{"id":8889,"date":"2008-09-01T00:00:19","date_gmt":"2008-08-31T22:00:19","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8889"},"modified":"2022-07-26T14:24:14","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:14","slug":"gewaltfreier-widerstand-gegen-den-barrierebau","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/09\/gewaltfreier-widerstand-gegen-den-barrierebau\/","title":{"rendered":"Gewaltfreier Widerstand gegen den Barrierebau"},"content":{"rendered":"<p>Ni&#8217;lin liegt zwischen den beiden D\u00f6rfern Budrus und Bil&#8217;in, die                 beide eine zentrale Rolle im gewaltfreien Widerstand in der Westbank                 spielen. Bil&#8217;in ist vielen LeserInnen bekannt durch die GWR-Berichterstattung                 \u00fcber seinen bereits \u00fcber drei Jahren andauernden gewaltfreien                 Widerstand gegen Besatzung und Barrierebau sowie aufgrund seiner                 j\u00e4hrlich stattfindenden internationalen Konferenz zum Thema. Budrus                 war im Jahr 2004 das Symbol des gewaltfreien Widerstands und war                 auch eine der ersten Gemeinden in der Westbank, die substantielle                 Erfolge ausschlie\u00dflich mit gewaltfreiem Widerstand &#8222;von unten&#8220;                 erzielen konnte. Dass sich die widerst\u00e4ndische Basisbewegung,                 ungeachtet der Repression der israelischen Armee (IDF), die seit                 jeher gewaltfreien Protesten mit Gewalt begegnet, und auch ungeachtet                 der pal\u00e4stinensischen F\u00fchrung, die die Barriere schon l\u00e4ngst akzeptiert                 hat, nicht in die Knie zwingen l\u00e4sst, veranschaulicht Ni&#8217;lin besonders                 beeindruckend. Das Dorf hat seit 1948 ca. 80 % seines Landes verloren.                 Die Barriere, die ebenfalls gro\u00dfe Fl\u00e4chen landwirtschaftlicher                 Fl\u00e4che zu annektieren droht (auch hier befindet sich eine j\u00fcdische                 Siedlung in der N\u00e4he), w\u00e4re der finale Todessto\u00df f\u00fcr das Dorf.                 F\u00fcr die BewohnerInnen von Ni&#8217;lin wurde es also allerh\u00f6chste Zeit,                 dagegen anzuk\u00e4mpfen.<\/p>\n<h3>Massiver gewaltfreier Widerstand<\/h3>\n<p>Wie auch in anderen Gemeinden, die Widerstand leisteten, begann                 sich in Ni&#8217;lin ein <i>Popular Committe<\/i> zu organisieren, das                 die Proteste koordiniert. <\/p>\n<p>Aktiv unterst\u00fctzt wird es dabei von israelischen und internationalen                 AktivistInnen, vorwiegend von den <i>Anarchists Against the Wall<\/i>                 (AATW) und dem <i>International Solidarity Movement <\/i>(ISM).               <\/p>\n<p>Demonstrationen werden mehrmals w\u00f6chentlich &#8211; fallweise sogar                 t\u00e4glich &#8211; abgehalten. <\/p>\n<p>In Ni&#8217;lin werden auch immer wieder eigene Frauendemos organisiert.                 Das erkl\u00e4rte Ziel der Demonstrationen ist es, zu den Bulldozern                 und Baggern zu gelangen, die unweit des Dorfes mit den Bauarbeiten                 an der Barriere besch\u00e4ftigt sind, um diese am Weiterarbeiten zu                 hindern.<\/p>\n<p>Mehrmals war dieses Vorhaben schon von Erfolg gekr\u00f6nt: Am 1.                 Juli 2008 beispielsweise gelangten mehrere hundert DemonstrantInnen                 direkt zu dem schweren Bauger\u00e4t, behinderten es erfolgreich bei                 der Arbeit und besch\u00e4digten es gezielt, sodass die Bulldozer,                 Bagger und LKWs die Baustelle fluchtartig verlassen mussten. <\/p>\n<p>Ein kleiner Sieg in einer schier aussichtlosen Situation. <\/p>\n<p>Oft gelingt dies jedoch nicht, da die IDF die Demonstration \u00fcblicherweise                 bereits erwartet und mit Unmengen an Tr\u00e4nengas, &#8222;Hartgummigeschossen&#8220;                 etc. fernh\u00e4lt, um die Bauarbeiten an diesem vom Internationalen                 Gerichtshof (IGH) als v\u00f6lkerrechtswidrig verurteilten Projekt                 zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Eine besonders beunruhigende Entwicklung ist, dass die israelischen                 SoldatInnen immer \u00f6fter nicht mehr von ihren (fallweise t\u00f6dlichen)                 &#8222;nicht-t\u00f6dlichen-Waffen&#8220;, sondern von scharfer Munition Gebrauch                 machen, um Demonstrationen aufzul\u00f6sen. Eine k\u00fcrzlich ver\u00f6ffentlichte                 Richtlinie der IDF diesbez\u00fcglich erlaubt bzw. fordert dies ausdr\u00fccklich,                 jedoch mit einer Ausnahme: Wenn sich Israelis unter den DemonstrantInnen                 befinden, darf scharfe Munition nicht verwendet werden. Es ist                 das wohlbekannte rassistische Spiel in den besetzten Gebieten.                 In Bil&#8217;in z.B. wurde am 13. Juni 2008 der 26-j\u00e4hrige Ibrahim Burnat                 lebensbedrohlich verwundet. Ihm wurde mit scharfer Munition die                 Hauptschlagader durchschossen.<\/p>\n<p>Aufgrund des hohen Blutverlusts hat ihn das beinahe das Leben                 gekostet. Doch man muss nicht notwendigerweise ein\/e DemonstrantIn                 sein, um Gefahr zu laufen von der IDF erschossen zu werden. Am                 5. M\u00e4rz wurde der 18-j\u00e4hrige Wala Burnat aus Bil&#8217;in lebensbedrohlich                 durch f\u00fcnf Kugeln verletzt, als er am Feld seiner Eltern arbeitete.                 Warum die SoldatInnen pl\u00f6tzlich das Feuer er\u00f6ffneten, ist unklar.<\/p>\n<h3>&#8222;Israeli Army get out of Ni&#8217;lin!&#8220;<\/h3>\n<p>Um die Protestbewegung zu zerschlagen, verfolgt die israelische                 Armee im Falle von Ni&#8217;lin nun eine besonders harte und vor allem                 auch v\u00f6lkerrechtswidrige Linie: kollektive Bestrafung. Von 3.                 bis 8. Juli 2008 wurde \u00fcber das Dorf eine Ausgangssperre verh\u00e4ngt                 und es von der IDF zur G\u00e4nze umstellt.<\/p>\n<p>Die Armee kontrollierte alle Zufahrtsstra\u00dfen und lie\u00df nichts                 und niemanden in das Dorf hinein oder hinaus, Ambulanzen und Nahrungsmittel                 mit eingeschlossen. Selbst einer schwangeren Frau wurde es verwehrt,                 f\u00fcr die Geburt ihres Kindes ins Krankenhaus zu fahren. <\/p>\n<p>Doch das Dorf wurde nicht nur abgeriegelt, sondern die IDF brach                 in der Folge auch in rund 20 H\u00e4user ein, verhaftete AktivistInnen,                 schoss mit Tr\u00e4nengas und scharfer Munition im Dorf herum und lie\u00df                 Handzettel zur\u00fcck, auf denen zu lesen war, dass die Belagerung                 und die Ausgangsperre erst dann enden w\u00fcrden, wenn die Demonstrationen                 gegen die Barriere aufh\u00f6rten.<\/p>\n<p>Die BewohnerInnen von Ni&#8217;lin zeigten sich von all den Drohungen                 jedoch wenig beeindruckt, errichteten Barrikaden, um die Armee                 an der Invasion des Dorfes zu hindern und brachen in einem Akt                 des Zivilen Ungehorsams die Ausgangssperre, um auch weiterhin                 zu demonstrieren. Diese Demonstrationen wurden brutal niedergeschossen                 und mehrere AktivistInnen durch scharfe Munition schwer verletzt.               <\/p>\n<p>Der Rote Halbmond versuchte mehrmals, mit den israelischen SoldatInnen,                 die die Zufahrtsstra\u00dfen zum Dorf versperrten, zu verhandeln, um                 in das Dorf fahren zu d\u00fcrfen und die Verletzen behandeln zu k\u00f6nnen.                 Als der Rote Halbmond es rund 20 Mal versuchte und keine Erlaubnis                 erhielt, drohten die SoldatInnen schlie\u00dflich damit, auch auf die                 Ambulanz das Feuer zu er\u00f6ffnen, sollten sie noch einen Versuch                 starten, in das Dorf zu gelangen. Auf einen Ambulanzwagen der                 <i>Palestinian Medical Relief Society<\/i> wurde das Feuer er\u00f6ffnet.                 Es fanden sich \u00fcber ein Dutzend Einschussl\u00f6cher in dem Rettungswagen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Belagerung fanden auch verst\u00e4rkt Solidarit\u00e4tsdemonstrationen                 rund um das Dorf statt. AktivistInnen aus Bil&#8217;in und Budrus kamen                 gemeinsam mit israelischen und internationalen AktivistInnen,                 um den Belagerungsring zu durchbrechen.<\/p>\n<p>Auch diese Versuche hatten zahlreiche Verhaftungen zur Folge.<\/p>\n<h3>Der Kampf geht weiter<\/h3>\n<p>Gleich nachdem die Ausgangsperre wieder aufgehoben wurde und                 ein Offizier der IDF verlautbarte, er habe die Zusage der BewohnerInnen,                 in Zukunft keine Proteste mehr abzuhalten, antwortete das <i>Popular                 Committee<\/i>, dass es solche Gespr\u00e4che, geschweige denn diese                 Zusage nie gegeben h\u00e4tte und dass sich die BewohnerInnen von Ni&#8217;lin                 das Recht, f\u00fcr ihre fundamentalen Menschenrechte und gegen die                 Konfiszierung ihres Landes einzutreten, nicht nehmen lie\u00dfen und                 die Proteste deshalb weitergehen w\u00fcrden. Schon wenige Tage sp\u00e4ter                 fanden erneut Demonstrationen statt, bei denen es wieder zahlreiche                 Verletze gab.<\/p>\n<p>Am 20. Juli ver\u00f6ffentlichte die israelische Menschenrechtsorganisation                 <i>B&#8217;tselem<\/i> ein schockierendes Video. Es zeigt, wie ein verhafteter                 pal\u00e4stinensischer Aktivist aus Bil&#8217;in, der an einer Solidarit\u00e4tsdemonstration                 f\u00fcr Ni&#8217;lin teilnahm, verhaftet, an den H\u00e4nden gefesselt und die                 Augen verbunden, von einem Soldaten vor einen Milit\u00e4rjeep gestellt                 wird, wo ihm ein anderer Soldat, der direkt vor ihm steht, in                 den Fu\u00df schie\u00dft, was in Israel und international zu emp\u00f6rten Reaktionen                 f\u00fchrte. <\/p>\n<p>Die Antwort der IDF folgte prompt: Der Vater des M\u00e4dchens, das                 den Vorfall aus ihrem Zimmerfenster zuf\u00e4llig gefilmt hatte, wurde                 wenige Tage sp\u00e4ter bei einer Demonstration verhaftet. Aber auch                 der Kommandant f\u00fcr die Region, Omri Bruberg, musste aufgrund dieses                 Vorfalls zur\u00fccktreten.<\/p>\n<p>Der traurige H\u00f6hepunkt der Proteste wurde erreicht, als Ni&#8217;lin                 seine ersten Todesopfer zu beklagen hatte: der 10-j\u00e4hrige Ahmed                 Moussa wurde am 26. Juli von einer Kugel der IDF t\u00f6dlich im Kopf                 getroffen. <\/p>\n<p>Am 29. Juli wurde dem 17-j\u00e4hrigen Yusef Amira vor seinem Haus                 mit mehreren &#8222;Hartgummigeschossen&#8220; (also Stahlkugeln mit einer                 d\u00fcnnen Hartplastikschicht) in den Kopf geschossen. Er verstarb                 wenige Tage sp\u00e4ter im Krankenhaus. <\/p>\n<p>Die tragischen Ereignisse und Todesf\u00e4lle f\u00fchrten auch immer wieder                 zu gewaltt\u00e4tigen Auseinandersetzungen zwischen Steine werfenden                 pal\u00e4stinensischen Jugendlichen und der IDF. <\/p>\n<p>Diese wiederum attackierte u.a. die Begr\u00e4bnisz\u00fcge von Ahmed und                 Yusef, was die Emotionen noch zus\u00e4tzlich hoch kochen lie\u00df. Auch                 in Tel Aviv demonstrierten AktivistInnen von <i>Gush Shalom<\/i>                 und AATW aufgrund der tragischen Ereignisse in Ni&#8217;lin vor den                 H\u00e4usern von Verteidigungsminister Ehud Barak und Oberst Aviv Reshef,                 was zu \u00fcber 20 Verhaftungen f\u00fchrte. <\/p>\n<p>In einem Statement der AATW war zu lesen: &#8222;An einem Ort, wo es                 sich eine Armee erlauben kann, unbewaffnete DemonstrantInnen Tag                 f\u00fcr Tag zu t\u00f6ten, \u00fcberrascht es uns nicht, dass DemonstrantInnen,                 die gegen solche Taten protestieren, verpr\u00fcgelt und verhaftet                 werden.&#8220;<\/p>\n<p>All die ermutigenden und erschreckenden Erfahrungen von Ni&#8217;lin                 veranschaulichen einmal mehr, wie gef\u00e4hrlich bzw. lebensbedrohlich                 es f\u00fcr AktivistInnen in Israel\/Pal\u00e4stina ist, gewaltfrei Widerstand                 zu leisten. <\/p>\n<p>Ermutigend ist vor allem, dass die Basisbewegung in Ni&#8217;lin und                 ihre Unterst\u00fctzerInnen aus Israel und dem Ausland, trotz der tragischen                 Todesf\u00e4lle, zahlreichen Verhaftungen und hunderten teils schweren                 Verletzungen, den gewaltfreien Basiswiderstand am Leben erhalten                 und weiterhin gegen die Besatzung und den v\u00f6lkerrechtswidrigen                 Barrierebau ank\u00e4mpfen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ni&#8217;lin liegt zwischen den beiden D\u00f6rfern Budrus und Bil&#8217;in, die beide eine zentrale Rolle im gewaltfreien Widerstand in der Westbank spielen. 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