{"id":8860,"date":"2008-06-01T00:00:32","date_gmt":"2008-05-31T22:00:32","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8860"},"modified":"2022-07-26T14:14:47","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:47","slug":"chorsingen-anatur-oder-diktarchie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/06\/chorsingen-anatur-oder-diktarchie\/","title":{"rendered":"Chorsingen: Anatur oder Diktarchie?"},"content":{"rendered":"<p>Seit einiger Zeit nehme ich ein paar mal im Jahr an so genannten Singfreizeiten teil, zu denen sich einige befreundete Familien und Einzelk\u00e4mpfer eine Woche lang an einem sch\u00f6nen Ort treffen, um miteinander mehrstimmig zu singen. Obwohl gro\u00dfe Teile des dort gepflegten Repertoires der christlichen Singtradition entstammen, macht das einen Heiden-Spa\u00df. In den meistens mit Rotwein und Doppelkopf-Runden durchgebrachten N\u00e4chten kommt dann jedes Mal ein Streit auf, der zwar freundschaftlich, aber unerbittlich ausgetragen wird: Welches sind die politischen Implikationen der Chormusik?<\/p>\n<p>&#8222;Chorsingen vertr\u00e4gt sich nun einmal nicht mit Demokratie&#8220;, pflegt dann die Chorleiterin &#8211; nennen wir sie hier einmal Sabine &#8211; zu sagen, &#8222;wenn da jeder mitreden wollte, k\u00e4men wir zu nichts! Chorsingen ist Diktatur!&#8220; Und jedes Mal entgegne ich: &#8222;Ja freilich brauchen wir beim Singen deine Anweisungen; und dennoch <em>ist<\/em> Chorsingen, gerade wenn es fluppt, Demokratie, genauer gesagt sogar Anarchie &#8211; insbesondere, solange <em>du<\/em> den Chor leitest!&#8220; Sie will und will es mir nicht glauben. Also: Schauen wir uns das Problem einmal etwas n\u00e4her an.<\/p>\n<h3>Kanon<\/h3>\n<p>Gl\u00fccklicherweise geh\u00f6rt zu den Evergreens all dieser Singfreizeiten ein Lied, welches diese Frage direkt thematisiert. Es hat den Titel &#8222;Chorsingen ist Diktatur&#8220; und folgenden Text: &#8222;Chorsingen ist Diktatur, \/ Da ist von Demokratie keine Spur! \/ Die Leute singen, singen, singen immer nur, \/ Was der Chorleiter will &#8211; ganz stur!&#8220;<\/p>\n<p>Es ist ein Kanon, der mit bis zu acht Stimmen gesungen wird. Das Sch\u00f6ne an diesem Lied ist, dass es seinen Text so gr\u00fcndlich L\u00fcgen straft, dass dies allein unsere Frage schon kl\u00e4rt.<\/p>\n<ul>\n<li>Ein Kanon hat die Eigenschaft, dass alle S\u00e4nger, wenn auch nicht zur gleichen Zeit, dasselbe singen. Er ist insofern strikt <strong>egalit\u00e4r<\/strong> und kann zugleich komplexe und spannende Harmonien hervorbringen. Unser vorliegender Kanon hat \u00fcberdies <em>zwei<\/em> Eins\u00e4tze pro Liedzeile, d.h. die zweite Stimme setzt schon ein, wenn die erste bei ihrem langgezogenen &#8222;-tur&#8220; von &#8222;Diktatur&#8220; ankommt, die dritte Stimme, wenn die erste &#8222;Demo-&#8220; singt, usw. Das gibt dem Lied eine etwas chaotische Nuance, obwohl auch dies seinen harmonischen Charakter nicht besch\u00e4digt.<\/li>\n<li>Dieser Kanon wird stets auf ausdr\u00fccklichen <strong>Wunsch der Teilnehmer<\/strong>, besonders der mitsingenden Kinder, gesungen. Von wegen &#8222;Was der Chorleiter will, ganz stur&#8220;! Wenn unsere Chorleiterin \u00fcberhaupt dabei ist, dann gibt sie die Tonh\u00f6he des Anfangstons und die Eins\u00e4tze an, das war&#8217;s. Aber es klappt auch ohne koordinierende Person. So richtig politisch wird es aber erst, wenn Sabine das (in anderen F\u00e4llen unentbehrliche) Zeichen zum Beenden der Darbietung gibt. (Bei einem Kanon singt man ja den Text im Prinzip in einer Endlosschleife.) Viele h\u00f6ren dann tats\u00e4chlich auf, andere &#8211; je j\u00fcnger, desto mehr &#8211; singen einfach weiter, manche wechseln in andere Stimmen hin\u00fcber, andere variieren den Text, und wenn nicht alles in Gel\u00e4chter zusammenbricht, stehen nach 20 Sekunden alle Stimmen wieder und singen unverdrutzt weiter &#8211; unter Beteiligung der milde l\u00e4chelnden Sabine. Der &#8222;Diktator&#8220; hat kapituliert. Das tats\u00e4chliche Ende des Kanons ist erreicht, wenn der oder die Letzte aufh\u00f6rt zu singen. So einfach ist das.<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<figure id=\"attachment_8862\" aria-describedby=\"caption-attachment-8862\" style=\"width: 600px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-8862\" title=\"Chorsingen ist Diktatur\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/chor1.gif\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"193\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/chor1.gif 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/chor1-300x96.gif 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8862\" class=\"wp-caption-text\">Chorsingen ist Diktatur<\/figcaption><\/figure>\n<h3>\u00a0Macht \u2260 Herrschaft<\/h3>\n<p>Hier sehen wir das Prinzip der Selbstorganisation in Aktion. Bei anderen Musikst\u00fccken ist dies nicht so offensichtlich. Wird zum Beispiel eine Motette von Johann Sebastian Bach geprobt, dann w\u00fcrde ein politischer Beobachter Entscheidungsfindungen wahrnehmen, die gr\u00f6\u00dftenteils den Charakter von Anweisungen haben. Freilich: Auch hier wird Sabine zuweilen in Diskussionen verstrickt, die bestimmte musikalische Entscheidungen anzweifeln oder Verbesserungen vorschlagen. Wer singt in welcher Stimme? Welchen Ausdruck erheischt diese oder jene Textstelle? Kann die Sopran-Stimme ab Takt x noch mal separat proben? Usw. Aber hier hat die Chorleiterin unangefochten das letzte Wort, und es mag Kollegen von ihr geben, die sich \u00fcberhaupt nicht in die Art ihrer \u201aAmtsf\u00fchrung&#8216; hineinreden lassen.<\/p>\n<p>Doch selbst wenn es sich bei solchen musikalischen F\u00fchrungspersonen um machtgeile S\u00e4cke, und bei den S\u00e4ngern um unterordnungsw\u00fctige Subjekte handelt, ist die politische Struktur eines Chores <em>objektiv<\/em> noch immer n\u00e4her am Typus der Anarchie als an jenem der Diktatur. Dies nicht deswegen, weil bei dauerhaft bestehenden Ch\u00f6ren die Chorleiter-Stelle in der Regel durch Wahl seitens der S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger besetzt wird. Sondern aus folgenden drei Gr\u00fcnden.<\/p>\n<ul>\n<li>Zwar liegt im Chor ein klares Machtungleichgewicht vor, das bis zur Anweisungsbefugnis der Chorleiterin reicht. Aber diese Befugnis ist strikt <strong>begrenzt<\/strong>, zeitlich, r\u00e4umlich und vor allem sachlich. Eine Chorleiterin, die von den Chormitgliedern verlangen w\u00fcrde, ihre Wohnung zu staubsaugen oder bei den n\u00e4chsten Landtagswahlen eine bestimmte Partei zu w\u00e4hlen, w\u00fcrde sich bestenfalls l\u00e4cherlich machen.<\/li>\n<li>Die Anweisungsbefugnis w\u00e4chst der Chorleiterin durch ihren Wissens- und K\u00f6nnens-Vorsprung im Hinblick auf die zu singende Musik zu. Dazu kommt in vielen F\u00e4llen &#8211; z.B. auch bei Sabine &#8211; eine Begeisterungsf\u00e4higkeit, eine ansteckende Ergriffenheit von der Musik, eine Ausstrahlung, kurz: das, was der Soziologe Max Weber vor hundert Jahren &#8222;<strong>Charisma<\/strong>&#8220; genannt hat. Charisma kann eine Quelle von Herrschaft sein (das war Webers Thema), aber auch von herrschaftsfernen Machtkonstellationen. Ein Mechanismus, der verhindern kann, dass charismatische F\u00fchrung sich zu Herrschaft verfestigt, ist der st\u00e4ndige Bew\u00e4hrungszwang des Charismas. <em>When the soul is gone<\/em>, dann ist die Grundlage des Machtungleichgewichts weggefallen, und das Ungleichgewicht selber f\u00e4llt dann regelm\u00e4\u00dfig kurz darauf. Voraussetzung daf\u00fcr ist, dass keine herrschaftsspezifischen Institutionen im Hintergrund stehen, also etwa einige dezente Polizeibeamte, die hinter den Ten\u00f6ren stehen, um die Einhaltung der Tonh\u00f6he zu kontrollieren, oder eine Peitsche als Taktstock. Beides ist bei Chormusik eher un\u00fcblich.<\/li>\n<li>Das bringt uns zum dritten und entscheidenden Punkt. Die Teilnahme an einem Chor ist <strong>freiwillig<\/strong>. Die Initiative zum Mitmachen geht von den einzelnen S\u00e4ngern und S\u00e4ngerinnen aus, und wenn die Chorleiterin unmusikalisch oder uninspiriert ist oder die Diktatorin heraush\u00e4ngen l\u00e4sst, steht es jedem frei, einfach wegzubleiben. Vor allem dies: die st\u00e4ndig offen bleibende M\u00f6glichkeit, die Kooperation aufzuk\u00fcndigen, die unver\u00e4u\u00dferliche <em>exit option<\/em>, garantiert, dass das Machtgef\u00e4lle im Chor nicht die Form von <em>Herrschaft<\/em> annimmt, sondern von <em>Autorit\u00e4t<\/em>.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Solche Autorit\u00e4t ist ein Machtmodus, welcher in herrschaftsfreien Vergesellschaftungen sehr h\u00e4ufig vorkommt. Sie wird immer wieder in der Ethnographie staatsloser Gesellschaften beschrieben, nicht zuletzt im Hinblick auf die H\u00e4uptlinge der &#8222;Gesellschaften gegen den Staat&#8220;, die Pierre Clastres so eindringlich beschrieben hat. Stets sind die drei Merkmale &#8211; strikte Begrenzung der Anweisungsbefugnis (n\u00e4mlich auf den Fall eines Krieges), Bew\u00e4hrungspflicht des Charismas, Freiwilligkeit der Teilnahme &#8211; miteinander verkn\u00fcpft, um die Entstehung von Herrschaft zu verhindern. Man k\u00f6nnte unsere Chorleiterin auch mit einem karibischen Piratenkapit\u00e4n vergleichen: Von der Mannschaft gew\u00e4hlt und stets gew\u00e4rtig, bei Versagen oder bei Entwicklung von Kommandeursall\u00fcren wieder abgew\u00e4hlt zu werden; mit Aussicht auf denselben Beuteanteil wie die KameradInnen; aber durchaus mit so etwas wie &#8218;Befehlsgewalt&#8216; w\u00e4hrend des Kampfes, wenn es schnell gehen muss &#8211; eine Kompetenz, die in ruhigeren Fahrw\u00e4ssern sofort wieder erlosch.<\/p>\n<p>&#8222;Yo ho ho &#8211; und &#8217;ne Buddel voll Rum!&#8220; Dieser Vergleich mag mancher Leserin, manchem Leser absurd erscheinen. Wer als Kind von seinen Eltern in einen Chor gezwungen wurde, konnte vielleicht eventuellen Anma\u00dfungen des Chorleiters nicht ohne weiteres entgehen; und in Kirchench\u00f6ren ist die <em>exit option<\/em> zuweilen durch den sozialen Druck der <em>Peers<\/em>, also der Mits\u00e4ngerinnen und Mits\u00e4nger, erschwert (&#8222;Du kannst uns doch nicht gerade jetzt im Stich lassen&#8220;). In der Hauptsache sind dies jedoch Faktoren, die der Machtstruktur zwischen Chorleitung und Sangeskollektiv \u00e4u\u00dferlich sind. Und die eine allgemeine Lehre bereithalten: Elternmacht und horizontale soziale Kontrolle werden &#8211; das wage ich zu prophezeien &#8211; auch nach der libert\u00e4ren Revolution zu den verzwicktesten Problemen z\u00e4hlen.<\/p>\n<h3>Der Ton macht die Musik &#8211; das Wort auch<\/h3>\n<p>Was die Plausibilit\u00e4t meiner Argumentation eher bedroht, ist die soziale Tr\u00e4gerschaft vieler tats\u00e4chlich vorhandener Ch\u00f6re. Kirchench\u00f6re und, st\u00e4rker noch, M\u00e4nnergesangsvereine existieren h\u00e4ufig in konservativen Milieus &#8211; ein Eindruck, den die gesungene Literatur oft noch verst\u00e4rkt. Aber beim n\u00e4heren Betrachten wird das Bild auch hier schon deutlich bunter, und au\u00dferdem widerlegt selbst ein herrschaftsfroher Inhalt keineswegs die anarchische Form. Er l\u00e4dt eher dazu ein, ihm einen &#8218;angemesseneren&#8216; Inhalt entgegenzustellen. (Wenn Neonazis auf punk\u00e4hnliche Musik abfahren, \u00e4ndert das ja auch nichts daran, dass Punk vom Prinzip her eine Graswurzel-Musik ist.)<\/p>\n<p>Als der alte grantelnde Musikphilosoph Adorno 1968 dekretierte, Chorsingen spiegele &#8222;falsches Bewusstsein&#8220;, die &#8222;Chorgeselligkeit&#8220; zeitige &#8222;k\u00fcnstliche W\u00e4rme&#8220;, den &#8222;fatalen Anschein einer heilen, geborgenen Welt inmitten der ganz anderen&#8220;, und ihre Verteidigung sei daher &#8222;nicht zu verantworten&#8220; &#8211; da hatte er wohl \u00fcberreichliches Anschauungsmaterial zur Hand, das ihn best\u00e4tigte. Aber dass der <em>Anschein<\/em> einer geborgenen Welt auch den <em>Anspruch<\/em> auf eine <em>wirklich<\/em> geborgene Welt aufbewahren kann, kam ihm nicht in den Sinn. Erst recht nicht die Frage nach der Ver\u00e4nderbarkeit der textlichen und musikalischen Inhalte dessen, was von Ch\u00f6ren gesungen wird.<\/p>\n<p>Wie gro\u00df muss wohl der ungehobene Schatz alter Sauf-, Kampf-, Freiheits- und Liebeslieder sein, die in irgendwelchen Archiven verschimmeln? Wer hat zuletzt Thomas M\u00fcntzers revolution\u00e4re Kirchenlieder gesichtet? Aber auch: Wo steht geschrieben, dass die genialen Chors\u00e4tze alter Meister nur den Konservativen geh\u00f6ren, oder dass wir deren teilweise etwas sonderbare Texte als direkte Handlungsanweisungen f\u00fcr unsere Gegenwart nehmen m\u00fcssen, wenn wir versuchen, die Stimmung einzufangen, die bei ihrer Entstehung im, sagen wir, 17. Jahrhundert Pate stand? Wir k\u00f6nnen ja selbst viele Texte von <em>Ton Steine Scherben<\/em> aus den 70er Jahren heute nicht mehr ganz ernst nehmen, und h\u00f6ren sie vielleicht dennoch gerne.<\/p>\n<p>Gegen\u00fcber dem H\u00f6ren, also dem Konsum von Musik, ist die musikalische Selbstt\u00e4tigkeit, vom Standpunkt libert\u00e4rer Politik aus betrachtet, entschieden im Vorteil. Und unter den Formen musikalischer Produktion hat das Singen den sehr handfesten Vorzug, dass fast jeder Mensch mit dem daf\u00fcr Notwendigen ausgestattet ist. Mit Stimmb\u00e4ndern und einem Kehlkopf; aber auch mit hinreichender Musikalit\u00e4t. Doch braucht es zuweilen eine SpezialistIn wie Sabine, um letztere ans Licht zu bringen.<\/p>\n<p>Nichts spricht daher daf\u00fcr, die gro\u00dfartigen individuellen Effekte gemeinsamen Singens den Freunden von Befehl und Gehorsam zu \u00fcberlassen. Als da sind:<\/p>\n<ul>\n<li>Im Chor singen auch schwache Stimmen besser. Die stimmliche St\u00fctzung durch den Nachbarn reduziert die Unsicherheit, es findet tendenziell eine &#8218;<strong>Egalisierung nach oben<\/strong>&#8218; statt, und das Ganze ist wesentlich mehr als die Summe seiner Teile.<\/li>\n<li>Auch daraus kann ein starkes <strong>Gef\u00fchl von Gemeinschaft<\/strong> entstehen, wie bei allen Hervorbringungen, die man gemeinschaftlich schafft. Aber dieses Gef\u00fchl ist <em>an sich<\/em> ungerichtet. Das hei\u00dft, es kann sich auch an politische Ziele andocken, die mehr oder weniger unerfreulich sind. Gerade milit\u00e4rische und faschistische Systeme haben stets eine feine Sensibilit\u00e4t f\u00fcr die gemeinschaftsstiftende Kraft des kollektiven Singens gehabt. Das hei\u00dft aber nicht, dass man nun darauf verzichten sollte, zugunsten freiheitlicherer Ziele auf jene Gemeinschaftsstiftung zu bauen. Zumal z.B. schon der Dreivierteltakt jedem Militarismus subversiv ist!<\/li>\n<li>Wenn man ein bisschen Ausdauer aufbringt, kann Chorsingen zu veritablen <strong>psychedelischen Effekten<\/strong> f\u00fchren, also zu Effekten, wie man sie von Rauschdrogen kennt. Viele haben wahrscheinlich einschl\u00e4gige Erfahrungen mit dem <em>Konsum<\/em> ihrer jeweiligen Lieblingsmusik gemacht (bei Live-Konzerten oder beim H\u00f6ren mit gut aufgedrehten Kopfh\u00f6rern). Wenn man selbst an der <em>Produktion<\/em> der Musik beteiligt ist, kann es, zumal bei der Kombination bestimmter Harmonien mit entsprechender Lautst\u00e4rke, zu noch grandioseren ekstatischen Erlebnissen kommen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Auch dieser Effekt ist <em>an sich<\/em> politisch neutral. Er sagt nichts \u00fcber Anarchie und Diktatur aus. Aber warum sollte man ihn nicht libert\u00e4r fruchtbar machen? Erinnern wir uns an den grandiosen Weihnachtswaffenstillstand 1914 an der Westfront des Ersten Weltkriegs, herbeigef\u00fchrt durch das gemeinsame Singen von Weihnachtsliedern (GWR 304). Erinnern wir uns an die spontanen Massen-Perkussionen und &#8222;No Rain!&#8220;-Sprechch\u00f6re in Woodstock 1969. Adorno h\u00e4tte das kitschig und ideologisch gefunden, wenn er nicht eine Woche vorher gestorben w\u00e4re. Doch die <em>Los Angeles Times<\/em> schrieb damals als verbl\u00fcfften Kommentar zu dem Festival: &#8222;Menschen sind f\u00e4hig, sich selbst zu verwalten, wenn man sie l\u00e4sst.&#8220; Recht so: Diese Lehre am eigenen Leib zu erfahren, kann niemandem schaden. Musik <em>kann<\/em> dabei helfen; nicht nur die dekonstruktive Musik von Dada oder Punk, sondern mehr noch die traditionelle harmonische von Renaissance bis Rock&#8217;n&#8217;Roll.<\/p>\n<p>Why don&#8217;t we do it in the road?<\/p>\n<p>P.S.: Ein Vorschlag zur G\u00fcte, an Sabine:<\/p>\n<figure id=\"attachment_8863\" aria-describedby=\"caption-attachment-8863\" style=\"width: 600px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-8863\" title=\"Chorsingen ist Anarchie\" src=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/chor2.gif\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"193\" srcset=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/chor2.gif 600w, https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/chor2-300x96.gif 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 600px) 100vw, 600px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-8863\" class=\"wp-caption-text\">Chorsingen ist Anarchie<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit einiger Zeit nehme ich ein paar mal im Jahr an so genannten Singfreizeiten teil, zu denen sich einige befreundete Familien und Einzelk\u00e4mpfer eine Woche lang an einem sch\u00f6nen Ort treffen, um miteinander mehrstimmig zu singen. Obwohl gro\u00dfe Teile des dort gepflegten Repertoires der christlichen Singtradition entstammen, macht das einen Heiden-Spa\u00df. 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