{"id":9097,"date":"2008-12-01T00:00:10","date_gmt":"2008-11-30T22:00:10","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9097"},"modified":"2022-07-26T14:14:45","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:45","slug":"bemerkungen-zum-anarchismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/12\/bemerkungen-zum-anarchismus\/","title":{"rendered":"Bemerkungen zum Anarchismus"},"content":{"rendered":"<p>Ein Franzose mit Sympathien f\u00fcr den Anarchismus schrieb in den 1890ern: &#8222;Der Anarchismus hat einen breiten R\u00fccken; geduldig wie Papier kann er alles ertragen&#8220; &#8211; einschlie\u00dflich derjenigen, so f\u00fcgte er hinzu, deren Taten &#8222;ein Todfeind des Anarchismus nicht besser h\u00e4tte vollbringen k\u00f6nnen&#8220;. ((1))<\/p>\n<p>Viele Denk- und Handlungsweisen sind als &#8222;anarchistisch&#8220; bezeichnet worden. Es w\u00e4re ein hoffnungsloses Unterfangen, wollte man all diese einander widersprechenden Tendenzen in eine allgemeine Theorie oder Ideologie einordnen.<\/p>\n<p>Und selbst wenn wir blo\u00df aus der Geschichte des libert\u00e4ren Denkens eine lebendige, in Entwicklung begriffene Tradition herausl\u00f6sen wollten, wie es Daniel Gu\u00e9rin in seinem Buch <em>Anarchismus <\/em>tut, so bliebe es immer noch schwierig, ihre Lehre als eine spezifische und bestimmte Theorie der Gesellschaft und ihres Wandels zu formulieren. Der anarchistische Historiker Rudolf Rocker, der anhand von Grundlinien, die der Arbeit Gu\u00e9rins vergleichbar sind, eine systematische Konzeption der Entwicklung des anarchistischen Denkens zum Anarchosyndikalismus vorgelegt hat, traf wohl den Sachverhalt richtig, als er schrieb, der Anarchismus sei &#8222;kein festes, in sich geschlossenes Gesellschaftssystem, sondern eher ein bestimmter Trend in der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit, der im Gegensatz zur geistigen F\u00fchrerschaft s\u00e4mtlicher klerikaler und Regierungsinstitutionen nach freier, ungehinderter Entfaltung aller Individuen und gesellschaftlichen Kr\u00e4fte im Leben strebt. Selbst Freiheit ist nur ein relativer, kein absoluter Begriff, da sie stets danach trachtet, sich zu vergr\u00f6\u00dfern und weitere Kreise in vielf\u00e4ltigerer Weise zu erfassen. F\u00fcr den Anarchisten ist Freiheit kein abstrakter philosophischer Begriff, sondern die lebendige, konkrete M\u00f6glichkeit f\u00fcr jedes menschliche Wesen, all seine Kr\u00e4fte, Fertigkeiten und Talente, mit denen die Natur es ausgestattet hat, zu voller Entfaltung zu bringen und auf gesellschaftliche Belange zu wenden. Je weniger diese nat\u00fcrliche Entfaltung des Menschen von kirchlicher oder politischer F\u00fchrerschaft beeinflusst wird, desto wirksamer und harmonischer gestaltet sich die menschliche Pers\u00f6nlichkeit, desto eher wird sie zum Ma\u00df f\u00fcr die geistige Kultur der Gesellschaft, in der sie herangewachsen ist.&#8220; ((2))<\/p>\n<p>Man mag sich fragen, welchen Wert es haben soll, einen &#8222;bestimmten Trend in der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit&#8220; zu erforschen, wenn er sich nicht in einer spezifischen und detaillierten Gesellschaftstheorie artikuliert.<\/p>\n<p>In der Tat pflegen viele KommentatorInnen den Anarchismus als utopisch, formlos, primitiv oder sonstwie mit den Realit\u00e4ten einer komplexen Gesellschaft unvereinbar abzutun. Man k\u00f6nnte jedoch auch ganz anders argumentieren: dass auf jeder geschichtlichen Stufe unser Bem\u00fchen darin zu liegen habe, die Formen von Autorit\u00e4t und Unterdr\u00fcckung zu beseitigen, die aus einer Zeit stammen, in der sie wom\u00f6glich durch die Bed\u00fcrfnisse nach Sicherheit oder Fortbestand oder \u00f6konomischer Entwicklung gerechtfertigt sein mochten, die aber heute den materiellen und kulturellen Mangel eher steigern als verringern. Ist dies der Fall, so gibt es keine Doktrin eines f\u00fcr Gegenwart und Zukunft festgelegten gesellschaftlichen Wandels, ja nicht einmal unbedingt einen spezifischen und unver\u00e4nderlichen Begriff von den Zielen, auf die gesellschaftlicher Wandel gerichtet sein sollte. Unser Verst\u00e4ndnis der Natur des Menschen oder auch der Vielfalt m\u00f6glicher Gesellschaftsformen ist gewiss noch so rudiment\u00e4r, dass jedes weitreichende Theorem mit gro\u00dfer Skepsis zu betrachten ist, ebenso wie Skepsis auch am Platze ist, wenn wir h\u00f6ren, dass die &#8222;menschliche Natur&#8220; oder die &#8222;Effizienzforderungen&#8220; oder &#8222;die Komplexit\u00e4t des modernen Lebens&#8220; diese oder jene Form von Unterdr\u00fcckung und autokratischer Herrschaft erfordern.<\/p>\n<p>Dennoch gibt es zu einem bestimmten Zeitpunkt allen Grund, eine spezifische Realisierung dieses bestimmten Trends in der geschichtlichen Entwicklung der Menschheit so herauszuarbeiten &#8211; freilich in den Grenzen unseres Verst\u00e4ndnisses -, dass sie den Aufgaben des Augenblicks entspricht.<\/p>\n<p>F\u00fcr Rocker &#8222;ist das Problem, das sich unserer Zeit stellt, das der Befreiung des Menschen aus dem Fluch der \u00f6konomischen Ausbeutung und der politischen wie gesellschaftlichen Versklavung&#8220;; und die Methode ist f\u00fcr ihn weder die Eroberung und Aus\u00fcbung der Staatsmacht noch ein l\u00e4hmender Parlamentarismus, sondern &#8222;das \u00f6konomische Leben der V\u00f6lker von Grund auf neu zu gestalten und es im Geist des Sozialismus aufzubauen&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;Doch nur die Produzenten selbst eignen sich f\u00fcr diese Aufgabe, da sie das einzige wertsch\u00f6pfende Element in der Gesellschaft sind, aus dem eine neue Zukunft erstehen kann. Ihnen muss die Aufgabe zukommen, die Arbeit von all den Fesseln zu befreien, die \u00f6konomische Ausbeutung ihr auferlegt hat, die Gesellschaft von allen Institutionen und Verfahrensweisen der politischen Gewalt zu befreien und den Weg zu \u00f6ffnen zu einem Verband freier Gruppen von M\u00e4nnern und Frauen, der gegr\u00fcndet ist auf kooperativer Arbeit und Verwaltung der Sachen im Interesse der Gemeinschaft. Die m\u00fchsam sich plackenden Massen in Stadt und Land auf dieses gro\u00dfe Ziel vorzubereiten und sie als k\u00e4mpferische Kraft zusammenzuf\u00fcgen, dies ist das Ziel des modernen Anarchosyndikalismus, und in ihm ersch\u00f6pft sich sein ganzer Zweck.&#8220; (S. 108)<\/p>\n<p>Als Sozialist geht Rocker davon aus, &#8222;dass die wirkliche, endliche, vollst\u00e4ndige Befreiung der Arbeiter nur unter einer Bedingung m\u00f6glich ist: der Aneignung des Kapitals, d.h. der Rohstoffe und s\u00e4mtlicher Arbeitsmittel, einschlie\u00dflich des Bodens, durch die Gesamtheit der Arbeiter&#8220;. ((3))<\/p>\n<p>Als Anarchosyndikalist insistiert er zudem darauf, dass die Organisationen der Arbeiter &#8222;nicht nur die Ideen, sondern auch die Tatsachen der Zukunft selbst&#8220; in der vorrevolution\u00e4ren Periode schaffen, dass sie die Struktur der zuk\u00fcnftigen Gesellschaft in sich selbst verk\u00f6rpern &#8211; und er schaut voraus auf eine Revolution, die ebenso den Staatsapparat zerst\u00f6rt wie die Enteigner enteignet. &#8222;Was wir an die Stelle der Regierung setzen, ist industrielle Organisation.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Anarchosyndikalisten sind davon \u00fcberzeugt, dass eine sozialistische Wirtschaftsordnung nicht durch Dekrete und Statuten einer Regierung geschaffen werden kann, sondern nur durch solidarische Zusammenarbeit der Hand- und Kopfarbeiter in jedem besonderen Produktionszweig, das hei\u00dft durch \u00dcbernahme der Leitung aller Betriebe durch die Produzenten selbst, und zwar so, dass die einzelnen Gruppen, Betriebe und Zweige der Industrie unabh\u00e4ngige Mitglieder des allgemeinen \u00f6konomischen Organismus sind und systematisch Produktion und Distribution der Produkte im Interesse der Gemeinschaft und aufgrund freier wechselseitiger Zustimmung weiterf\u00fchren.&#8220; (S. 94)<\/p>\n<p>Rocker schrieb zu einer Zeit, als diese Vorstellungen auf dramatische Weise in die Praxis umgesetzt wurden: in der Spanischen Revolution.<\/p>\n<p>Unmittelbar vor ihrem Ausbruch hatte der anarchosyndikalistische \u00d6konom Diego Abad de Santillan geschrieben:<\/p>\n<p>&#8222;[\u2026] angesichts des Problems der gesellschaftlichen Transformation kann die Revolution den Staat nicht als Mittel ansehen, sondern sie h\u00e4ngt zwangsl\u00e4ufig von der Organisation der Produzenten ab.<\/p>\n<p>Wir haben uns an diese Norm gehalten und finden keinerlei Verwendung f\u00fcr die Hypothese einer der organisierten Arbeit \u00fcber-geordneten Macht zur Durchsetzung einer neuen Ordnung der Dinge. Wir w\u00e4ren jedem dankbar, der uns erkl\u00e4rt, welche Funktion der Staat in einer Wirtschaftsorganisation haben soll, in der das Privateigentum abgeschafft ist und in der Parasitentum und besondere Privilegien keinen Platz finden. Die Unterdr\u00fcckung des Staates kann keine langwierige Sache sein; es muss Aufgabe der Revolution sein, mit dem Staat Schluss zu machen. Entweder die Revolution verschafft den Produzenten gesellschaftlichen Wohlstand, in welchem Falle diese sich f\u00fcr die n\u00f6tige kollektive Distribution selbst organisieren und der Staat \u00fcberfl\u00fcssig ist, oder die Revolution verschafft den Produzenten keinen gesellschaftlichen Wohlstand, in welchem Falle sie eine L\u00fcge war und der Staat fortbestehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Unser Bundeswirtschaftsrat ist keine politische Macht, sondern eine \u00f6konomische und administrativ regelnde. Er empf\u00e4ngt seine Richtlinien von unten und handelt in \u00dcbereinstimmung mit den Resolutionen der regionalen und nationalen Versammlungen. Er ist ein Verbindungsst\u00fcck und sonst gar nichts.&#8220; ((4))<\/p>\n<p>Engels hat seine Ablehnung dieser Konzeption in einem Brief aus dem Jahre 1883 wie folgt ausgedr\u00fcckt:<\/p>\n<p>&#8222;Die Anarchisten stellen die Sache auf den Kopf. Sie erkl\u00e4ren, die proletarische Revolution m\u00fcsse damit <em>anfangen<\/em>, dass sie die politische Organisation des Staates abschafft. [\u2026] Aber ihn [den Staat] in einem solchen Augenblick zerst\u00f6ren, das hie\u00dfe, den einzigen Organismus zerst\u00f6ren, vermittelst dessen das siegende Proletariat seine eben eroberte Macht geltend machen, seine kapitalistischen Gegner niederhalten und diejenige \u00f6konomische Revolution der Gesellschaft durchsetzen kann, ohne die der ganze Sieg enden m\u00fcsste in einer Niederlage und in einer Massenabschlachtung der Arbeiterklasse, \u00e4hnlich derjenigen nach der Pariser Kommune.&#8220; ((5))<\/p>\n<p>Im Gegensatz dazu haben die AnarchistInnen &#8211; am wortgewaltigsten Bakunin &#8211; vor den Gefahren der &#8222;roten B\u00fcrokratie&#8220; gewarnt, die sich als &#8222;die niedertr\u00e4chtigste und schrecklichste L\u00fcge unseres Jahrhunderts&#8220; ((6)) erweisen werde.<\/p>\n<p>Der Anarchosyndikalist Fernand Pelloutier stellte die Frage: &#8222;Muss denn der \u00dcbergangsstaat, dem wir uns zu unterwerfen haben, unbedingt und unausweichlich das kollektive Gef\u00e4ngnis sein? Kann er denn nicht aus einer freien Organisation bestehen, die einzig durch die Anforderungen von Produktion und Konsumtion begrenzt wird und aus der alle politischen Institutionen verschwunden sind?&#8220; <a href=\"u7\">(7)<\/a><\/p>\n<p>Ich erhebe nicht den Anspruch, die Antwort auf diese Frage zu kennen.<\/p>\n<p>Es scheint aber klar zu sein, dass die Chancen f\u00fcr eine wirklich demokratische Revolution, in der die humanistischen Ideale der Linken erreicht werden, nicht sehr gro\u00df sind, solange diese Frage nicht in irgendeiner Form positiv beantwortet wird. Martin Buber hat das Problem b\u00fcndig erfasst, als er schrieb, man k\u00f6nne der Natur der Sache nach von &#8222;einem B\u00e4umchen, das in eine Keule verwandelt worden ist, nicht erwarten, dass es Bl\u00e4tter hervorbringt&#8220;. ((8))<\/p>\n<p>Die Frage, ob die Staatsmacht erobert oder zerst\u00f6rt werden m\u00fcsse, ist das, was Bakunin als seinen wichtigsten Streitpunkt mit Marx ansah. ((9))<\/p>\n<p>In der einen oder anderen Form ist das Problem in den hundert Jahren seither immer wieder aufgetreten und hat die &#8222;libert\u00e4ren&#8220; von den &#8222;autorit\u00e4ren&#8220; SozialistInnen getrennt.<\/p>\n<p>Trotz Bakunins Warnungen vor der roten B\u00fcrokratie und trotz ihrer Erf\u00fcllung unter Stalins Diktatur w\u00e4re es offenkundig ein grober Fehler bei der Interpretation jener Debatten vor hundert Jahren, wollte man die Behauptungen der zeitgen\u00f6ssischen sozialen Bewegungen als ihre historischen Urspr\u00fcnge nehmen. Insbesondere ist es verkehrt, den Bolschewismus als &#8222;Marxismus in der Praxis&#8220; anzusehen. Die linke Kritik am Bolschewismus, die von den historischen Umst\u00e4nden der russischen Revolution ausgeht, kommt der Sache sehr viel n\u00e4her. ((10))<\/p>\n<p>&#8222;Der antibolschewistische linke Fl\u00fcgel der Arbeiterbewegung kritisierte die Leninisten, weil sie bei der Ausnutzung der russischen Umw\u00e4lzungen zu strikt proletarischen Zielen nicht weit genug gingen.<\/p>\n<p>Sie wurden zu Gefangenen ihrer Umgebung und benutzten die internationale radikale Bewegung, um spezifisch russische Bed\u00fcrfnisse zu befriedigen, die bald mit den Bed\u00fcrfnissen des bolschewistischen Parteistaates synonym wurden. Die \u201abourgeoisen&#8216; Aspekte der russischen Revolution wurden nun im Bolschewismus selbst entdeckt: der Leninismus wurde beurteilt als Teil der internationalen Sozialdemokratie, der sich nur in taktischen Fragen von ihr unterschied.&#8220; ((11))<\/p>\n<p>Wollte man in der anarchistischen Tradition eine einzelne Leitidee suchen, so m\u00fcsste man sie wohl in dem erkennen, was Bakunin in einem Text zur Pariser Kommune \u00fcber sich selbst schrieb:<\/p>\n<p>&#8222;Ich bin ein fanatischer Anh\u00e4nger der Freiheit, die ich als die einzige Bedingung erachte, unter der Intelligenz, W\u00fcrde und menschliches Gl\u00fcck sich entwickeln und heranwachsen k\u00f6nnen; nicht die blo\u00df formale Freiheit, die vom Staate gew\u00e4hrt, bemessen und reguliert wird, eine ewige L\u00fcge, die in Wahrheit nichts mehr darstellt als das Privileg einiger, begr\u00fcndet auf der Sklaverei der \u00fcbrigen; nicht die individualistische, egoistische, sch\u00e4bige und unechte Freiheit, die gepriesen wird von der Schule J.-J. Rousseaus und den anderen Schulen des b\u00fcrgerlichen Liberalismus, der Erw\u00e4gungen anstellt \u00fcber die angeblichen Rechte aller Menschen, repr\u00e4sentiert durch den Staat, der die Rechte eines jeden beschr\u00e4nkt &#8211; eine Idee, die unweigerlich zur Beschr\u00e4nkung der Rechte jedes einzelnen bis auf Null hinf\u00fchrt.<\/p>\n<p>Nein, ich meine die einzige Art von Freiheit, die den Namen wert ist, Freiheit, die in der vollen Entfaltung aller materiellen, intellektuellen und moralischen Kr\u00e4fte, die latent in jedem Menschen stecken, besteht; Freiheit, die keine anderen Einschr\u00e4nkungen anerkennt als die von den Gesetzen unserer eigenen, individuellen Natur bedingten, die eigentlich nicht als Einschr\u00e4nkungen angesehen werden k\u00f6nnen, da diese Gesetze nicht von einem \u00e4u\u00dferen Legislator neben oder \u00fcber uns auferlegt worden, sondern immanent und inh\u00e4rent sind, indem sie die eigentliche Grundlage unseres materiellen, intellektuellen und moralischen Seins bilden &#8211; sie limitieren uns nicht, sondern sind die realen und unmittelbaren Bedingungen unserer Freiheit.&#8220; ((12))<\/p>\n<p>Diese Ideen entstammen der Aufkl\u00e4rung, sie haben ihre Wurzeln in Rousseaus <em>Discours sur l&#8217;origine et les fondements de l&#8217;in\u00e9galit\u00e9 parmi les hommes<\/em>, in Wilhelm von Humboldts <em>Ideen zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates zu bestimmen<\/em>, in Kants Beharren auf der Freiheit als Vorbedingung f\u00fcr die Erlangung der Reife zur Freiheit, nicht als Geschenk, das erst nach Erreichen dieser Reife zu erwarten ist (so in Kants <em>Verteidigung der Franz\u00f6sischen Revolution<\/em>, s.o. <em>Sprache und Freiheit<\/em>) Als der industrielle Kapitalismus als neues und unvorhergesehenes System von Ungerechtigkeit sich entfaltete, war es der libert\u00e4re Sozialismus, der die radikale humanistische Botschaft der Aufkl\u00e4rung und der klassisch-liberalen Ideale bewahrte und erweiterte, als diese zu einer Rechtfertigungsideologie der aufkommenden Gesellschaftsordnung pervertiert wurden.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich sind genau unter denselben Voraussetzungen, aus denen der klassische Liberalismus zu seiner Opposition gegen staatliche Eingriffe ins gesellschaftliche Leben gekommen war, auch die kapitalistischen Gesellschaftsverh\u00e4ltnisse unertr\u00e4glich.<\/p>\n<p>Das wird deutlich z.B. an dem klassischen Werk Humboldts, <em>Die Grenzen der Wirksamkeit des Staates<\/em>, das John St. Mill vorwegnahm und vielleicht auch inspirierte und auf das wir noch zu sprechen kommen (s. <em>Sprache und Freiheit<\/em>). Diese klassische Schrift liberalen Denkens ist ihrem Wesen nach &#8211; freilich im Vorgriff &#8211; tief antikapitalistisch.<\/p>\n<p>Ihre Ideen mussten zur Unkenntlichkeit entstellt werden, um sich in eine Ideologie des industriellen Kapitalismus verwandeln zu lassen.<\/p>\n<p>Humboldts Vision einer Gesellschaft, in der die sozialen Fesseln durch gesellschaftliches \u00dcbereinkommen ersetzt sind und Arbeit frei in Angriff genommen wird, erinnert an den jungen Marx, der \u00fcber die &#8222;Entfremdung&#8220; oder &#8222;Ent\u00e4u\u00dferung der Arbeit&#8220; handelte, die besteht, wenn &#8222;die Arbeit dem Arbeiter \u00e4u\u00dferlich ist, d.h. nicht zu seinem Wesen geh\u00f6rt, [so] dass er sich daher in seiner Arbeit nicht bejaht, sondern verneint, nicht wohl, sondern ungl\u00fccklich f\u00fchlt, keine freie physische und geistige Energie entwickelt, sondern seine Physis abkasteit und seinen Geist ruiniert&#8220;. Entfremdete Arbeit &#8222;wirft einen Teil der Arbeiter zu einer barbarischen Arbeit zur\u00fcck und macht den anderen Teil zur Maschine&#8220;, womit sie dem Menschen seinen &#8222;Gattungscharakter&#8220; der &#8222;freien bewussten T\u00e4tigkeit&#8220; und des &#8222;produktiven Lebens&#8220; raubt.<\/p>\n<p>Eben so dachte Marx an einen neuen Typus menschlichen Wesens, dessen &#8222;gr\u00f6\u00dfter Reichtum&#8220; darin liegen w\u00fcrde, &#8222;den <em>anderen <\/em>Menschen als Bed\u00fcrfnis [zu] empfinden&#8220;.<\/p>\n<p>Und die Assoziierung der Arbeiter war f\u00fcr Marx die reale Voraussetzung f\u00fcr die &#8222;<em>v\u00f6llige Wiedergewinnung des Menschen&#8220;<\/em> ((13)). Es ist richtig, dass klassisch-libert\u00e4res Denken sich staatlichen Eingriffen in das gesellschaftliche Leben widersetzte aufgrund seiner Annahmen \u00fcber das menschliche Bed\u00fcrfnis nach Freiheit, Verschiedenheit und freier Assoziation. Doch unter denselben Annahmen sind auch die kapitalistischen Produktionsverh\u00e4ltnisse, Lohnarbeit, Konkurrenz, die Ideologie des &#8222;Besitzindividualismus&#8220; usw. gleicherma\u00dfen von Grund auf antihuman. Somit ist der libert\u00e4re Sozialismus eigentlich als Erbe der liberalen Ideen der Aufkl\u00e4rung anzusehen.<\/p>\n<p>Rudolf Rocker beschreibt den modernen Anarchismus als &#8222;den Zusammenfluss jener beiden gro\u00dfen Str\u00f6me, die w\u00e4hrend und seit der Franz\u00f6sischen Revolution so charakteristischen Ausdruck im geistigen Leben Europas gefunden haben: Sozialismus und Liberalismus&#8220;. Die klassisch-liberalen Ideen, so argumentiert er, sind durch die Realit\u00e4ten der kapitalistischen Wirtschaftsformen zugrunde gerichtet worden.<\/p>\n<p>Anarchismus ist zwangsl\u00e4ufig antikapitalistisch, insofern er sich &#8222;der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen widersetzt&#8220;. Aber der Anarchismus widersetzt sich auch der &#8222;Herrschaft des Menschen \u00fcber den Menschen&#8220;.<\/p>\n<p>Er betont beharrlich: &#8222;<em>Der Sozialismus wird frei sein oder er wird nicht sein<\/em>. In der Anerkennung dessen liegt die genuine und tiefe Rechtfertigung f\u00fcr die Existenz des Anarchismus.&#8220; ((14))<\/p>\n<p>So gesehen k\u00f6nnte man den Anarchismus als den freiheitlichen Fl\u00fcgel des Sozialismus ansehen. Und genau dies ist der Geist, in dem Daniel Gu\u00e9rin seine Untersuchung des Anarchismus in Angriff genommen hat, sowohl in <em>Anarchismus <\/em>wie auch in seinen \u00fcbrigen Schriften. ((15))<\/p>\n<p>Gu\u00e9rin zitiert Adolph Fischer: &#8222;Jeder Anarchist ist ein Sozialist, aber nicht jeder Sozialist ist unbedingt ein Anarchist.&#8220;<\/p>\n<p>Ebenso hatte Bakunin in seinem &#8222;anarchistischen Manifest&#8220; von 1865, dem Programm seiner geplanten internationalen revolution\u00e4ren Bruderschaft, das Prinzip verankert, nach dem jedes Mitglied zun\u00e4chst einmal Sozialist sein musste.<\/p>\n<p>Ein konsequenter Anarchist muss sich dem Privateigentum an Produktionsmitteln und der Lohnsklaverei als Bestandteil dieses Systems widersetzen, weil sie unvereinbar mit dem Prinzip sind, dass Arbeit frei in Angriff genommen und von den Produzenten selbst kontrolliert werden muss. SozialistInnen schauen vorw\u00e4rts auf eine Gesellschaft, in der &#8211; wie Marx es ausdr\u00fcckte &#8211; &#8222;die Arbeit nicht nur Mittel zum Leben, sondern selbst das erste Lebensbed\u00fcrfnis geworden&#8220; ((16)) ist &#8211; eine Unm\u00f6glichkeit, wenn der Arbeiter durch \u00e4u\u00dfere Autorit\u00e4t oder Zwang zur Arbeit getrieben wird, statt aus innerem Antrieb nach ihr zu streben.<\/p>\n<p>&#8222;Keine Form der Lohnarbeit&#8220;, so betont Marx, &#8222;obgleich die eine Missst\u00e4nde der andren \u00fcberw\u00e4ltigen mag, kann die Missst\u00e4nde der Lohnarbeitselbst \u00fcberw\u00e4ltigen.&#8220; ((17))<\/p>\n<p>Ein konsequenter Anarchist hat sich nicht nur der entfremdeten Arbeit allgemein zu widersetzen, sondern auch der verbl\u00f6denden Spezialisierung der Arbeit, die sich in einem System breit macht, von dem Marx schrieb: &#8222;alle Mittel zur Entwicklung der Produktion schlagen um in Beherrschungs- und Exploitationsmittel des Produzenten, verst\u00fcmmeln den Arbeiter in einen Teilmenschen, entw\u00fcrdigen ihn zum Anh\u00e4ngsel der Maschine, vernichten mit der Qual seiner Arbeit ihren Inhalt, entfremden ihm die geistigen Potenzen des Arbeitsprozesses, im selben Ma\u00dfe, worin letzterem die Wissenschaft als selbst\u00e4ndige Potenz einverleibt wird.&#8220; ((18))<\/p>\n<p>Marx sah das nicht als unvermeidliche Begleiterscheinung der Industrialisierung, sondern als Kennzeichen der kapitalistischen Produktionsverh\u00e4ltnisse.<\/p>\n<p>Die zuk\u00fcnftige Gesellschaft habe daf\u00fcr zu sorgen, dass der heutige Teilarbeiter, der zum blo\u00dfen Teilmenschen verst\u00fcmmelt ist, durch das allseitig entwickelte Individuum ersetzt wird, das zu einer Vielfalt von Arbeiten gleich f\u00e4hig ist und dem die verschiedenen gesellschaftlichen Funktionen nur ebensoviele M\u00f6glichkeiten zu freier Aus\u00fcbung seiner nat\u00fcrlichen F\u00e4higkeiten sind. ((19))<\/p>\n<p>Vorbedingung daf\u00fcr ist allerdings die Abschaffung von Kapital und Lohnarbeit als gesellschaftliche Kategorien (um nicht von den industriellen Armeen des &#8222;Arbeitsstaates&#8220; zu sprechen oder den verschiedenen modernen Formen von Totalitarismus oder Staatskapitalismus). Die Verst\u00fcmmelung des Menschen zum blo\u00dfen Anh\u00e4ngsel der Maschine, zu einem Spezialwerkzeug in der Produktion, w\u00e4re im Prinzip durch richtige Entwicklung und Anwendung der Technologie eher zu \u00fcberwinden als noch weiter zu versch\u00e4rfen, freilich nicht unter den Bedingungen einer autokratischen Kontrolle der Produktion durch diejenigen, die den Menschen zu einem Instrument f\u00fcr ihre Ziele machen und dabei seine, um mit Humboldt zu sprechen, individuellen Zwecke au\u00dfer Acht lassen.<\/p>\n<p>AnarchosyndikalistInnen haben versucht, bereits unter dem Kapitalismus &#8222;freie Assoziationen von freien Produzenten&#8220; zu schaffen, die sich dem militanten Kampf zu verschreiben und die \u00dcbernahme der Produktionsorganisation auf demokratischer Basis vorzubereiten h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Solche Assoziationen sollten &#8222;praktische Schulen des Anarchismus&#8220; sein. ((20))<\/p>\n<p>Und wenn das Privateigentum an Produktionsmitteln nach Proudhons oft zitiertem Satz nur eine Art &#8222;Diebstahl&#8220; ist &#8211; &#8222;die Enteignung der Schwachen durch die Starken&#8220; ((21)) -, dann kann auch die Produktionskontrolle durch eine Staatsb\u00fcrokratie, wie gut ihre Absichten immer sein m\u00f6gen, gleichfalls nicht die Bedingungen schaffen, unter denen die Arbeit, die Hand- wie die Kopfarbeit, zum &#8222;ersten Lebensbed\u00fcrfnis&#8220; werden. Also m\u00fcssen beide Formen von Kontrolle \u00fcberwunden werden.<\/p>\n<p>Bei seinem Angriff auf das Recht zu privater oder b\u00fcrokratischer Kontrolle \u00fcber die Produktionsmittel steht der Anarchist an der Seite derer, die f\u00fcr die &#8222;dritte und letzte Emanzipationsphase der Geschichte&#8220; k\u00e4mpfen &#8211; die erste Phase machte aus Sklaven Leibeigene, die zweite aus Leibeigenen Lohnarbeiter, und die dritte, die in einer abschlie\u00dfenden Befreiungstat das Proletariat abschaffen wird, legt die Kontrolle \u00fcber die \u00d6konomie in die H\u00e4nde von freien und freiwilligen Produzentenassoziationen (Fourier, 1848). ((22))<\/p>\n<p>Die unmittelbare Gefahr f\u00fcr die &#8222;Zivilisation&#8220; ist 1848 auch von Tocqueville bemerkt worden:<\/p>\n<p>&#8222;Solange das Recht auf Eigentum Ursprung und Fundament vieler anderer Rechte war, lie\u00df es sich leicht verteidigen &#8211; oder besser gesagt, es wurde gar nicht angegriffen; es war die Trutzburg der Gesellschaft, w\u00e4hrend die \u00fcbrigen Rechte gleichsam ihre \u00e4u\u00dferen Befestigungsanlagen waren; es hatte die Hitze des Angriffs nicht selbst zu ertragen, und es gab in der Tat keinen ernsthaften Versuch, diese Trutzburg zu erst\u00fcrmen. Doch heute, da das Recht auf Eigentum als letzte unzerst\u00f6rbare Bastion der aristokratischen Welt gilt, da es schutzlos \u00fcbriggeblieben, einziges Privileg in einer gleichgeschalteten Gesellschaft, ist die Lage ver\u00e4ndert. Man stelle sich nur vor, was in den Herzen der Arbeiterklassen vorgehen mag, wenn ich auch zugebe, dass sie bislang noch ruhig sind. Gewiss, sie lassen sich weniger als fr\u00fcher durch politische Leidenschaften im strengen Sinne entflammen; aber sehen Sie denn nicht, dass ihre Leidenschaften, weit entfernt von politischer Natur, nun gesellschaftlich geworden sind?<\/p>\n<p>Sehen Sie denn nicht, dass Schritt f\u00fcr Schritt sich Ideen unter ihnen ausbreiten, deren Ziel nicht blo\u00df die Beseitigung dieses oder jenes Gesetzes, dieses Ministers oder jener Regierung ist, sondern die Zerst\u00f6rung der tiefsten Fundamente der Gesellschaft selbst?&#8220; ((23))<\/p>\n<p>Die Arbeiter von Paris haben das Schweigen gebrochen und machten sich daran, &#8222;das Eigentum, die Grundlage aller Zivilisation, ab[zu]schaffen! Jawohl, meine Herren, die Kommune wollte jenes Klasseneigentum abschaffen, das die Arbeit der vielen in den Reichtum der wenigen verwandelt. Sie beabsichtigte die Enteignung der Enteigner. Sie wollte das individuelle Eigentum zu einer Wahrheit machen, indem sie die Produktionsmittel, den Erdboden, und das Kapital, jetzt vor allem die Mittel zur Knechtung und Ausbeutung der Arbeit, in blo\u00dfe Werkzeuge der freien und assoziierten Arbeit verwandelt.&#8220; ((24))<\/p>\n<p>Die Kommune wurde freilich im Blut ertr\u00e4nkt. Als die Truppen der Versailler Regierung Paris aus den H\u00e4nden seiner BewohnerInnen zur\u00fcckeroberten, gab sich wieder einmal die Natur jener &#8222;Zivilisation&#8220; zu erkennen, die die Pariser Arbeiter mit ihrem Angriff auf die &#8222;tiefsten Fundamente der Gesellschaft selbst&#8220; zu \u00fcberwinden suchten. Wie Marx bitter, aber zutreffend schrieb:<\/p>\n<p>&#8222;Die Zivilisation und Gerechtigkeit der Bourgeoisordnung tritt hervor in ihrem wahren, gewitterschwangern Licht, sobald die Sklaven in dieser Ordnung sich gegen ihre Herren emp\u00f6ren. Dann stellt sich diese Zivilisation und Gerechtigkeit dar als unverh\u00fcllte Wildheit und gesetzlose Rache [\u2026] die h\u00f6llischen Taten der Soldateska spiegeln den eingebornen Geist jener Zivilisation, deren gemietete Vork\u00e4mpfer und R\u00e4cher sie sind. [\u2026] Die Bourgeoisie der ganzen Welt sieht der Massenschl\u00e4chterei <em>nach <\/em>der Schlacht wohlgef\u00e4llig zu, aber sie entsetzt sich \u00fcber die Entweihung von Dach und Fach!&#8220; (ebd., S. 355-57)<\/p>\n<p>Trotz der gewaltsamen Zerschlagung der Kommune meinte Bakunin, Paris habe eine neue \u00c4ra er\u00f6ffnet, &#8222;die der endg\u00fcltigen und vollst\u00e4ndigen Emanzipation der Volksmassen und die ihrer zuk\u00fcnftigen wahren Solidarit\u00e4t, ungeachtet und quer \u00fcber alle Staatsgrenzen hinweg [\u2026] die n\u00e4chste Revolution des Menschen, international und in Solidarit\u00e4t, wird die Auferstehung von Paris sein&#8220; &#8211; eine Revolution, auf die die Welt noch heute wartet.<\/p>\n<p>Der konsequente Anarchist sollte also ein Sozialist sein, allerdings ein besonderer Sozialist. Er widersetzt sich nicht nur der entfremdeten und spezialisierten Arbeit und zielt nicht nur auf die Aneignung des Kapitals durch die Gesamtheit der ArbeiterInnen, sondern er besteht beharrlich darauf, dass diese Aneignung direkt vollzogen wird, nicht durch eine Elitekraft, die im Namen des Proletariats handelt. Kurzum, er ist gegen &#8222;die Organisierung der Produktion durch die Regierung. Sie bedeutet Staatssozialismus, das Kommando der Staatsfunktion\u00e4re \u00fcber die Produktion und das Kommando der Manager, Wissenschaftler, Betriebsfunktion\u00e4re im Betrieb. [\u2026] Ziel der Arbeiterklasse ist die Befreiung von Ausbeutung. Dieses Ziel wird nicht und kann nicht erreicht werden durch eine neue herrschende und regierende Klasse, die sich an die Stelle der Bourgeoisie setzt. Es wird nur durch die Arbeiter selbst verwirklicht, indem diese selbst die Herren der Produktion sind.&#8220;<\/p>\n<p>Diese S\u00e4tze stammen aus den &#8222;F\u00fcnf Thesen zum Klassenkampf&#8220; von dem linken Marxisten Anton Pannekoek, einem der bedeutendsten Theoretiker der r\u00e4tekommunistischen Bewegung. ((25))<\/p>\n<p>Und in der Tat flie\u00dft der radikale Marxismus mit anarchistischen Str\u00f6mungen zusammen.<\/p>\n<p>Als weiteres Beispiel betrachte man die folgende Charakterisierung des &#8222;revolution\u00e4ren Sozialismus&#8220;:<\/p>\n<p>&#8222;Der revolution\u00e4re Sozialist ist davon \u00fcberzeugt, dass Staatseigentum nur in einem b\u00fcrokratischen Despotismus enden kann. Wir haben gesehen, warum der Staat nicht in der Lage ist, die Industrie demokratisch zu kontrollieren. Die Industrie kann nur von den Arbeitern demokratisch besessen und kontrolliert werden, indem diese Komitees zur Verwaltung der Industrie direkt aus ihren eigenen Reihen w\u00e4hlen. Sozialismus wird ein zutiefst industrielles System sein; seine Grundlagen werden industriellen Charakter haben.<\/p>\n<p>Folglich werden die Ausf\u00fchrenden der gesellschaftlichen T\u00e4tigkeiten und der Industrien der Gesellschaft unmittelbar in den lokalen und zentralen R\u00e4ten der gesellschaftlichen Verwaltung vertreten sein.<\/p>\n<p>Auf diese Weise werden die Machtbefugnisse dieser Delegierten aus denen aufsteigen, die die Arbeit verrichten, und sie werden mit den Bed\u00fcrfnissen der Gemeinschaft \u00fcbereinstimmen. Wenn das Industrieverwaltungskomitee zusammentritt, so wird es jede Phase der gesellschaftlichen Aktivit\u00e4t repr\u00e4sentieren. Daher tritt an die Stelle des kapitalistischen politischen oder geografischen Staates das Industrieverwaltungskomitee des Sozialismus. Der \u00dcbergang von dem einen zum anderen System wird die <em>soziale Revolution <\/em>sein. W\u00e4hrend der bisherigen Geschichte bedeutete der politische Staat stets die Regierung <em>\u00fcber Menschen <\/em>durch herrschende Klassen; die Republik des Sozialismus wird sein die Regierung <em>\u00fcber Industrie<\/em>, die im Interesse der Gesamtheit verwaltet wird. Erstere bedeutete die \u00f6konomische und politische Unterwerfung der vielen; letztere wird die \u00f6konomische Freiheit aller bedeuten &#8211; und wird daher eine wahre Demokratie sein.&#8220;<\/p>\n<p>Diese programmatische Erkl\u00e4rung steht in William Pauls <em>The State, its Origins and Function<\/em>, geschrieben Anfang 1917 &#8211; kurz vor Lenins <em>Staat und Revolution<\/em>, seinem wohl libert\u00e4rsten Werk (siehe Anm. 9). Paul war Mitglied der von Marx und De Leoni beeinflussten Socialist Labour Party und geh\u00f6rte sp\u00e4ter zu den Gr\u00fcndern der British Communist Party. ((26))<\/p>\n<p>Seine Kritik am Staatssozialismus \u00e4hnelt der libert\u00e4ren Lehre der AnarchistInnen in ihrem Prinzip: Da Staatseigentum und Management zu b\u00fcrokratischem Despotismus f\u00fchren m\u00fcssen, hat die soziale Revolution sie zu ersetzen durch die gesellschaftliche Organisation der Industrie mit direkter Arbeiterkontrolle. Viele \u00e4hnliche Aussagen lie\u00dfen sich anf\u00fchren.<\/p>\n<p>Weit wichtiger ist jedoch, dass diese Ideen in spontanen revolution\u00e4ren Aktionen verwirklicht worden sind, so zum Beispiel in Deutschland und Italien nach dem Ersten Weltkrieg und 1936 in Spanien (und dort nicht nur auf dem flachen Lande, sondern auch im industrialisierten Barcelona). Man k\u00f6nnte argumentieren, dass die nat\u00fcrliche Form des revolution\u00e4ren Sozialismus in einer Industriegesellschaft eine r\u00e4tekommunistische Form ist. In ihr spiegelt sich die Einsicht, dass Demokratie ernstlich eingeschr\u00e4nkt wird, wenn das Industriesystem unter der Kontrolle einer irgendwie gearteten autokratischen Elite steht, gleichg\u00fcltig, ob in Form von Eigent\u00fcmern, Managern und Technokraten, einer &#8222;Avantgarde&#8220;- Partei oder einer Staatsb\u00fcrokratie. Unter den Bedingungen autorit\u00e4rer Herrschaft lassen sich die klassischen Ideale des libert\u00e4ren Denkens, wie sie von Marx und Bakunin und anderen Revolution\u00e4ren weiterentwickelt worden sind, keinesfalls verwirklichen; unter Zwang ist der Mensch nicht frei, seine eigenen M\u00f6glichkeiten zu entfalten, und der Produzent bleibt ein &#8222;Fragment menschlichen Wesens&#8220;, degradiert zum Werkzeug in einem von oben geleiteten Produktionsprozess.<\/p>\n<p>Der Ausdruck &#8222;spontane revolution\u00e4re Aktion&#8220; k\u00f6nnte in die Irre f\u00fchren. Die AnarchosyndikalistInnen zumindest haben Bakunins Hinweis stets sehr ernst genommen, dass die Arbeiterorganisationen &#8222;nicht nur die Ideen, sondern auch die Tatsachen der Zukunft selbst&#8220; schaffen m\u00fcssen, und zwar schon in der vorrevolution\u00e4ren Periode. Insbesondere die Errungenschaften der Volksrevolution in Spanien waren das Ergebnis langj\u00e4hriger Organisations- und Erziehungsarbeit als Teil einer langen Tradition von Engagement und Militanz.<\/p>\n<p>Die Resolutionen des Madrider Kongresses vom Juni 1931 und des Kongresses in Saragossa vom Mai 1936 haben die Handlungen der Revolution in vieler Hinsicht vorgezeichnet, ebenso auch die ein wenig andersartigen Ideen von Santillan (siehe Anm. 4), die er in seinem detaillierten Bericht \u00fcber die von der Revolution zu errichtenden gesellschaftlichen und \u00f6konomischen Organisationen umrissen hat. Gu\u00e9rin schreibt: &#8222;Die Spanische Revolution war relativ reif in den K\u00f6pfen der libert\u00e4ren Denker und im Bewusstsein des Volkes.&#8220; Und es gab durchaus ArbeiterInnenorganisationen mit der notwendigen Struktur, Erfahrung und Einsicht, um die Aufgabe einer Rekonstruktion der Gesellschaft in Angriff zu nehmen, als Anfang 1936 mit Francos Staatsstreich die Unruhen zur sozialen Revolution explodierten.<\/p>\n<p>Der Anarchist Augustin Souchy schreibt in seiner Einleitung zu einer Sammlung von Dokumenten \u00fcber die Kollektivierung in Spanien:<\/p>\n<p>&#8222;Jahrelang sahen die Anarchisten und Syndikalisten Spaniens ihr h\u00f6chstes Ziel in der sozialen Transformation der Gesellschaft. In ihren Gewerkschafts- und Gruppenversammlungen, ihren Zeitungen, Brosch\u00fcren und B\u00fcchern diskutierten sie das Problem der sozialen Revolution unaufh\u00f6rlich und in systematischer Weise.&#8220; ((27))<\/p>\n<p>All dies stand hinter den spontanen Errungenschaften, hinter der konstruktiven Arbeit der Spanischen Revolution.<\/p>\n<p>Die Ideen des libert\u00e4ren Sozialismus im genannten Sinne sind in den Industriegesellschaften des letzten halben Jahrhunderts von der Oberfl\u00e4che verschwunden. Die herrschenden Ideologien waren die des Staatssozialismus und des Staatskapitalismus (der in den USA aus Gr\u00fcnden, die nicht im Verborgenen liegen, einen zunehmend militarisierten Charakter angenommen hat ((28))).<\/p>\n<p>Doch in den letzten Jahren ist ein neues Interesse zum Vorschein gekommen. Die zitierten Thesen von Anton Pannekoek habe ich in einer aktuellen Kampfschrift radikaler franz\u00f6sischer ArbeiterInnen <em>(Informations Correspondance Ouvri\u00e8re) <\/em>gefunden.<\/p>\n<p>William Pauls Ausf\u00fchrungen \u00fcber den revolution\u00e4ren Sozialismus werden in einem Papier zitiert, das Walter Kendall f\u00fcr die Nationale Konferenz \u00fcber Arbeiterkontrolle in Sheffield, England, M\u00e4rz 1969, verfasst hat. In England ist die Bewegung f\u00fcr Arbeiterkontrolle in den letzten Jahren eine bedeutsame Kraft geworden; sie hat mehrere Konferenzen organisiert und eine breite Kampfliteratur hervorgebracht, und sie z\u00e4hlt Vertreter einiger der wichtigsten Gewerkschaften zu ihren aktiven Anh\u00e4ngerInnen.<\/p>\n<p>Die Vereinigte Maschinenbau- und Gie\u00dfereiarbeitergewerkschaft zum Beispiel hat das Programm einer Verstaatlichung der Grundstoffindustrien unter &#8222;Arbeiterkontrolle auf allen Ebenen&#8220; als ihre offizielle Politik angenommen. ((29))<\/p>\n<p>\u00c4hnliche Entwicklungen gibt es auch auf dem Kontinent. Und nat\u00fcrlich hat der franz\u00f6sische Mai 1968 das wachsende Interesse am R\u00e4tekommunismus und verwandten Vorstellungen in Frankreich und Deutschland sowie in England weiter verst\u00e4rkt.<\/p>\n<p>Angesichts der allgemeinen konservativen Grundstimmung unserer hochgradig ideologisierten Gesellschaft ist es nicht allzu \u00fcberraschend, dass die USA von diesen Entwicklungen relativ unber\u00fchrt geblieben sind. Aber auch dies kann sich \u00e4ndern. Die Erosion der Mythologie des Kalten Krieges macht es immerhin m\u00f6glich, derlei Fragen in weiten Kreisen aufzuwerfen. Wenn die derzeitige Repressionswelle zur\u00fcckgeschlagen werden kann und die Linke ihre eher selbstm\u00f6rderischen Neigungen zu \u00fcberwinden vermag und auf dem im letzten Jahrzehnt Erk\u00e4mpften aufbaut, dann sollte wohl das Problem einer wirklich demokratischen Organisation der Industriegesellschaft mit demokratischer Kontrolle am Arbeitsplatz und in der Gemeinschaft zum vorherrschenden intellektuellen Thema f\u00fcr all jene werden, die f\u00fcr die Probleme der heutigen Gesellschaft empf\u00e4nglich sind. Und in dem Ma\u00dfe, wie sich eine Massenbewegung f\u00fcr den libert\u00e4ren Sozialismus herausbildet, d\u00fcrfte die Spekulation wohl auch zur Aktion voranschreiten.<\/p>\n<p>In seinem Manifest von 1865 sagte Bakunin voraus, ein Element der sozialen Revolution werde &#8222;jener intelligente und wahrhaft edle Teil der Jugend&#8220; sein, &#8222;der, obgleich seiner Geburt nach zu den privilegierten Klassen z\u00e4hlend, in seinen hochherzigen \u00dcberzeugungen und brennenden Bestrebungen die Sache des Volkes zu der seinen macht&#8220;.<\/p>\n<p>Vielleicht kann man im Aufkommen der Studentenbewegung der 1960er Jahre erste Schritte zur Erf\u00fcllung dieser Prophezeiung sehen.<\/p>\n<p>Daniel Gu\u00e9rin hat das unternommen, was er einen &#8222;Rehabilitierungsprozess&#8220; des Anarchismus nennt. Er argumentiert, meines Erachtens durchaus \u00fcberzeugend: &#8222;Die konstruktiven Ideen des Anarchismus behalten ihre Vitalit\u00e4t, so dass sie, wenn erneut \u00fcberpr\u00fcft und gesichtet, dem zeitgen\u00f6ssischen sozialistischen Denken zu einem neuen Anfang verhelfen k\u00f6nnen [\u2026] [und] zur Bereicherung des Marxismus beitragen.&#8220; ((30))<\/p>\n<p>Vom &#8222;breiten R\u00fccken&#8220; des Anarchismus hat Gu\u00e9rin diejenigen Ideen und Aktionen ausgew\u00e4hlt, die sich als libert\u00e4r-sozialistisch beschreiben lassen. Dies ist nur nat\u00fcrlich und angemessen. In diesen Rahmen f\u00fcgen sich sowohl die bedeutenderen SprecherInnen des Anarchismus wie auch die von anarchistischen Stimmungen und Idealen animierten Massenaktionen ein. Gu\u00e9rin behandelt nicht nur das anarchistische Denken, sondern auch das spontane Handeln der Kr\u00e4fte des Volkes, die im Laufe des revolution\u00e4ren Kampfes neue Gesellschaftsformen praktisch schaffen. Er behandelt die gesellschaftliche ebenso wie die intellektuelle Kreativit\u00e4t.<\/p>\n<p>Zudem versucht er, aus den konstruktiven Errungenschaften der Vergangenheit Lehren zu ziehen, die die Theorie der gesellschaftlichen Befreiung bereichern.<\/p>\n<p>F\u00fcr diejenigen, die die Welt nicht nur verstehen, sondern auch ver\u00e4ndern wollen, ist dies die richtige Art, die Geschichte des Anarchismus zu er forschen.<\/p>\n<p>Gu\u00e9rin beschreibt den Anarchismus des 19. Jahrhunderts als wesentlich doktrin\u00e4r, w\u00e4hrend das 20. Jahrhundert f\u00fcr die Anarchisten eine Zeit &#8222;revolution\u00e4rer Praxis&#8220; gewesen sei. ((31))<\/p>\n<p>Dieses Urteil spiegelt sich auch in seinem Buch <em>Anarchismus<\/em>. Seine Interpretation des Anarchismus verweist bewusst auf die Zukunft. Arthur Rosenberg hat einmal gesagt, Volksrevolutionen zeichneten sich dadurch aus, dass sie &#8222;einen feudalen oder zentralistischen Gewaltapparat&#8220; durch ein &#8222;\u201akommunales&#8216; oder sowjetm\u00e4\u00dfiges Gemeinwesen&#8220; zu ersetzen versuchten, das seinerseits &#8222;bereits eine Zerschlagung und Aufl\u00f6sung des alten Staates&#8220; darstelle.<\/p>\n<p>Ein solches Gemeinwesen sei entweder direkt sozialistisch oder doch jedenfalls eine &#8222;extreme Form der Demokratie, [\u2026] die Voraussetzung f\u00fcr den Sozialismus, der nur bei einem H\u00f6chstma\u00df menschlicher Freiheit vollendet werden kann&#8220;. Dieses Ideal, so f\u00fcgt Rosenberg hinzu, habe Marx mit den Anarchisten gemein. ((32))<\/p>\n<p>Ein Befreiungskampf solcher Art steht freilich im Gegensatz zu der vorherrschenden Tendenz nach Zentralisierung im \u00f6konomischen und politischen Leben.<\/p>\n<p>Vor einem Jahrhundert schrieb Marx, die Pariser Arbeiter und auch ein Teil der Mittelklasse &#8222;f\u00fchlte[n], dass es nur noch eine Wahl gab: die Kommune oder das Kaisertum, gleichviel unter welchem Namen. Das Kaisertum hatte diese Mittelklasse \u00f6konomisch ruiniert durch seine Verschleuderung des \u00f6ffentlichen Reichtums, durch den von ihm gro\u00dfgezogenen Finanzschwindel, durch seine Beihilfe zur k\u00fcnstlich beschleunigten Zentralisation des Kapitals und die dadurch bedingte Enteignung eines gro\u00dfen Teils dieser Mittelklasse. Es hatte sie politisch unterdr\u00fcckt, sie sittlich entr\u00fcstet durch seine Orgien, es hatte ihren Voltairianismus beleidigt durch \u00dcberlieferung der Erziehung ihrer Kinder an die unwissenden Br\u00fcderlein, es hatte ihr Nationalgef\u00fchl als Franzosen emp\u00f6rt, indem es sie kopf\u00fcber in einen Krieg st\u00fcrzte, der f\u00fcr alle die Verw\u00fcstung, die er anrichtete, nur einen Ersatz lie\u00df &#8211; die Vernichtung des Kaisertums.&#8220; ((33))<\/p>\n<p>Das elende Zweite Kaiserreich war &#8222;die einzige m\u00f6gliche Regierungsform zu einer Zeit, wo die Bourgeoisie die F\u00e4higkeit, die Nation zu beherrschen, schon verloren und wo die Arbeiterklasse diese F\u00e4higkeit noch nicht erworben hatte&#8220;. ((34))<\/p>\n<p>Es ist nicht besonders schwer, diese Bemerkungen so umzuformulieren, dass sie auf die imperialen Systeme der 1970er Jahre passen.<\/p>\n<p>Das Problem der &#8222;Befreiung des Menschen aus dem Fluch der \u00f6konomischen Ausbeutung und der politischen wie gesellschaftlichen Versklavung&#8220; ist immer noch das Problem unserer Zeit. Solange dies nicht anders wird, werden uns die Lehren und die revolution\u00e4re Praxis des libert\u00e4ren Sozialismus als Inspiration und Anleitung dienen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Franzose mit Sympathien f\u00fcr den Anarchismus schrieb in den 1890ern: &#8222;Der Anarchismus hat einen breiten R\u00fccken; geduldig wie Papier kann er alles ertragen&#8220; &#8211; einschlie\u00dflich derjenigen, so f\u00fcgte er hinzu, deren Taten &#8222;ein Todfeind des Anarchismus nicht besser h\u00e4tte vollbringen k\u00f6nnen&#8220;. ((1)) Viele Denk- und Handlungsweisen sind als &#8222;anarchistisch&#8220; bezeichnet worden. 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