{"id":8965,"date":"2008-10-01T00:00:20","date_gmt":"2008-09-30T22:00:20","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8965"},"modified":"2022-07-26T14:24:13","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:13","slug":"der-intimfeind","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/10\/der-intimfeind\/","title":{"rendered":"Der Intimfeind"},"content":{"rendered":"<p>Dabei beschreibt er den Zusammenhang zwischen den Gandhi-Interpretationen und der Entwicklung gewaltfreier Bewegungen in vielen Teilen der Welt.<\/p>\n<p>Er stellt das Buch in einen gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang und erleichtert wesentlich den Zugang zu Nandys Untersuchungen \u00fcber den Kolonialismus. Zus\u00e4tzlich zu dem Buch, das 1983 zuerst erschienen ist, bezieht er sp\u00e4tere Arbeiten Nandys in seine Einleitung ein, wodurch der libert\u00e4re Antikolonialismus Gandhis und seine Wirkung auf die indischen Massen noch st\u00e4rker herausgearbeitet werden.<\/p>\n<p>Ebenso behandelt er einige Aspekte von Gandhis Denken, die im Westen, auch in der gewaltfreien Bewegung, oft mit Unverst\u00e4ndnis oder auch Ablehnung aufgenommen worden sind &#8211; nicht selten, weil dabei der kulturelle Zusammenhang der indischen Gesellschaft unbekannt ist oder \u00fcbergangen wird.<\/p>\n<p>Allgemein wird unter Kolonialismus verstanden, dass den Menschen in den Kolonien wirtschaftliche G\u00fcter genommen werden und diese G\u00fcter den L\u00e4ndern der KolonisatorInnen als Gewinn zugef\u00fchrt werden. Aber es geht nicht nur um wirtschaftlichen Profit und politische Macht.<\/p>\n<p>Ashis Nandy zeigt, dass die Wirkung des Kolonialismus weit dar\u00fcber hinaus den emotionalen Bereich der Menschen erfasst und zwar sowohl in den Kolonien, als auch in den L\u00e4ndern der KolonisatorInnen. Der emotionale Bereich von Individuen wird beeinflusst und ver\u00e4ndert und wirkt sich auf deren Denkstrukturen aus, auf den kulturellen Bereich und auf soziale und politische Strukturen.<\/p>\n<p>Der Kolonialismus der letzten zwei Jahrhunderte zeigt seine St\u00e4rke nicht so sehr milit\u00e4risch oder technisch, sondern er schafft in den Kolonien s\u00e4kulare Hierarchien, die mit der traditionellen Ordnung nicht in Einklang stehen. Seine Anziehungskraft wirkt vor allem auf Menschen, die in der traditionellen Gesellschaft unterdr\u00fcckt oder sonstwie benachteiligt sind, und erweckt Hoffnungen auf eine gerechtere Gesellschaft.<\/p>\n<p>Damit im Zusammenhang entsteht der Eindruck, dass in das von Mythen gepr\u00e4gte Leben der Kolonien modernes, rationales, analytisches Denken Eingang finden kann.<\/p>\n<h3>Wie sieht das analytische Denken aus? Was bedeuten s\u00e4kulare Hierarchien? Wie wird dies von Nandy charakterisiert?<\/h3>\n<p>Die eigentliche Zeit der britischen Herrschaft in Indien begann erst ab etwa 1830. Bis dahin wurde Indien im wesentlichen von Briten aus der Aristokratie regiert. Sie trugen indische Kleidung, heirateten oft indische Frauen und nahmen am kulturellen und religi\u00f6sen Leben der InderInnen teil.<\/p>\n<p>Es war die Zeit der East India Company, deren Vertreter in der Ausbeutung zwar r\u00fccksichtslos und brutal waren, aber sie befolgten weitgehend den traditionellen indischen Lebensstil.<\/p>\n<p>Sie wollten vor allem reich werden, Regieren und Herrschen war zweitrangig.<\/p>\n<h3>Der Beginn des Kolonialismus in Indien<\/h3>\n<p>Ab 1830 bestimmte zunehmend die britische Mittelklasse die Herrschaft in Indien, die mit ihrem protestantischen Sendungsbewusstsein die koloniale Kultur bestimmte und zunehmend Einfluss auf das Leben der InderInnen nahm.<\/p>\n<p>Damit einher ging, dass die Werte der wachsenden Industrialisierung Gro\u00dfbritanniens auch in Indien an Bedeutung gewannen. Das waren u.a. M\u00e4nnlichkeit, Produktivit\u00e4t, Organisationsf\u00e4higkeit, instrumentelle Rationalit\u00e4t, patriarchalisch militaristische Strukturierung und Fortschritt. Es setzte ein Prozess ein, der das Bewusstsein der InderInnen, die in engeren Kontakt mit den britischen Herrschern kamen, in einer Weise beeinflusste, die zu einer Verinnerlichung oder \u00dcbernahme dieser Werte, also einer Identifikation mit der Kultur der Unterdr\u00fccker, f\u00fchrte.<\/p>\n<p>Viele Protestbewegungen vor Gandhi folgten dieser kulturellen Ver\u00e4nderung und wollten die Schmach der Niederlagen und das Joch der Unterdr\u00fcckung mit den Mitteln der St\u00e4rke bis hin zu milit\u00e4rischer Gewalt von Indien absch\u00fctteln.<\/p>\n<p>Subhas Chandra Bose war einer von ihnen. Er war Verb\u00fcndeter Deutschlands im Zweiten Weltkrieg.<\/p>\n<p>So gewannen Leistungsorientiertheit, Kontrollmentalit\u00e4t, Aggressivit\u00e4t, Konkurrenz und Macht eine immer gr\u00f6\u00dfere Bedeutung in der indischen Kultur.<\/p>\n<p>Die R\u00fccksichtslosigkeit, Aggressivit\u00e4t und Brutalit\u00e4t der herrschenden Briten, die Allmachtsgef\u00fchle und -phantasien ausl\u00f6sten, waren nicht nur auf die Kolonien beschr\u00e4nkt, sondern wirkten zur\u00fcck auf Gro\u00dfbritannien selbst.<\/p>\n<p>In der politischen Kultur Gro\u00dfbritanniens wurden Eigenschaften wie Intuition, Mitleid, F\u00fcrsorge als feminin entwertet und f\u00fchrten zu einer eingeschr\u00e4nkten Rolle der Frau. Feminit\u00e4t und die F\u00fcrsorge f\u00fcr die Armen und Schwachen hatten immer weniger Bedeutung in der \u00f6ffentlichen Kultur. Die maskulinen Werte wie Wettbewerbsf\u00e4higkeit, Produktivit\u00e4t, Leistungsorientiertheit und Selbstkontrolle schufen neue Formen institutionalisierter Gewalt.<\/p>\n<p>Ashis Nandy hat diese Prozesse der M\u00e4nnlichkeit und Brutalisierung und den Widerstand dagegen, beispielsweise in der Person Gandhis, auf wunderbare Weise sehr anschaulich werden lassen, indem er mehrere Pers\u00f6nlichkeiten des \u00f6ffentlichen Lebens und ihre Arbeit in Indien und in Gro\u00dfbritannien charakterisiert und analysiert hat.<\/p>\n<p>Auf indischer Seite geh\u00f6ren dazu Michael Madhusudan Dutt, Bankimchandra Chatterjee, Swami Dayanand Saraswati, Swami Vivekananda, Sri Aurobindo und nat\u00fcrlich Gandhi. Auf britischer Seite schildert er Rudyard Kipling, George Orwell, Oskar Wilde, C.F. Andrews.<\/p>\n<h3>Der Kolonialismus erfasst die indischen Menschen<\/h3>\n<p>Madhusudan und Bankimchandra haben in ihren Arbeiten die beiden klassischen hinduistischen Epen, Ramayana und Mahabharata, uminterpretiert, um die Werte der St\u00e4rke und M\u00e4nnlichkeit im Hinduismus zu etablieren. Im Mahabharata ist Krishna ein sanfter, kindlicher Gott, mitunter amoralisch, verspielt, mit androgynen Z\u00fcgen. Bankimchandras Ziel war es, Krishna zu einem m\u00e4nnlichen Gott zu machen, der den neuen sozialen Rollen der Geschlechter entsprach, konsistent moralisch handelte, \u00fcber den Hinduismus als eine Religion frei von Widerspr\u00fcchen wachte und somit ebenb\u00fcrtig neben dem Gott des Christentums oder Islam bestehen k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Diese Entwicklung wurde von Swami Dayanand Saraswati und Swami Vivekananda fortgef\u00fchrt. Einer ihrer Ausgangspunkte war zu sagen, dass der eigentliche Gehalt des Hinduismus, wie er vor 3.000 Jahren ins Land gekommen war, l\u00e4ngst verloren sei. Dabei konnten sie sich auf einen Bestandteil des Hinduismus, das Heldentum der Kriegerkaste, der Kshatriya berufen, wonach die St\u00e4rksten und M\u00e4nnlichsten mit dem gr\u00f6\u00dften Heldentum die wahren Herrscher seien. Gegenw\u00e4rtig, sagten sie, sei der Hinduismus verweichlicht, verw\u00e4ssert und das Land im Niedergang. Ihre Vorstellungen von einer Reform bestanden darin, aus dem Hinduismus eine organisierte kirchen\u00e4hnliche Religion zu machen mit Priesterschaft und Missionierung. Vivekanandas Vorstellung war es, eine Art monotheistische Religion zu schaffen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich trugen solche Vorstellungen zu psychologischen Ver\u00e4nderungen der Menschen bei, die auch institutionelle Ver\u00e4nderungen mit sich brachten.<\/p>\n<p>Die \u00dcbernahme der kolonialen Handlungsweisen und Wertvorstellungen der Briten sollte diese mit ihren eigenen Mitteln schlagen.<\/p>\n<p>Die Ver\u00e4nderungen, die der Kolonialismus Indien brachte, waren enorm. Sie betrafen vor allem die Menschen in den St\u00e4dten und Menschen, die mit den KolonialistInnen mehr oder weniger direkt in Ber\u00fchrung kamen. Aber die gro\u00dfe Mehrheit der InderInnen lebte in den D\u00f6rfern.<\/p>\n<p>Der indische Subkontinent ist ein riesiges Land mit viel gr\u00f6\u00dferen kulturellen Unterschieden als im kulturell recht einheitlichen Gro\u00dfbritannien.<\/p>\n<p>Auf dem Land blieben die Menschen weitgehend unber\u00fchrt von den Ver\u00e4nderungen, die der Kolonialismus und Kapitalismus brachten.<\/p>\n<p>Dort lebten die Menschen traditionell einen volkst\u00fcmlichen Hinduismus, wenn auch mit gro\u00dfen kulturellen Unterschieden und auch politisch nicht einheitlich.<\/p>\n<h3>Gandhi, Geschlechterrollen und volkst\u00fcmlicher Hinduismus<\/h3>\n<p>Gandhi konnte in mehrfacher Weise an diesen volkst\u00fcmlichen Hinduismus ankn\u00fcpfen. Wenn es auch nicht einfach war, sein besonderes Verst\u00e4ndnis von Gewaltfreiheit als wesentliches Element des Hinduismus zur Geltung zu bringen, so waren andere Elemente seiner Arbeit doch tief im Hinduismus verwurzelt. Dazu geh\u00f6ren der Heilige und das Verst\u00e4ndnis von den Geschlechterrollen.<\/p>\n<p>Der Heilige, der Mahatma, steht au\u00dferhalb von Kaste und Familie und hat auf diese Weise eine gro\u00dfe Ausstrahlungskraft und Wirkung auf die Menschen.<\/p>\n<p>Im Hinduismus gibt es ein anderes Verst\u00e4ndnis von der Rolle der Frau. Ratlosigkeit gibt es oft bis hin zu Ablehnung, wenn es um Gandhizitate \u00fcber die Frau wie dem folgenden geht:<\/p>\n<p>&#8222;Wenn mit St\u00e4rke moralische Macht gemeint ist, dann ist die Frau dem Mann unerme\u00dflich \u00fcberlegen. Hat sie nicht gr\u00f6\u00dfere Intuition, ist sie nicht aufopferungs- und hingebungsvoller, hat sie nicht mehr Kraft zum Ausdauern, hat sie nicht mehr Mut? Ohne sie k\u00f6nnte der Mann nicht sein. Wenn Gewaltfreiheit das Gesetz unseres Seins darstellt, geh\u00f6rt die Zukunft der Frau.&#8220; (Young India, 10.04.1930)<\/p>\n<p>Es ist faszinierend, wie Ashis Nandy auch anhand von Begrifflichkeiten das Verst\u00e4ndnis der Geschlechterrollen im Hinduismus und bei Gandhi erkl\u00e4rt. Das obige Gandhizitat wird auf diesem kulturellen Hintergrund Indiens unmittelbar verst\u00e4ndlich. Aufschlussreich fand ich z.B. folgendes Begriffspaar: Purushatva ist die Essenz der M\u00e4nnlichkeit, Kapurushatva ist Feigheit oder Versagen der M\u00e4nnlichkeit. Der Mann kann Feigheit \u00fcberwinden und Mut entwickeln, indem er das feminine Element seiner Pers\u00f6nlichkeit zur Geltung bringt.<\/p>\n<p>Aus der Mythologie kann das Beispiel Ardhanarishvara helfen, die Androgynit\u00e4t und das feminine Prinzip in Indien zu verstehen, die eine Grundlage f\u00fcr Gandhis Denken waren. Ardhanarishvara ist eine androgyne Gottheit und bedeutet, der Herr oder Gott, der halb Frau ist. Als Ardhanari ist Shiva der Sch\u00f6pfergott, der zweigeschlechtlich ist und zusammen mit seiner Frau Parvati eine Gestalt bildet. Bei der bildlichen Darstellung ist die linke H\u00e4lfte weiblich und die rechte m\u00e4nnlich.<\/p>\n<p>Die m\u00e4nnliche Zeugungskraft und die weibliche Potenz sind gleichwertig. Das m\u00e4nnliche Element allein ist machtlos.<\/p>\n<p>Im Verlauf der Weltentstehung ist es Shakti, die weibliche Potenz, die, gelenkt vom Bewusstsein Shivas, die Handelnde ist. Das f\u00fchrt zur traditionellen Bedeutung indischer Weiblichkeit, zu dem Glauben an die enge Verkn\u00fcpfung von Macht, Aktivismus und Feminit\u00e4t und der \u00dcberzeugung, dass das weibliche Prinzip ein wirksameres, gef\u00e4hrlicheres und unkontrollierbareres kosmologisches Prinzip ist als das m\u00e4nnliche.<\/p>\n<h3>Der Kolonialismus in Gro\u00dfbritannien<\/h3>\n<p>Ashis Nandy zeigt, wie das Denken und das Bewusstsein der KolonialistInnen auf ihr eigenes Land zur\u00fcckwirkten. Sehr eindrucksvoll wird das deutlich, wenn er den Zusammenhang zwischen Lebenserfahrungen Rudyard Kiplings, besonders der Kindheit, und seinem Werk aufzeigt. Er schreibt:<\/p>\n<p>&#8222;Rudyard Kipling (1865-1936) war wahrscheinlich der kreativste Erfinder jener politischen Mythen, die eine Kolonialmacht braucht, um ihr Selbstwertgef\u00fchl zu stabilisieren. Die psychologischen Koordinaten seiner imperialistischen Ideologie waren oft genug die Koordinaten, die auch heute noch das Bild des Westens bestimmen, das er sich vom Nicht-Westen macht.&#8220;<\/p>\n<p>Kipling wurde in Indien geboren und wuchs umgeben von indischen Bediensteten in Indien auf.<\/p>\n<p>Als er sechs Jahre alt war, wurde er nach England geschickt in das Haus seiner Tante, einer gef\u00fchllosen, harten und strengen Frau, wo er unter Misshandlungen zu leiden hatte.<\/p>\n<p>Einige Zeit sp\u00e4ter wurde er in eine Internatsschule geschickt, die vor allem Kinder aus milit\u00e4rischem Hintergrund aufnahm.<\/p>\n<p>Diese Kinder sollten sp\u00e4ter auch eine milit\u00e4rische Laufbahn einschlagen und entsprechend war die Erziehung ausgerichtet: Sport, m\u00e4nnliche Werte und Drangsalierungen waren das Leitmotiv. Kipling war ein sensibles Kind mit k\u00fcnstlerischen Neigungen, das Sport hasste.<\/p>\n<p>Diese furchtbaren Erfahrungen standen in eklatantem Gegensatz zu dem Leben in Indien, wo die indischen Bediensteten ihn liebevoll umsorgt hatten. Trotz dieser repressiven Jahre in England kam er zu der \u00dcberzeugung, dass er zur englischen Kultur geh\u00f6rte und er sein Hingezogensein zu Indien ablegen m\u00fcsse.<\/p>\n<p>Zeit seines Lebens war er aber hin- und hergerissen zwischen dem Menschen, der der westlichen Kultur treu ergeben ist, und dem indisierten Westler, der die indische Kultur bewunderte und den Westen in sich selbst hasste. In seinem Werk schlugen sich diese Haltungen nieder.<\/p>\n<p>Er rechtfertigt die Gewalt und Macht der Sieger.<\/p>\n<p>Er hat aber auch Sympathien f\u00fcr die Unterlegenen, die Opfer, die mit M\u00e4nnlichkeit Widerstand leisten und dabei heldenhaft k\u00e4mpfen. Die Opfer, die verweichlicht, heimt\u00fcckisch und nicht offen k\u00e4mpfen, verachtet er. Nandy sagt, dass Kipling sich selbst mit den heldenhaften Opfern identifizierte.<\/p>\n<p>Die zweite Art von Opfer war die, die er selbst lebte und die er in sich selbst hasste. Ein Infragestellen der legitimen Macht der Sieger, das sah Kipling, w\u00fcrde all den sogenannten Errungenschaften der neuen sozialen, kulturellen und politischen Denkweisen und Strukturen die Berechtigung entziehen.<\/p>\n<p>Der Kolonialismus als Fortschrittsideologie w\u00e4re ad absurdum gef\u00fchrt.<\/p>\n<p>In \u00e4hnlicher Weise, wie koloniales Denken die Frau entwertete, trat auch eine Entwertung des Kindes ein. Das Kind wurde in Europa als kleiner Erwachsener angesehen. Im 17. Jahrhundert trat \u00e4hnlich wie bei der Frau eine Entwertung ein. Das wurde auch auf die Kolonien bezogen. Ihr Zustand wurde als Kindheitsstadium angesehen, das durch &#8222;Erziehungsma\u00dfnahmen&#8220; zum Erwachsenwerden gebracht werden m\u00fcsse.<\/p>\n<p>In Gro\u00dfbritannien und anderen L\u00e4ndern mit Kolonien wurde der Kolonialismus als notwendiges Entwicklungsstadium angesehen. Die Geistlichkeit sah es als religi\u00f6se Pflicht an, die kolonialen V\u00f6lker am Segen des Christentums teilhaben zu lassen.<\/p>\n<p>Viele Intellektuelle Europas sahen den Kolonialismus als ein notwendiges \u00dcbel an, ein Durchgangsstadium zum Erwachsenwerden und hin zu den Vorteilen einer liberalen Gesellschaft.<\/p>\n<p>Marx sah den primitiven Kommunismus als infantilen Kommunismus als Vorstufe zum erwachsenen Kommunismus. Er sah die Inder als rohe Naturanbeter, die vor Affen und Kuh and\u00e4chtig in die Knie sanken.<\/p>\n<p>England w\u00fcrde daher unbewusst zu einem Werkzeug der Geschichte und des Fortschritts und die Inder trotz aller Verbrechen, die an ihnen begangen w\u00fcrden, von ihrem menschenunw\u00fcrdigen Dasein befreien.<\/p>\n<h3>Schluss(folgerungen)<\/h3>\n<p>An vielen Stellen hebt Nandy die Rolle Gandhis im Zusammenhang mit der Kolonialisierung Indiens und des Westens hervor, sei es im Zusammenhang mit der Fortschrittsideologie, dem Determinismus, dem linearen Geschichtsverst\u00e4ndnis, dem Industrialismus, einem Aktivismus und Mut ohne Aggressivit\u00e4t, seiner Sicht der Bedeutung der Ethik f\u00fcr all diese Fragen u.a.m. Gandhi gab die kreativsten Antworten auf die Perversion der westlichen Kultur.<\/p>\n<p>Es war ein transkultureller Protest gegen die super-maskuline Weltsicht des Kolonialismus.<\/p>\n<p>Ein wesentlicher Teil seiner Befreiungstheorie f\u00fcr Indien bestand darin, dass er st\u00e4ndig auf der Suche nach der anderen Kultur Gro\u00dfbritanniens und des Westens war, wie es z.B. in seiner N\u00e4he zu Tolstoi, Thoreau u.a. aus dem Westen zum Ausdruck kam.<\/p>\n<p>Seine Auffassung von der Gewaltfreiheit war gepr\u00e4gt von der Bergpredigt, und einer seiner besten Freunde war C. F. Andrews, ein englischer Priester.<\/p>\n<p>Nandy sieht S\u00e4kularismus und religi\u00f6sen Fundamentalismus als Erscheinungen der Moderne, die f\u00fcr Indien immer neue Probleme brachten. Der hybride, vielf\u00e4ltige und volkst\u00fcmliche religi\u00f6s-tolerante Hinduismus dagegen bietet eine konstruktive Alternative gegen die Gewaltausbr\u00fcche der Fundamentalisten.<\/p>\n<p>Das vielf\u00e4ltige, unstrukturierte Nebeneinander, ohne scharfe interreligi\u00f6se Trennungslinien und kirchen\u00e4hnliche Strukturen, hat von jeher Achtung vor dem Anderen und ein friedliches Miteinander gew\u00e4hrleistet.<\/p>\n<p>Hiermit habe ich einen \u00dcberblick gegeben \u00fcber das, was ein wesentlicher Teil von Nandis Ausf\u00fchrungen zum Kolonialismus darstellt.<\/p>\n<p>Wer das Buch zur Hand nimmt, wird viele weitere \u00fcberraschende und interessante Blicke auf die Vorg\u00e4nge in Indien und im Westen finden.<\/p>\n<p>Mensch wird oft mit Gewinn unsere gegenw\u00e4rtige soziale und kulturelle Situation besser einsch\u00e4tzen k\u00f6nnen und Antworten auf unsere heutigen Probleme finden.<\/p>\n<p>Es gilt, wie Nandy Ausschau zu halten nach Alternativen zur harten m\u00e4nnlichen Kultur mit all ihren polarisierenden Begleiterscheinungen.<\/p>\n<p>Nandy meint, dass die Befreiung vom Kolonialismus von den Unterdr\u00fcckten in den kolonialisierten V\u00f6lkern ausgehen muss.<\/p>\n<p>Sie werde aber nur zum Erfolg f\u00fchren, wenn die Menschen in den L\u00e4ndern des Westens, dem Ausgangspunkt des Kolonialismus, auch davon erfasst werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dabei beschreibt er den Zusammenhang zwischen den Gandhi-Interpretationen und der Entwicklung gewaltfreier Bewegungen in vielen Teilen der Welt. 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