{"id":8936,"date":"2008-10-01T00:00:34","date_gmt":"2008-09-30T22:00:34","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8936"},"modified":"2022-07-26T13:18:08","modified_gmt":"2022-07-26T11:18:08","slug":"die-gekaufte-universitat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/10\/die-gekaufte-universitat\/","title":{"rendered":"Die gekaufte Universit\u00e4t"},"content":{"rendered":"<p>Zugegeben: In Deutschland kann man solch ein apartes Examen bisher noch nicht machen. Etwas Flexibilit\u00e4t ist gefordert. Es geht nach Spanien, genauer gesagt nach Pamplona, an die Universit\u00e4t von Navarra.<\/p>\n<p>Dort n\u00e4mlich gibt es seit 1998 eine &#8222;C\u00e1tedra de Calidad Volkswagen Navarra&#8220; [&#8218;Lehrstuhl Qualit\u00e4t Volkswagen Navarra&#8216;].<\/p>\n<p>Selbstbewusst hei\u00dft es in der Selbstdarstellung, die f\u00fcr Interessierte auch in einer allerliebsten deutschen \u00dcbersetzung zur Verf\u00fcgung steht: &#8222;Das Schaffen des Lehrstuhles &#8218;Qualit\u00e4t Volkswagen Navarra&#8216; entspringt der beiderseitigen \u00dcberzeugung der Universit\u00e4t von Navarra und Volkswagen Navarra die es f\u00fcr notwendig halten eine enge Zusammenarbeit zwischen Akademie und Wirtschaft zu kn\u00fcpfen. [&#8230;] Die Notwendigkeit der Qualit\u00e4tsfrage zur Verbesserung der Wettbewerbsf\u00e4higkeit der Unternehmen und Organisationen hat den Ansto\u00df zu dieser Initiative, die Verbreitung der Qualit\u00e4tsphilosophie gegeben.&#8220;<\/p>\n<p>Worin genau ein VW-Studium in Pamplona oder das Geheimnis der &#8222;Qualit\u00e4tsphilosophie&#8220; bestehen, verr\u00e4t die Seite nicht.<\/p>\n<p>Von &#8222;Kompetenzen&#8220; ist die Rede, von &#8222;Kommunikation&#8220;, &#8222;Flexibilit\u00e4t&#8220;, &#8222;Vielseitigkeit&#8220;, und nat\u00fcrlich: von &#8222;Erfolg&#8220;.<\/p>\n<p>L\u00e4chelnd blicken die Gesichter bereits examinierter beziehungsweise promovierter Jahrg\u00e4nge aus bunten Gruppenfotos dem Betrachter entgegen.<\/p>\n<p>Den Kopf der Seite ziert das Bild des neuesten Modells eines VW Golfs. In Blau metallic. ((1))<\/p>\n<h3>Die Zukunft hat schon begonnen!<\/h3>\n<p>Man h\u00e4tte eine solche Seite f\u00fcr eine humorige F\u00e4lschung gehalten, f\u00fcr ein gelungenes <em>Fake<\/em>, wenn nicht der Einmarsch &#8211; man ist versucht zu sagen: Einbruch &#8211; der Privatwirtschaft in den terti\u00e4ren Bildungssektor, also die Erwachsenenbildung, Universit\u00e4ten und Fachhochschulen, l\u00e4ngst \u00fcberall zu beobachten w\u00e4re.<\/p>\n<p>Die Europ\u00e4ische Union treibt, nur teilweise gen\u00f6tigt durch das GATS-Abkommen [<em>General Agreement on Trade in Services<\/em>, Abkommen der Welthandelsorganisation (WTO) \u00fcber die Privatisierung von Dienstleistungen], die \u00d6ffnung ihrer Bildungssysteme f\u00fcr private Investoren mit Macht voran.<\/p>\n<p>Die neoliberale Ausrichtung des Lehr- und Forschungsbetriebs auf ausschlie\u00dfliche Verwertbarkeit seiner &#8222;Ertr\u00e4ge&#8220; als Waren auf dem Markt &#8211; sei es in Form von Patenten, Wirtschaftskooperationen oder als k\u00fcnftiges &#8222;Humankapital&#8220; &#8211; ver\u00e4ndert die Lehrinhalte der Universit\u00e4ten in rasantem Tempo.<\/p>\n<p>Dass Hochschulen mittlerweile zu Litfasss\u00e4ulen f\u00fcr Gro\u00dfkonzerne herabgesunken sind, h\u00e4tte man allenfalls noch hingenommen. Ob die Universit\u00e4t Bremen nun Universit\u00e4t Bremen hei\u00dft oder <em>Jacobs University Bremen<\/em>, der Unterschied liegt allenfalls in der Versuchung, ihrem neuen Namen ein <em>&#8222;Die mit dem Verw\u00f6hnaroma&#8220;<\/em> hinzuzuf\u00fcgen. Auch, dass Konzerne eigene Bildungs- und Forschungseinrichtungen betreiben, h\u00e4tte wohl niemanden ernsthaft aufgeregt.<\/p>\n<p>Dergleichen hat Tradition. Die ansonsten chronisch m\u00fcrrische <em>Frankfurter Allgemeine Zeitung<\/em> (FAZ) verfiel 2004 in ungeahnte Heiterkeit, als sie die Vortr\u00e4ge zur feierlichen Er\u00f6ffnung der <em>Hertie School of Governance<\/em> [sic!] kommentierte. Im s\u00fcdfranz\u00f6sischen Toulouse er\u00f6ffneten AXA und der \u00d6lgigant TotalFinaElf j\u00fcngst eine <em>Toulouse School of Economics.<\/em> In London, dem Sitz der ber\u00fchmten <em>London School of Economics<\/em>, war man, dem H\u00f6rensagen nach,<em> not amused<\/em>.<\/p>\n<h3>Public-Private-Partnership im H\u00f6rsaal<\/h3>\n<p>Tats\u00e4chlich aber sind es heutzutage, selbst bei derartigen &#8222;Konkurrenzgr\u00fcndungen&#8220;, kaum je die Konzerne, die die gesamten Kosten f\u00fcr Bauten, Ausstattung und Geh\u00e4lter ihrer Lehr- und Forschungsanstalten tragen. Immer tr\u00e4gt der Fiskus sein ger\u00fcttelt Sch\u00e4rflein bei. Umgekehrt wird die Privatwirtschaft immer dringlicher eingeladen, dort geldbeutelklimpernd einzuspringen, wo der Staat nicht l\u00e4nger allein f\u00fcr Bildung zahlen mag. Daf\u00fcr winken &#8211; kapitalistischer Widersinn &#8211; gro\u00dfz\u00fcgig ausgesch\u00fcttete F\u00f6rdergelder und sonstige Verg\u00fcnstigungen, nat\u00fcrlich wiederum aus dem Staatss\u00e4ckel.<\/p>\n<p>&#8222;Gerade in Zeiten, in denen die Wachstums- und Verwertungsfelder des Kapitals immer geringer werden&#8220;, schreibt Susanne Huss in einer wohltuend kritischen Untersuchung der Bildungspolitik in der zweiten H\u00e4lfte des 20. Jahrhunderts, &#8222;wird es f\u00fcr private Unternehmen immer interessanter, staatliche Subventionen zu lukrieren.&#8220; ((*))<\/p>\n<p>Von solchen <em>Public-Private-Partnerships<\/em> [&#8218;\u00d6ffentlich-Private Partnerschaften&#8216;] profitieren in erster Linie die Konzerne. Denn selbstverst\u00e4ndlich will ein privater Investor das von ihm investierte Kapital &#8211; sei es nun \u00f6konomisch, kulturell oder &#8222;human&#8220; &#8211; so rasch wie m\u00f6glich wieder gewinnbringend einfahren. Man mag sich noch so sehr \u00fcber das j\u00e4mmerliche Niveau der &#8222;Wirtschaftsuniversit\u00e4ten&#8220; lustig machen &#8211; die \u00dcberg\u00e4nge sind l\u00e4ngst flie\u00dfend geworden. Es gibt kaum mehr einen pharmakologischen Fachbereich an deutschen Universit\u00e4ten, der nicht, mittelbar oder unmittelbar, der pharmazeutischen Industrie zuarbeitet. Manche Hochschulen m\u00f6gen gar nicht mehr abwarten, dass sich Nestl\u00e9, McDonalds oder MBB in ihre Vorlesungen und Seminare einkaufen.<\/p>\n<p>Sie machen es ihnen schon vorher gem\u00fctlich, getreu dem neoliberalen Credo, dass allein der Markt die Menschen selig macht. Ihr wissenschaftliches Programm sieht dementsprechend wunderlich aus.<\/p>\n<p>So richtete die Uni M\u00fcnster in diesem Jahr trotz galoppierender Stellenstreichungen innerhalb nur weniger Monate gleich zwei neue Professuren ein (eine davon als Juniorprofessur): f\u00fcr Marketingforschung.<\/p>\n<p>Aufgabe der neuen Fachleute, so erl\u00e4uterte die Homepage der Uni gut gelaunt, werde es sein, herauszubringen, warum Menschen ipods und Flachbildschirmfernseher kaufen.<\/p>\n<p>\u00dcber den wissenschaftlichen Wert von solcherlei &#8222;Forschungen&#8220; f\u00fcr die Allgemeinheit darf man gewiss geteilter Meinung sein. Ihr Marktwert dagegen erschlie\u00dft sich sofort. Nur sollte die Frage gestattet sein: Warum muss eine staatliche Hochschule eine Arbeit verrichten, f\u00fcr die die Firma Siemens einen ganzen Mitarbeiterstamm besch\u00e4ftigt? M\u00f6chte die Universit\u00e4t M\u00fcnster in Zukunft selber Flachbildschirme verkaufen?<\/p>\n<p>Flach ist, was sie \u00fcber ihr Marketingforschungsinstitut anbietet, ja unbestreitbar schon heute.<\/p>\n<p>Der franz\u00f6sische Denker und Mathematiker Pascal h\u00e4tte seine Freude gehabt: Unf\u00e4hig, ihre Wissenschaft zu vermarkten, erkl\u00e4ren die Menschen das, was sie vermarkten k\u00f6nnen, kurzerhand zur Wissenschaft.<\/p>\n<p>Es wird wohl nicht mehr lange dauern und Lehrst\u00fchle f\u00fcr Profildicke an Autoreifen von Firestone oder Stabilisierung von synthetischer Schlagsahne werden den verstaubten Wissenskanon der Universit\u00e4ten bereichern. Wie gesagt: Einen Promotionsstudiengang in VW gibt es schon.<\/p>\n<h3>Die Ware &#8222;Gedanke&#8220;<\/h3>\n<p>Diese Entwicklung hat nat\u00fcrlich eine Kehrseite: Jene Fachbereiche, die naturgem\u00e4\u00df Schwierigkeiten haben, ihre Arbeit in griffige Konserven f\u00fcr den Markt zu pressen, geraten unter zunehmenden Druck.<\/p>\n<p>In der internen Finanzierung der Universit\u00e4ten flie\u00dft das Geld gro\u00dfz\u00fcgig den &#8222;zukunftstr\u00e4chtigen Institutionen&#8220; &#8211; wie etwa der Marketingforschung &#8211; zu. Traditionelle Fachbereiche, wie etwa die Philologien, die in erster Linie auf die Lehre ausgerichtet sind, m\u00fcssen mit immer weniger Personal auskommen und verkommen bei steigenden Studierendenzahlen mehr und mehr zu Bildungsruinen.<\/p>\n<p>Es verwundert nicht, dass bereits laut dar\u00fcber nachgedacht wird, die Lehrerausbildung aus der Universit\u00e4t auszusondern: Welcher Konzern mag schon investieren in eine Horde Pauker? Die zunehmende Verschulung des Studiums ist dabei nur eine Folge der Neudefinition von Bildung als Ware: Kinder aus reichen Elternh\u00e4usern legen sich an der Hochschule eine schicke Bildung zu.<\/p>\n<p>Wenn die nix taugt, geht es flux zum Reklamationsschalter. Bildung bedeutet nach dem Willen der europ\u00e4ischen Kommission heute fast nur noch <em>Aus<\/em>bildung. Dass Bildung vor allem das Ergebnis eigener, kreativer Aneignungsleistung ist; dass es nicht Aufgabe kritischer geisteswissenschaftlicher Forschung sein kann, mit den W\u00f6lfen zu heulen und sich &#8211; und die Studierenden &#8211; unter abenteuerlichsten Verrenkungen &#8222;marktf\u00f6rmig&#8220; zu machen, mutet unter diesen Umst\u00e4nden schon fast wie ein M\u00e4rchen aus Gro\u00dfmutters Zeiten an.<\/p>\n<p>Gewiss: Kein Wirtschaftsunternehmen, das etwas auf sich h\u00e4lt, stellt ausschlie\u00dflich ahnungslose, denkunwillige und dem\u00fctige Kopfnicker ein.<\/p>\n<p>Eine vollst\u00e4ndige Verarmung des Bildungsangebots kann im Interesse der Wirtschaft nicht liegen.<\/p>\n<p>Die &#8222;kreativen Ideen&#8220; aber, nach denen so medienwirksam geschrieen wird, beziehen sich wohl nicht auf die naheliegende Idee, die neoliberale Zurichtung der Gesellschaft als Ganzes f\u00fcr gemeingef\u00e4hrlich zu erkl\u00e4ren; oder einmal zu fragen, ob es tats\u00e4chlich Sinn allen menschlichen Lebens auf diesem Planeten sei, als Geldwert dahinzuvegetieren, bis alle zusammen im Ozean geschmolzener Polarkappen baden gehen?<\/p>\n<p>Es verwundert, wie selten in einer Zeit aggressiver Durchkapitalisierung s\u00e4mtlicher Lebensbereiche die konkreten sozialen Kosten beziffert werden, die auf die Gesellschaft zukommen, wenn die Entwicklung &#8211; keineswegs nur im Bildungssektor &#8211; so weitergeht wie bisher. Der intellektuelle Kahlschlag jedenfalls wird sich an den Universit\u00e4ten fortsetzen. Denn, mal ehrlich: Wie viel Intelligenz braucht es schon, um sich selbst &#8211; siehe Paris Hilton &#8211; erfolgreich zu vermarkten? Da gen\u00fcgt im Zweifelsfall ein Doktorhut von Skoda oder Lada.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zugegeben: In Deutschland kann man solch ein apartes Examen bisher noch nicht machen. Etwas Flexibilit\u00e4t ist gefordert. Es geht nach Spanien, genauer gesagt nach Pamplona, an die Universit\u00e4t von Navarra. Dort n\u00e4mlich gibt es seit 1998 eine &#8222;C\u00e1tedra de Calidad Volkswagen Navarra&#8220; [&#8218;Lehrstuhl Qualit\u00e4t Volkswagen Navarra&#8216;]. Selbstbewusst hei\u00dft es in der Selbstdarstellung, die f\u00fcr Interessierte &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/10\/die-gekaufte-universitat\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Die gekaufte Universit\u00e4t - graswurzelrevolution","description":"Zugegeben: In Deutschland kann man solch ein apartes Examen bisher noch nicht machen. Etwas Flexibilit\u00e4t ist gefordert. 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