{"id":9062,"date":"2008-12-01T00:00:46","date_gmt":"2008-11-30T22:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9062"},"modified":"2022-07-26T14:24:12","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:12","slug":"der-afrikanische-weltkrieg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/12\/der-afrikanische-weltkrieg\/","title":{"rendered":"Der afrikanische Weltkrieg"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcber die Bodensch\u00e4tze der DR Kongo (Kautschuk, Kupfer, Diamanten, Gold, Kobalt, Zinn, Coltan) sowie die damit verbundenen Interessen der n\u00f6rdlichen Industrienationen sowie u.a. auch deutscher Profiteure (z.B. die Bayer-Tochter &#8222;H.C. Starck&#8220;, Weltmarktf\u00fchrer bei der Coltan\/Tantalit-Weiterverarbeitung f\u00fcr Spielkonsolen und Handys) wurde in der GWR bereits berichtet. ((1)) Ohne diese Dimension vernachl\u00e4ssigen zu wollen, konzentriere ich mich hier auf die innerafrikanischen Kriegsakteure und ihre bewaffnete Politik. Daraus entsteht St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck das Bild eines &#8222;afrikanischen Weltkrieges&#8220;, wie es Dominic Johnson in seinem informativen neuen Buch \u00fcber die Kriege in der DR Kongo ((2)) beschreibt.<\/p>\n<p>Die Ma\u00dfst\u00e4be f\u00fcr die kongolesischen Kriege hat die Kolonialmacht Belgien geliefert, dessen K\u00f6nig 1884 das riesige Gebiet (so gro\u00df wie Europa, heute ca. 60 Millionen BewohnerInnen) am Kartentisch der Berliner Kongo-Konferenz zugesprochen bekam. Der Nationalstaat Kongo war ein Konstrukt und umfasste zig Bev\u00f6lkerungsgruppen, die zum damaligen Zeitpunkt meist nichts voneinander wussten.<\/p>\n<p>Belgien hat die traditionellen Sozialgef\u00fcge zynisch \u00fcbergangen &#8211; sie galten als &#8222;primitiv und geschichtslos&#8220; &#8211; und zum Teil sogar neue Ethnien am Rei\u00dfbrett geschaffen.<\/p>\n<p>Die Rohstoffausbeutung vollzog sich im wesentlichen per Zwangsarbeit, die Bev\u00f6lkerung war rechtlos wie sonst nur in der spanischen Kolonisation. Die St\u00e4dte waren rigoros segregiert, Einheimische blieben ohne Pass und durften ihren Heimatkreis nicht l\u00e4nger als drei\u00dfig Tage verlassen &#8211; Zust\u00e4nde wie im S\u00fcdafrika um 1900. Bis heute werden Reisende innerhalb des Kongo an den Provinzgrenzen kontrolliert.<\/p>\n<p>&#8222;Der sp\u00e4tere Unabh\u00e4ngigkeitsk\u00e4mpfer Patrice Lumumba beschrieb einmal, wie er aus L\u00e9poldville (Kinshasa) per Boot \u00fcber den Kongo-Fluss nach Brazzaville reiste, die Hauptstadt von Franz\u00f6sisch-\u00c4quatorialafrika, und das ungewohnte Gef\u00fchl erlebte, sich in ein europ\u00e4isches Caf\u00e9 zu setzen und bedient zu werden, mit einem Croissant und einem Glas Wasser.&#8220; ((3))<\/p>\n<p>Zur Ausbeutung baute Belgien rund 300 Handelsstationen im Kongo-Flussbecken und ein Stra\u00dfensystem, von dem heute kaum noch etwas \u00fcbrig ist. Bildung wurde christlichen Missionaren \u00fcberlassen: &#8222;Kongo verlor Sch\u00e4tzungen zufolge zwischen 1880 und 1920 die H\u00e4lfte seiner 20 Millionen Einwohner. (&#8230;) Bei der Unabh\u00e4ngigkeit 1960 gab es unter der einheimischen Bev\u00f6lkerung keinen einzigen Arzt und nur 16 Tr\u00e4ger eines Universit\u00e4tsdiploms &#8211; aber 600 Priester.&#8220; ((4))<\/p>\n<p>Aus dieser christlichen Sozialisation nach europ\u00e4ischen Vorgaben, den sogenannten <em>\u00e9volu\u00e8s<\/em>, kamen die meisten Vertreter der kongolesischen Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung (1958-60).<\/p>\n<h3>Der Mythos Lumumba<\/h3>\n<p>Als Hoffnungstr\u00e4ger aller emanzipatorischen Bewegungen des nachkolonialen Kongo gilt Patrice Lumumba (1925-1961), erster Premierminister, der legend\u00e4r wurde, als er bei der Unabh\u00e4ngigkeitszeremonie am 30.6.1960 entgegen der Etikette gegen\u00fcber dem anwesenden belgischen K\u00f6nig den allt\u00e4glichen Rassismus der Kolonialisten anprangerte. Doch Lumumba ist leider ein Mythos. Er spielte die Ethnisierung der belgischen Kolonialpolitik verbunden mit milit\u00e4rischer Repression unter antikolonialem Vorzeichen weiter. Er stammte aus der Gruppe der Tetela.<\/p>\n<p>&#8222;Die Tetela im Osten, die erst mit den arabischen Sklavenh\u00e4ndlern des Sansibarers Tippu Tip und dann mit den belgischen Eroberern eine entscheidende Rolle beim Sieg der Kolonialisten Ende des 19. Jahrhunderts gespielt hatten, waren (&#8230;) eine Schl\u00fcsselgruppe. Patrice Lumumba, der Unabh\u00e4ngigkeitsheld, war ein Mutetela, und seine Partei <em>MNC (Mouvement National Congolais)<\/em> rekrutierte ihre K\u00e4mpfer, nachdem sie in den Untergrund ging, vor allem aus dieser Ethnie. (&#8230;) So stand Lumumbas MNC paradoxerweise in der Tradition der Anf\u00e4nge der verhassten Kolonialarmee <em>Force Publique<\/em>, die ebenfalls zun\u00e4chst aus Tetela-S\u00f6ldnern bestand. Dies zeigte sich schon vor der Unabh\u00e4ngigkeit. 1959 spaltete sich die MNC: Die MNC-<em>Lumumba <\/em>(MNC-L) l\u00f6ste sich von der Restpartei, die als MNC-<em>Kalonji <\/em>(MNC-K) bekannt wurde. Weil Albert Kalonji zum Volk der Luba aus Kasai (Diamanten-Provinz; d.A.) geh\u00f6rte, warb Lumumba erfolgreich um die erbittertsten Rivalen dieser Volksgruppe, die Lulua (&#8230;). Mit MNC-L-Unterst\u00fctzung gab es blutige Pogrome der Lulua gegen die Luba; \u00fcber eine Million Luba mussten das Gebiet verlassen, noch vor Kongos Unabh\u00e4ngigkeit. Es ist also kein Wunder, dass sich die Luba Kasais unter Kalonji kurz nach Kongos Unabh\u00e4ngigkeit selbst f\u00fcr unabh\u00e4ngig erkl\u00e4rten (ebenso wie das Kupfer-Kobalt-Gebiet in Katanga; jenes allerdings st\u00e4rker mit belgischen S\u00f6ldnern durchsetzt; d.A.); sie wollten von Premierminister Lumumba nichts wissen. Der schickte sofort Truppen nach Kasai, unterst\u00fctzt von der sowjetischen Luftwaffe, und k\u00e4mpfte die Sezession in einer Art nieder, die ihm von UN-Generalsekret\u00e4r Dag Hammarskj\u00f6ld den Vorwurf des V\u00f6lkermords eintrug. Und es waren Luba in Kasai, die bei Lumumbas Flucht aus dem Hausarrest in Leopoldville Ende 1960 der Armee die Hinweise gaben, die zu seiner Verhaftung und damit zu seiner Ermordung f\u00fchrten.&#8220; ((5))<\/p>\n<p>Was folgte, waren f\u00fcnf Jahre B\u00fcrgerkrieg, bis General Mobutu alle noch aufst\u00e4ndischen lumumbistischen und anderen Organisationen niedergeworfen und dann geputscht hatte. Doch schon Lumumba hatte es sich durch seine Kriegspolitik zur Durchsetzung des neuen Nationalstaates bei einigen Bev\u00f6lkerungsgruppen verscherzt und kannte nur bewaffnete Politik als Mittel des Einheitsstaates. Das hat sich bis heute bei allen lumumbistischen Milizen fortgesetzt, intensiviert und so verselbst\u00e4ndigt, dass eine erkl\u00e4rte lumumbistische Orientierung nichts mehr \u00fcber emanzipatorische Inhalte aussagt.<\/p>\n<h3>Diktatur Mobutu: Keine Alternative zum Krieg<\/h3>\n<p>Dem ersten B\u00fcrgerkrieg des unabh\u00e4ngigen Kongo 1960-1965 setzte der Putsch Mobutus 1965 ein Ende. Anfangs wurde Mobutu bejubelt. Die Menschen, gezeichnet von f\u00fcnf Jahren Krieg und Flucht, erhofften sich Frieden durch einen starken Staat. Mobutu verstaatlichte den Bergbau, setzte den Einparteienstaat durch.<\/p>\n<p>1969 schlug seine Armee einen studentischen Aufstand nieder. Es wurde gefoltert, eine Vielzahl an Geheimdiensten und milit\u00e4rischen Organisationen entstand.<\/p>\n<p>1971 wurde der Kongo in Zaire umbenannt; Mobutu verk\u00fcndete eine Ideologie der &#8222;Authentizit\u00e4t&#8220; und verpasste sich und allen B\u00fcrgerInnen per Dekret afrikanische Namen. Seine Staatswirtschaft florierte bis 1974, als nach dem ersten \u00d6lschock die Exportpreise f\u00fcr Kupfer und Kobalt einbrachen. Nun setzte er auf Korruption und finanzierte mit den Staatseinnahmen nur noch die eigene politische Klasse und famili\u00e4re Entourage. Das koloniale Stra\u00dfensystem verfiel; in den 1980er Jahren wurde nichts mehr in die Infrastruktur investiert. Mobutu herrschte von der Luft aus, durch regionale Flugh\u00e4fen. Mobutu vergab private Konzessionen seiner Staatsbetriebe, gegen Pfr\u00fcnde versteht sich &#8211; und wurde in den 1980er Jahren zum Verb\u00fcndeten des Westens, der USA und S\u00fcdafrikas. Nach einigen Jahren des Aufschwungs zeigte sich also, dass die Diktatur f\u00fcr die Menschen keine Alternative zum Krieg darstellt.<\/p>\n<h3>Ruanda und der Siegeszug Laurent-D\u00e9sir\u00e9 Kabilas 1996\/97<\/h3>\n<p>Als die Diktatur Mobutus in Zaire immer mehr verfiel, geschah der V\u00f6lkermord in Ruanda. Die Geschichte der Ostprovinzen Kongos, in denen heute wieder B\u00fcrgerkrieg tobt, ist die Geschichte einer Migration von Bev\u00f6lkerungsgruppen aus dem heutigen Ruanda und aus Uganda. Das Gebiet um Afrikas gro\u00dfe Seen geh\u00f6rte urspr\u00fcnglich zusammen und war ein &#8211; allerdings kriegerisches &#8211; traditionelles und dicht bev\u00f6lkertes K\u00f6nigreich, das die koloniale Grenzziehung pl\u00f6tzlich trennte. Ruanda geh\u00f6rte kurzzeitig zu &#8222;Deutsch-Ostafrika&#8220;, bevor es Belgien \u00fcbernahm.<\/p>\n<p>Hutu und Tutsi sind gar keine &#8222;Ethnien&#8220;, sie waren St\u00e4nde im ruandischen K\u00f6nigreich (Tutsi m\u00e4chtige Viehz\u00fcchter, sie stellten auch K\u00f6nig und Hofstaat; Hutu Ackerbauern\/b\u00e4uerinnen) und wurden dann von der belgischen Kolonialmacht zwischen 1926 und 1931 in Rassen umdefiniert, wie das im Kongo bereits \u00fcblich war. 1959 st\u00fcrzten die Hutu das Tutsi-K\u00f6nigreich, unterst\u00fctzt von Belgien. &#8222;Diese sogenannte \u201asoziale Revolution&#8216; war das Werk einer Gruppe von Hutu-Intellektuellen, die in der Missionierung durch die katholische Kirche zu Bildung gefunden hatte.&#8220; ((6))<\/p>\n<p>Die Tutsi-Opposition schaffte nun das Kunstst\u00fcck, gleichzeitig monarchistisch, anti-belgisch und pro-lumumbistisch zu sein. Viele Tutsi flohen in die Kivu-Provinzen des Kongo.<\/p>\n<p>Ende der 1980er Jahre wollten die Exiltutsi nach Ruanda zur\u00fcckkehren. Als Verhandlungen scheiterten, nahm von Uganda aus 1990 eine <em>RPF (Rwandan Patriotic Front)<\/em> den Guerillakrieg auf. Wie der englische Name zeigt, spielte nun auch die Sprachgrenze zwischen frankophonem und anglophonem Afrika eine Rolle. Wes&#8216; Sprache ich sprech&#8216;, dessen Vertr\u00e4ge liegen mir n\u00e4her &#8211; so kann das Eingreifen Frankreichs auf Seiten der Hutu-Regierung Ruandas im ruandischen B\u00fcrgerkrieg 1990-1994 definiert werden.<\/p>\n<p>Frankreich r\u00fcstete das Regime massiv auf und bildete die sp\u00e4teren V\u00f6lkerm\u00f6rder an den Tutsi milit\u00e4risch aus. Noch w\u00e4hrend des V\u00f6lkermords (von April bis Juni 1994 wurden ca. 800.000 Tutsi abgeschlachtet) lieferte Paris Waffen an die ruandische Hutu-Armee \u00fcber den Flughafen Gomas.<\/p>\n<p>Die Hutu-Bev\u00f6lkerung fl\u00fcchtete wiederum nach Einzug der RPF im Juli in Kigali\/Ruanda nach Kivu\/Zaire, rund 1,25 Millionen nach UN-Angaben. Nun ereignete sich allerdings ein Bankrott ganz anderer Art, das Versagen aller internationalen Hilfsorganisationen n\u00e4mlich.<\/p>\n<p>Sie lie\u00dfen es zu, dass sich die mitgeflohenen V\u00f6lkermord-Milizen (die &#8222;Interahamwe&#8220;) der Hutu in den Fl\u00fcchtlingscamps reorganisieren konnten, von den Hilfslieferungen profitierten, sich gleichzeitig hochr\u00fcsteten und Anti-Tutsi-Rassismus propagierten. Der sofortige Boykott und notfalls Abzug aller Hilfsorganisationen aus Protest w\u00e4re die einzige M\u00f6glichkeit gewesen, diese Praktiken an den Pranger zu stellen. Doch dazu waren sie nicht willens. Darum muss den internationalen HelferInnen eine Mitschuld an der Fortsetzung des Krieges attestiert werden.<\/p>\n<p>Auf der Suche nach den T\u00e4tern \u00fcberschritt Ruandas Tutsi-Milit\u00e4r die Grenze und griff die Fl\u00fcchtlingslager an. &#8222;Zur\u00fcckkehrende zairische Tutsi begingen nach der Eroberung Gomas und Bukavus gezielte T\u00f6tungen und Racheakte, vor allem an Hutu. (&#8230;) Aus Bukavu und den umliegenden Fl\u00fcchtlingslagern entwickelte sich eine Massenflucht in den Wald, die hunderttausende Menschen Hunderte von Kilometern tief ins Land trieb.&#8220; ((7))<\/p>\n<p>Ausgehend vom Vormarsch der ruandischen und ugandischen Armee entstand in der DR Kongo die Rebellenkoalition <em>AFDL (Alliance des Forces D\u00e9mocratiques pour la Lib\u00e9ration du Congo)<\/em> mit ihrem Guerillaf\u00fchrer Laurent-D\u00e9sir\u00e9 Kabila, einem fr\u00fcheren Lumumba-Anh\u00e4nger.<\/p>\n<p>Sie besiegte das sieche Mobutu-Regime in Kinshasa binnen sieben Monaten (1996\/97), unterst\u00fctzt von immer mehr Verb\u00fcndeten, von Simbabwe \u00fcber die s\u00fcdsudanesische Rebellenbewegung bis hin zu Angola.<\/p>\n<h3>Die Kehrtwende Kabilas und der afrikanische Weltkrieg 1998-2002<\/h3>\n<p>Die AFDL war die letzte sich noch auf emanzipatorische Ideen berufende Bewegung in der DR Kongo und ihr Einzug in Kinshasa im Mai 1997 wurde noch bejubelt.<\/p>\n<p>Kabila hat aber sogenannte <em>kadogos<\/em> (Kindersoldaten) eingesetzt, was ihm dann schnell alle Guerillas nachmachten.<\/p>\n<p>Nach dem AFDL-Siegeszug lohnt nicht einmal mehr die Nennung der Namensz\u00fcge der verschiedenen Truppen und Guerillas in Kongos B\u00fcrgerkrieg, sie k\u00f6nnten sich alle auch gleich <em>Vereinigung zur Abschlachtung feindlicher Ethnien (VAE) <\/em>betiteln.<\/p>\n<p>Kabila entt\u00e4uschte die Massen und wurde zum neuen Diktator. Wohl selten vorher hat ein Regime so schnell alle Hoffnungen zerst\u00f6rt. &#8222;Das Kabila-Regime war ein Willk\u00fcrregime, ohne einklagbare Regeln und ohne Einflussm\u00f6glichkeiten auf politische Entscheidungen.&#8220; ((8))<\/p>\n<p>Kabila war in Kinshasa unbeliebt, weil er kein Lingala, die multiethnische Sprache des West-Kongo, sprach, sondern nur Swahili, die Sprache des Ostens. Seine Milit\u00e4rs sprachen kein Franz\u00f6sisch, was den WestkongolesInnen bewies, dass sie aus dem englischsprachigen Ausland stammten.<\/p>\n<p>Bald machte Kabila eine ideologische Kehrtwende, setzte seinen ruandischen Armeechef ab, verwies alle ruandischen Soldaten des Landes und verb\u00fcndete sich mit den verbliebenen Hutu-Milizen und lokal-ethnischen Mai-Mai-Milizen im Ostkongo gegen Ruanda.<\/p>\n<p>Seither gilt Kabila in Ruanda als Verr\u00e4ter und der B\u00fcrgerkrieg in der DR Kongo flammte erneut auf, brutaler als je zuvor.<\/p>\n<p>An Hunger und Krankheiten infolge dieses Hauptkrieges und zahlreicher Nebenkriege starben in dieser Zeit (1998-2002) bis zu drei Millionen Menschen.<\/p>\n<p>Am 16.1.2001 wurde Laurent-D\u00e9sir\u00e9 Kabila in seinem B\u00fcro in Kinshasa mitten im Gespr\u00e4ch erschossen, von wem, wei\u00df niemand. Am 26.1. f\u00fchrte sein Sohn, Joseph Kabila, die Regierungsgesch\u00e4fte bruchlos weiter.<\/p>\n<p>Ein kurioser B\u00fcndnispartner Kabilas waren von nun an lokale Milizen einer kriegerischen Tradition in Ostkongo, die &#8222;Mai-Mai&#8220;, die bis zum Mai-Mai-Aufstand 1905-07 in &#8222;Deutsch-Ostafrika&#8220;\/Tansania zur\u00fcckreichen. Ihre kriegerische Tradition wurde auf fatale Weise mit moderner Kriegsf\u00fchrung konfrontiert und verselbst\u00e4ndigte sich dann. Ihre Ideologie geht auf einen traditionellen Wunderheiler, &#8222;Doktor Kanyanga&#8220;, zur\u00fcck, der die Behauptung aufstellte, moderne Gewehrkugeln w\u00fcrden von mit seinem heiligen Wasser geweihten K\u00e4mpfern wie Wasser (&#8222;Mai&#8220; hei\u00dft Wasser) abtropfen, wenn sie strikte Regeln (z.B. sich nicht waschen, um den Zauberschutz nicht zu verlieren) einhielten. Durch die Brutalisierung des B\u00fcrgerkrieges wurden die Regeln angepasst: &#8222;So sollten sich K\u00e4mpfer nicht waschen, aber sie sollten Frauen vergewaltigen.&#8220; ((9)) Durch den Selbstbeschuldigungskomplex der Mai-Mai-Ideologie wurde der B\u00fcrgerkrieg verl\u00e4ngert, denn wenn ein Mai-Mai-K\u00e4mpfer getroffen wurde, war er eben selbst schuld (und nicht die bewaffnete Politik), weil er die Regeln nicht befolgt hatte.<\/p>\n<p>Seit dem Krieg 1998-2002 wird von &#8222;Afrikas Erstem Weltkrieg&#8220; gesprochen, weil sich hier das s\u00fcdliche Afrika und das \u00f6stliche Afrika gegen\u00fcberstanden, mit dem Kongo als Schlachtfeld. Kabila hatte Angola, Sambia, Simbabwe, Namibia und Tansania um Hilfe gebeten; Frankreich und frankophone L\u00e4nder wie Tschad und die Zentralafrikanische Republik unterst\u00fctzten Kabila ebenfalls. Milit\u00e4risch waren besonders Angola und Simbabwe in der DR Kongo aktiv. Auf der anderen Seite standen Ruanda, Uganda, die UNITA-Rebellen Angolas, s\u00fcdsudanesische Rebellen und die ostkongolesische, heterogene Rebellenfront <em>RCD (Rassemblement Congolaise pour la D\u00e9mocratie)<\/em>, die beanspruchte, die kongolesischen Tutsi zu sch\u00fctzen.<\/p>\n<p>Das alles m\u00fcndete 2003 in einen angeblichen Friedensschluss mit einer gemischten \u00dcbergangsregierung und integrierten Armee, begleitet von neuen K\u00e4mpfen in Ostkongo, bis zu den kongolesischen Wahlen von 2006 zwischen Joseph Kabila und dem Rebellenpolitiker Jean-Pierre Bemba unter UN-Aufsicht. Die Wahlen wurden zur neuen Hoffnung f\u00fcr die Menschen auf Beendigung des B\u00fcrgerkriegs. Die W\u00e4hlerregistrierung war ein hochtechnisiertes Verfahren, bei dem die Menschen erstmals einen computerisierten kongolesischen Pass bekamen. Innerhalb eines Jahres wurden 25 Millionen W\u00e4hlerInnen registriert. Davon w\u00e4hlten 62 Prozent 2006 in zwei Wahlg\u00e4ngen Kabila, der bezeichnender Weise im Osten, wo sein Staat kaum einmal regiert hatte, absahnte, w\u00e4hrend in Kinshasa und im Westen Bemba siegte.<\/p>\n<h3>Die betrogene Hoffnung auf Demokratie, Nkunda und der neue Krieg im Ostkongo<\/h3>\n<p>2006 beteiligte sich auch die Bundeswehr an der UN-Sicherung der Wahlen in der DR Kongo. Joseph Kabila hat den Wahlsieg, den Bemba anerkannt hat, nur dazu benutzt, Bemba und seine Miliz milit\u00e4risch zu vernichten, was 2007 zu den bisher schlimmsten Massakern in Kinshasa (338 Tote) gef\u00fchrt hat. Bembas Leibgarde floh schlie\u00dflich \u00fcber den Fluss nach Brazzaville. Joseph Kabila hatte die Wahlen zur Machtkonsolidierung benutzt. Das kommt davon, wenn die Warlords mit internationaler Anerkennung Staatschefs werden.<\/p>\n<p>Die Rebellenkoalition RCD war von vielen Spaltungen gekennzeichnet, u.a. bekriegten sich zeitweise auch die beiden verb\u00fcndeten Armeen Ruandas und Ugandas um die nordkongolesische Stadt Kisangani.<\/p>\n<p>RCD-Rebellen-General Laurent Nkunda hatte zun\u00e4chst zusammen mit Ruandas Paul Kagame in Ruanda die Macht \u00fcbernommen und sich dann an Laurent-D\u00e9sir\u00e9 Kabilas Feldzug gegen Mobutu beteiligt. Er wollte 2003 eigentlich der \u00dcbergangsregierung in Kinshasa beitreten, blieb aber in Goma und Bukavo, weil er sich in Kinshasa nicht sicher f\u00fchlte (Kabila hatte gerade zwei RCD-Gener\u00e4le aus der \u00dcbergangsregierung rausgeworfen). Nkundas ca. 4.000 -Mann starke Miliz wendete sich schnell gegen Kabila, weil dieser die Hutu-Milizen nicht oder nur z\u00f6gernd aufl\u00f6ste. 2006 gr\u00fcndete Nkunda die <em>CNDP (Congr\u00e8s National pour la D\u00e9fense du Peuple)<\/em>. Er operierte von den Masisi-Bergen westlich von Goma aus, im B\u00fcndnis mit Ruandas Pr\u00e4sident Kagame. In den K\u00e4mpfen gegen die Kabila-Armee war Nkunda \u00fcberlegen, weil seine Truppen die Region Kivu kannten, w\u00e4hrend in der Armee Kabilas Soldaten aus anderen Landesteilen nach Kivu verfrachtet wurden. Nkunda ist ein kriegerischer evangelischer Erweckungsprediger und tr\u00e4gt einen Button &#8222;Rebellen f\u00fcr Christus&#8220;.<\/p>\n<p>In Kisangani hatte er die ruandischen Truppen bei der Vertreibung der Ugander unterst\u00fctzt und sich den Namen &#8222;Schl\u00e4chter von Kisangani&#8220; eingehandelt. ((10))<\/p>\n<p>Die j\u00fcngste Trag\u00f6die mit Krieg und Massenflucht begann mit einem Angriff von Mai-Mai-Milizen auf die Tutsi-Minderheit von Kiwanja in Nord-Kivu, wo sie 60 Menschen ermordeten. Nkundas Miliz schlug zur\u00fcck, vertrieb die Hutu-Mehrheit von ca. 35.000 BewohnerInnen aus Kiwanja und r\u00fcckte dann auf Goma vor. ((11))<\/p>\n<p>Das l\u00f6ste wiederum eine Massenflucht aus, die dann kurzzeitig die Aufmerksamkeit der Welt\u00f6ffentlichkeit auf den kongolesischen B\u00fcrgerkrieg lenkte. Fl\u00fcchtlinge berichteten von Morden und Gr\u00e4ueltaten der Nkunda-Milizen, weil diese Hutu-ZivilistInnen generell verd\u00e4chtigten, mit den ruandischen Hutu-V\u00f6lkerm\u00f6rdern zu kooperieren.<\/p>\n<p>\u00dcberhaupt ist die Unterscheidung zwischen Kriegern und Zivilgesellschaft schwierig. Viele zivile Bev\u00f6lkerungsgruppen erkl\u00e4rten bereits lokale Mai-Mai-Milizen zu ihren Selbstverteidigungskr\u00e4ften &#8211; so sehr &#8222;zivil&#8220; ist also das Bewusstsein der Zivilbev\u00f6lkerung nicht.<\/p>\n<p>Aktuell droht Joseph Kabila, im Gegenzug die angolanische Armee nach Kivu zu Hilfe zu rufen, weil seine eigene Truppe schlecht ausger\u00fcstet ist, sich durch Raub der Bev\u00f6lkerung ern\u00e4hrt und bei K\u00e4mpfen in Scharen davonl\u00e4uft. Eine neue Runde des afrikanischen Weltkrieges ist also m\u00f6glich. ((12))<\/p>\n<p>Solange es um Einflusssph\u00e4ren und Nutzungsrechte in dieser rohstoffreichen Region geht; solange Hutu und Tutsi eng aufeinander in bev\u00f6lkerungsreichem Gebiet bei gleichzeitiger hasserf\u00fcllter Propaganda der Ethnisierung leben; und solange eine kongolesische Kriegertradition sich immer wieder selbst (und nicht dem Militarismus und der Gewalt) die Schuld gibt, wenn Menschen sterben und &#8222;heiliges Wasser&#8220; Gewehrkugeln durchl\u00e4sst, wird die bewaffnete Politik in der DR Kongo weitergehen. Einziger Hoffnungsfunke ist die enorme F\u00e4higkeit der armen und hungernden Massen, in diesen Kriegszeiten (mehr schlecht als recht) f\u00fcr ihr \u00dcberleben zu sorgen; z.B. durch das selbstorganisierte Sch\u00fcrfen von Gold und Diamanten, wodurch Konzernen und der Schmuggelmafia ein klein wenig von dem entwendet wird, was eigentlich sowieso der Bev\u00f6lkerung geh\u00f6ren sollte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcber die Bodensch\u00e4tze der DR Kongo (Kautschuk, Kupfer, Diamanten, Gold, Kobalt, Zinn, Coltan) sowie die damit verbundenen Interessen der n\u00f6rdlichen Industrienationen sowie u.a. auch deutscher Profiteure (z.B. die Bayer-Tochter &#8222;H.C. Starck&#8220;, Weltmarktf\u00fchrer bei der Coltan\/Tantalit-Weiterverarbeitung f\u00fcr Spielkonsolen und Handys) wurde in der GWR bereits berichtet. ((1)) Ohne diese Dimension vernachl\u00e4ssigen zu wollen, konzentriere ich mich &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/12\/der-afrikanische-weltkrieg\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Der afrikanische Weltkrieg - graswurzelrevolution","description":"\u00dcber die Bodensch\u00e4tze der DR Kongo (Kautschuk, Kupfer, Diamanten, Gold, Kobalt, Zinn, Coltan) sowie die damit verbundenen Interessen der n\u00f6rdlichen Industrienat"},"footnotes":""},"categories":[7,1025],"tags":[],"class_list":["post-9062","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-334-dezember-2008","category-die-waffen-nieder"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9062","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9062"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9062\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9062"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9062"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9062"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}