{"id":8990,"date":"2008-10-01T00:00:10","date_gmt":"2008-09-30T22:00:10","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=8990"},"modified":"2022-07-26T14:24:14","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:14","slug":"mit-manu-chao-durch-kolumbien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/10\/mit-manu-chao-durch-kolumbien\/","title":{"rendered":"Mit Manu Chao durch Kolumbien"},"content":{"rendered":"<p>Im Jahre 1993 bricht mit Unterst\u00fctzung der Association francaise d&#8217;action artistique (AFFA) eine fast hundertk\u00f6pfige Gruppe von K\u00fcnstlerInnen auf, um in einem aus Schrottteilen zusammengebastelten Zug mit 21 bunt bemalten Waggons durch Kolumbien zu fahren.<\/p>\n<p>In den Bahnh\u00f6fen soll durch ein vielf\u00e4ltiges Veranstaltungsprogramm der Bev\u00f6lkerung die franz\u00f6sische Kultur n\u00e4hergebracht werden.<\/p>\n<p>Die marode Schienenstrecke ist seit 15 Jahren nicht mehr befahren worden.<\/p>\n<p>Und die von der liberalen Presse gefeierte und von Sponsoren finanzierte Begl\u00fcckungstour in das von Armut, Drogen und Guerilla maltr\u00e4tierte Land wird zu einem sechsw\u00f6chigen Himmelfahrtskommando, von dem im Laufe der Zeit immer mehr TeilnehmerInnen abspringen.<\/p>\n<p>Idealistischer Kopf der Gruppe ist der junge Manu Chao, der seinem Papa Ramon gro\u00dfz\u00fcgig erlaubt hat, mitzufahren und den Chronisten zu spielen &#8211; aber nur, wenn er nicht so geschwollen daherschreibt wie in seinem letzten Roman.<\/p>\n<p>Ramon erf\u00fcllt seine Aufgabe mit abgekl\u00e4rter Hingabe. Er schildert nicht nur die zahllosen Zwischenf\u00e4lle und den Alltag, sondern die LeserInnen bekommen einen intensiven Eindruck vom &#8222;Innenleben&#8220; der KolumbianerInnen entlang der Bahnstrecke.<\/p>\n<p>Um nicht von rivalisierenden Banden und Guerilla auf offener Stra\u00dfe niedergestreckt zu werden, muss sich die libert\u00e4r inspirierte K\u00fcnstlerInnengruppe strikt neutral verhalten und politische Anspielungen vermeiden. Nur als einmal der prestigetr\u00e4chtige K\u00fcnstlerInnenauftritt dreist von einer schwerbewaffneten Politikerbande okkupiert wurde, platzt Manu der Kragen und er intoniert &#8222;El pueblo unido&#8220;. Das Buch ist auch eine mit viel Musik und Zirkus angereicherte Landeskunde. Wer es gelesen hat, den wundert keine Nachricht aus Kolumbien mehr. Hier eine kleine Kostprobe aus aneinandergereihten, kaum ver\u00e4nderten Originalzitaten:<\/p>\n<p>Mano Negra. French Lovers. Les N\u00e9gresses Vertes. Trapezk\u00fcnstler. Belustigungshausierer.<\/p>\n<p>Hoffnungsmaschine. Fahrender Waffenstillstand. M\u00e4rchenhafte Zigeunerkarawane. Eisb\u00e4r, der Freund der Kinder.<\/p>\n<p>Feuerspuckender Leguan als Drache. Alice im Guerillaland.<\/p>\n<p>Wolkenkratzer f\u00fcr Eskimos.<\/p>\n<p>Warme Leichen am Wegesrand.<\/p>\n<p>Marmorschleifer, Sargtr\u00e4ger, Pfarrer &#8230; die Liste der Gewerbe, die von Gewalt profitieren, ist lang. Sanfte Tr\u00e4umer mit Ohrringen und Irokesenschnitten. Schneckentempo 15 km\/h, Entgleisungen inklusive. Marseillaisesingender Kinderchor als Empfangskomitee im Bahnhof. Heute gab es sieben Morde, vorgestern drei, alles Raubmorde. Dreiviertel der M\u00e4nner zwischen 20 und 60 Jahren, die gekommen waren, um uns zu sehen, hatten eine Knarre in der Tasche. Worte haben keinerlei Wert, sie sind von Politbonzen und ihren st\u00e4ndigen L\u00fcgen entwertet worden.<\/p>\n<p>Wirtshaus-Trash und brutaler Pogo aus dem Cigale. Lotterie in Babylon: Trapezabst\u00fcrze begeistern das Publikum. Wir geben ein St\u00fcck Traum, sie schenken uns ein paar Momente Frieden.<\/p>\n<p>Zettel im Traumb\u00fcro: &#8222;Friede f\u00fcr Kolumbien, und dass die Gewalt in diesem Land ein Ende nimmt. Keine Kriminalit\u00e4t mehr, und dass das mit den Drogen aufh\u00f6rt.&#8220; Arturo C\u00e1ceres, 18 Jahre. Die Schneemaschine funktioniert nicht. Der Chronist lernt, im B\u00e4r besser zu atmen. Die Skinheads, die Fabrice und seine Freundin angegriffen haben, wollen sich t\u00e4towieren lassen. Kein Tattoo ohne Entschuldigung! Die Guerilla kesselt die Stadt einmal pro Monat ein und pl\u00fcndert die Bank genau am Zahltag. Die French und Manu passen ihren Rhythmus dem Takt der Hupen an.<\/p>\n<p>Oben im wei\u00dfen Krematorium unterbricht ein Leichenzug seine Trauer und tanzt, w\u00e4hrend wir vorbeifahren, als ein letztes Adieu einen Musettewalzer.<\/p>\n<p>Hundert Jahre Einsamkeit. Holsteiner K\u00fche grasen. Ausbleibende Sponsorengelder. Das Publikum weigert sich, zu gehen. Wir werden uns wiedersehen, wir werden wiederkommen.<\/p>\n<p>Versprochen. Wir schw\u00f6ren. El pueblo \/ unido \/ jam\u00e1s ser\u00e1 vencido.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Jahre 1993 bricht mit Unterst\u00fctzung der Association francaise d&#8217;action artistique (AFFA) eine fast hundertk\u00f6pfige Gruppe von K\u00fcnstlerInnen auf, um in einem aus Schrottteilen zusammengebastelten Zug mit 21 bunt bemalten Waggons durch Kolumbien zu fahren. In den Bahnh\u00f6fen soll durch ein vielf\u00e4ltiges Veranstaltungsprogramm der Bev\u00f6lkerung die franz\u00f6sische Kultur n\u00e4hergebracht werden. 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