{"id":8879,"date":"2008-09-01T00:00:33","date_gmt":"2008-08-31T22:00:33","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8879"},"modified":"2022-07-26T14:24:14","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:14","slug":"krieg-im-kaukasus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/09\/krieg-im-kaukasus\/","title":{"rendered":"Krieg im Kaukasus"},"content":{"rendered":"<h3>Die Schlagzeilen<\/h3>\n<p>Am selben Tag titelt die Frankfurter Rundschau: &#8222;Russland marschiert in S\u00fcdossetien ein&#8220;. Sie kann am 11. August feststellen: &#8222;Der Sieger hei\u00dft Putin. Georgien verk\u00fcndet eine Waffenruhe. Russland l\u00e4sst sich weder von Georgien noch vom Westen beeindrucken&#8220; &#8211; stur wie ein T34, wie man fr\u00fcher zu sagen pflegte, und anscheinend hat die Sturheit seitdem noch zugenommen, denn obwohl man in Frankfurt schon einen Sieger ausgerufen hat, muss man am n\u00e4chsten Tag konstatieren, dass internationale Vermittler auf einen Waffenstillstand dr\u00e4ngen, aber: &#8222;Russland f\u00fchrt seinen Krieg fort.&#8220; Wie lange noch? Am 13. August meint die wom\u00f6glich voreilige taz immerhin: &#8222;Russland sieht sein Kriegsziel erreicht&#8220; &#8211; was gar nicht wenig ist, denn im Leitartikel bescheinigt das Blatt dem Land einen &#8222;unbedingten Willen zur Macht&#8220;.<\/p>\n<p>So kann es nicht wundern, wenn wiederum die FR am Tag darauf berichten muss: &#8222;Moskau greift weiter an&#8220;, und die taz wei\u00df auch kurz und pr\u00e4gnant einen Grund zu formulieren: &#8222;Russland auf Beutezug&#8220;. Was kann man da machen?<\/p>\n<p>Wenig genug, am 15. August scheint die FR resigniert zu haben: &#8222;Das Ausland beschr\u00e4nkt sich auf Symbolpolitik &#8230; ansonsten jedoch hat die Staatengemeinschaft wenig M\u00f6glichkeiten, Russland wegen seines Vorgehens in Georgien abzustrafen&#8220;.<\/p>\n<p>Wenn wir diese Bl\u00fctenlese mal kurz zusammenfassen, ergibt sich folgendes Bild: Russland marschiert ein, Georgien verk\u00fcndet eine Waffenruhe, aber Moskau greift weiter an, macht Beute und wird voraussichtlich ungestraft davonkommen.<\/p>\n<p>Offensichtlich ein Schurkenstaat, und soweit w\u00e4re ja alles klar &#8211; wenn wir nur nicht schon am 9. August in der taz auch h\u00e4tten lesen k\u00f6nnen: &#8222;Georgische Truppen marschierten in der s\u00fcdossetischen Hauptstadt Zchinwali ein, gedeckt von Kampfjets und schweren Panzern.&#8220;<\/p>\n<p>In dem Bild, das unsere Presse uns von diesem Krieg macht, f\u00e4llt diese hier und da am Rande erw\u00e4hnte Tatsache nicht mehr weiter auf. Darauf und auf die Frage, wer nun zuerst oder am ausdauerndsten auf wen geschossen hat, wird zur\u00fcckzukommen sein, aber wo gerade die Rede von Bildern war: damit besch\u00e4ftigen sich Leute beruflich, und wie immer im Krieg hatten sie auch diesmal viel zu tun.<\/p>\n<h3>Die Fotografen<\/h3>\n<p>&#8230; sind mit fetter Beute heimgekehrt. Beeindruckend, was sie in einer knappen Woche an Bildern geschossen haben! Und haben sie uns nicht &#8211; abseits von allen Spekulationen \u00fcber politisches Kalk\u00fcl und wirtschaftliche Interessen &#8211; mit ihrer Darstellung menschlichen Leides wieder direkt ins Herz getroffen? Denn der Verdacht, dass sie grunds\u00e4tzlich tiefer zielen, kann ja nur ausgemachten Zynikern kommen. &#8222;Wir dokumentieren in Bildern, was der Konflikt den Menschen antut&#8220;, hei\u00dft es zum Beispiel am 12. August auf der GMX-Startseite. Das ist userfreundlich, denn man muss nicht allzu viel lesen und kriegt doch mit, was so passiert auf der Welt.<\/p>\n<p>Es m\u00fc\u00dfte mit dem Teufel zugehen, wenn es nicht mindestens eines der Fotos aus diesem Krieg in die Endausscheidung des Wettbewerbs um das Pressefoto des Jahres schaffen sollte. Wie w\u00e4re es mit jenem, auf dem ein hockender Mann, den Kopf zur\u00fcckgeworfen, schreit, er h\u00e4lt den Oberk\u00f6rper eines am Boden liegenden Mannes umfangen. Davon gibt es zwei Varianten, auf der einen sehen wir den Schreienden schr\u00e4g von vorn und den R\u00fccken des Liegenden; auf der zweiten dieselbe Szene mehr von der Seite, wir erkennen einen Blutfaden im Mundwinkel des Liegenden. Die Bildunterschrift verr\u00e4t uns, dass hier ein um seinen get\u00f6teten Bruder Trauernder gezeigt wird.<\/p>\n<p>Dieses Motiv wurde also entweder vom selben Fotografen aus zwei verschiedenen Blickwinkeln aufgenommen, oder mehrere Fotografen hatten sich darum versammelt. Der Beruf, dem diese Leute nachgehen, genie\u00dft einiges Prestige.<\/p>\n<p>Sie unterrichten die \u00d6ffentlichkeit von Vorg\u00e4ngen, von denen die sonst wahrscheinlich nichts ahnte. Im Krieg werden Menschen umgebracht? Das kann man sich ja gar nicht vorstellen! Deshalb muss man es sehen. Wenn man es gesehen hat, braucht man es sich nicht mehr vorzustellen. Deshalb will man es sehen; aus verschiedenen Blickwinkeln und m\u00f6glichst gro\u00dfer N\u00e4he aufgenommen, auch wenn es nicht wirklich originell ist, denn den Blutfaden im Mundwinkel einer Leiche kennt man doch aus dem Kino &#8211; aber das hier ist schlie\u00dflich echt!<\/p>\n<p>Es ist echt. Wir betrachten einen Menschen, der einen Angeh\u00f6rigen betrauert. Wir k\u00f6nnen ihn bemitleiden oder bedauern, aber wir werden unsere Betroffenheit schnell bew\u00e4ltigen. Wir brauchen nur die Zeitungsseite umzuschlagen und der Fall ist erledigt; wir sind entgegen der Illusion, die die Bilder erwecken, nicht in der N\u00e4he des Geschehens und der Abgebildeten, kennen ihre Namen nicht, k\u00f6nnen sie weder ber\u00fchren noch ansprechen noch irgendwie helfen &#8211; tats\u00e4chlich betrifft uns das alles gar nicht, es beeinflusst nur unsere Wahrnehmung von Ereignissen, die uns das Foto nicht erkl\u00e4rt und nicht erkl\u00e4ren kann.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr beraubt es die Dargestellten der W\u00fcrde ihres Leides.<\/p>\n<p>&#8222;Was der Konflikt den Menschen antut&#8220;, ist unter anderem ihre Degradierung zu Voyeuren des Todes. Noch dazu in journalistischer Aufbereitung.<\/p>\n<h3>Die JournalistInnen<\/h3>\n<p>Ob die Welt nicht doch ein etwas friedlicherer Ort w\u00e4re, wenn man den Reporten ohne Grenzen ihre Grenzen aufzeigte? Die Titelseite der taz vom 13. August bringt unter der Schlagzeile &#8222;F\u00fcnf Tage Krieg&#8220; den Text: &#8222;Die vorl\u00e4ufige Bilanz des Krieges im Kaukasus: Tausende Tote, hunderttausend Fl\u00fcchtlinge, zerbombte St\u00e4dte, ein hilfloser Westen und ein triumphierender Pr\u00e4sident Medwedew.&#8220;<\/p>\n<p>Der Westen, also die Kraft, die stets das Gute will, aber leider ein bisschen doof und auf jeden Fall zu naiv und viel zu wenig r\u00fccksichtslos ist, um russischer Heimt\u00fccke wirksam begegnen zu k\u00f6nnen, steht wieder mal bedeppert da und kann nichts tun, obwohl auf den ersten Blick zu sehen ist, dass er dringend etwas tun m\u00fcsste.<\/p>\n<p>Das zeigen die Fotos, die diesen Text weniger unterlegen als ihn vielmehr versch\u00e4rfen und ihm die Richtung geben:<\/p>\n<p><em>&#8222;VERZWEIFLUNG: Eine junge Mutter mit ihrem Kind vor den Tr\u00fcmmern ihres Wohnblocks in Gori. VERTREIBUNG: Eine Familie flieht aus Gori. TOD: Bombenopfer in Gori. Hintergrundbild: Toter georgischer Soldat in Zchinwali&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Verzweiflung, Vertreibung und Tod spielen sich in Gori ab, und am 13. August 2008 wei\u00df jeder, der eine Woche zuvor Gori nicht h\u00e4tte buchstabieren k\u00f6nnen, dass das eine georgische Stadt ist, die von russischem Milit\u00e4r bombardiert und zeitweise besetzt wurde.<\/p>\n<p>Jenseits der Grenze, in S\u00fcdossetien, liegt Zchinwali; auch dort gibt es Tote, das verschweigt die Zeitung nicht. Im Gegenteil, sie zeigt uns eines der Opfer: einen georgischen Soldaten, also wiederum ein Opfer des russischen Milit\u00e4rs &#8230; F\u00fcr den Fall, dass das taz-Publikum immer noch nicht kapiert, wer die Guten und wer die B\u00f6sen sind, sagt es der darunter stehende Kommentar explizit: &#8222;Russlands unbedingter Wille zur Macht&#8220; wird da dingfest gemacht, und geschildert, wie die Zukunft aussehen k\u00f6nnte, falls der Westen hilflos bleibt: &#8222;Ebenso gut k\u00f6nnten russische Panzer in Richtung Kiew oder Chisinau rollen, um ihre &#8218;bedr\u00e4ngten&#8216; Br\u00fcder und Schwestern auf der Krim oder in Transnistrien zu sch\u00fctzen.&#8220;<\/p>\n<p>Das ist Russland: da haben sogar die Panzer Geschwister.<\/p>\n<p>Wenn man es mit einem so monstr\u00f6sen Land zu tun hat, dann kann man sich um gewisse Kleinigkeiten nicht k\u00fcmmern, das konnte man im selben Blatt schon am 11. August lesen: &#8222;Auch die Frage, wer den Konflikt vom Zaun gebrochen hat, wird durch die Kriegshandlungen nebens\u00e4chlich.&#8220;<\/p>\n<p>Zumal es der Entschiedenheit des Urteils keinen Abbruch tun muss, wenn man so nebens\u00e4chliche Fragen beiseite l\u00e4sst.<\/p>\n<h3>Die deutschen Verdeutlicher<\/h3>\n<p>Der Leitartikler der FAZ fand am 15. August klare Worte.<\/p>\n<p>Moskau demonstriere &#8222;mit dem Blitzkrieg in einem souver\u00e4nen Nachbarstaat seine neue Konfrontationsbereitschaft&#8220;; es handle sich bei Russland um ein Land, &#8222;das aufs Neue den Eishauch des Kalten Krieges verstr\u00f6mt&#8220; &#8211; eben eine &#8222;Gro\u00dfmacht mit imperialen Anspr\u00fcchen&#8220;.<\/p>\n<p>Kann man einer solchen Macht vers\u00f6hnlich gegen\u00fcbertreten? Nein: &#8222;Russland muss verdeutlicht werden, dass der R\u00fcckgriff auf Rhetorik und Mittel des Kalten Krieges einen politischen Preis hat.&#8220;<\/p>\n<p>Die Rhetorik der FAZ ist \u00fcber jeden Zweifel erhaben, aber anscheinend war die deutsche Au\u00dfenpolitik in der letzten Zeit ein bisschen schlapp; woran lag&#8217;s? An einem &#8222;Schuldkomplex aus dem Zweiten Weltkrieg&#8220; &#8211; damit muss nat\u00fcrlich Schluss sein: &#8222;Die EU t\u00e4te gut daran, sich eher um die eigene Geschlossenheit zu k\u00fcmmern als um das Seelenleben Russlands&#8220;; und der Bundeskanzlerin empfiehlt die FAZ, &#8222;der russischen F\u00fchrung zu verdeutlichen, dass deren H\u00e4rte k\u00fcnftig auch im Westen H\u00e4rte erzeugt&#8220;. Eine p\u00e4dagogische Aufgabe und keine leichte, aber wenn einer sie \u00fcbernehmen kann, dann wir, denn &#8222;gerade die Deutschen, die wie keine zweite Nation aus der Geschichte lernen wollten, sollten am wenigsten zum Appeasement neigen.&#8220;<\/p>\n<p>Das ist sicherlich eine elegantere Formulierung als die, die seinerzeit Joschka Fischer gefunden hatte, um deutsche H\u00e4rte in Jugoslawien zu begr\u00fcnden, aber im Wesentlichen ist es dasselbe Argument. &#8222;Die bequemen Jahre der nahezu konfliktlosen Sonderbeziehung zu Russland sind vorbei. Das ist der letzte Akt der au\u00dfenpolitischen Emanzipation des vereinten Deutschlands.&#8220; Und insofern er zur Kl\u00e4rung dieses Sachverhaltes beigetragen hat, war der Krieg im Kaukasus doch noch zu etwas gut. Wem es nicht um diesen Kollateraleffekt geht, der sollte sich allerdings mit der Frage besch\u00e4ftigen, wie es zu diesem Krieg gekommen sein und wie er ausgehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<h3>Der Hintergrund<\/h3>\n<p>Bereits seit Mitte der 90er Jahre wurde Georgien zu einem der wichtigsten Verb\u00fcndeten der USA in der Kaukasusregion, und diese Entwicklung verst\u00e4rkte sich noch unter dem Pr\u00e4sidenten Michail Saakaschwili. Mit dessen Machtantritt Ende 2003 war allerdings nicht automatisch eine feindselige Haltung Russlands gegeben: &#8222;Es w\u00fcnschte keinen weiteren Krisenherd im Kaukasus und erwartete eine Entkrampfung der verfahrenen Beziehungen zu Tiflis. Doch diese Hoffnung trog, wof\u00fcr Georgien eine gro\u00dfe Verantwortung tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Saakaschwili entfesselte blutige Gefechte um S\u00fcdossetien, das sich f\u00fcr unabh\u00e4ngig erkl\u00e4rt hatte, und bedient sich bis heute einer demagogischen, russophoben Rhetorik&#8220;, schreibt Christian Wipperf\u00fcrth in den <em>Bl\u00e4ttern f\u00fcr deutsche und internationale Politik<\/em> (5\/2007).<\/p>\n<p>Er kommt zu dem Ergebnis: &#8222;Die Politiker kleinerer GUS-L\u00e4nder haben daraus die Lektion gezogen, dass sie um so umfangreichere Hilfsgelder vom Westen erhalten, je russophober sie sich geben und je angespannter ihre Beziehung zu Russland ist. Doch auch in Russland gibt es einen &#8218;Lernerfolg&#8216;: Entgegenkommen f\u00fchrt nicht zur Entspannung der Lage, sondern meist zu noch sch\u00e4rferen Forderungen.&#8220;<\/p>\n<p>Georgien hat in den letzten Jahren massiv aufger\u00fcstet. Die Ausgaben f\u00fcrs Milit\u00e4r sind seit 2003 um etwa das 30fache gestiegen. Im letzten Jahr der Pr\u00e4sidentschaft Eduard Schewardnadses betrugen sie 30 Millionen Dollar; 2007 war es eine Milliarde. In derselben Ausgabe der Nowaja Gazeta vom 11.8.2008, in der Pawel Felgengauer diese Angaben macht, stellt er fest: &#8222;Auf der georgischen Seite, der ossetischen, der abchasischen und in Russland gab und gibt es nicht wenige, die k\u00e4mpfen wollen &#8211; die schwierigen ethnischen Fragen des Kaukasus auf dem Schlachtfeld l\u00f6sen.&#8220;<\/p>\n<h3>Die Strategen<\/h3>\n<p>Dem offenen Kriegszustand vorausgegangen waren in den ersten Augusttagen Schie\u00dfereien im ossetisch-georgischen Grenzgebiet, aus denen sich die in S\u00fcdossetion stationierten russischen Truppen herausgehalten haben. Hervorgetan haben sich in diesen Scharm\u00fctzeln vor allem die s\u00fcdossetischen Milizen.<\/p>\n<p>Am 8. August marschierte die georgische Armee in S\u00fcdossetien ein und begann den massiven Beschuss Zchinwalis.<\/p>\n<p>Den Widerstand der Milizen konnte sie ohne Probleme brechen, und sie h\u00e4tte das Gebiet wohl rasch besetzt, wenn nicht die russische Armee eingegriffen und sie in heftigen K\u00e4mpfen \u00fcber die Grenze zur\u00fcckgedr\u00e4ngt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Danach zog das georgische Milit\u00e4r sich geordnet zur\u00fcck, die russische Armee stie\u00df nach, wobei aber kaum jemals eine Besetzung Georgiens geplant gewesen sein d\u00fcrfte, sondern die Zerst\u00f6rung milit\u00e4rischen Potentials in Poti, Senaki und insbesondere Gori, das nicht nur eine Schl\u00fcsselstellung f\u00fcr Verkehr und Rohstofftransport in Ost-West-Richtung von Tiflis zu den H\u00e4fen am Schwarzen Meer einnimmt, sondern auch die Aufmarschbasis f\u00fcr Vorst\u00f6\u00dfe in n\u00f6rdliche Richtung, nach Zchinwali und S\u00fcdossetien.<\/p>\n<p>In der ver\u00f6ffentlichten Meinung dieses Landes gilt es f\u00fcr ausgemacht, dass Russland hegemoniale Interessen mit milit\u00e4rischen Mitteln verfolgt, vielleicht sogar Georgien zum Angriff provoziert und so in die Falle gelockt habe.<\/p>\n<p>Das ist zweifelhaft. Es mag eine Fraktion in der russischen Politik geben, die eine gewaltsame L\u00f6sung des ossetischen Problems bef\u00fcrwortet &#8211; und es ist ein Problem f\u00fcr Russland, denn die Rolle des Verteidigers der Separatisten er\u00f6ffnet ja nicht nur die M\u00f6glichkeit, Georgien unter Druck zu setzen, sondern verstrickt andererseits Russland dauerhaft in einen Konflikt, den es nicht vollst\u00e4ndig kontrollieren kann und der es verwundbar macht.<\/p>\n<p>Das Szenario k\u00f6nnte dann etwa so aussehen: Die s\u00fcdossetischen Verb\u00e4nde schlagen die georgische Armee in einem Krieg, an dem sich russisches Milit\u00e4r h\u00f6chstens am Rande beteiligt, und schaffen so die Voraussetzungen f\u00fcr eine tats\u00e4chliche Unabh\u00e4ngigkeit. Da die Wiedergewinnung der sezessionistischen Gebiete Hauptziel des Pr\u00e4sidenten Saakaschwili ist, sieht er sich durch die Niederlage zur Abdankung gezwungen und macht den Weg f\u00fcr eine weniger Russlandfeindliche Regierung frei.<\/p>\n<p>Mag sein, dass ein Generalstab oder ein \u00e4hnlicher Verein verminderter Zurechnungsf\u00e4higkeit so einen Plan ausbr\u00fctet, aber Russland ist keine Milit\u00e4rdiktatur, und ihn mit all seinen Risiken und Unw\u00e4gbarkeiten durchzusetzen, erscheint wenig realistisch. Wahrscheinlicher ist, dass sich ein derartiges Kalk\u00fcl aus dem Gang der Ereignisse entwickelt haben k\u00f6nnte.<\/p>\n<h3>Wie sieht die Lage von der anderen, der georgischen Seite aus?<\/h3>\n<p>\u00dcberraschenderweise gar nicht mal so \u00fcbel. Nach einem Angriff auf S\u00fcdossetien gibt es zwei M\u00f6glichkeiten: entweder er gelingt, die ossetischen Milizen werden geschlagen und das Gebiet besetzt, bevor Russland eingreifen kann. Wie sich gezeigt hat, war die Chance durchaus vorhanden.<\/p>\n<p>Damit w\u00e4ren Fakten geschaffen, die Moskau kaum mehr durch Gewaltanwendung aus der Welt schaffen kann.<\/p>\n<p>Oder der Angriff scheitert &#8211; dann passiert, was wir beobachten konnten. Georgien gibt die Schlacht verloren, die Armee zieht sich schnell und geordnet zur\u00fcck. Die staatlichen Strukturen und die milit\u00e4rische Handlungsf\u00e4higkeit bleiben gewahrt, der nach den Kriegszerst\u00f6rungen erforderliche Wiederaufbau sorgt sogar noch f\u00fcr einen wirtschaftlichen Schub.<\/p>\n<p>Die Konfrontation mit dem \u00fcberm\u00e4chtigen Nachbarn verst\u00e4rkt den Nationalismus, auf den Saakaschwili ohnehin setzt, ebenso wie die Orientierung nach Westen.<\/p>\n<p>Verloren hat Georgien mit S\u00fcdossetien faktisch das, was Russland, das sich nebenbei gr\u00fcndlich desavouiert hat, gewinnt: einen Steinhaufen.<\/p>\n<p>Das sind Vermutungen, aber immerhin f\u00fcgen sie sich in ein stimmiges Bild. Und w\u00e4hrend die Redaktionen von FAZ bis taz den russischen Imperialismus w\u00fcten sehen, k\u00f6nnte sich erweisen, dass dieser Krieg so, wie er ausgegangen ist, den georgischen Interessen letztlich gar nicht ungelegen kam.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Schlagzeilen Am selben Tag titelt die Frankfurter Rundschau: &#8222;Russland marschiert in S\u00fcdossetien ein&#8220;. Sie kann am 11. August feststellen: &#8222;Der Sieger hei\u00dft Putin. Georgien verk\u00fcndet eine Waffenruhe. 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