{"id":8941,"date":"2008-10-01T00:00:17","date_gmt":"2008-09-30T22:00:17","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8941"},"modified":"2022-07-26T14:24:14","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:14","slug":"einer-der-kriege-die-kommen-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/10\/einer-der-kriege-die-kommen-werden\/","title":{"rendered":"Einer der Kriege, die kommen werden"},"content":{"rendered":"<p>Einer pazifistischen Weisheit zufolge kennen Kriege ausschlie\u00dflich                 Verlierer, aber vielleicht ist es gar nicht unklug, f\u00fcr einen                 Moment den zynischen Standpunkt einzunehmen und davon auszugehen,                 dass diesmal alle gewonnen haben.<\/p>\n<p>Georgien hat nur das verloren, was es tats\u00e4chlich schon lange                 nicht mehr behaupten konnte: die Souver\u00e4nit\u00e4t \u00fcber S\u00fcdossetien                 und Abchasien. In gewisser Weise hat sich die Situation dort verkehrt.                 Wenn Russland diese Territorien als unabh\u00e4ngige Staaten anerkennt,                 w\u00e4hrend Georgien sie verbal weiterhin beansprucht, bedeutet das                 nicht nur eine Garantie f\u00fcr russischen Einfluss in der Region.                 Es kann auch hei\u00dfen, dass Russland dort festsitzt und gezwungenerma\u00dfen                 auf jede Aktion, die von Georgien ausgeht, reagieren muss. Schutzmacht                 zu sein, ist nicht unbedingt bequem und schon gar nicht ungef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>Georgien hat sowohl die milit\u00e4rische Handlungsf\u00e4higkeit wie auch                 funktionsf\u00e4hige staatliche Strukturen erhalten k\u00f6nnen. Das Regime                 Saakaschwili sitzt unangefochten im Sattel, die Welle des Nationalismus                 erstickt jede Kritik an seiner undemokratischen Politik, und die                 Verarmung gro\u00dfer Teile der georgischen Bev\u00f6lkerung ist in den                 Medien, auf die es ankommt, sowieso nie Thema gewesen. Die Aufr\u00fcstung                 mit Hilfe der USA geht weiter, ebenso au\u00dfer Frage steht die Orientierung                 nach Westen und die irgendwann erfolgende Aufnahme in die NATO.                 Insgesamt kann Michail Saakaschwili zufrieden sein, sein Abenteuer                 hat sich gelohnt.<\/p>\n<p>S\u00fcdossetien und Abchasien haben es geschafft, wenigstens von                 Russland als unabh\u00e4ngig anerkannt zu werden. Die S\u00fcdosseten haben                 den Krieg zum Anlass genommen, georgische D\u00f6rfer auf ihrem Territorium                 zu zerst\u00f6ren und die Bev\u00f6lkerung zu vertreiben. (Der Korrespondent                 der Novaja Gazeta, der w\u00e4hrend der K\u00e4mpfe in der Region war, berichtete,                 dass die russischen Truppen Gefangene korrekt behandelt haben,                 w\u00e4hrend Georgier, die den ossetischen Milizen in die H\u00e4nde fielen,                 zumeist an Ort und Stelle umgebracht wurden.) Die ossetische F\u00fchrung                 kann sich einreden, ihre Lage zumindest f\u00fcr die n\u00e4chste Zeit stabilisiert                 zu haben. Die Anbindung an Russland ist enger geworden, und ob                 das in jedem Fall dem russischen Interesse entspricht, mag man                 bezweifeln, sicher ist, dass es im s\u00fcdossetischen Interesse liegt.<\/p>\n<p>Der Westen. Das ist, wie die pauschale Bezeichnung schon nahe                 legt, ein weites Feld. Die Europ\u00e4er gucken etwas bedeppert aus                 der W\u00e4sche. Entgegen der Pressehetze, die gegen Russland entfacht                 wurde und die teilweise schon rassistische Z\u00fcge aufwies, liegt                 es nicht im Interesse der EU, die Beziehungen zur Russischen F\u00f6deration                 dauerhaft auf Eis zu legen. Insofern war die Position der EU die                 unangenehmste: sie konnte die russische Machtdemonstration nicht                 stillschweigend hinnehmen, wollte gleichzeitig keine ernsthafte                 Verstimmung riskieren und musste andererseits den USA bedeuten,                 dass auch Europa ein ernstzunehmender Akteur ist. Wahrscheinlich                 ist aus dieser ung\u00fcnstigen Lage durch die diplomatischen Aktivit\u00e4ten                 des franz\u00f6sischen Pr\u00e4sidenten noch das beste herausgeholt worden.<\/p>\n<p>Die USA hatten es leichter. Mag sein, dass sie dem milit\u00e4rischen                 Abenteurertum ihres Ziehsohns Saakaschwili skeptisch gegen\u00fcberstanden,                 aber sie hatten im Grunde nicht allzu viel zu verlieren. W\u00e4re                 sein \u00dcberfall auf S\u00fcdossetien gegl\u00fcckt, h\u00e4tten sie sich als Macht                 im Hintergrund ebenso halten k\u00f6nnen, wie sie es jetzt tun, indem                 sie Georgien weiter aufr\u00fcsten und seine Aufnahme in die NATO vorantreiben.                 Vielleicht f\u00e4llt das in der nun gegebenen Lage sogar leichter                 als nach einem georgischen Sieg. In jedem Fall hat der georgische                 Verb\u00fcndete das Hauptrisiko getragen, und wie Henry Kissinger bemerkte,                 keine Gro\u00dfmacht begeht f\u00fcr einen Verb\u00fcndeten Selbstmord. Au\u00dferdem                 w\u00e4re es wohl naiv anzunehmen, dass den USA die Ratlosigkeiten                 und Verwirrungen in der EU nicht ganz gut gefallen h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Russland hat seinen Einfluss in der Region unter den Bedingungen                 einer Provokation gewahrt, \u00fcber die es nicht hinwegsehen konnte,                 ohne den Anspruch mindestens regionaler Gro\u00dfmacht aufzugeben.                 Es hat sich jedenfalls kurzfristig gegen die Interessen der m\u00e4chtigsten                 Staaten der Welt durchsetzen k\u00f6nnen, noch dazu auf eine Weise,                 die seinen eigenen Partnern wie China nicht gefallen kann &#8211; aber                 China hat es stillschweigend geschehen lassen. Allerdings gab                 es milit\u00e4rische Fehler und Pannen, die den Beobachtern auf der                 NATO-Seite nicht entgangen sein d\u00fcrften. W\u00e4hrend das kleine Georgien                 \u00fcber eine von US-Beratern geschulte, gut ausger\u00fcstete Berufsarmee                 verf\u00fcgt, mobilisiert Russland immer noch Wehrpflichtige und mehr                 oder weniger gepresste Freiwillige. Dazu ist die russische Technik                 zum gro\u00dfen Teil veraltet und schlimmstenfalls schrottreif. Das                 russische Milit\u00e4r hat Georgien nicht vollst\u00e4ndig und auf Dauer                 besetzt, weil daran gar kein Interesse bestand, aber wahrscheinlich                 w\u00e4re es auch kaum dazu in der Lage gewesen.<\/p>\n<p>Ein Krieg, der derart viele Gewinner kennt, wird aller Wahrscheinlichkeit                 nach nicht der letzte seiner Art gewesen sein. So funktioniert                 Geopolitik &#8211; willkommen zur\u00fcck vorm Ersten Weltkrieg.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einer pazifistischen Weisheit zufolge kennen Kriege ausschlie\u00dflich Verlierer, aber vielleicht ist es gar nicht unklug, f\u00fcr einen Moment den zynischen Standpunkt einzunehmen und davon auszugehen, dass diesmal alle gewonnen haben. Georgien hat nur das verloren, was es tats\u00e4chlich schon lange nicht mehr behaupten konnte: die Souver\u00e4nit\u00e4t \u00fcber S\u00fcdossetien und Abchasien. 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