{"id":9095,"date":"2008-12-01T00:00:40","date_gmt":"2008-11-30T22:00:40","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9095"},"modified":"2022-07-26T13:11:43","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:43","slug":"eine-neue-anti-atom-bewegung-anschieben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/12\/eine-neue-anti-atom-bewegung-anschieben\/","title":{"rendered":"&#8222;Eine neue Anti-Atom-Bewegung anschieben&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>GWR: Wie kam es zur Gr\u00fcndung der BI Hamm?<\/strong><\/p>\n<p><em>Horst Blume: <\/em>Ende 1971 war Baubeginn des Thoriumhochtemperaturreaktor (THTR) in Hamm-Uentrop. Die B\u00fcrgerinitiative Hamm hat sich allerdings erst vier Jahre danach gegr\u00fcndet, 1975. Wir haben damals bei Mitautoren der Zeitschrift <em>Graswurzelrevolution<\/em> gelernt, was eine B\u00fcrgerinitiative (BI) ausmacht und wie sie arbeitet. Das war ein neues Ph\u00e4nomen, da mussten wir uns erst einarbeiten. Und informieren dar\u00fcber, wie man \u00fcberparteilich gewaltfrei direkte Aktionen durchf\u00fchren kann und dass Atomkraftwerke in der Sowjetunion ebenfalls gef\u00e4hrlich sind.<\/p>\n<p>Dies geh\u00f6rte alles zu unserem Selbstverst\u00e4ndnis. Wir haben zusammen mit gewaltfreien AktivistInnen auch aus Wyhl, unser gro\u00dfes Vorbild, die B\u00fcrgerinitiative gegr\u00fcndet.<\/p>\n<p>Am Anfang war es in Hamm schwierig, weil viele Menschen noch nicht informiert und nicht so daran interessiert waren, etwas zu tun. Die meisten k\u00fcmmerten sich nur um ihre eigenen Angelegenheiten und waren schlecht ansprechbar. Das war die Ausgangslage.<\/p>\n<p><strong>GWR: Das war 1976?<\/strong><\/p>\n<p><em>Horst Blume: <\/em>Genau. Wir haben erst mal das \u00fcbliche Programm durchgef\u00fchrt: Flugbl\u00e4tter, Leserbriefe, Artikel, kleine Zeitungen, kleine Aktionen, kleine Demonstrationen, &#8230; Damit sind wir angefangen und haben uns langsam hochgetastet zu Aktionen des Zivilen Ungehorsams: Stromgeldverweigerung, Besetzen von verschiedenen \u00d6rtlichkeiten und Blockaden.<\/p>\n<p><strong>GWR: Am 15. September 2008 hat das Internetportal der drittgr\u00f6\u00dften bundesweiten Zeitung <em>Der Westen<\/em> einen Artikel \u00fcber dich ver\u00f6ffentlicht. Dort ist u.a. folgendes zu lesen: &#8222;Horst Blume ist kein ideologischer Eiferer. Eigentlich ist er ein besonnener Mann. Es ist die Angst, die ihn bis heute k\u00e4mpfen l\u00e4sst.&#8220; Horst, ist das so, dass es &#8222;die Angst&#8220; ist, die dich k\u00e4mpfen l\u00e4sst? Oder ist da vielleicht noch etwas anderes, was dich motiviert f\u00fcr den Widerstand?<\/strong><\/p>\n<p><em>Horst Blume: <\/em>Die Angst hat deutlich nachgelassen, seitdem der THTR 1989 abgeschaltet worden ist. Allerdings, als er noch in Betrieb war, da hatten wir wirklich Angst, weil das ein Pannen-Reaktor war, wo jede Woche irgendetwas passierte, irgendwo eine Schraube locker war, ein kleiner St\u00f6rfall stattfand, Beh\u00e4lterkannen runterpurzelten oder Radioaktivit\u00e4t freigesetzt wurde. Da war immer was los. Wenn man dann ungef\u00e4hr sieben Kilometer neben diesem Reaktor wohnte, hatte man Angst.<\/p>\n<p><strong>GWR: Also, sie spielte eine Rolle. Aber trotzdem, die Angst allein kann es ja nun nicht sein, was dich dazu bewegt, seit \u00fcber 30 Jahren in der Anti-Atom-Bewegung aktiv zu sein und Widerstand zu leisten. Was ist deiner Meinung nach der Grund daf\u00fcr, dass du so lange schon in den sozialen Bewegungen aktiv bist?<\/strong><\/p>\n<p><em>Horst Blume: <\/em>Das ist aber eine Frage! Ich habe viele positive Erfahrungen gemacht w\u00e4hrend der politischen Arbeit, das ist die Erfahrung der Solidarit\u00e4t der Menschen, wenn sie k\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Es sind ja jetzt noch nicht alle Atomkraftwerke stillgelegt worden. In Hamm war es nur ein Reaktor, der besonders viele Pannen hatte. Es geht jetzt darum, alle anderen Atomkraftwerke auch still zu legen und dieses Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Da m\u00f6chte ich mich im Rahmen meiner M\u00f6glichkeiten n\u00fctzlich machen.<\/p>\n<p>Der THTR ist eine ganz spezielle Reaktorlinie, die in der EU, in S\u00fcdafrika und in China wieder st\u00e4rker gebaut werden soll. Da geht es darum, dass die Erfahrungen mit unserem alten THTR weitergegeben werden an neue Leute, an andere Initiativen, an andere L\u00e4nder. Da verstehen wir uns auch als Informationsdrehscheibe weltweit f\u00fcr die Generation IV-Reaktoren und f\u00fcr die Hochtemperatur-Reaktorlinie.<\/p>\n<p><strong>GWR: Der THTR-K\u00fchlturm war jahrelang auch das Symbol f\u00fcr die Stadt Hamm. Dann ist er 1991 gesprengt worden, nicht von &#8222;anarchistischen Bombenlegern&#8220;, sondern von einem staatlich gepr\u00fcftem Sprengmeister. Wir und viele andere Anti-Atom-Aktive haben zugeschaut und mit Sekt auf das THTR-Ende angesto\u00dfen.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Kannst du erz\u00e4hlen, was nach Tschernobyl 1986 war? Was ist da in Hamm-Uentrop passiert?<\/strong><\/p>\n<p><em>Horst Blume: <\/em>Der Schock war gro\u00df, als wenige Tage nach der Katastrophe von Tschernobyl bekannt wurde, dass auch in Hamm-Uentrop ein St\u00f6rfall stattfand und Radioaktivit\u00e4t entwichen ist.<\/p>\n<p>Daraufhin war dann die Bev\u00f6lkerung sehr betroffen, insbesondere die Landwirte. Die Bauern haben dann mit ihren Treckern die Zufahrtswege f\u00fcr den THTR blockiert. Sie sind mit einer friedlichen &#8222;Guerillataktik&#8220; immer wieder gekommen, wenn sie vertrieben wurden, und haben protestiert. Es wurde der K\u00fchlturm besetzt, es wurde das Verwaltungsgeb\u00e4ude besetzt, es wurde das Ministerium in D\u00fcsseldorf besetzt, es wurde so ziemlich alles besetzt, was nicht niet- und nagelfest war. Das Ganze dann ungef\u00e4hr drei, vier Jahre lang in verschiedenen Intervallen. Die vielen St\u00f6rf\u00e4lle, die Kosten treibenden Reparaturen, der klamme Staatshaushalt und unser Widerstand, das hat zusammengenommen dazu gef\u00fchrt, dass dieser THTR 1989 stillgelegt werden musste.<\/p>\n<p><strong>GWR: Herzlichen Gl\u00fcckwunsch. dein Engagement und der Widerstand der Anti-Atom-Bewegung haben gro\u00dfen Anteil daran gehabt, dass er stillgelegt werden musste. Neben der Arbeit in der BI hast du auch andere Projekte mit angesto\u00dfen, z.B. den <em>Schwarzen Faden<\/em>, der mittlerweile leider eingestellt wurde. Kannst du erz\u00e4hlen, wie es 1980 zur Gr\u00fcndung dieser anarchistischen Vierteljahresschrift gekommen ist. Was war deine Motivation, da einzusteigen?<\/strong><\/p>\n<p><em>Horst Blume: <\/em>Als B\u00fcrgerinitiativler ist man ja, wenn man es ernst nimmt, mehr oder weniger Anarchist. Umgekehrt sollte das meiner Meinung nach \u00fcbrigens ebenfalls so sein. Mich hatte damals gest\u00f6rt, dass es in Deutschland keine Zeitschrift gibt, die \u00fcber spektren\u00fcbergreifende Aspekte berichtet und diskutiert hat. Es gab die anarchosyndikalistische Freie ArbeiterInnen Union (FAU) zum Thema Gewerkschaften und Arbeitswelt, es gab die GraswurzlerInnen nat\u00fcrlich schon damals und es gab verschiedene andere Teilbereichsbewegungen und Teilsichtweisen, die aber nicht so sehr miteinander kommunizierten. Und das war meiner Meinung nach ein gro\u00dfes Manko. Das haben auch andere Leute aus S\u00fcddeutschland, aus T\u00fcbingen, Reutlingen, Frankfurt und Berlin so gesehen. Dann haben wir gesagt, &#8222;da wollen wir Abhilfe schaffen und ein Diskussionsforum initiieren&#8220;.<\/p>\n<p>Das war dann der <em>Schwarze Faden<\/em>. Wir wollten dazu kommen, diese Zeitschrift auch optisch ansprechend zu gestalten und m\u00f6glichst viele Leute in die Diskussionen einzubinden, so dass man nicht mehr \u00fcbereinander redete oder gar manchmal ja auch \u00fcbereinander l\u00e4sterte, sondern miteinander, so dass in dieser Zeitung die Diskussionen gef\u00fchrt werden konnten.<\/p>\n<p>Der Anarchismus sollte in eine zeitgem\u00e4\u00dfere Form weiterentwickelt werden.<\/p>\n<p><strong>GWR: Seit Jahren arbeitest du im GWR-HerausgeberInnenkreis mit und bist auch bekannt als h\u00e4ufiger Autor von Artikeln. Wie siehst du die derzeitige Situation alternativer Medien wie der <em>GWR<\/em> oder auch anderer anarchistischer Bl\u00e4tter? Meinst du, da ist noch Bedarf nach der Einstellung des <em>Fadens<\/em>, dass noch etwas \u00e4hnliches entsteht? Oder k\u00f6nnen die <em>GWR<\/em> und die anarchosyndikalistische <em>direkte aktion<\/em> das abdecken?<\/strong><\/p>\n<p><em>Horst Blume: <\/em>Ich denke, das kann die <em>Graswurzelrevolution<\/em> abdecken, denn auch darin stehen verschiedene Meinungen.<\/p>\n<p>Was ich im Moment besonders positiv finde, ist, dass die <em>Utopia<\/em> entstanden ist, die Jugendzeitschrift, denn es ist ja so, dass der Anarchismus manchmal den Anschein erweckt, als ob das ein Altherrenclub geworden w\u00e4re. Da ist es wichtig, dass die J\u00fcngeren ihr eigenes Sprachrohr entwickeln und damit an andere Leute herangehen k\u00f6nnen, an Gleichaltrige. Dass das dann im weitesten Sinne auch im Rahmen dieser <em>Graswurzelrevolution<\/em> passiert, ist unglaublich toll. Das berechtigt zu einigen Hoffnungen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Das sehe ich auch so. <\/strong><\/p>\n<p><strong>Wir sind auf dem Weg nach Gorleben. Gerade haben wir geh\u00f6rt, dass die Anti-Atom-Kletteraktivistin C\u00e9cile (vgl. nebenstehendes Interview) &#8222;vorbeugend&#8220; verhaftet worden ist. Sie soll die ganze Zeit des Atomm\u00fclltransportes \u00fcber nicht mehr aus dem Gef\u00e4ngnis entlassen werden. Wie sch\u00e4tzt du das ein? Meinst du, wir sollten jetzt nach Braunschweig fahren und dort vorm Knast demonstrieren? <\/strong><\/p>\n<p><em>Horst Blume: <\/em>Na, ich glaube, das l\u00e4sst sich nicht mehr um\u00e4ndern, weil die Routen feststehen. Die Leute wollen in Gorleben demonstrieren. Es ist sehr bedauerlich, dass C\u00e9cile festgesetzt wurde. Das ist undemokratisch.<\/p>\n<p><strong>GWR: C\u00e9cile hat sich \u00fcber den Gleisen in die Seile geh\u00e4ngt und so Atomtransporte gestoppt, u.a. die, die aus Gronau nach Russland fahren sollten. Das hat soviel Druck hergestellt bzw. dazu beigetragen, dass die Urenco, Betreiberin u.a. der Urananreicherungsanlage in Gronau, angek\u00fcndigt hat, ab 2009 keine Transporte mehr nach Russland zu machen, wo die Atomm\u00fcllf\u00e4sser bisher auf der gr\u00fcnen Wiese gelagert werden. Dieser Stopp ist ein Erfolg. Jetzt geht es darum, alle Transporte zu stoppen und erst wieder Ruhe zu geben, wenn alle Atomanlagen stillgelegt sind. Horst, du f\u00e4hrst nach Gorleben. Warum?<\/strong><\/p>\n<p><em>Horst Blume: <\/em>Ich war seit 1981 nicht mehr da, gestehe ich ein, weil ich mich hier als alter &#8222;Lokalpatriot&#8220; erst einmal um Hamm k\u00fcmmern musste, oder auch um Ahaus, wo die radioaktiven Brennelemente des THTRs liegen.<\/p>\n<p>Jetzt denke ich, dass Gorleben unsere Solidarit\u00e4t dringend braucht. Es geht darum, die Renaissance der Atomkraftwerke zu verhindern. Es geht darum, dass die Laufzeiten nicht verl\u00e4ngert werden.<\/p>\n<p>Ich denke, wenn wir jetzt hier an dieser Stelle richtig Druck machen und all unsere Energie auf diesen Punkt konzentrieren, dann k\u00f6nnen wir wirklich etwas erreichen. Dann k\u00f6nnen wir auch eine neue Anti-Atom-Bewegung anschieben, einen neuen Impuls setzen und ein Aufhorchen bewirken. Genau jetzt m\u00fcssen wir etwas tun.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>GWR: Wie kam es zur Gr\u00fcndung der BI Hamm? Horst Blume: Ende 1971 war Baubeginn des Thoriumhochtemperaturreaktor (THTR) in Hamm-Uentrop. Die B\u00fcrgerinitiative Hamm hat sich allerdings erst vier Jahre danach gegr\u00fcndet, 1975. Wir haben damals bei Mitautoren der Zeitschrift Graswurzelrevolution gelernt, was eine B\u00fcrgerinitiative (BI) ausmacht und wie sie arbeitet. Das war ein neues Ph\u00e4nomen, &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/12\/eine-neue-anti-atom-bewegung-anschieben\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\"Eine neue Anti-Atom-Bewegung anschieben\" - graswurzelrevolution","description":"GWR: Wie kam es zur Gr\u00fcndung der BI Hamm? Horst Blume: Ende 1971 war Baubeginn des Thoriumhochtemperaturreaktor (THTR) in Hamm-Uentrop. 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