\n<p>Etwas im Widerspruch dazu scheint der musikalische Charakter des Albums zu stehen.<\/p>\n<p>Genau wie sein Vorg\u00e4nger, der lustigerweise &#8222;Get on with it&#8220; hie\u00df, haben wir wieder ausschlie\u00dflich Unplugged-St\u00fccke mit mehrstimmigen harmonischen Ges\u00e4ngen, teilweise auch a cappella vorgetragen; mal fr\u00f6hlich, mal traurig; im Ganzen ein lieblicher Sound, der seine Texte manchmal L\u00fcgen zu strafen scheint, sie manchmal aber auch auf herzergreifende Weise unterstreicht.<\/p>\n<p>Widmen wir uns also den &#8222;Worten&#8220;. Chumbawamba sehen sie als strikte Alternative zur brutalen Gewalt. Das Lied &#8222;Word Bomber&#8220; z.B. bezieht sich auf die vier Selbstmordattent\u00e4ter, die 2005 in London 52 Menschen mit in den Tod rissen. Die jungen M\u00e4nner kamen aus Leeds, der Heimatstadt von Chumbawamba. Der Liedtext entwickelt die Utopie, dass all die jungen, zornigen M\u00e4nner sich nicht Sprengstoff, sondern &#8222;Worte&#8220; um die Taillen binden und in den U-Bahn-Katakomben &#8222;Reime&#8220; auf die Passanten schleudern.<\/p>\n<p>&#8222;Words Can Save Us&#8220; ist ein anderer Song, der die Gegen\u00fcberstellung ganz \u00e4hnlich konzipiert. Konfrontiert mit Nachrichten von anhaltenden Bombenangriffen auf irakische St\u00e4dte, und von einem weiteren High-School-Massaker in den USA, hei\u00dft es: &#8222;Wir sehen unsere Zukunft brennen \/ Und fragen uns, ob wir je kapieren \/ Dass Worte uns retten k\u00f6nnen.&#8220;<\/p>\n<p>Das klingt nat\u00fcrlich ein bisschen blau\u00e4ugig. Ist es aber nicht. Denn es geht hier nicht um ein plattes &#8218;Reden statt Schie\u00dfen&#8216;, sondern um ein anspruchsvolles Konzept von Kommunikation, die entweder schon frei (also gleichberechtigt) ist oder aber Herrschaft unterl\u00e4uft. Die dritte Nummer, welche die &#8222;Words&#8220; direkt in ihrem Titel f\u00fchrt, ist deshalb Bertolt Brecht und seiner Radiotheorie gewidmet: &#8222;Words Flew Right Around The World&#8220;. &#8222;Wie V\u00f6gel&#8220; fliegen diese Worte, und das k\u00f6nnen sie nur, wenn sie, wie Brecht es in den 30er Jahren von der technischen Fortentwicklung des Radios erwartete, von der blo\u00dfen Verlautbarung zur Interaktion fortschreiten, wenn also jeder zugleich Sender und Empf\u00e4nger ist (hat). In dem Lied ist dieser Gedanke durch das sch\u00f6ne Wortspiel eingefangen: &#8222;Bert told Brecht \/ Brecht told Bert.&#8220;<\/p>\n<p>Es ist das freie, das egalit\u00e4re Wort, das die Kraft haben kann, die erdr\u00fcckendste \u00dcbermacht der Gewalt zu besiegen. In dem Lied &#8222;El Fusilado&#8220; wird die unglaubliche, aber wahre Geschichte eines mexikanischen Revolution\u00e4rs erz\u00e4hlt, der standrechtlich erschossen werden sollte, aber die Salve des Erschie\u00dfungskommandos \u00fcberlebte: &#8222;Als alles still wurde, kroch ich fort \/ Ich ergab mich nicht der Herrlichkeit (Gottes) \/ Zehn gute Sch\u00fcsse, ich nahm sie alle auf \/ Und lebte weiter, um meine Geschichte zu erz\u00e4hlen.&#8220; Man sieht freilich, dass dieses Erz\u00e4hlen prek\u00e4r ist, bedroht: Wie viele Fusilados waren gerade zum Schweigen gebracht worden! &#8211; Das erste St\u00fcck des Albums, &#8222;When An Old Man Dies&#8220;, besteht nur aus dem einen traurigen Satz: &#8222;Zusammen mit den Schuhen und den Hemden und den Krawatten \/ Geht eine ganze Bibliothek verloren, wenn ein alter Mann stirbt &#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Zudem ist diese Sprache als offene, nicht vor-entschiedene, herrschaftsfreie, sich ihrer selbst nicht immer sicher. Das letzte, f\u00fcnfundzwanzigste Lied der CD, wie das erste weniger als eine Minute lang, besteht aus dem freim\u00fctigen Bekenntnis: &#8222;Wir wissen, was wir wollen \/ Wir wissen, was wir haben \/ Aber was ist es, das wir brauchen?&#8220;<\/p>\n<p>Die Sprache der anderen Seite, der Unterdr\u00fccker, des Staates, ist dagegen eindeutig. Es ist die Nationalsprache, die die regionalen Dialekte aufsaugt, vereinheitlicht und so vernichtet (&#8222;RIP RP&#8220;). Es ist ein Markenrecht, das es erlaubt, ausgerechnet eine Kombination der Begriffe &#8222;Theater&#8220; und &#8222;Tr\u00e4ume&#8220; f\u00fcr die \u00f6konomische Verwertung gesetzlich zu sch\u00fctzen (&#8222;Theatre of Dreams&#x2122;&#8220;, in &#8222;All Fur Coat &amp; No Knickers&#8220;). Es ist der Urteilsspruch der rassistischen Geschworenen, die 1975 den schwarzen Teenager Gary Tyler zu lebenslangem Knast verurteilten, f\u00fcr ein Verbrechen, das er nachweislich nicht begangen hatte (&#8222;Waiting For The Bus To Take Me Home&#8220;). Aber es ist auch das Stammeln der deformierten Subjekte, die auf Internet-Portalen wie MySpace die Monstrosit\u00e4t ihrer besch\u00e4digten Pers\u00f6nlichkeiten zur Schau stellen (&#8222;Add Me&#8220;).<\/p>\n<p>Wenn wir der Logik dieses Albums folgen, ist das ausbeuterische und unterdr\u00fcckerische Sprechen eigentlich gar keine Sprache. Chumbawamba haben hierf\u00fcr das Gedicht &#8222;August 1968&#8220; von W.H. Auden adaptiert, in dem der imperialistische Staat (die Sowjetunion, die in der CSSR den &#8222;Sozialismus mit menschlichem Antlitz&#8220; niederwalzte; die USA, die Vietnam, wie US-General LeMay formulierte, &#8222;in die Steinzeit zur\u00fcckbombten&#8220;) als Monster, als &#8222;Oger&#8220; aufgefasst wurde. Bei Chumbawamba (&#8222;The Ogre&#8220;) hat das Gedicht ungef\u00e4hr folgenden Wortlaut angenommen: &#8222;Der Oger tut, was Oger so k\u00f6nnen, \/ Doch eine Beute bleibt au\u00dferhalb seiner Reichweite: \/ Er besiegt die, welche die Welt schreiben, \/ Aber er beherrscht nicht die Sprache. \/ Zwischen den Verletzten und Erschlagenen \/ Auf unterjochtem Feld: \/ Die Worte des Ogers, so krank und so banal.&#8220;<\/p>\n<p>Dagegen ist das fragende, das vielf\u00e4ltige, das solidarische Wort zu setzen. Chumbawamba haben das mit diesem Album sehr \u00fcberzeugend getan. Wir k\u00f6nnen das auch!<\/p>\n<p>Was den immer noch inhaftierten Gary Tyler betrifft: <a href=\"http:\/\/www.freegarytyler.com\">www.freegarytyler.com<\/a> besuchen!<\/p>\n<p>Lasst eure Worte wie V\u00f6gel um die ganze Welt fliegen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Was als schwarz-roter Faden durch diese Entwicklung l\u00e4uft, ist eine konsequente anarchistische Message, die intelligente Absage an alle Formen von Unterdr\u00fcckung, Rassismus, Sexismus und Opportunismus. Dies ist auch bei ihrem neuesten Album so, das auf dem Kontinent im M\u00e4rz ver\u00f6ffentlicht wurde. 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