{"id":8978,"date":"2008-10-01T00:00:17","date_gmt":"2008-09-30T22:00:17","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8978"},"modified":"2022-07-26T14:14:46","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:46","slug":"lebenswege-der-gebruder-nacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/10\/lebenswege-der-gebruder-nacht\/","title":{"rendered":"Lebenswege der Gebr\u00fcder Nacht"},"content":{"rendered":"<p>Max Nacht nannte sich einmal &#8222;wildes Schaf&#8220;, weil er seine Revolte als die eines Lammes in einer Welt der W\u00f6lfe beschrieb, durch die er zum wilden Schaf geworden sei (S. 137). Werner Portmann macht daraus den Titel seines Buches, einer unterhaltsamen, materialreichen und gut recherchierten Biographie \u00fcber die Gebr\u00fcder Nacht.<\/p>\n<p>Siegfried Nacht (1878-1956), alias Arnold Roller oder Stephen Naft, wurde in Wien geboren, stammte aber wie seine Br\u00fcder aus dem j\u00fcdischen Milieu des ostgalizischen St\u00e4dtchens Buczacz. Nach dem Studium und einer Phase sozialdemokratischer Parteimitgliedschaft kam er 1901 \u00fcber Berlin und Paris nach London. Dort schrieb er unter dem Namen Arnold Roller 1902 eine erste Brosch\u00fcre &#8222;Der Generalstreik und die soziale Revolution&#8220;, die im Laufe der Zeit 30 Auflagen in 17 Sprachen erlebte. Dann folgten seine &#8222;Wanderjahre&#8220;. Er wanderte zu Fu\u00df durch Frankreich, Spanien und Nordafrika, was daran erinnert, dass vor dem Ersten Weltkrieg Reisen ohne Ausweis in Europa und \u00fcber die Kontinente hinweg m\u00f6glich war.<\/p>\n<p>Siegfried wurde in Gibraltar wegen unerlaubten Waffenbesitzes verhaftet und unter Anklage gestellt, er habe den Mord des spanischen K\u00f6nigs geplant. Eine internationale Solidarit\u00e4tskampagne trug zu seiner Freilassung bei und machte ihn bekannt.<\/p>\n<p>1905 in Berlin und 1906 in London ver\u00f6ffentlichte er als Arnold Roller Brosch\u00fcren unter den Titeln &#8222;Der soziale Generalstreik&#8220; und &#8222;Die direkte Aktion&#8220;. Dazu kam ein Liederb\u00fcchlein, das anarchistische Lieder seiner Wanderjahre zusammenfasste. Der Ton war zun\u00e4chst martialisch.<\/p>\n<p>Im Liederbuch sprach Siegfried von der &#8222;Poesie des Kampfget\u00fcmmels&#8220; und der &#8222;Musik krachender Bomben&#8220; (S. 89), doch schon ab &#8222;Die direkte Aktion&#8220; brachte der Generalstreik als neue Aktionsform des Anarchosyndikalismus Siegfried langsam dahin, die Verherrlichung des individuellen Terrors aufzugeben. Wertvoll ist auch Siegfrieds Eliten-, Antisemitismus- und Nationalismuskritik. 1906 ging er nach London und geriet in einen Streit zwischen Rudolf Rocker und Pierre Ramus, wobei er sich bald auf die Seite des Ersteren schlug (S. 102ff.).<\/p>\n<p>Wenn Portmann diesen Streit referiert und dabei Ramus&#8216; Eitelkeiten und sein Konkurrenzdenken als Triebfedern des Konflikts benennt, so sollte dies nicht dazu verleiten, die Verdienste Ramus bei der sp\u00e4teren Verbreitung des gewaltfreien Anarchismus in \u00d6sterreich und in Teilen der FAUD in Zweifel zu ziehen.<\/p>\n<p>Es ehrt Portmann, dass er auch Siegfrieds Anteil am Londoner Streit offenbart und bei ihm eine &#8222;oft mangelnde Toleranz gegen abweichende Ideen&#8220; und eine &#8222;rechthaberische, sture Art&#8220; (S. 111) konstatiert. Wichtiger als diese Streitereien war das antimilitaristische &#8222;Soldatenbrevier&#8220; (1906) Siegfrieds, das in mehreren tausend Exemplaren \u00fcber Schmuggelstationen an der deutsch-holl\u00e4ndischen Grenze nach Deutschland geschafft und dann vor Musterungslokalen an Rekruten verteilt wurde &#8211; ein historischer Vorl\u00e4ufer der Aktionskampagnen gegen Bundeswehr-Rekrutenz\u00fcge gewaltfreier AnarchistInnen seit den 1980er Jahren.<\/p>\n<p>Siegfried Nacht ging nach Birmingham, dann 1910 nach Rom. In dieser Zeit wurde er von Malatesta beeinflusst und erkannte &#8222;im politischen Mord ein ethisches Problem, das den Anarchismus diskreditiert&#8220; (S. 114).<\/p>\n<p>Weil er in fast allen L\u00e4ndern Europas verfolgt wurde oder Einreiseverbote hatte, wanderte er im Ende 1912 in die USA aus.<\/p>\n<p>Bruder Max Nacht (1881-1973), alias Max Nomad, einer der j\u00fcngeren Br\u00fcder Siegfrieds, wurde in Buczacz geboren und blieb dem j\u00fcdischen Milieu der Provinzstadt l\u00e4nger und intensiver verhaftet als Siegfried.<\/p>\n<p>Die Familie war bereits der j\u00fcdischen Aufkl\u00e4rung (Haskala) verpflichtet, es wurde Deutsch und nicht Jiddisch gesprochen.<\/p>\n<p>Der Anarchismus kam nach Buczaz durch eine Abspaltung vom \u00f6rtlichen Arbeiterbildungsverein &#8222;Briderlichkeit&#8220; nach der Art, wie sich damals die &#8222;Jungen&#8220; oder &#8222;Unabh\u00e4ngigen Sozialisten&#8220; von der deutschen und \u00f6sterreichischen Sozialdemokratie abgespalten hatten.<\/p>\n<p>\u00dcberdies wurde Max in seinen Wiener Studienjahren ab 1899 vom kommunistischen Anarchismus Kropotkins beeinflusst.<\/p>\n<p>Bedeutsam f\u00fcr ihn waren die ostgalizischen Streiks der LandarbeiterInnen von 1900-1902.<\/p>\n<p>Gegen anarchistische Zeitungsprojekte von Max setzte die Repression ein und er fl\u00fcchtete 1904 nach Z\u00fcrich. Dort redigierte er zeitweise seine wohl wichtigste Zeitung, &#8222;Der Weckruf&#8220; (1903-1907), f\u00fcr die dann auch Bruder Siegfried schrieb.<\/p>\n<p>Im Gegensatz zur Linie des redaktionellen Vorg\u00e4ngers von Max, Matthias Malaschitz, einem gewaltlosen tolstojanischen Anarchisten ungarischer Herkunft, wurde das Blatt unter der \u00c4gide Max Nacht schnell zu einem Hort &#8222;verbaler Militanz&#8220; (S. 75) und der gewaltsamen Propaganda der Tat, was \u00e4lteren Genossen wie Fritz Brupbacher nicht gefiel. Portmann \u00fcbernimmt zur Beschreibung eine sp\u00e4tere, plausibel wirkende Unterteilung von Max Nacht, der 1964 von einem westlichen Anarchismus sprach, welcher die Phase des Dynamits au\u00dfer in Spanien um die Jahrhundertwende bereits \u00fcberwunden hatte, w\u00e4hrend die osteurop\u00e4ischen AnarchistInnen aufgrund der Repression osteurop\u00e4ischer Despotien noch lange aus dem Untergrund und mit Mitteln des politischen Attentats agierten (S. 94). In einem Furor angeblicher &#8222;Radikalisierung&#8220; distanzierte sich Max nach der Jahrhundertwende vom Anarchismus und wandte sich der Sekte des russisch-polnischen Revolution\u00e4rs Makha\u00efski zu, f\u00fcr die er unter dem Pseudonym Czarny 1908 im russisch-polnischen Untergrund arbeitete. Diese Gruppe war extrem verbalradikal, besonders gegen sozialistische und anarchistische Gruppierungen, und wandte sich besonders gegen Intellektuelle als neue F\u00fchrungsschicht.<\/p>\n<p>An einer Stelle diskutiert Portmann die verbalradikale Phase der Br\u00fcder und fragt, ob sie als &#8222;terroristisch(e) Schreibtischt\u00e4ter&#8220; (S. 96) zu bezeichnen w\u00e4ren. Er verneint dies, weil sie selbst kein Menschenleben auf dem Gewissen und keine Attent\u00e4ter praktisch unterst\u00fctzt h\u00e4tten. Portmann will lieber vom &#8222;Terrorismus des Wortes&#8220; (S.97) sprechen. Ich bin da nicht so sicher: &#8222;Schreibtischt\u00e4ter&#8220; ist ja gerade ein Begriff f\u00fcr jene, die eben nur den politischen Mord propagierten, aber die Konsequenz der Tat scheuten. Doch wie viele naive GenossInnen lie\u00dfen sich von ihrem Verbalradikalismus verf\u00fchren und die vermeintliche Konsequenz der Tat suchen? Der Begriff beschreibt da eine moralisch-politische Verantwortlichkeit und trifft deshalb m.E. auf die Gebr\u00fcder Nacht durchaus zu.<\/p>\n<p>1913 emigrierte auch Max Nacht in die USA. Die Br\u00fcder besuchten sich zuweilen, vor allem in New York. Max, nun Max Nomad, schloss sich 1917 inhaltlich den Bolschewiki an und schrieb in den 1920er Jahren f\u00fcr prosowjetische Zeitungen, ohne jedoch der Partei beizutreten.<\/p>\n<p>Siegfried, nun Stephen Naft, war unabh\u00e4ngiger, blieb in New York mit Rudolf Rocker in Kontakt, obwohl auch er f\u00fcr prosowjetische Zeitungen und die Nachrichtenagentur TASS schrieb, um \u00fcberleben zu k\u00f6nnen. 1929 distanzierte sich Max Nomad vom Stalinismus und entwickelte eine interessante Theorie des &#8222;skeptischen Anarchismus&#8220; (S. 131ff.), beeinflusst u.a. von Robert Michels&#8216; &#8222;eisernem (eigentlich: ehernem; d.A.) Gesetz der Oligarchie&#8220;.<\/p>\n<p>Zusammen mit seinem Bruder verurteilte er in den USA kommunistische Denunziationen des spanischen Anarchismus w\u00e4hrend des spanischen B\u00fcrgerkriegs 1936-39. W\u00e4hrend des Zweiten Weltkriegs arbeitete Stephen Naft f\u00fcr das FBI, w\u00e4hrend Max zwar auch zu antikommunistischen Totalitarismustheorien neigte, sich aber einer direkten Zusammenarbeit mit dem FBI verweigerte.<\/p>\n<p>Max, der nun f\u00fcr seine Publikationen das Pseudonym Max Norton benutzte, verstand sich wieder als Anarchist im Kampf gegen die Allmacht der B\u00fcrokratie. Portmann bescheinigt ihm, mit seinen letzten B\u00fcchern &#8222;Apostles of Revolution&#8220; (1939), &#8222;Aspect of Revolt&#8220; (1959), &#8222;Political Heretic&#8220; (1963) und &#8222;Dreamers, Dynamiters and Demagogues&#8220; (1964) zu einer &#8222;wichtigen Stimme gegen das allgemeine Vorurteil des Bomben werfenden Anarchisten&#8220; (S. 138) geworden zu sein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Max Nacht nannte sich einmal &#8222;wildes Schaf&#8220;, weil er seine Revolte als die eines Lammes in einer Welt der W\u00f6lfe beschrieb, durch die er zum wilden Schaf geworden sei (S. 137). Werner Portmann macht daraus den Titel seines Buches, einer unterhaltsamen, materialreichen und gut recherchierten Biographie \u00fcber die Gebr\u00fcder Nacht. 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