{"id":9064,"date":"2008-12-01T00:00:45","date_gmt":"2008-11-30T22:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9064"},"modified":"2022-07-26T13:18:08","modified_gmt":"2022-07-26T11:18:08","slug":"lugen-desinformation-zusammenbruch-und-revolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/12\/lugen-desinformation-zusammenbruch-und-revolution\/","title":{"rendered":"L\u00fcgen, Desinformation, Zusammenbruch &#8211; und Revolution?"},"content":{"rendered":"<p>Wo wir heute mit Hintergrund-Erkl\u00e4rungen zu US-Immobilien, Swaps, CDOs, Leitzinsen, Wechselkursen regelrecht zugesch\u00fcttet werden, genau dort war vor geraumer Zeit noch Schweigen im Walde, wenn es um bevorstehende Gefahren h\u00e4tte gehen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Und nach dem Schweigen kamen aufgeh\u00fcbschte Erfolgsmeldungen und Durchhalteparolen.<\/p>\n<p>Das Ausma\u00df an Desinformation ist ein wichtiger Bestandteil der derzeit abrollenden Ersch\u00fctterung. Wir leben in einem Zeitalter, das uns mit einer Vielzahl von Medien umh\u00fcllt, die von einer fast un\u00fcberschaubaren Menge an Anbietern best\u00fcckt werden. Informationen zirkulieren mit Lichtgeschwindigkeit um den Globus.<\/p>\n<p>Theoretisch. Praktisch hat sich der Grad der Verdummung und Uninformiertheit im Vergleich zum Jahr 1908 vermutlich nicht gro\u00dfartig ge\u00e4ndert.<\/p>\n<h3>Die Realwirtschaft an meinem Tresen<\/h3>\n<p>Die m\u00f6gliche Dimension der Krise wurde bis vor kurzem nur in linksmarxistischen Kreisen, wie etwa der syndikalistischen Zeitschrift <em>Wildcat<\/em>, an die Wand gemalt; auf Seiten des Kapitals musste man sich die Informationen bruchst\u00fcckhaft zusammen setzen, etwa aus Artikeln der <em>Frankfurter Allgemeinen<\/em>, des <em>Handelsblatts<\/em>, der <em>Financial Times<\/em> und anderen.<\/p>\n<p>Ein Bekannter, der in K\u00f6ln einen mittelst\u00e4ndischen Maschinenbaubetrieb mit 12 Angestellten leitet und in meiner Stammkneipe verkehrt, erz\u00e4hlte mir bereits im Sommer 2007, dass er in die USA gereist sei, um dort seine Rentenfonds und sonstige Anlagen unverz\u00fcglich aufzul\u00f6sen. Er rechne mit einem baldigen Zusammenbruch der US-Wirtschaft. Wohlgemerkt zu einem Zeitpunkt, als die Medien-Herde noch das immer gleiche Lied von Wachstum und Konjunktur bl\u00f6kte. Heute hat er seine Firma in eine Gesellschaft mit beschr\u00e4nkter Haftung umgewandelt, damit es im Falle einer Pleite nicht ihm und seiner Familie an den Kragen geht.<\/p>\n<p>Noch seien seine Auftragsb\u00fccher passabel gef\u00fcllt, die entscheidende Phase k\u00e4me im Mai 2009. Er hat seine Informationen haupts\u00e4chlich aus Gespr\u00e4chen mit den Abnehmern seiner Maschinen, zu denen gro\u00dfe Zulieferer der Automobil- und Pharma-Industrie geh\u00f6ren.<\/p>\n<p>Interessant ist doch folgendes: Ich erfahre in meiner Stammkneipe in K\u00f6ln-Ehrenfeld durch Gespr\u00e4che mit einerseits einem Links-Marxisten, der sich seit Jahrzehnten mit globaler \u00d6konomie besch\u00e4ftigt, und andererseits einem sozialdemokratisch gepr\u00e4gten Unternehmer, der innerhalb dieser globalen \u00d6konomie agiert, mehr \u00fcber die Weltwirtschaft, als durch meine t\u00e4gliche Lekt\u00fcre der <em>S\u00fcddeutschen<\/em> und <em>Frankfurter Allgemeinen Zeitung<\/em> zusammen kommt. Und was ich am Tresen in Erfahrung bringe, finde ich mit erschreckend gro\u00dfer Verz\u00f6gerung in genannten Bl\u00e4ttern. N\u00e4mlich dann, wenn es schon die Spatzen von den D\u00e4chern pfeifen.<\/p>\n<h3>Aktienm\u00e4rkte und Informationsfluss<\/h3>\n<p>Was ich sagen will: Leute, wir werden hier vollkommen verarscht!<\/p>\n<p>Das geschieht einerseits aus der strukturellen Dummheit eines v\u00f6llig verrotteten Systems. Diese speist sich etwa aus Betriebsblindheit, Angst vor der Wahrheit, Denksperren, Glauben an die eigenen L\u00fcgen (Autosuggestion). Andererseits aber &#8211; kluge K\u00f6pfe gibt es durchaus auf der Kapital-Seite &#8211; wird dieses Dummhalten mit Absicht erzeugt.<\/p>\n<p>Noch immer geistert das M\u00e4rchen durch die Lande, der B\u00f6rsen-Crash von 1929 sei vor allem durch Panik entstanden, also durch eine Art unkontrollierter Informationspolitik, die zu falschen Emotionen gef\u00fchrt habe. Wenn alle auf einmal zur Bank rennen, dann w\u00fcrde sie halt zusammen brechen.<\/p>\n<p>Logisch, oder? Eine solche Panik unter den Anlegern m\u00fcsse also tunlichst vermieden werden. Das war die Devise der Informationspolitik zum Finanzcrash. Es gibt daf\u00fcr kein anderes Wort als Propaganda.<\/p>\n<p>Und schon zum Entstehen der Finanzblase geh\u00f6rte unabdingbar die systematische Desinformation. Rating-Agenturen bewerteten Investment-Banken und deren abstruser werdende &#8222;Finanzprodukte&#8220; und b\u00fcrgten damit f\u00fcr deren Qualit\u00e4t.<\/p>\n<p>Absurderweise waren die meisten Rating-Agenturen direkt oder indirekt mit eben jenen Instituten verbunden, welche Swaps, CDOs, Ninja-Kredite, Termingesch\u00e4fte, Leerverk\u00e4ufe aller Art heraus gepustet haben.<\/p>\n<p>Am Ende dieser Verwertungskette sa\u00df dann der Berater deiner Sparkasse, der dir Lehmann-Papiere zur Altersabsicherung aufschwatzen wollte.<\/p>\n<h3>Ein sich \u00e4nderndes Bewusstsein<\/h3>\n<p>Reden wir also Klartext. Daf\u00fcr sind Zeitungen wie diese schlie\u00dflich da. Zusammenbruch und Revolution &#8211; Wir m\u00fcssen uns klar machen, dass wir soeben einen Epochenwechsel durchmachen, der \u00e4hnlich einschneidend sein k\u00f6nnte wie der Zusammenbruch des Sowjet-Systems 1989. Und mit diesem Wechsel wird nicht nur eine Ver\u00e4nderung der globalen Wirtschaft einher gehen, sondern auch ein Wechsel in der Art, die Welt zu betrachten und durch die Welt zu gehen. Viele ZeitgenossInnen werden noch aufwachen aus dem Traum von Konsum und Wohlstand. Die Schim\u00e4re einer klassenlosen Gesellschaft ist l\u00e4ngst zerplatzt. Und der Glaube an ein individuelles Aufsteigen durch Leistung, Talent, K\u00f6nnen und Flei\u00df wird immer grotesker.<\/p>\n<p>Alte Werte der Linken und der ArbeiterInnenbewegung hingegen werden wom\u00f6glich zu neuen Ehren kommen: Solidarit\u00e4t, gegenseitige Hilfe, Selbstorganisation, direkte Kommunikation mit NachbarInnen, KollegInnen und GenossInnen. Die wachsende Anzahl von TeilnehmerInnen bei den letzten Castor-Transporten und die ermutigenden Proteste von Sch\u00fclerInnen im November 2008 sind deutliche Indikatoren f\u00fcr ein solches sich \u00e4nderndes Bewusstsein.<\/p>\n<h3>1755 &#8211; 1929 &#8211; 1983<\/h3>\n<p>Wir k\u00f6nnen nicht anders, als einschneidende Erlebnisse der Gegenwart anhand von Vorlagen aus der Vergangenheit zu verarbeiten, sie an ihnen zu messen, sie zu vergleichen. Gemeinhin wird 1929 als Referenz f\u00fcr das genannt, was uns bevor stehen k\u00f6nnte. In einem Thesenpapier der <em>Wildcat<\/em> wurde das Erdbeben von Lissabon am 1. November 1755, welches das portugiesische Weltreich zum Einsturz brachte und als ein ausl\u00f6sendes Ereignis f\u00fcr die franz\u00f6sische Revolution gilt, erw\u00e4hnt. Ich schlage eine andere Referenz vor, nicht als Konkurrenz, sondern als Erg\u00e4nzung: den 24. Juli 1983.<\/p>\n<p>Der CSU-Boss Franz-Josef Strau\u00df fliegt mit seiner Cessna \u00fcber den eisernen Vorhang und f\u00e4delt Milliardenkredite f\u00fcr die marode DDR ein. Es dauert nur noch f\u00fcnf Jahre bis zum Zusammenbruch des Real-Sozialismus.<\/p>\n<p>Im Jahr 2008 hat sich der Zeitraum, in dem &#8222;unsere&#8220; PolitikerInnen planen, rapide verk\u00fcrzt. Manchmal sind es nur noch Tage, gar Stunden, die bleiben, um das Schlimmste abzuwenden. Die Insolvenz der Hypo Real Estate h\u00e4tte Ende September\/Anfang Oktober 2008 beinahe f\u00fcr den Kollaps gesorgt.<\/p>\n<p>Am 5. Oktober traten Bundeskanzlerin Merkel und Finanzminister Steinbr\u00fcck vor die Kameras, nerv\u00f6s, fahrig, geschockt, bei n\u00e4herem Hinsehen war ein gro\u00dfes L ((1)) auf ihrer Stirn geschrieben, und Merkel sagte den heute schon historischen Satz: &#8222;Die Spareinlagen sind sicher&#8220;, der nichts anderes bedeutete als sein Gegenteil: Es geht ans Eingemachte.<\/p>\n<p>Der Staat garantiert die Summe auf deinem Konto, aber er kann nicht garantieren, dass dieses Geld in f\u00fcnf Jahren noch etwas Wert sein wird. Vielleicht verschwindet es auch einfach, wie die Reichsmark am 21. Juni 1948 verschwand, der Stunde Null.<\/p>\n<h3>Zusammenbruch wohin?<\/h3>\n<p>Anders als beim Zusammenbruch der DDR gibt es heute kein anderes System, in das die Menschen sich fl\u00fcchten k\u00f6nnten, in welches das Bestehende sich aufl\u00f6sen kann. Der chinesische Kasernenhof-Kapitalismus wird es &#8211; Gott sei uns gn\u00e4dig! &#8211; voraussichtlich nicht sein.<\/p>\n<p>Ein anderes System m\u00fcsste erst entstehen. Menschen, die jetzt aufwachen, haben nur die Alternative, selbst aktiv zu werden, an dem schwierigen Prozess teilzunehmen, &#8222;die Struktur der neuen Gesellschaft in der Schale der alten zu formen&#8220; ((2)).<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe ungel\u00f6ste Frage, an der auch die Linke verschiedenster Couleur best\u00e4ndig gescheitert ist, w\u00e4re die nach einem alternativen Wirtschaftsmodell, das funktioniert, das also sowohl prosperiert, das innovativ und produktiv ist, als auch sozialvertr\u00e4gliches, selbstbestimmtes, sinnvolles und lustvolles Schaffen zur Grundlage hat.<\/p>\n<p>Die Frage ist ungel\u00f6st, aber sie steht wieder auf der Tagesordnung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wo wir heute mit Hintergrund-Erkl\u00e4rungen zu US-Immobilien, Swaps, CDOs, Leitzinsen, Wechselkursen regelrecht zugesch\u00fcttet werden, genau dort war vor geraumer Zeit noch Schweigen im Walde, wenn es um bevorstehende Gefahren h\u00e4tte gehen m\u00fcssen. 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