{"id":8867,"date":"2008-06-01T00:00:07","date_gmt":"2008-05-31T22:00:07","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8867"},"modified":"2022-07-26T14:14:47","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:47","slug":"pastete-im-himmel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/06\/pastete-im-himmel\/","title":{"rendered":"Pastete im Himmel"},"content":{"rendered":"<p>So (freilich auf Englisch) beginnt ein Lied, dessen Text im Jahre 1925 von dem 14-j\u00e4hrigen Alfred Hayes verfasst wurde. Elf Jahre sp\u00e4ter wurde es von Earl Robinson vertont. Pete Seeger machte das Lied international bekannt, und auf dem Woodstock-Festival wurde es 1969 von Joan Baez vorgetragen. Ein wichtiges St\u00fcck der popul\u00e4ren Musikgeschichte im 20. Jahrhundert.<\/p>\n<p>Sein Text hat etwas Irritierendes. H\u00e4tte Joe Hill selbst so sprechen k\u00f6nnen? H\u00e4tte er Unsterblichkeit f\u00fcr sich reklamiert? Er, der anarchistische Arbeiter-S\u00e4nger, der 1915 einem Justizmord zum Opfer fiel?<\/p>\n<p>Sein Wirken hatte allerdings viel mit der Frage der Unsterblichkeit zu tun gehabt. Hill, der aus Schweden in die USA eingewandert war, hatte sich dort der anarchosyndikalistisch gepr\u00e4gten Gewerkschaft <em>Industrial Workers of the World<\/em> (IWW) angeschlossen und begonnen, Lieder f\u00fcr diese zu schreiben. Musik war ein entscheidendes Kampfmittel in den Klassenk\u00e4mpfen jener Zeit, denn das US-Proletariat war ein Konglomerat von Menschen unterschiedlicher sprachlicher Herkunft, dessen solidarischer Zusammenhalt durch rein sprachliche Mittel kaum herzustellen war.<\/p>\n<p>Dies wussten auch die Bosse. Gegen die Organisations- und Propagandat\u00e4tigkeit der IWW heuerten sie gerne (wir sprechen von der Zeit um 1905-1910) die mobilen Einsatzkommandos der evangelikalen <em>Heilsarmee<\/em> an, deren Kapellen mit ihren Trompeten und gro\u00dfen Trommeln imstande waren, auch die feurigste revolution\u00e4re Rede zu \u00fcbert\u00f6nen. Die Heilssoldaten schmetterten hymnische Lieder, in deren Texten den Arbeitern versprochen wurde, dass sie dereinst f\u00fcr ihre Entbehrungen im irdischen Jammertal im Himmel entlohnt werden sollten, wenn sie ihr Joch hienieden nur geduldig tr\u00fcgen.<\/p>\n<p>Eine der beliebtesten dieser Hymnen trug den Titel <em>In the Sweet By and By<\/em> (&#8222;Im s\u00fc\u00dfen Nach-und-nach&#8220;). Der zu Depressionen neigende Komponist Joseph P. Webster hatte sie 1868 zu einem Text von Sanford F. Bennett komponiert. Dieses Lied, das auch heute noch als Kirchenlied in den USA beliebt ist, schildert jenes &#8222;Land, heller als der Tag&#8220;, das wir durch unseren Glauben in der Ferne sehen k\u00f6nnen, wo Kummer und Leid ein Ende haben. Im Refrain wird im Wechselgesang ausgerufen:<\/p>\n<p>In the sweet (in the sweet) by and by (by and by)<br \/>\nWe shall meet on that beautiful shore (by and by)<br \/>\nIn the sweet (in the sweet) by and by (by and by)<br \/>\nWe shall meet on that beautiful shore.<\/p>\n<p>Gegen die IWW-Propaganda war das allerdings ein handfestes politisches Statement.<\/p>\n<p>Aber die Bosse und ihre frommen Marschierer hatten die Rechnung ohne Joe Hill gemacht. Er hatte die gro\u00dfartige Idee, das Schmettern der Blechbl\u00e4ser und das Dr\u00f6hnen der Trommeln dankbar anzunehmen und einfach einen eigenen Text dar\u00fcber zu legen, der die Heilsarmee l\u00e4cherlich machte. Die christliche Idee vom gl\u00fccklichen Jenseits wurde darin als <em>pie in the sky<\/em> (&#8222;Pastete im Himmel&#8220;) verspottet &#8211; ein wichtiger Beitrag Hills zur englischen Umgangssprache. Hier sind die erste und die letzte Strophe (plus Refrain) von Joe Hills Version des <em>Sweet by and by<\/em> (das in den IWW-Liederb\u00fcchern den Titel trug <em>The Preacher and the Slave<\/em>), im englischen Original:<\/p>\n<p>Long haired preachers come out ev&#8217;ry night<br \/>\nTry to tell you what&#8217;s wrong and what&#8217;s right<br \/>\nBut when asked, how &#8218;bout something to eat (Let us eat)<br \/>\nThey will answer with voices so sweet (Oh so sweet):<br \/>\nYou will eat (You will eat) by and by (by and by)<br \/>\nIn that glorious land above the sky (way up high)<br \/>\nWork and pray (work and pray), live on hay (live on hay)<br \/>\nYou&#8217;ll get pie in the sky when you die (that&#8217;s a lie).<\/p>\n<p>(&#8230;)<\/p>\n<p>Workingmen of all countries unite<br \/>\nSide by side we for freedom will fight!<br \/>\nWhen the world and its wealth we have gained<br \/>\n<em>To the grafters <\/em>[Schieber]<em> we&#8217;ll sing this refrain:<\/em><\/p>\n<p>You will eat by and by<br \/>\nWhen you&#8217;ve learned how to cook and to fry.<br \/>\nChop some wood, &#8218;twill do you good,<br \/>\nAnd you&#8217;ll eat in the sweet by and by.<\/p>\n<p>Und die <em>&#8222;starvation army&#8220;<\/em> spielte kostenlos die Begleitung. Genial! &#8211; Ein Grund mehr f\u00fcr Polizisten und Kapitalisten, Joe Hill aus dem Weg zu r\u00e4umen! In seinem letzten Brief aus dem Knast schrieb er an den Generalsekret\u00e4r der IWW die Aufforderung: <em>Don&#8217;t waste any time in mourning. Organize &#8230;<\/em> (&#8222;Verschwendet keine Zeit mit Trauern &#8211; organisiert [euch]!&#8220;) Dem Gef\u00e4ngnisw\u00e4rter gab er einen Zettel, auf dem sein gereimtes Testament stand. Darin \u00e4u\u00dfert er den Wunsch, seinen K\u00f6rper zu Asche zu verbrennen und diese vom Wind verstreuen zu lassen &#8211; vielleicht k\u00f6nne sie so noch als D\u00fcnger ein paar welkende Blumen zu neuem Leben erwecken. Das ist sch\u00f6n poetisch, und zugleich treu materialistisch. Joe Hill hielt sich ganz gewiss nicht f\u00fcr unsterblich! &#8211; Alfred Hayes aber textete 1925 weiter:<\/p>\n<p>&#8222;Die Kupferbarone t\u00f6teten dich, sie erschossen dich!&#8220;, sag&#8216; ich. &#8211; &#8222;Es braucht mehr als Gewehre, um einen Menschen zu t\u00f6ten&#8220;, sagt Joe, &#8222;ich starb nicht&#8220;; &#8211; sagt Joe, &#8222;ich starb nicht&#8220;.<\/p>\n<p>Der Gedanke dahinter ist nat\u00fcrlich, dass das <em>Verm\u00e4chtnis<\/em> weiterlebte, als (und gerade weil) Joe Hill ermordet wurde. Wo Arbeiter sich organisieren, dort lebt der &#8222;Geist&#8220; Hills. Aber es scheint mir doch, dass es auch etwas damit zu tun hat, dass Hill Musiker war. In der Poesie und im Sound der Gitarre steckt mehr von der Pers\u00f6nlichkeit des Verstorbenen, als es ein blo\u00dfer politischer Aufruf verm\u00f6chte. Oder es r\u00fchrt einfach nur die Emotionalit\u00e4t der Nachgeborenen st\u00e4rker an.<\/p>\n<p>K\u00fcnstlerInnen \u00fcberschreiten hier und jetzt die Grenzen des Alltags &#8211; diese N\u00e4he zur <em>Transzendenz<\/em> teilen sie mit den K\u00e4mpfern f\u00fcr eine klassenlose Gesellschaft (und ebenso mit den wirklichen religi\u00f6s Gl\u00e4ubigen).<\/p>\n<p>Deswegen sind es gerade PoetInnen und MusikerInnen, die von der Geschichte Joe Hills so angetan sind und die den Verspotter des <em>pie in the sky<\/em> selbst zum Dasein ewigen Lebens erheben.<\/p>\n<p>Es ist ein Nachleben, das sich nicht in einen Gegensatz zum Diesseits setzt, etwa als Kompensation, sondern das v\u00f6llig auf der Erde verankert ist. So wie die Asche eine welkende Blume erquicken kann, sollen die bleibenden Ideen und k\u00fcnstlerischen Zeugnisse dazu dienen, im Hier und Jetzt die Lage der Menschen zu verbessern. Sehr sch\u00f6n ist dieses Konzept des Weiterlebens \u00fcber den Tod hinaus im Jahre 2005 in einem Lied von Chumbawamba (siehe Artikel in dieser GWR) eingefangen worden, das mit der ersten Strophe des Hayes-Songs endet und worin es vorher hei\u00dft:<\/p>\n<p>&#8222;Don&#8217;t waste the days when I&#8217;m dead and I&#8217;m gone<br \/>\nWind up the clocks, ring around, carry on<br \/>\nDon&#8217;t gather flowers, dry your eyes, call your friends<br \/>\nFor all I sang was a start, not an end.<\/p>\n<p>Catch your breath, feel the life in your bones<br \/>\nEnjoy what&#8217;s to come, not the things that we&#8217;ve done.<br \/>\nSave all your prayers, take the pain and the hurt<br \/>\nAdd your chorus to my verse&#8220;<\/p>\n<p>By and by, by and by<br \/>\nForget that glorious land above the sky<br \/>\nDon&#8217;t you cry, don&#8217;t you cry<br \/>\nBy and by<\/p>\n<p>&#8222;F\u00fcge deinen Refrain zu meiner Strophe hinzu&#8220;, sagt hier der Todgeweihte, denn &#8222;alles, was ich sang, war ein Beginn, kein Ende&#8220;. Ist es reine Ironie, wenn Chumbawamba dieses Lied <em>By and by<\/em> genannt haben?<\/p>\n<p>Mir scheint es eher, dass in der ganz ernsten Verwendung des Gedankens, &#8222;nach und nach&#8220; solle der gew\u00fcnschte seelische, n\u00e4mlich lebensbejahende Zustand erreicht werden, auch etwas von der Aussage des alten Bennett&#8217;schen Kirchen-Hymnus <em>In the sweet by and by<\/em> aufgehoben ist. Nicht die Vertr\u00f6stung auf eine Pastete im Himmel, aber die Legitimit\u00e4t des Sehnens nach einem besseren Leben, die darin immerhin auch durchscheint.<\/p>\n<p>In den H\u00e4nden der Heilsarmee war der Hymnus allerdings unrettbar reaktion\u00e4r. Und wenn man sich heute auf <em>Youtube<\/em> die etwa zwanzig Versionen anschaut, in denen <em>In the sweet by and by<\/em> pr\u00e4sentiert wird, dann wird man schnell auf den Nashville-Schmalz einer Dolly Parton sto\u00dfen, der in Bild und Ton so unertr\u00e4glich klebrig und verlogen ist, dass Joe Hill seine helle Freude daran h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Zwischen all den Bluegrass- und Ragtime-Einspielungen des St\u00fccks, zu denen man einmal den Text von <em>The Preacher and the Slave<\/em> ausprobieren m\u00f6chte, gibt es auch die Schlussszene des Films <em>Robert Altman&#8217;s Last Radio Show<\/em>, der letzten Arbeit des Regisseurs Robert Altman aus dem Jahr 2006. Dort wird der <em>beautiful shore<\/em> so fr\u00f6hlich und weltzugewandt besungen, wird getanzt und geschmust, dass man glauben m\u00f6chte, die <em>pie<\/em> w\u00e4re aus dem <em>sky<\/em> direkt auf die B\u00fchne geh\u00fcpft.<\/p>\n<p>&#8222;Lebe jede Show&#8220;, hei\u00dft es in der Filmank\u00fcndigung, &#8222;als w\u00e4re es deine letzte!&#8220; Denn, so k\u00f6nnen wir hinzuf\u00fcgen, es k\u00f6nnte sein, dass nach der letzten Show tats\u00e4chlich keine mehr f\u00fcr dich kommt! Vielleicht ist das die schlimmste Dem\u00fctigung f\u00fcr die frommen Herren Webster und Bennett, dass sie sich durch diese Adaption Seit&#8216; an Seit&#8216; mit Joe Hill und Chumbawamba wiederfinden.<\/p>\n<p>Sei&#8217;s drum!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>So (freilich auf Englisch) beginnt ein Lied, dessen Text im Jahre 1925 von dem 14-j\u00e4hrigen Alfred Hayes verfasst wurde. Elf Jahre sp\u00e4ter wurde es von Earl Robinson vertont. Pete Seeger machte das Lied international bekannt, und auf dem Woodstock-Festival wurde es 1969 von Joan Baez vorgetragen. Ein wichtiges St\u00fcck der popul\u00e4ren Musikgeschichte im 20. Jahrhundert. &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/06\/pastete-im-himmel\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Pastete im Himmel - graswurzelrevolution","description":"So (freilich auf Englisch) beginnt ein Lied, dessen Text im Jahre 1925 von dem 14-j\u00e4hrigen Alfred Hayes verfasst wurde. 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