{"id":8972,"date":"2008-10-01T00:00:28","date_gmt":"2008-09-30T22:00:28","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8972"},"modified":"2022-07-26T14:24:13","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:13","slug":"bz-din-by","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/10\/bz-din-by\/","title":{"rendered":"BZ DIN BY!"},"content":{"rendered":"<p>Im Sommer 2007 hatte die Bundesanwaltschaft f\u00fcr die Verhaftung des Berliner Soziologen Andrej Holm wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung eine erstaunliche Begr\u00fcndung: Er benutze wie die Gruppe &#8222;mg&#8220; in ihren Bekennerschreiben den Begriff &#8222;Gentrifizierung&#8220;.<\/p>\n<p>Der Haftbefehl wurde &#8211; auch nach internationalen Protesten &#8211; aufgehoben. Und die R\u00e4umung eines Jugendzentrums in Kopenhagen, n\u00e4mlich des &#8222;Ungdomshuset&#8220;, sorgte f\u00fcr heftige Stra\u00dfenproteste in der d\u00e4nischen Metropole und f\u00fcr europaweite Solidarit\u00e4tsaktionen. Dass und wie das eine mit dem anderen zu tun hat, dar\u00fcber gibt ein im Januar im Verlag Assoziation A erschienenes Buch Auskunft: &#8222;Besetze Deine Stadt!&#8220;, herausgegeben von Peter Birke und Chris Holmsted Larsen.<\/p>\n<p>&#8222;Ungdomshuset&#8220; war ein 1982 von der Kopenhagener Stadtregierung an die HausbesetzerInnenbewegung zur Nutzung \u00fcberlassenes Geb\u00e4ude. Bis zum M\u00e4rz 2007 konnte sich das linke (Jugend)-Zentrum als kultureller, sozialer und politischer Ort gegen immer wiederkehrende Angriffe unterschiedlicher Stadtregierungen behaupten.<\/p>\n<p>Dann wurde es ger\u00e4umt, nachdem es schon im Jahr 2000 von der Stadt an eine christlich-fundamentalistische Sekte verkauft worden war. Es folgten tagelange Stra\u00dfenk\u00e4mpfe und bis heute Hunderte von Aktionen, Happenings und Demos.<\/p>\n<p>Hintergrund der Konflikte ist die Umstrukturierung des \u00f6ffentlichen Raums in der Boomtown Kopenhagen, die sich als Musterbeispiel einer innovativen &#8222;unternehmerischen Stadt&#8220; versteht. Alternative Projekte sollen nur dann eine Chance haben, wenn sie sich vom St\u00f6r- zum Standortfaktor wandeln.<\/p>\n<p>Das meint die d\u00e4nische Regierung, wenn sie von &#8222;Normalisierung&#8220; redet. Und das Ungdomshuset lag in einem ehemaligen Arbeiterviertel, welches heute eines der Zentren der Gentrifizierung ist. Darunter versteht man eine \u00f6konomische, soziale und kulturelle &#8222;Aufwertung&#8220; von Stadtteilen, in deren Verlauf die bisher dort lebenden \u00e4rmeren Bev\u00f6lkerungsgruppen durch besser verdienende Haushalte (die &#8222;Latte Macchiato&#8220;-Fraktion) verdr\u00e4ngt werden.<\/p>\n<p>Freir\u00e4ume wie Ungdomshuset k\u00f6nnen zwar als bunter Farbtupfer durchgehen, aber nur solange sie nicht st\u00f6ren. Aber genau das wollen Zentren wie dieses. Als Treffpunkt, Veranstaltungsort und Anlaufpunkt f\u00fcr Menschen, die nach alternativen Lebens- und Politikformen suchen, wollen sie den kapitalistischen Normalzustand in Frage stellen. Sie verweigern sich der In-Wertsetzung aller Lebens\u00e4u\u00dferungen, die als Leitmotiv der neoliberalen Internationale gelten kann.<\/p>\n<p>In verschiedenen Beitr\u00e4gen des Buches wird die Entwicklung analysiert, die heute die in den 1980er und 1990er Jahre entstandenen <em>Freir\u00e4ume<\/em> in neuer Qualit\u00e4t der R\u00e4umungsgefahr aussetzt: Von welchen Ideologien und Motiven werden die Abriss-Politiker angetrieben, die es in Kopenhagen, Hamburg, Berlin und anderswo in der Sozial- wie in der Christdemokratie gibt?<\/p>\n<p>Welche Hoffnungen und Tr\u00e4ume bewegen auf der anderen Seite die NutzerInnen und VerteidigerInnen der Projekte?<\/p>\n<p>Dass aber auch die K\u00e4mpfe um diese <em>Freir\u00e4ume<\/em> in neuer Qualit\u00e4t gef\u00fchrt werden k\u00f6nnen, wird \u00fcber die Interviews mit AktivistInnen der Bewegung anschaulich. Spannend ist hier vor allem, wie im Stadtteil B\u00fcndnisse mit den NachbarInnen genauso entstehen k\u00f6nnen wie mit dem &#8222;Grauen Block&#8220; der H\u00e4userkampf-Generation der 1980er Jahre. Welche Rolle dabei explizit gewaltfreie Aktionen spielen k\u00f6nnen, lie\u00df in Kopenhagen die \u00f6ffentlich f\u00fcr den 6. Oktober angek\u00fcndigte Besetzung eines Gel\u00e4ndekomplexes aufscheinen. Zwar wurde angesichts eines massiven Polizeieinsatzes das Ziel nicht erreicht, aber die Beteiligung von rund 5.000 Menschen an einer \u00f6ffentlich angek\u00fcndigten Gesetzes\u00fcbertretung brachte nicht nur eine enorme Medienresonanz, sondern auch die Stadtpolitik in die Defensive.<\/p>\n<p>Allein der militante &#8222;M\u00e4rzaufstand&#8220; direkt nach der R\u00e4umung h\u00e4tte wahrscheinlich nicht den Druck aufbauen k\u00f6nnen, der heute eine Situation geschaffen hat, in der die &#8222;Ungdomshuset&#8220;-Bewegung die Verhandlungen mit der Stadt um ein neues Zentrum aus einer Position \u00f6ffentlicher Akzeptanz und St\u00e4rke f\u00fchren kann.<\/p>\n<p>Mit Beitr\u00e4gen zur <em>Freien Stadt Christiania<\/em> wird zudem eine bis ins Jahr 1971 zur\u00fcckreichende &#8222;Geschichte zwischen Utopie und Normalisierung&#8220; ausgelotet. Reflexionen zum Autonomiebegriff u.a. am Beispiel der <em>Roten Flora<\/em> in Hamburg runden den Band ab.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Sommer 2007 hatte die Bundesanwaltschaft f\u00fcr die Verhaftung des Berliner Soziologen Andrej Holm wegen des Verdachts der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung eine erstaunliche Begr\u00fcndung: Er benutze wie die Gruppe &#8222;mg&#8220; in ihren Bekennerschreiben den Begriff &#8222;Gentrifizierung&#8220;. Der Haftbefehl wurde &#8211; auch nach internationalen Protesten &#8211; aufgehoben. 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