{"id":898,"date":"1997-01-01T00:00:58","date_gmt":"1996-12-31T22:00:58","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=898"},"modified":"2022-07-26T14:17:07","modified_gmt":"2022-07-26T12:17:07","slug":"die-abschaffung-des-staates-ist-die-arbeitslosigkeit-des-anarchismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1997\/01\/die-abschaffung-des-staates-ist-die-arbeitslosigkeit-des-anarchismus\/","title":{"rendered":"Die Abschaffung des Staates ist die Arbeitslosigkeit des Anarchismus"},"content":{"rendered":"<p>Die Zurkenntnisnahme, Rekonstruktion und (Wieder-)Aneignung libert\u00e4rer Theorie und Geschichte ist notwendiger denn je. Dennoch scheint dieses Angebot trotz einer im deutschsprachigen Anarchismus nach 1945 noch nie dagewesenen &#8218;Flut&#8216; libert\u00e4rer Publikationen an der Mehrheit der anarchistischen AktivistInnen &#8211; von Ausnahmen abgesehen &#8211; nahezu unbeachtet vorbeizugehen. Ein Bewu\u00dftsein mangelhafter Kenntnisse der anarchistischen Theorie und Geschichte besteht anscheinend nur bei wenigen Libert\u00e4ren. Die weitgehende Unf\u00e4higkeit eines Gro\u00dfteils der AnarchistInnen, sich die durchaus zahlreichen libert\u00e4ren Theorien anzueignen und die reichhaltigen Erfahrungssch\u00e4tze libert\u00e4rer Praxisans\u00e4tze zumindest zu ber\u00fccksichtigen (wenngleich bestimmte aktuelle Erfahrungen nat\u00fcrlich immer auch selber gemacht werden m\u00fcssen), hat zur Folge, da\u00df in den aktuellen sozialen Auseinandersetzungen anarchistische Inhalte weniger denn je vertreten sind.<\/p>\n<p>Immerhin sind in den letzten Jahren Werke von und \u00fcber Emma Goldman, Michael Bakunin, Peter Kropotkin, Max Nettlau, Erich M\u00fchsam, Gustav Landauer, Murray Bookchin und Noam Chomsky erschienen. J\u00fcngst zeichnet sich nun eine Renaissance Johann Caspar Schmidts alias Max Stirners (1806-1856) ab. Besonders an seinem Hauptwerk ,Der Einzige und sein Eigentum&#8220; (1844) scheiden sich die libert\u00e4ren Geister. Gilt er den einen aufgrund seiner Betonung von Individualit\u00e4t und Egoismus als der radikalste Philosoph schlechthin, so lehnen es andere ebenso vehement ab, ihn f\u00fcr den Anarchismus zu reklamieren. \u00c4hnliches gilt f\u00fcr den Philosophen und Wissenschaftskritiker Paul Feyerabend (1924-1994).<\/p>\n<h3>Stirner<\/h3>\n<p>Um es vorweg zu sagen: Auch wenn sich beide, Stirner und Feyerabend, selbst nicht als Anarchisten bezeichneten, so geh\u00f6ren sie doch zweifelsohne in die libert\u00e4re Tradition. Gustav Landauer und Max Nettlau etwa sch\u00e4tzten Stirners &#8222;radikale R\u00fcckbesinnung auf das Ich und seine Bed\u00fcrfnisse&#8220; (Stephan Krall, S.113). Keineswegs vergeblich bem\u00fchen sich die Autoren des vorliegenden Stirner-Bandes (Markus Henning, Werner Petschko, Alfred Schaefer, George Woodcock, Gerhard Senft, Herbert Scheit, Stephan Krall, Halil Ibrahim T\u00fcrkdogan und Uwe Timm) darum, die hartn\u00e4ckigen Mi\u00dfverst\u00e4ndnisse und Fehldeutungen von Stirners Philosophie aufzubrechen. Herausgekommen ist ein Buch, das dem Werk Stirners Gerechtigkeit widerfahren l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Auch wenn die Sympathien f\u00fcr Stirners Philosophie \u00fcberwiegen, erfolgt deren Rezeption keineswegs unkritisch. W\u00e4hrend Markus Henning die durch den Marxismus entstellte Rezeptionsgeschichte entflechtet, Werner Petschko dessen Sprach- und Herrschaftskritik nachzeichnet, Gerhard Senft Stirners wissenschaftskritische Ans\u00e4tze beleuchtet, George Woodcock einen komprimierten \u00dcberblick \u00fcber Leben und Wirken Stirners bietet, Uwe Timm anhand der libert\u00e4ren Rezeption dessen nachhaltige Wirkung beschreibt, Ibrahim T\u00fcrkdogan Parallelen zwischen dem Existentialismus Jean-Paul Sartres und Stirners Denken entdeckt, bem\u00fcht sich Stephan Krall um eine Aktualisierung der Stirnerschen Philosophie. Anhand seiner pers\u00f6nlichen Auseinandersetzung mit diesem Philosophen gelingt es ihm, die bei Stirner sozialdarwinistisch mi\u00dfverstandenen Zentralbegriffe &#8222;Individualit\u00e4t&#8220; und &#8222;Egoismus&#8220; vom Kopf zur\u00fcck auf die F\u00fc\u00dfe zu stellen und sie von einer r\u00fccksichtslosen Durchsetzung partikularer Interessen abzugrenzen:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Was ist das Besondere, das seine Ideen noch heute als Lebensphilosophie interessant macht? Es ist das Freimachen von allen inneren Zw\u00e4ngen und, darauf aufbauend, von allen \u00e4u\u00dferen, soweit das in dieser Gesellschaft m\u00f6glich ist. In allererster Linie ist es die Erkenntnis, ich lebe f\u00fcr mich und nur mit, aber nicht f\u00fcr die anderen.&#8220; (S.114)<\/p><\/blockquote>\n<p>Stirners Philosophie vermittle, so Krall, eine Einstellung zum Leben und die Erkenntnis, da\u00df Ver\u00e4nderungen nur bei sich selbst beginnen k\u00f6nnen. Zugleich r\u00e4t Stephan Krall zu einem behutsamen Umgang mit Stirners ichbezogener, keineswegs narzistischer Philosophie, &#8222;will man nicht alles und jedes rechtfertigen und guthei\u00dfen, wenn es nur freiwillig zustande kommt&#8220; (S.115; etwa j\u00fcngst bei der Debatte Sadomasochismus und Anarchie) &#8211; und vergi\u00dft nicht, auf die patriarchale Ausrichtung von Stirners Philsophie hinzuweisen.<\/p>\n<h3>Feyerabend<\/h3>\n<p>Deutlicher als Max Stirner grenzte sich der &#8222;denkende Vagabund&#8220; und Wissenschaftskritiker Paul Feyerabend (Th. Hinz, S.8) vom politischen Anarchismus ab. So schreibt Thorsten Hinz im Vorwort zu Feyerabends Thesen zum Anarchismus:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Feyerabends <cite>Anarchismus<\/cite> speist sich nicht aus einem gesellschaftskritischen Empfinden oder Denken, sondern aus einer eher salonradikalen Ablehnung starrer Ordnungen und Regeln und einem Wohlwollen f\u00fcr Rebellentum, f\u00fcr Andersartigkeit, f\u00fcr suchendes Selbstbewu\u00dftsein.&#8220; (S.14)<\/p><\/blockquote>\n<p>An allt\u00e4glichen sozialen Auseinandersetzungen teilzunehmen, lehnte Feyerabend ab &#8211; Massenbewegungen waren ihm stets ein Greuel. Wie gef\u00e4hrlich sein Denken ohne gesellschaftsanalytische Grundlage allerdings sein kann, zeigt sein salopper Vorschlag, auch dem Faschismus &#8222;eine Lebensm\u00f6glichkeit zu geben&#8220; (zit. aus dem Vorwort von Thorsten Hinz, S. 14) &#8211; ein zwar konsequent aus seinem Wissenschaftsverst\u00e4ndnis abgeleiteter, gleichwohl fataler Fallstrick liberaler Toleranz. In der vom Kramer Verlag in den 70er Jahren herausgegebenen Heftreihe &#8222;Unter dem Pflaster liegt der Strand&#8220; blieb dies auch nicht unwidersprochen &#8211; die Gegenposition vertrat damals Hans-Peter D\u00fcrr. Feyerabends falschverstandener Anarchiebegriff als Chaos und Ordnungslosigkeit und eines &#8222;anything goes&#8220; steht einem libert\u00e4ren Verst\u00e4ndnis von Ordnung ohne Herrschaft entgegen. Und dennoch zielt sein Pl\u00e4doyer f\u00fcr direkte, allumfassende Demokratie, die lokal ihren Anfang nehmen soll, um schrittweise auch die Herrschaft der neuzeitlichen, europ\u00e4ischen Wissenschaft zu untergraben, letztlich auf eine Art spiritueller Anarchie und Subversion. Damit verband sich seine Aufforderung, &#8218;gegen den Strom&#8216; zu denken und zu leben. Eine &#8218;freie Gesellschaft&#8216; sollte, so Feyerabend, in B\u00fcrgerInneninitiativen und diversen Interessenvereinigungen &#8211; lokal und dezentral &#8211; organisiert sein.<\/p>\n<p>Paul Feyerabends letztlich liberalistisches Menschenbild gr\u00fcndet sich auf den \u00dcberlegungen des englischen Philosophen und National\u00f6konomen John Stuart Mill (1806-1873) und dessen Schrift &#8222;\u00dcber die Freiheit&#8220;. Ausgehend von Mills Maxime, da\u00df nur diejenigen Handlungen angemessen erscheinen, die das umfassende Gl\u00fcck der h\u00f6chsten Anzahl von Menschen bef\u00f6rdern, spricht Feyerabend dem Individuum ein weitreichendes Recht auf Selbstbestimmung zu. Der Wert freier Individualit\u00e4t wird so zum h\u00f6chsten Gut. Staatliches Eingreifen sei allein dann gerechtfertigt, wenn Individuen die berechtigten Interessen anderer gef\u00e4hrden. Seine ersehnte freie Gesellschaft soll &#8211; und dies geh\u00f6rt sicherlich zu den Schwachpunkten seines ansonsten originellen Modells &#8211; vor allem durch eine neutrale Schutzmacht gewahrt werden, n\u00e4mlich durch die Polizei. Deren Aufgabe besteht darin, den Plural gegen das Monopol einer einzigen Tradition sicherzustellen und allen Menschen gleichen Zugang zu den Zentren der Erziehung und anderen Knotenpunkten gesellschaftlichen Lebens zu erm\u00f6glichen. Die staatliche Polizeiexekutive soll durchaus parteiisch agieren und die schw\u00e4chere Tradition jeweils vor der st\u00e4rkeren sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens hier beginnt das eigentliche Dilemma von Feyerabends Erkenntnissen f\u00fcr freie Menschen. Abgesehen davon, da\u00df er die \u00f6konomischen Zw\u00e4nge vernachl\u00e4ssigt, die auch f\u00fcr sein Gesellschaftsmodell Voraussetzung sind, kann er das Problem der unterschiedlichen gesellschaftlichen Interessen nicht l\u00f6sen. Hier erweist sich Paul Feyerabend als klassischer Liberaler. So problematisiert er nicht, da\u00df ein freier Zugang zu den Machtzentren f\u00fcr alle Traditionen sowie ein ungehinderter Austausch von Ideen und Waren letztendlich allein unter der Voraussetzung \u00f6konomischer Unabh\u00e4ngigkeit m\u00f6glich ist. Doch diese \u00dcberlegungen bleiben in Feyerabends Gesellschaftsverst\u00e4ndnis weitgehend ausgespart.<\/p>\n<p>Als gleicherma\u00dfen problematisch erweist sich seine durchaus sympathische F\u00fcrsprache zugunsten eines gesellschaftlichen Pluralismus aller erkenntnistheoretischen \u00dcberlieferungen. Unerw\u00e4hnt bleibt bei ihm die Tatsache, da\u00df die verschiedenen Traditionen die Welt nicht nur erkenntnistheoretisch unterschiedlich bewerten, sondern da\u00df zu diesen Tradierungen auch Lebenspraktiken geh\u00f6ren, die unterschiedliche Macht- und Gewaltstrategien miteinschlie\u00dfen.<\/p>\n<p>Warum sollten sich Libert\u00e4re eigentlich mit dem Querdenker Paul Feyerabend auseinandersetzen? Hierzu noch einmal der Herausgeber Thorsten Hinz:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Die Besch\u00e4ftigung mit seinem Denken bedeutet eine Herausforderung und einen Gewinn f\u00fcr jeden, der den kapitalistischen Vernebelungstaktiken unserer Tage die Stirn bieten will. Sein Mut, seine Vielschichtigkeit und vor allem seine Offenheit laden zu einer der besten Aufforderungen des abendl\u00e4ndischen Philosophierens ein &#8211; zum <cite>denke selbst!<\/cite>&#8220; (S.18)<\/p><\/blockquote>\n<p>Nur gegen die in ihrer Zeit jeweils verbindlichen Regeln und Konzepte lassen sich, so Feyerabend, epochemachende Gedanken formulieren. Wissenschaftliches Denken sollte pluralistisch sein, sich nicht allein auf die bestehenden wissenschaftlichen Methoden beschr\u00e4nken, sondern alle Wissenschaftstraditionen, zu denen er etwa auch die Hexenk\u00fcnste, Voodoo-Praktiken, Astrologie, die Mythen der Hopi-Indianer usw. z\u00e4hlte, gleichberechtigt nebeneinander stehen:<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Anything goes &#8211; mach, was du willst: Es gibt keine Garantie, da\u00df die gekannten Lebensformen uns das geben, was wir wollen, und da\u00df die bekannten Formen des Irrationalen daran scheitern werden.&#8220; (Paul Feyerabend, S.12)<\/p><\/blockquote>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Zurkenntnisnahme, Rekonstruktion und (Wieder-)Aneignung libert\u00e4rer Theorie und Geschichte ist notwendiger denn je. 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