{"id":9006,"date":"2008-11-01T00:00:22","date_gmt":"2008-10-31T22:00:22","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9006"},"modified":"2022-07-26T14:24:13","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:13","slug":"prototyp-afghanistan","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/11\/prototyp-afghanistan\/","title":{"rendered":"Prototyp Afghanistan"},"content":{"rendered":"<h3>Ein Memo sagt manchmal mehr als tausend Worte<\/h3>\n<p>Anfang Oktober 2008 wurde der Presse ein vertraulicher Bericht                 des britischen Botschafters in Afghanistan, Sherard Cowper-Coles,                 zugespielt, der die ganze Misere des dortigen NATO-Einsatzes auf                 den Punkt bringt: <i>&#8222;Die gegenw\u00e4rtige Lage ist schlecht. Die                 Sicherheitslage wird schlimmer. Ebenso die Korruption, die Regierung                 hat jegliches Vertrauen verspielt. [&#8230;] Die Pr\u00e4senz, besonders                 die milit\u00e4rische Pr\u00e4senz der Koalition ist Teil des Problems,                 nicht der L\u00f6sung. Die ausl\u00e4ndischen Truppen sichern das \u00dcberleben                 eines Regimes ab, das ohne sie kollabieren w\u00fcrde.&#8220; <\/i><\/p>\n<p>Als die NATO im August 2003 das Kommando \u00fcber die <i>International                 Security Assistance Force<\/i> (ISAF) in Afghanistan \u00fcbernahm,                 h\u00e4tte sich zum damaligen Zeitpunkt wohl kaum jemand tr\u00e4umen lassen,                 dass die Allianz dort in einen Guerillakrieg verwickelt werden                 w\u00fcrde, der immer alptraumhaftere Z\u00fcge annimmt. Obwohl mittlerweile                 nahezu s\u00e4mtliche BeobachterInnen vor einem Scheitern des NATO-Krieges                 in Afghanistan warnen, steht ein Abzug der Truppen derzeit leider                 nicht zur Debatte. <\/p>\n<p>Der Grund hierf\u00fcr ist einfach: Es steht in Afghanistan zu viel                 auf dem Spiel. Neben geostrategischen Interessen ist Afghanistan                 das gegenw\u00e4rtig gr\u00f6\u00dfte Experimentierfeld f\u00fcr eine neue Form der                 NATO-Kolonialpolitik, bei der zivil-milit\u00e4rische Aufstandsbek\u00e4mpfung                 und neoliberales Nation Building Hand in Hand einhergehen. <\/p>\n<p>Auf beiden Seiten des Atlantiks ist man sich deshalb einig, scheitert                 die NATO in Afghanistan, so steht ihre Existenz und damit auch                 die westliche Kriegspolitik zur Disposition. Bundeskanzlerin Angela                 Merkel bezeichnet den Krieg als &#8222;Lackmustest f\u00fcr [&#8230;] eine handlungsf\u00e4hige                 NATO&#8220; und der demokratische Pr\u00e4sidentschaftskandidat Barack Obama                 will deutlich mehr Truppen nach Afghanistan entsenden. Auch sein                 republikanischer Rivale John McCain l\u00e4sst keine Zweifel an der                 Bedeutung des Einsatzes aufkommen: &#8222;Die Zukunft des B\u00fcndnisses                 h\u00e4ngt untrennbar mit den Ergebnissen in Afghanistan zusammen.                 [&#8230;] Wenn die NATO in Afghanistan versagt, ist es schwierig sich                 vorzustellen, dass die Allianz weitere &#8218;harte&#8216; Operationen innerhalb                 oder au\u00dferhalb des B\u00fcndnisses unternimmt, und ihre Glaubw\u00fcrdigkeit                 w\u00fcrde schweren Schaden nehmen.&#8220; <\/p>\n<h3>Stationen der Eskalation: Vom Wiederaufbau zur Aufstandsbek\u00e4mpfung<\/h3>\n<p>Anf\u00e4nglich war das Einsatzgebiet der im Dezember 2001 ins Leben                 gerufenen und im August 2003 von der NATO \u00fcbernommenen ISAF auf                 die afghanische Hauptstadt Kabul beschr\u00e4nkt. Auch wenn sich die                 ISAF zur Imagepflege &#8211; und in Abgrenzung zur ebenfalls in Afghanistan                 operierenden US-gef\u00fchrten O<i>peration Enduring Freedom<\/i> (OEF)                 &#8211; gerne wahlweise als &#8222;Friedensmission&#8220;, &#8222;Stabilisierungseinsatz&#8220;                 oder &#8222;Wiederaufbaumission&#8220;, kurz als eine Art &#8222;bewaffnete Entwicklungshilfe&#8220;                 tituliert, hat dies mit der Einsatzrealit\u00e4t nichts zu tun. Insbesondere                 seit das NATO-Einflussgebiet in vier Schritten auf das ganze Land                 ausgedehnt wurde, stehen Kampfhandlungen im Zentrum der Operationsplanung.<\/p>\n<p>In Phase I, die Ende 2004 abgeschlossen war, wurde die Verantwortung                 \u00fcber die n\u00f6rdlichen Provinzen \u00fcbernommen. Im folgenden Jahr \u00fcbernahm                 die NATO in Phase II die Kontrolle \u00fcber die Provinzen im Westen                 des Landes. Dies war noch relativ unproblematisch, denn beides                 waren seinerzeit noch vergleichsweise recht ruhige Landesteile.               <\/p>\n<p>Die jetzige Eskalation nahm ihren Anfang, als das ISAF-Einsatzgebiet                 in zwei weiteren Schritten zuerst bis Juli 2006 auf den umk\u00e4mpften                 S\u00fcden (Phase III) und ab Oktober auf den Osten und damit das gesamte                 Land ausgedehnt (Phase IV) wurde.<\/p>\n<p>Zudem wurde bereits mit der S\u00fcderweiterung das ISAF-Truppenkontingent                 von 9.000 auf 18.500 und nach der Ostexpansion auf \u00fcber 30.000                 SoldatInnen erh\u00f6ht. Inzwischen werden immer mehr SoldatInnen an                 den Hindukusch geschickt: Im Jahr 2007 wurde ihre Zahl von 30.000                 auf 43.000 und nun auf 47.600 (Stand: 1. September 2008) aufgestockt.                 Doch hierdurch gelang es keineswegs, das Land zu &#8222;befrieden&#8220; &#8211;                 im Gegenteil, mittlerweile eskaliert die Situation in Afghanistan                 zusehends. <\/p>\n<p>Im Jahr 2007 kamen \u00fcber 8.000 AfghanInnen, davon zahlreiche ZivilistInnen,                 ums Leben, die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen dem Widerstand                 und der ISAF stiegen von 1755 im Jahr 2005 auf \u00fcber 6000 im Jahr                 2007. Dieses Jahr hat sich die Zahl der Zusammenst\u00f6\u00dfe nochmals                 dramatisch erh\u00f6ht, allein in der Woche vom 15.-21. September registrierte                 die ISAF 250 solcher Vorf\u00e4lle. Auch die Opfer unter den westlichen                 Truppen erh\u00f6hen sich kontinuierlich. 2007 starben 232 NATO-SoldatInnen,                 im Mai und Juni 2008 \u00fcberstiegen die Verluste in Afghanistan sogar                 erstmals die im Irak.<\/p>\n<p>Neben der Entsendung von immer mehr Truppen und der Ausweitung                 des Einsatzgebietes reagierte die NATO vor allem mit der \u00c4nderung                 der Einsatzregeln (rules of engagement) auf die ver\u00e4nderte Sicherheitslage,                 ein Schritt, der ma\u00dfgeblich zur Eskalation beitrug. Diese Einsatzregeln                 legen die Kriterien und Umst\u00e4nde fest, unter denen NATO-Soldaten                 im jeweiligen Einsatz Gewalt einsetzen d\u00fcrfen. Sie schrieben f\u00fcr                 Afghanistan lange Zeit vor, dass Waffengewalt ausschlie\u00dflich zur                 Selbstverteidigung nach einem erfolgten Angriff angewendet werden                 durfte.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt, weil man den Krieg mit der S\u00fcd- und Osterweiterung                 gezielt eskalieren wollte, wurden die Einsatzregeln bereits Anfang                 2006 ver\u00e4ndert. Seither ist auch die aktive Bek\u00e4mpfung von Widerstandsgruppen                 erlaubt.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens damit ver\u00e4nderte sich endg\u00fcltig der Charakter der                 vorgeblichen Friedens- und Stabilisierungsmission. N\u00fcchtern stellt                 die der Bundesregierung zuarbeitende <i>Stiftung Wissenschaft                 und Politik <\/i>diesbez\u00fcglich fest: &#8222;In ganz Afghanistan hat sich                 die ISAF-Mission seit 2006 von einer reinen Stabilisierungsoperation                 zu einem Einsatz mit dem Schwerpunkt Aufstandsbek\u00e4mpfung entwickelt.&#8220;<\/p>\n<h3>Deutschland: Per Salamitaktik immer tiefer in den Krieg<\/h3>\n<p>Gerne wird von deutscher Seite die &#8222;Vorreiterrolle&#8220; beim zivilen                 Wiederaufbau und die F\u00fchrungsfunktion im Norden hervorgehoben.               <\/p>\n<p>Die Verb\u00fcndeten bewerten das Engagement aber anders, denn die                 deutschen Truppen sind fast ausschlie\u00dflich im vergleichsweise                 ruhigen Norden des Landes stationiert.<\/p>\n<p>Im Osten und S\u00fcden, wo die schwersten Auseinandersetzungen stattfinden,                 k\u00e4mpfen und sterben jedoch vor allem SoldatInnen der USA, Kanadas                 und Gro\u00dfbritanniens.<\/p>\n<p>Vor diesem Hintergrund \u00fcbten die Verb\u00fcndeten ab 2006 massiven                 Druck auf Deutschland aus, sich st\u00e4rker an den Kampfhandlungen                 zu beteiligen. <\/p>\n<p>Dies stellte die Bundesregierung vor ein Problem: Zwar tr\u00e4gt                 sie den gegenw\u00e4rtigen NATO-Eskalationskurses voll mit, sieht sich                 aber einer Bev\u00f6lkerung gegen\u00fcber, die die Beteiligung deutscher                 Truppen an Kampfhandlungen mit deutlicher Mehrheit kategorisch                 ablehnt. <\/p>\n<p>Will man jedoch seinen Einfluss in Afghanistan, aber auch in                 der NATO (und dar\u00fcber hinaus) nicht einb\u00fc\u00dfen, so ist es aus deutscher                 Sicht zwingend erforderlich, sich st\u00e4rker zu involvieren. Nur                 wer Krieg f\u00fchrt, darf international mitbestimmen, anders k\u00f6nnen                 die weiterhin g\u00fcltigen Aussagen von Ex-Au\u00dfenminister Joschka Fischer                 \u00fcber die Motivation des deutschen Afghanistan-Engagements nicht                 interpretiert werden: &#8222;Die Entscheidung \u201aDeutschland nimmt nicht                 teil&#8216; w\u00fcrde auch eine Schw\u00e4chung Europas bedeuten und letztendlich                 bedeuten, dass wir keinen Einfluss auf die Gestaltung einer multilateralen                 Verantwortungspolitik h\u00e4tten. Genau darum wird es in den kommenden                 Jahren gehen. [&#8230;] Das Ma\u00df der Mitbestimmung richtet sich nach                 dem Ma\u00df des Mitwirkens.&#8220; <\/p>\n<p>Aufgrund dieser Konstellation ist die Bundesregierung gezwungen,                 schrittweise vorzugehen, um die Bev\u00f6lkerung sachte daran zu &#8222;gew\u00f6hnen&#8220;,                 dass sich Deutschland immer st\u00e4rker am blutigen Krieg am Hindukusch                 beteiligt. <\/p>\n<p>Der erste &#8222;Meilenstein&#8220; hierf\u00fcr war die Anfang 2007 beschlossene                 Entsendung von Recce-Tornados. Sie werden auch im S\u00fcden und Osten                 eingesetzt und liefern Zieldaten, auf deren Grundlage anschlie\u00dfend                 Bombardierungen erfolgen. <\/p>\n<p>Doch dieser Beitrag gen\u00fcgt den Verb\u00fcndeten nicht, wie teils recht                 unverbl\u00fcmt verdeutlicht wurde. Deshalb k\u00fcndigte Verteidigungsminister                 Franz-Josef Jung im M\u00e4rz 2008 an, man wolle nun &#8222;robustere Ma\u00dfnahmen                 ins Zentrum r\u00fccken&#8220;. Hierf\u00fcr \u00fcbernahm die Bundeswehr im Juni die                 <i>Quick Reaction Force<\/i> (QRF) von Norwegen, eine explizit                 f\u00fcr offensive Kampfma\u00dfnahmen ausgerichtete Truppe, die in Nord-                 und Westafghanistan operieren soll. Hauptauftrag der QRF, die                 sich als &#8222;Feuerwehrtruppe&#8220; versteht, die \u00fcberall dort zum Einsatz                 kommt, wo der Widerstand an Boden gewonnen hat, ist nach Angabe                 von Thomas Raabe, Sprecher des Bundesverteidigungsministeriums,                 &#8222;crowd and riot control&#8220;, also Aufstandsbek\u00e4mpfung. <\/p>\n<p>Die \u00dcbernahme der QRF f\u00fchrt deutsche Auslandseins\u00e4tze in eine                 neue Dimension, wie <i>Die Welt<\/i> in einem Kommentar verdeutlichte:                 &#8222;Erstmals stehen bei einem Auftrag der Bundeswehrsoldaten offensive                 Kampfaktionen im Vordergrund. Ihre Mandatsvorg\u00e4nger, die Norweger,                 empfehlen den Deutschen, sich jetzt auch aufs T\u00f6ten und Sterben                 vorzubereiten.&#8220;<\/p>\n<p>Die n\u00e4chsten Eskalationsschritte werden bereits vorbereitet.                 So fordert etwa der SPD-Au\u00dfenexperte Hans-Ulrich Klose, Deutschland                 solle die Quick Reaction Force &#8222;stark genug machen, dass sie im                 Notfall in ganz Afghanistan eingesetzt werden kann &#8211; auch im S\u00fcden&#8220;.<\/p>\n<p>Zuvor wurde im Oktober jedoch die territoriale und personelle                 Ausweitung des deutschen Afghanistan-Mandats einget\u00fctet. So kann                 Deutschland nun 4.500 statt wie bisher 3.500 BundeswehrsoldatInnen                 entsenden.<\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus wurde der Einsatz nicht auf 12, sondern auf 14                 Monate verl\u00e4ngert, damit das Thema nicht in den Bundestagswahlkampf                 2009 hineinspielt.<\/p>\n<h3>Neoliberales Nation Building<\/h3>\n<p>In der gesamten Debatte wird vollst\u00e4ndig ausgeblendet, dass Afghanistan                 im Zuge des (neoliberalen) Wiederaufbaus zu einem Selbstbedienungsladen                 f\u00fcr westliche Konzerne umfunktioniert wurde. Das <i>Bundesamt                 f\u00fcr Au\u00dfenwirtschaft<\/i> bejubelt auch noch die hierbei f\u00fchrende                 Rolle Deutschlands: &#8222;Ein Erfolg ist die mit Hilfe der Bundesregierung                 geschaffene &#8218;Afghan Investment Support Agency &#8211; AISA&#8216;, die Investoren                 innerhalb von nur einer Woche s\u00e4mtliche Formalit\u00e4ten abnimmt,                 deren Registrierung vornimmt und eine Steuernummer vergibt. [&#8230;]                 Die marktwirtschaftliche Ausrichtung der Wirtschaft und der Schutz                 von Investoren wurden in die neue afghanische Verfassung aufgenommen;                 [&#8230;] Die Bundesregierung hat im April 2005 ein bilaterales Investitionsschutzabkommen                 mit Afghanistan gezeichnet. [&#8230;] Afghanistan kann als eine der                 offensten Volkswirtschaften \u00fcberhaupt, auf jeden Fall aber als                 die offenste Volkswirtschaft der Region bezeichnet werden. Handelsbeschr\u00e4nkungen                 und Subventionen sind praktisch nicht existent, und die afghanische                 Regierung zeigt sich sehr aufgeschlossen f\u00fcr Investitionen im                 Land.&#8220;<\/p>\n<p>Besagtes Investitionsschutzabkommen beinhaltet u.a. Zollreduzierungen,                 den 100%igen Firmenbesitz von Ausl\u00e4ndern, einen weit reichenden                 Schutz vor Enteignungen, Steuerbefreiung in den ersten acht Jahren                 und 100%igen Gewinntransfer ins Ausland. <\/p>\n<p>Die lobend erw\u00e4hnte und von Deutschland ins Leben gerufene &#8222;Afghan                 Investment Support Agency&#8220; erweist sich dabei als wichtiger Durchlauferhitzer                 f\u00fcr westliche Investitionen. Ihren Angaben zufolge haben sich                 seit 2003 mehr als 6.200 Unternehmen als Investoren registriert.                 Das bei der Agentur erfasste Investitionsvolumen war Anfang 2008                 mit rund 2,4 Mrd. US$ angegeben worden. Zu den gro\u00dfen ausl\u00e4ndischen                 Investoren z\u00e4hlen u.a.: Siemens, Tobishima Japan, British Petroleum,                 Air Arabia, Alcatel, Dagris, Coca-Cola, KPMG, Roshan, Afghan Wireless,                 Alcatel, Hyatt, Serena Hotels und DHL. Auch deutsche Unternehmen                 gehen dabei also nicht leer aus.<\/p>\n<p>Diese extrem konzernfreundlichen Rahmenbedingungen werden typisch                 neoliberal begr\u00fcndet: Sie seien notwendig, damit es \u00fcberhaupt                 zu Investitionen komme, dadurch komme es zu einem Wirtschaftswachstum,                 das wiederum helfen k\u00f6nne, die Armut zu reduzieren.<\/p>\n<p>Zwar ist es damit tats\u00e4chlich gelungen, in Afghanistan, auf Grundlage                 eines extrem niedrigen Ausgangsniveaus, ein gewisses Wirtschaftswachstum                 zu erzeugen, es fiel aber von vormals zweistelligen Werten auf                 gesch\u00e4tzte 8,4% im Jahr 2008. Dar\u00fcber hinaus speist sich dieses                 Wachstum nahezu vollst\u00e4ndig aus zwei Quellen: einmal der boomenden                 Drogen\u00f6konomie und zum anderen aus den westlichen &#8222;Hilfsgeldern&#8220;.                 Eine eigenst\u00e4ndige Wirtschaftst\u00e4tigkeit ist faktisch nicht existent.                 Noch schwerer wiegt, dass von diesem Wirtschaftswachstum &#8211; wie                 so h\u00e4ufig im Neoliberalismus &#8211; bei der Bev\u00f6lkerung nichts ankommt                 (s. u.).<\/p>\n<p>Dennoch unterzeichnete Pr\u00e4sident Hamid Karzai im April 2008 die                 in enger Zusammenarbeit mit der Weltbank erstellte und auf den                 ber\u00fcchtigten <i>Poverty<\/i> Reduction <i>Strategy Paper<\/i> (PRSP)                 basierende <i>Afghanistan National Development Strategy<\/i> (ANDS).                 Sie schreibt die bisherige &#8222;Wiederaufbaupolitik&#8220; mitsamt ihren                 neoliberalen Grundannahmen l\u00fcckenlos fort. &#8222;Die ANDS bleibt weiterhin                 der These vom liberalen Frieden verpflichtet, die das internationale                 Afghanistan-Engagement seit der Bonn-Vereinbarung vom Dezember                 2001 determiniert. Sie besagt, dass Demokratie und eine freie                 Marktwirtschaft den inneren politischen Frieden f\u00f6rdern&#8220;, schreibt                 Citha Mass, die Afghanistan-Expertin der <i>Stiftung Wissenschaft                 und Politik.<\/i><\/p>\n<h3>Afghanistan GmbH, Scheinhilfe und humanit\u00e4res Desaster<\/h3>\n<p>Als extrem profitabel hat sich auch das Wiederaufbauunwesen erwiesen.                 Denn die Geberl\u00e4nder achten tunlichst darauf, dass ihre Hilfsgelder                 wieder in die Taschen der eigenen Konzerne zur\u00fcckwandern. <\/p>\n<p>Obwohl afghanische Firmen die meisten Auftr\u00e4ge billiger und hochwertiger                 durchf\u00fchren k\u00f6nnten, sollen sich lieber westliche Konzerne eine                 goldene Nase verdienen. So kritisiert <i>Caritas International<\/i>                 die vorherrschende Vergabepraxis mit folgenden Worten: &#8222;Viel davon                 ist das Ergebnis &#8218;<i>gebundener Hilfe&#8216;,<\/i> bei der die Geldgeber                 ihre Unterst\u00fctzung an vertraglich vereinbarte Bedingungen kn\u00fcpfen,                 dass importierte Arbeitskr\u00e4fte und G\u00fcter genutzt werden m\u00fcssen,                 zumeist des jeweiligen Geber-Landes.&#8220;<\/p>\n<p>Sch\u00e4tzungen von Oxfam zufolge flie\u00dfen 40% der Hilfsgelder so                 direkt zur\u00fcck an die Konzerne der intervenierenden Staaten. <\/p>\n<p>Als &#8222;Afghanistan GmbH&#8220; bezeichnete eine Studie der afghanischen                 Politikwissenschaftlerin Fariba Nawa die interessengeleitete Wiederaufbaupraxis.               <\/p>\n<p>Wandert die Entwicklungshilfe nicht unmittelbar in die Taschen                 westlicher Konzerne, wird sie ggf. gleich vollkommen schn\u00f6rkellos                 im Rahmen der in Afghanistan praktizierten Zivil-milit\u00e4rischen                 Zusammenarbeit direkt zur Bek\u00e4mpfung des Widerstands verwendet.               <\/p>\n<p>So kritisierte <i>Caritas International<\/i> im Juni 2008, dass                 &#8222;die Aussch\u00fcttung der Hilfsgelder nicht an den tats\u00e4chlichen Hilfs-Bedarf                 gekoppelt ist, sondern sich vielmehr an der Aufstandsbek\u00e4mpfung                 orientiert&#8220;. <\/p>\n<p>Zu einem \u00e4hnlichen Schluss gelangt sogar die <i>Stiftung Wissenschaft                 und Politik<\/i>: &#8222;Die Verquickung staatlicher und nichtstaatlicher                 Ans\u00e4tze raubt der zivilen Hilfe zunehmend jene Eigenst\u00e4ndigkeit,                 die sie gerade ihrem nicht-staatlichen Charakter verdankt, und                 l\u00e4sst sie als Teil der politisch-milit\u00e4rischen Strategie der in                 Afghanistan pr\u00e4senten Staaten erscheinen.&#8220;<\/p>\n<p>Durch diese Entwicklungshilfe im Kampfanzug verlieren humanit\u00e4re                 Helfer ihre politische Neutralit\u00e4t. Sie werden in den Augen der                 afghanischen Bev\u00f6lkerung zu einem integralen Teil des Besatzungsregimes                 und damit zu Gegnern. <\/p>\n<p>Im Jahr 2004 wurden 24 MitarbeiterInnen von Hilfsorganisationen                 in Afghanistan ermordet, 2005 waren es 31 und 2006 insgesamt 26.               <\/p>\n<p>Die bewaffneten Angriffe auf zivile HelferInnen haben sich laut                 dem <i>Afghanistan NGO Safety Office<\/i> (ANSO) in den ersten                 drei Monaten 2008 gegen\u00fcber dem Vorjahreszeitraum verdoppelt.                 Ihnen fielen neun Menschen zum Opfer. <\/p>\n<p>Laut ANSO hat sich die Gef\u00e4hrdungslage in den letzten Jahren                 in s\u00e4mtlichen Bereichen deutlich vergr\u00f6\u00dfert und wird weiter zunehmen,                 was u.a. auf den zunehmenden Respektsverlust vor der politischen                 Neutralit\u00e4t von NGO-MitarbeiterInnen zur\u00fcckgef\u00fchrt wird. Aufgrund                 der immer kritischeren Sicherheitslage mussten sich mittlerweile                 zahlreiche humanit\u00e4re Organisationen aus Afghanistan zur\u00fcckziehen,                 <i>\u00c4rzte ohne Grenzen<\/i> bereits 2004, aber auch <i>Malteser                 International <\/i>oder die <i>Welthungerhilfe<\/i> &#8211; ein Armutszeugnis                 f\u00fcr den als humanit\u00e4r getarnten NATO-Krieg.<\/p>\n<p>Generell f\u00e4llt das schreiende Missverh\u00e4ltnis zwischen humanit\u00e4ren                 und milit\u00e4rischen Ausgaben auf. Allein die USA haben bislang f\u00fcr                 ihren Krieg in Afghanistan $172 Mrd. ausgegeben, Deutschland ca.                 $3.5 Mrd. Demgegen\u00fcber wurden von den seit 2001 zugesagten 25                 Mrd. US$ f\u00fcr Hilfeleistungen f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung bis M\u00e4rz 2008                 lediglich 15 Mrd. US$ bereitgestellt. Dar\u00fcber hinaus sind diese                 Zahlen mit \u00e4u\u00dferster Vorsicht zu genie\u00dfen, kaum etwas von diesem                 Geld flie\u00dft in Ma\u00dfnahmen zur unmittelbaren Armutsbek\u00e4mpfung. <\/p>\n<p>Dies h\u00e4ngt einmal mit der gebundenen Hilfe zusammen, aber auch                 damit, dass ein gro\u00dfer Teil der Entwicklungshilfe f\u00fcr Sicherheitsbelange                 regelrecht zweckentfremdet wird. <\/p>\n<p>So werden z.B. die deutschen Gelder f\u00fcr den Aufbau der afghanischen                 Polizei dem Einzelplan 23 (BMZ-Haushalt) entnommen &#8211; bis 2008                 etwa $135 Mio. Im Ergebnis gab die gesamte internationale Gemeinschaft                 zwischen 2002 und 2006 lediglich $433 Mio. Dollar f\u00fcr Gesundheits-                 und Ern\u00e4hrungsprogramme aus &#8211; allein die Kosten f\u00fcr die einj\u00e4hrige                 Verl\u00e4ngerung des deutschen ISAF-Einsatzes belaufen sich demgegen\u00fcber                 auf ca. $680 Mio. &#8211; Tendenz steigend. <\/p>\n<p>Die Folgen dieser neoliberalen &#8222;Wiederaufbaupolitik&#8220; sind verheerend:                 Laut neuestem UNDP-L\u00e4nderbericht hat sich die humanit\u00e4re Lage                 seit Beginn des NATO-Einsatzes sogar weiter verschlechtert: 61%                 der Bev\u00f6lkerung sind chronisch unterern\u00e4hrt, 68% verf\u00fcgen \u00fcber                 keinen Zugang zu Trinkwasser. <\/p>\n<h3>Guerillakrieg im Eigenbau<i><\/i><\/h3>\n<p>Vor dem Hintergrund der westlichen Kriegs- und Besatzungspraxis                 sehen immer gr\u00f6\u00dfere Teile der afghanischen Bev\u00f6lkerung in den                 westlichen Truppen keine Wohlt\u00e4ter, sondern Okkupanten. Unter                 den Paschtunen sprechen sich 70 bis 80 % und in der anderen Bev\u00f6lkerungsh\u00e4lfte                 ebenfalls \u00fcber 50 % gegen die Auslandspr\u00e4senz aus. <\/p>\n<p>Aus diesem Grund steigt auch der Anteil derjenigen, die bereit                 sind, sich gewaltsam gegen den &#8211; sicher nicht v\u00f6llig zu unrecht                 &#8211; zunehmend als ausbeuterisch wahrgenommenen Westen zur Wehr zu                 setzen. Einigen Umfragen zufolge bef\u00fcrworten mittlerweile \u00fcber                 50 % der afghanischen Bev\u00f6lkerung politisch motivierte Selbstmordattentate                 gegen die Besatzer. <\/p>\n<p>Dabei w\u00e4re es grob verk\u00fcrzt, den wachsenden Widerstand pauschal                 als ideologisch motiviert abzuqualifizieren &#8211; die Wirklichkeit                 ist komplexer. Auf der Basis umfassender Feldforschung kommt der                 <i>Senlis Council<\/i>, eine kanadische Denkfabrik,<i> <\/i>zu dem                 Ergebnis, der wachsende Widerstand h\u00e4nge elementar damit zusammen,                 dass sich die humanit\u00e4re Situation seit 2001 massiv verschlechtert                 habe. Der Widerstand setze sich aber nicht &#8211; wie hierzulande permanent                 suggeriert wird &#8211; aus religi\u00f6sen Fanatikern zusammen, sondern                 gr\u00f6\u00dftenteils aus &#8222;armutsgetriebenen &#8218;Graswurzelgruppen'&#8220;. Selbst                 die der US-Luftwaffe zuarbeitende <i>RAND Corporation<\/i> kommt                 zu dem Ergebnis, lediglich 20% der Aufst\u00e4ndischen seien ideologisch                 den Taliban zuzuordnen.<\/p>\n<h3>Fazit: Die Truppen raus &#8211; sofort!<\/h3>\n<p>Die gegenw\u00e4rtige Entwicklung l\u00e4sst nur den Schluss zu, dass ein                 Ausstieg aus der Eskalationsspirale durch einen sofortigen Truppenabzug                 dringend geboten ist. <\/p>\n<p>Stattdessen wird versucht, die Bev\u00f6lkerung von der Notwendigkeit                 dieses Einsatzes zu \u00fcberzeigen. &#8222;Gr\u00f6\u00dfere Bem\u00fchungen in den westlichen                 Hauptst\u00e4dten sind n\u00f6tig, um den eigenen Bev\u00f6lkerungen zu erkl\u00e4ren,                 dass man auf lange Sicht bleiben muss&#8220;, so die Forderung der renommierten                 <i>International Crisis Group<\/i>. <\/p>\n<p>Erfreulicherweise scheint die deutsche Bev\u00f6lkerung nicht bereit                 zu sein, dieser Kriegspropaganda auf den Leim zu gehen: Umfragen                 zufolge lehnen 86% Kampfeins\u00e4tze grunds\u00e4tzlich ab und 55% sprechen                 sich f\u00fcr einen schnellstm\u00f6glichen Truppenabzug aus. Nun gilt es,                 diese &#8222;demoskopische Friedensbewegung&#8220; (Laura von Wimmersperg)                 sichtbar zu machen und so Druck auf die Bundesregierung auszu\u00fcben,                 von ihrer fatalen Politik Abstand zu nehmen. <\/p>\n<p>Die gut besuchten Demonstrationen gegen den Afghanistan-Einsatz                 am 20. September (vgl. GWR 332) waren hierf\u00fcr ein erster wichtiger                 Schritt. Sie bildeten den Auftakt f\u00fcr die Mobilisierung zu gro\u00df                 angelegten Protesten gegen den NATO-Gipfel im April 2009, bei                 dem die Allianz in Kehl und Stra\u00dfburg ihren 60. Geburtstag zelebrieren                 will.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Memo sagt manchmal mehr als tausend Worte Anfang Oktober 2008 wurde der Presse ein vertraulicher Bericht des britischen Botschafters in Afghanistan, Sherard Cowper-Coles, zugespielt, der die ganze Misere des dortigen NATO-Einsatzes auf den Punkt bringt: &#8222;Die gegenw\u00e4rtige Lage ist schlecht. Die Sicherheitslage wird schlimmer. Ebenso die Korruption, die Regierung hat jegliches Vertrauen verspielt. [&#8230;] &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/11\/prototyp-afghanistan\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Prototyp Afghanistan - graswurzelrevolution","description":"Ein Memo sagt manchmal mehr als tausend Worte Anfang Oktober 2008 wurde der Presse ein vertraulicher Bericht des britischen Botschafters in Afghanistan, Sherard"},"footnotes":""},"categories":[525,1025],"tags":[],"class_list":["post-9006","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-333-november-2008","category-die-waffen-nieder"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9006","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9006"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9006\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9006"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9006"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9006"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}