{"id":8970,"date":"2008-10-01T00:00:12","date_gmt":"2008-09-30T22:00:12","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8970"},"modified":"2022-07-26T14:24:14","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:14","slug":"die-idee-die-sich-weigert-zu-sterben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/10\/die-idee-die-sich-weigert-zu-sterben\/","title":{"rendered":"Die Idee, die sich weigert zu sterben"},"content":{"rendered":"<p>Einen spannenden Einblick in US-amerikanische anarchistische                 Diskurse gibt Gabriel Kuhn mit seinem Band &#8222;Neuer Anarchismus                 in den USA&#8220;. <\/p>\n<p>Anhand von 19 erstmals \u00fcbersetzten Originaltexten der anarchistischen                 Bewegung in den USA f\u00fchrt er in diese Landschaft ein, bietet einen                 ausgewogenen \u00dcberblick \u00fcber verschiedene Str\u00f6mungen wie Pagan-Anarchism,                 Lifestyle-Anarchism, Primitivismus und Postanarchismus. Vorgestellt                 werden Debatten, Aktionsfelder und aktuelle Diskurse seit den                 Auseinandersetzungen um das WTO-Treffen in Seattle 1999. <\/p>\n<p>Daneben stellt der Herausgeber aktuelle Kontroversen dar, zur                 \u201aWhite Supremacy&#8216;, zur Militanz, zur m\u00e4nnlichen Dominanz in der                 Szene, zu der Frage nach Organisationsformen und zum Umgang mit                 anderen (radikal) linken Bewegungen, zu post-linkem Sektierertum                 und zu dem Entgegensetzen solidarischer Antworten.<\/p>\n<p>Die Texte f\u00fcr sich sprechen lassend, stellt Kuhn diese zudem                 durch individuelle Einleitungen in jedes Kapitel in ihre Kontexte,                 erl\u00e4utert Diskussionsprozesse und Auseinandersetzungen und zeichnet                 so die Entwicklungen sensibel und kompetent nach. <\/p>\n<p>In einer ausgezeichneten Einleitung, einem historischen \u00dcberblick                 \u00fcber die Geschichte des Anarchismus in den USA, verdeutlicht Kuhn                 auch die Bedingungen f\u00fcr das m\u00f6gliche Erstarken der Szene. Er                 beschreibt die Phase (1928-1968), in der der Anarchismus &#8222;als                 \u00f6ffentliches Ph\u00e4nomen beinahe g\u00e4nzlich verschwand und nur von                 einigen Individuen und vereinzelten Gruppen als Idee aufrechterhalten                 wurde&#8220; (S. 22f.). Auch wenn 1968-1990 die US-amerikanische anarchistische                 Bewegung wieder in Erscheinung trat, es in den 80er Jahren zur                 Gr\u00fcndung einiger Projekte kam und in den 90ern &#8222;zu einer Reihe                 von Ereignissen, welche die anarchistische Szene entscheidend                 wandeln sollten&#8220; (S. 26), so \u00fcberraschten die Ereignisse in Seattle                 und die mediale Resonanz darauf auch die Szene selbst, die sich                 zuvor v\u00f6llig marginalisiert sah. &#8222;Wenn es auch nur f\u00fcr einen Tag                 war: Wir hatten gewonnen! &#8230; Einen Tag lang waren die Stra\u00dfen                 von der Hoffnung erf\u00fcllt, dass wir vielleicht wirklich die Zukunft                 mitbestimmen k\u00f6nnten&#8220;, so ein Aktivist (S. 36).<\/p>\n<p>Die AnarchistInnen, die immer als Minderheit innerhalb der Linken                 galten, wurden pl\u00f6tzlich zum linken Referenzpunkt, zur breiten                 politischen Bewegung, die durch ihre vorherige Arbeit den Grundstein                 f\u00fcr diese Prominenz selbst legte. <\/p>\n<p>Dieser geschichtliche Einblick verdeutlicht die Notwendigkeit,                 Strukturen zu erhalten, auch wenn die konkrete Perspektive nicht                 absehbar ist, verdeutlicht, dass Ereignisse, die Bewegung bringen,                 nur selten vorausschaubar sind, dass aber die M\u00f6glichkeitsbedingungen,                 um in Bewegung zu kommen, permanent geschaffen werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wie die beiden vorherigen im Unrast-Verlag erschienenen B\u00fccher                 Kuhns liefert auch dieser Band eine wertvolle Diskussionsgrundlage                 f\u00fcr n\u00e4chtelange Diskussionen, die neue theoretische Impulse setzen                 k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>So ist Kuhns Buch nicht nur spannende Geschichte US-amerikanischer                 anarchistischer Bewegung, nicht nur ein lebendiges Bild des Reichtums                 und der Vielfalt, der Schw\u00e4chen und Konflikte, sondern auch ganz                 praktischer Ansto\u00df zur Bewegung. <\/p>\n<p>Ein Buch, dessen Lekt\u00fcre sich in vielerlei Hinsicht lohnt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einen spannenden Einblick in US-amerikanische anarchistische Diskurse gibt Gabriel Kuhn mit seinem Band &#8222;Neuer Anarchismus in den USA&#8220;. 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