{"id":8982,"date":"2008-10-01T00:00:08","date_gmt":"2008-09-30T22:00:08","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8982"},"modified":"2022-07-26T14:14:46","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:46","slug":"muhsam-und-eisner-uber-tolstoi","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/10\/muhsam-und-eisner-uber-tolstoi\/","title":{"rendered":"M\u00fchsam und Eisner \u00fcber Tolstoi"},"content":{"rendered":"<p>Als Referenzperson f\u00fcr den gewaltlosen Anarchismus kann Tolstois Einfluss kaum \u00fcbersch\u00e4tzt werden. Sowohl libert\u00e4re wie gewaltfreie Verlage haben in den letzten Jahren Texte von und \u00fcber Tolstoi publiziert. Der Trotzdemverlag ver\u00f6ffentlichte Ende 2007 drei der wichtigsten sozialpolitischen Texte Tolstois neu: <em>&#8222;Die Sklaverei unserer Zeit&#8220;, &#8222;Patriotismus und Regierung&#8220;<\/em> (1900 geschrieben) und seinen <em>&#8222;Aufruf an die Menschheit&#8220;<\/em> (1898).<\/p>\n<p>Die Texte lesen sich frisch, aktuell und radikal. Dieser Leseeindruck kann auch dadurch entstehen, dass besonders der erste l\u00e4ngere Text von Pierre Ramus \u00fcbersetzt wurde und dabei ein, f\u00fcr Ramus typischer, begeisternder Sprachstil in die \u00dcbersetzung einfloss. An Uli Klemms informativer Einf\u00fchrung zur Rezeptionsgeschichte der Texte muss ich bem\u00e4ngeln, dass er die bahnbrechende Arbeit von Wolfgang Sandfuchs \u00fcber die deutschsprachige Tolstoi-Rezeption von 1880-1900 (Buchtitel: Dichter &#8211; Anarchist &#8211; Moralist) besonders bei den Naturalisten um die Zeitung &#8222;Freie B\u00fchne&#8220; (z.B. Bruno Wille, Friedrichshagener Kreis) nicht wahrnimmt. Dabei war das die Geburtsstunde des gewaltlosen Anarchismus in Deutschland.<\/p>\n<p>Klemms Behauptung, Tolstoi habe &#8222;Anfang des 20. Jahrhunderts erstmals Einfluss auf die anarchistische Bewegung&#8220; (S. 9) gewonnen, ist deshalb nicht richtig.<\/p>\n<p>Das Buch wird abgeschlossen durch ein Nachwort von Siegbert Wolf und einen Artikel von Erich M\u00fchsam, <em>&#8222;Tolstois Verm\u00e4chtnis&#8220;<\/em>, aus einer &#8222;Fanal&#8220;-Ausgabe von 1928 &#8211; ein Text zum 100. Geburtstag Tolstois.<\/p>\n<p>Der Text M\u00fchsams ist sehr interessant, und ich muss \u00fcber den guten, alten Erich schmunzeln. Er hebt sehr geschwollen an, Tolstoi auf einen Piedestahl der literarischen und politischen Gr\u00f6\u00dfe zu stellen (&#8222;ungeheure Erscheinung&#8220;, &#8222;elementare Pers\u00f6nlichkeit&#8220; usw.), mit der durchsichtigen Intention, ihn \u00fcber seiner Meinung nach kleingeistige Interpretationen konsequenter Gewaltlosigkeit zu erheben.<\/p>\n<p>1928 hatte M\u00fchsam die Verteidigung revolution\u00e4rer Gewalt \u00fcbernommen und seinen konsequenten Antimilitarismus von vor dem Ersten Weltkrieg abgelegt. Und so kommt er, nach all dem Pathos, zu seiner ganz eigenen Tolstoi-Interpretation: &#8222;Es hat Menschen gegeben, Sch\u00fcler Tolstois, die dem Staate ihr Leben als Soldat verweigert haben, die es aber der Revolution mit der Waffe in der Hand zur Verf\u00fcgung stellten. Leo Tolstoi h\u00e4tte sie leuchtenden Auges als die wahren Versteher seiner Lehre gegr\u00fc\u00dft.&#8220; (S. 118)<\/p>\n<p>Das, lieber Erich, ist Bl\u00f6dsinn. Es ist das Gegenteil dessen, wof\u00fcr Tolstoi immer stehen wird, und es ist eine unlautere Verdrehung des Kerns Tolstoischer Radikalit\u00e4t.<\/p>\n<p>Auch bei Christian Bartolfs Tolstoi-Buch steht ein Nachruf auf Tolstoi aus dem Jahr 1910 von Kurt Eisner (<em>&#8222;Evangelium Tolstoi&#8220;<\/em>) im Mittelpunkt der philosophischen Er\u00f6rterungen &#8211; zum Vorteil des Buches, gibt dieser unverf\u00e4lschte Ausgangspunkt eines zeitgen\u00f6ssischen Artikels den Ankn\u00fcpfungspunkt f\u00fcr eine bestimmte Tolstoi-Interpretation Eisners. M\u00fchsams Zeitgenosse Eisner war ein Sch\u00fcler des deutsch-j\u00fcdischen Kulturphilosophen Hermann Cohen in Marburg.<\/p>\n<p>Dieser Einfluss j\u00fcdischer Kulturgeschichte ist in Eisners dichtem, allegorischem Artikel sp\u00fcrbar, in dem er Tolstoi als direkten Nachfahren des j\u00fcdischen Ahasver, des ruhelos Umherstreifenden, der letztlich nicht in Ruhe sterben kann, interpretiert. Auch der vom &#8222;ewigen Juden&#8220; zum &#8222;ewigen Christ&#8220; gewandelte Tolstoi kann nicht einmal nach seinem Tod Ruhe finden.<\/p>\n<p>Eisners Nachruf endet geheimnisvoll: &#8222;Und der ewige Christ sah und f\u00fchlte alle Pein der Menschen, wie sie einander qu\u00e4lten und ihr Gl\u00fcck besudelten, wie sie in Krankheiten schrien (sic!) und in Verzweiflung starben.&#8220; (S. 241)<\/p>\n<p>So ruft der ruhelose Tolstoi, der sich in der von Gewalt beherrschten Welt als &#8222;einziger Christ&#8220; f\u00fchlt, verzweifelt &#8222;Gott&#8220; (d.h. sein inneres Gewissen) an und erh\u00e4lt zur Antwort: &#8222;Unseliger, du bist was niemals ist. Nie kannst du sterben, denn du hast niemals gelebt!&#8220; (S. 241)<\/p>\n<p>Das Buch Bartolfs ist ein Nachsp\u00fcren, Aufdr\u00f6seln und Aufl\u00f6sen der Allegorien Eisners &#8211; und das macht seine Faszination aus.<\/p>\n<p>Bartolf gibt Auskunft \u00fcber Mythos und Interpretationen des &#8222;ewigen Juden&#8220; Ahasver, und zwar in der Zeit vor wie auch nach dessen Instrumentalisierung durch die antisemitische Propaganda; sowie \u00fcber alle kultur- und religionsphilosophischen Einflusse, aus denen Tolstoi sch\u00f6pfte. Tolstoi erweist sich als universal Interessierter, der sowohl Taoismus, Konfuzianismus, Buddhismus, Hinduismus, Judentum, die christlichen Ketzer und Anarchismus rezipierte und sie alle f\u00fcr seine Staats- und Gesellschaftskritik nutzte.<\/p>\n<p>An den Ursprung seines Denkens setzt Tolstoi die Lehre vom Nicht-Widerstehen, wobei Bartolf referiert: &#8222;Das griechische Wort (&#8230;) wird durch Nicht-Widerstehen zu w\u00f6rtlich \u00fcbersetzt. Es bedeutet: nicht auf derselben Ebene entgegentreten.&#8220; (S. 40) Tolstoi nennt diesen Ursprung auch ein &#8222;Lebensgesetz&#8220; (S. 138), ja das &#8222;einzige und ewige Gesetz&#8220; (S. 153), das im Kern aller Weltreligionen, unverf\u00e4lscht durch Kirche, Priester, Scholastik und Hierarchie, vorfindbar sei und durch den Gewissensentscheid, nicht an der Gewalt des Staates und der Armee teilzunehmen, St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck in Kraft gesetzt werde (Bartolf nennt dies den eigentlichen Bildungsgedanken Tolstois; Bildung also gedacht als moralische Bildung). Doch Tolstoi wird in Eisners Nachruf auch noch nach seinem Tode ruhelos bleiben durch die Tatsache, dass dieser Bildungsweg versperrt wird durch das unter den Menschen weit verbreitete Gesetz der gewaltsamen Vergeltung, die von Bartolf sogenannte &#8222;profanisierte Talion-Regel&#8220;, d.h. das Prinzip &#8222;Auge um Auge, Zahn um Zahn&#8220;.<\/p>\n<p>Die Menschen sind also verblendet und deshalb kann Tolstoi, der ewige und einzige (wahre) Christ im Sinne Eisners, keine Ruhe finden, weil die Menschen nicht zu ihrem Ursprung zur\u00fcckkehren und das Lebensgesetz erf\u00fcllen (dass die Gewaltlosigkeit endlich lebt).<\/p>\n<p>Bartolf gibt dabei auch Auskunft \u00fcber alle kulturpolitischen Interpretationen der j\u00fcdischen Talion-Regel und dabei z.B. \u00fcber die Entdeckung von Benno Jacob in einer Arbeit des Jahres 1929, dass es sich bei &#8222;Auge um Auge&#8220; um einen &#8222;logischen Fehler&#8220; bei der \u00dcbersetzung des hebr\u00e4ischen Wortes &#8222;tachat&#8220; (anstelle, f\u00fcr, um) handelt. Es geht bei &#8222;tachat&#8220; w\u00f6rtlich nicht um Vergeltung, sondern um eine Umkehr des T\u00e4ters: &#8222;du sollst geben (&#8230;) etwas, was dem des Auges Beraubten irgendetwas leistet. Ein nunmehr dem T\u00e4ter ausgeschlagenes kann dies jedenfalls nicht tun.&#8220; (S. 45f.)<\/p>\n<p>Deshalb nennt Bartolf die damals zeitgen\u00f6ssische, auch von Eisner und Tolstoi benutzte Vergeltungs-Bedeutung von &#8222;Auge um Auge&#8220; die &#8222;profanisierte&#8220; Talion-Regel. Dabei hat Tolstoi die christliche Bergpredigt keineswegs als Gegensatz zum mosaischen Gesetz gesehen: &#8222;Mir war aber eingepr\u00e4gt, das Christus das Gesetz Mosis (sic!) nicht aufhebt, sondern es im Gegenteil bis auf den kleinsten Strich, bis auf ein Jota best\u00e4tigt und erg\u00e4nzt.&#8220; (S. 152) Mit diesen Zusatzinformationen versehen, begreifen wir Bartolfs Aufl\u00f6sung des allegorischen Nachrufs Eisners besser: &#8222;Daher wird jene ruhe- und trostlose Wanderschaft des Ahasver (Ewigen Juden, ewigen Christen) solange nicht beendet sein, &#8218;ehe das Gesetz&#8216; aufh\u00f6rt (&#8230;), das Strafgesetz der Vergeltung, der Drohung und Abschreckung mit Rache bis zum Mord.&#8220; (S. 47)<\/p>\n<p>Es wird auch klar, warum sich Tolstoi lieber als wahrer Christ im Kampf gegen Hierarchie und Jenseitspropaganda der Kirche verstand denn als zeitgen\u00f6ssischer Anarchist: Tolstois Verst\u00e4ndnis von Christentum sei, so meint er selbst, &#8222;zu einem Teil Sozialismus und Anarchie, allerdings ohne Gewalt und mit der Bereitschaft zum Opfer.&#8220; (S. 128)<\/p>\n<p>Das Trotzdem-B\u00fcchlein kann auch als eine Art Einf\u00fchrung in den politischen Tolstoi gelesen werden. Bartolfs Buch ist kulturell faszinierend, philosophisch anspruchsvoll, nicht einfach zu lesen, aber immer informativ und etwas f\u00fcr Tolstoi-KennerInnen. Vom lieblosen Satzbild des Bartolf-Buches hebt sich das lesefreundliche Layout des Trotzdem-Buches wohltuend ab.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Referenzperson f\u00fcr den gewaltlosen Anarchismus kann Tolstois Einfluss kaum \u00fcbersch\u00e4tzt werden. Sowohl libert\u00e4re wie gewaltfreie Verlage haben in den letzten Jahren Texte von und \u00fcber Tolstoi publiziert. 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