{"id":9104,"date":"2008-12-01T00:00:53","date_gmt":"2008-11-30T22:00:53","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9104"},"modified":"2022-07-26T14:14:45","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:45","slug":"wenn-handeln-unmoglich-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/12\/wenn-handeln-unmoglich-wird\/","title":{"rendered":"Wenn Handeln unm\u00f6glich wird"},"content":{"rendered":"<p>Am 3. Februar 2009 steht der 100. Geburtstag der franz\u00f6sischen Philosophin Simone Weil an &#8211; Anlass genug, sich genauer mit dem Werk dieser ungew\u00f6hnlichen Denkerin zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<p>Ein guter Lekt\u00fcretipp dazu ist ein Sammelband, der zwar schon zehn Jahre alt ist, aber erst k\u00fcrzlich ins Deutsche \u00fcbersetzt wurde. Er enth\u00e4lt Aufs\u00e4tze und teilweise bis dahin unver\u00f6ffentlichte Textdokumente, die den Fokus auf Simone Weils politischen Aktivismus und insbesondere ihre Verbindung zum gewerkschaftlich-anarchistischen Syndikalismus lenken &#8211; ein Aspekt, der ansonsten h\u00e4ufig zu kurz kommt, wenn der Schwerpunkt eher auf ihrem spirituellem Denken und der Hinwendung zum Christentum liegt. Ein gro\u00dfer Verdienst der Autoren ist, dass versucht wird, Weils Denken in seiner inneren Kontinuit\u00e4t zu verstehen und ihr mystisches Denken nicht vorschnell als Abkehr vom politischen Engagement zu verstehen.<\/p>\n<p>Simone Weil, Tochter einer wohlhabenden, intellektuell offenen Familie, hat sich von klein auf f\u00fcr die &#8222;Unterdr\u00fcckten&#8220; eingesetzt. Der Zusammenhang von Denken und Handeln war f\u00fcr sie immer zentral, doch wie kaum eine andere Sozialistin hat sie die moralischen Schwierigkeiten, die das mit sich brachte, nicht wegzudr\u00fccken versucht, sondern sich ihnen mit aller Konsequenz gestellt.<\/p>\n<p>Noch als Jugendliche schloss sie sich einer kleinen, anarchistischen Gewerkschaftsgruppe an, weil ihr jede Parteipolitik suspekt war. Gleichzeitig war sie radikale Pazifistin. Die Arbeiterbewegung, verstanden nicht als marxistisch oder gar stalinistisch gef\u00fchrt, sondern als kulturelles proletarisches Projekt, war f\u00fcr sie lange die Tr\u00e4gerin ihrer Hoffnungen f\u00fcr eine zuk\u00fcnftige gute, gerechte Gesellschaft.<\/p>\n<p>Der Optimismus endete jedoch sp\u00e4testens mit dem Aufstieg des Nationalsozialismus in Deutschland, von dem sich Simone Weil bei einer Deutschlandreise 1932 selbst ein Bild machte. Die Frage, die sie von nun an besch\u00e4ftigte, war, warum die deutsche Arbeiterbewegung dem &#8222;Hitlerismus&#8220; so wenig entgegensetzen konnte.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich lagen f\u00fcr eine Anarchistin einige Antworten klar auf der Hand: Der sozialdemokratische &#8222;Reformismus&#8220;, die Gewerkschaften, denen es vor allem um ihre eigenen Posten ging, der stalinistische Terror und der B\u00fcrokratismus des orthodoxen Kommunismus, all das lieferte Erkl\u00e4rung genug.<\/p>\n<p>Doch Simone Weil, eine der vehementesten Kritikerinnen Sowjetrusslands (was sie damals innerhalb der westlichen Linken noch zur Au\u00dfenseiterin machte), verlangte nach tiefergehenden Analysen. Sie glaubte, dass die Organisation der von Maschinen abh\u00e4ngigen Industriearbeit ein Hauptfaktor war, der ein freies Denken und Handeln der Arbeiterinnen und Arbeiter unm\u00f6glich machte.<\/p>\n<p>Ein Problem war das f\u00fcr sie, weil sie gleichzeitig eine gro\u00dfe Gegnerin jeder intellektuellen Bevormundung der Arbeiterschaft war. Im Mai 1933 schrieb sie: &#8222;Wenn die Proletarier sich mit Reformen zufrieden geben, ist das ihre Sache. An ihnen liegt es, das Risiko und vor allem die Verantwortung einer Revolution auf sich zu nehmen; an ihnen liegt es, sie zu machen oder nicht. Ich m\u00f6chte Ihnen <em>helfen<\/em>, sie zu machen, wenn ich kann, nicht sie dazu <em>dr\u00e4ngen<\/em>. Die Vorstellung bestimmter Kommunisten, die Arbeiter durch eine Verelendungstheorie der Revolution n\u00e4her zu bringen, jagt mir Schrecken ein, auch wenn ich das nicht absurd finde.&#8220; (S. 100)<\/p>\n<p>Da die ArbeiterInnen die Revolution nicht machten, in Russland ein Staatsb\u00fcrokratismus entstanden war, der noch unterdr\u00fcckerischer war als der Kapitalismus, und die linken Intellektuellen sich auch noch weigerten, dies in der n\u00f6tigen Sch\u00e4rfe zu kritisieren, wusste Simone Weil nicht mehr, wie sie ihr Denken und Handeln zusammenbringen konnte.<\/p>\n<p>Einer Freundin schrieb sie zu dieser Zeit: &#8222;Ich habe mich dazu entschlossen, mich vollst\u00e4ndig aus jedem Politikbereich zur\u00fcckzuziehen, die theoretische Forschung ausgenommen. Das schlie\u00dft f\u00fcr mich nicht die m\u00f6gliche Teilnahme an einer gro\u00dfen spontanen Massenbewegung (als K\u00e4mpferin im Glied) aus, aber ich m\u00f6chte keinerlei Verantwortung tragen, so gering sie auch sei, selbst indirekt nicht, weil ich sicher bin, dass alles Blut, das vergossen wird, umsonst vergossen wird und dass wir schon von vornherein geschlagen sind.&#8220; (S. 40)<\/p>\n<p>Als sie 1936, nach dem Milit\u00e4rputsch gegen die spanische Regierung, nach Barcelona reiste, um sich dort an den K\u00e4mpfen der Anarchistinnen und Anarchisten gegen General Franco zu beteiligen, tat sie es nicht, weil sie nun wieder auf etwas hoffte: &#8222;Ich mag den Krieg nicht; am schrecklichsten fand ich im Krieg jedoch immer die Situation derer, die sich im Hinterland befinden. Als mir bewusst wurde, dass ich trotz meiner Anstrengungen nicht umhin konnte, mich innerlich an diesen Krieg zu beteiligen, das hei\u00dft t\u00e4glich, ja st\u00fcndlich den Sieg der einen und die Niederlage der anderen zu w\u00fcnschen, sagte ich mir, dass f\u00fcr mich Paris das Hinterland war, und ich nahm den Zug nach Barcelona.&#8220; (S. 122)<\/p>\n<p>Sie wollte unbedingt an den K\u00e4mpfen beteiligt sein, auch wenn sie daf\u00fcr aufgrund ihrer Ungeschicklichkeit und Kurzsichtigkeit untauglich war.<\/p>\n<p>In der Tat w\u00e4hrte ihr Einsatz nur wenige Tage, bis ein Unfall sie zum R\u00fcckzug zwang: Sie war versehentlich in eine Sch\u00fcssel mit siedendem \u00d6l getreten.<\/p>\n<p>Doch das, was sie in den wenigen Tagen beobachte hatte, reichte ihr aus, um auch jegliche Illusionen \u00fcber ihre anarchistischen Kampfgenossen zu zerschlagen: &#8222;Weder die Spanier, noch die Franzosen, die gekommen waren, um zu k\u00e4mpfen oder um zuzusehen, habe ich je angesichts des unn\u00f6tig vergossenen Blutes Abscheu, Ekel oder auch nur Missbilligung \u00e4u\u00dfern h\u00f6ren, nicht einmal im Vertrauen. Ganz offensichtlich mutige M\u00e4nner erz\u00e4hlten w\u00e4hrend eines kameradschaftlichen Essens mit dem freundlichsten L\u00e4cheln, wie viele Priester oder \u201aFaschisten&#8216; &#8211; ein sehr weiter Begriff &#8211; sie umgebracht hatten. Wenn man wei\u00df, dass man ohne das Risiko der Strafe oder des Vorwurfs t\u00f6ten kann, so t\u00f6tet man; oder zumindest l\u00e4chelt man denen aufmunternd zu, die es tun. Sollte man zuerst eine Spur von Abscheu versp\u00fcren, so \u00e4u\u00dfert man ihn nicht und erstickte ihn aus Angst, man k\u00f6nnte es an M\u00e4nnlichkeit fehlen lassen. Es herrschte eine Sogwirkung und ein Taumel, dem man sich ohne gro\u00dfe seelische Kraft, die wahrhaft au\u00dfergew\u00f6hnlich sein muss, da ich sie nirgends angetroffen habe, nicht entziehen kann.&#8220; (S. 124)<\/p>\n<p>Sie glaubte durchaus, dass die anarchistischen Milizen gute Absichten hatten: &#8222;Es gab keine Unversch\u00e4mtheiten, keine Beleidigungen, keine Brutalit\u00e4ten &#8211; zumindest habe ich nichts dergleichen gesehen, und ich wei\u00df, dass auf Diebstahl und Vergewaltigung in den anarchistischen Kolonnen die Todesstrafe stand &#8211; und dennoch lag ein Abgrund zwischen den Bewaffneten und der entwaffneten Bev\u00f6lkerung, ein Abgrund, der durchaus dem zwischen Arm und Reich vergleichbar ist. Das merkte man am stets bescheidenen, ja devoten und \u00e4ngstlichen Verhalten der einen und an der Ungezwungenheit, Ungeniertheit und Herablassung der anderen.&#8220; (S. 125)<\/p>\n<p>Was sie in Spanien lernte, war also zweierlei: erstens, dass man fast eine Heilige sein muss, um sich der Dynamik des T\u00f6tens in Zeiten des Krieges zu entziehen, und zweitens, dass auch eine Revolution, die mit bester Absicht geschieht, am Ende Hierarchien hervorbringt, um deren Bek\u00e4mpfung es doch gerade ging. Das war keineswegs eine Kehrtwendung in Weils Engagement.<\/p>\n<p>Auch zur\u00fcck in Paris nahm sie an Demonstrationen f\u00fcr die anarchistischen K\u00e4mpfe in Spanien teil und solidarisierte sich mit ihnen. Doch anders als die meisten Linken, die die franz\u00f6sische Regierung aufforderten, den Freiheitsk\u00e4mpferinnen und -k\u00e4mpfern zu Hilfe zu kommen, war sie strikt gegen eine internationale Intervention in Spanien: &#8222;Ich f\u00fcr meinen Teil weigere mich, vors\u00e4tzlich den Frieden zu opfern, selbst wenn damit ein revolution\u00e4res, von Vernichtung bedrohtes Volk gerettet werden soll.&#8220; (S. 142). Sich freiwillig an den K\u00e4mpfen zu beteiligen, stellte eine pers\u00f6nliche, ethische Wahl dar.<\/p>\n<p>&#8222;Eine Politik zu Gunsten der Intervention hingegen w\u00fcrde Opferung Millionen junger Menschen gegen ihren Willen bedeuten. Die pers\u00f6nliche Ebene, die der Solidarit\u00e4t, darf in keiner Weise mit der Ebene (staats-) politischer Entscheidungen und internationaler Diplomatie verwechselt werden.&#8220; (S. 143) &#8211; Eine interessante Haltung, die auch von au\u00dferordentlicher Aktualit\u00e4t ist.<\/p>\n<p>Ihre grunds\u00e4tzlich pazifistische Haltung revidierte Simone Weil erst, als Deutschland in die Tschechoslowakei einmarschierte. Angesichts von Hitlers offensichtlicher Absicht, die ganze Welt zu kolonialisieren, schien ihr kein anderer Ausweg mehr zu bestehen &#8211; doch die Verzweiflung angesichts der Unm\u00f6glichkeit, sinnvoll zu handeln, wurde damit nat\u00fcrlich nur noch gr\u00f6\u00dfer.<\/p>\n<p>Als die Deutschen Nordfrankreich besetzen, floh Simone Weil nach Marseille, gelangte von dort nach New York und ging schlie\u00dflich nach London, um sich der Exilbewegung um de Gaulle anzuschlie\u00dfen. L\u00e4ngst hat sie sich in ihrem Denken der christlichen Mystik zugewandt, was aber eben keineswegs bedeutet, dass sie nun &#8222;unpolitisch&#8220; geworden sei. Im Gegenteil. Sie entwickelte zum Beispiel ein Projekt zur Ausbildung von Frontkrankenschwestern und schreibt zur Begr\u00fcndung: &#8222;Die simple Anwesenheit einiger Posten der Menschlichkeit im Zentrum des Kampfes, auf dem H\u00f6hepunkt der Schl\u00e4chterei, w\u00e4re eine schlagende Herausforderung an diese Schl\u00e4chterei.&#8220;<\/p>\n<p>Sie hoffte, die Anwesenheit dieses &#8222;weiblichen Korps&#8220; werde &#8222;auf neue und unerwartete Weise ausdr\u00fccken, wie weit auf unserer Seite moralische Ressourcen und Entschlossenheit reichen&#8220; (S. 22). Der Vorschlag wurde von den &#8222;Realpolitikern&#8220; um de Gaulle freilich nicht umgesetzt. Simone Weil starb im August 1943 in England &#8211; erst 34 Jahre alt.<\/p>\n<p>Dieser Aufsatzband ist ein wertvoller Beitrag dazu, die politisch-aktivistische Seite der &#8222;Mystikerin&#8220; Weil zug\u00e4nglich zu machen und zu w\u00fcrdigen.<\/p>\n<p>Allerdings gelingt es den Autoren &#8211; mit einer Ausnahme alles M\u00e4nner &#8211; nicht, die Originalit\u00e4t ihrer politischen Ideen zu erfassen. Zu eng bleiben sie in ihrer Analyse an den von einer m\u00e4nnlichen politischen Ideengeschichte vorgegebenen Rastern, was unter anderem auch an den Fragestellungen deutlich wird: In welchem Verh\u00e4ltnis steht Weils Denken zum Marxismus? Welches ist ihre Position im Streit um den Stalinismus? Wie \u00e4u\u00dfert sie sich im Hinblick auf den Kolonialismus? Welche Fraktionen unterst\u00fctzt sie im spanischen B\u00fcrgerkrieg?<\/p>\n<p>Unter solchen Perspektiven bleibt Weils Unkonventionalit\u00e4t im besten Fall &#8222;merkw\u00fcrdig&#8220;, l\u00e4sst sich bestaunen und verehren, aber in gewisser Weise nur aus jener Distanz, die die &#8222;Normalen&#8220; den &#8222;Heiligen&#8220; gegen\u00fcber einnehmen.<\/p>\n<p>Ich glaube aber nicht, dass Simone Weil sich f\u00fcr eine Heilige hielt, und ganz gewiss hielt sie ihre Ansichten und Einsichten f\u00fcr &#8222;normal&#8220; &#8211; und verzweifelte unter anderem auch daran, sich allzu oft nicht verst\u00e4ndlich machen zu k\u00f6nnen. Ihre politischen Ideen gerade in ihrer &#8222;Normalit\u00e4t&#8220; zu verstehen und zu w\u00fcrdigen (und zwar nicht unbedingt in zustimmender Weise, sondern durchaus kritisch) &#8211; das ist wohl nur m\u00f6glich, wenn auch die sexuelle Differenz in der Analyse eine Rolle spielt. Eine Herausforderung, die dieses Buch nicht bew\u00e4ltigt, und die vielleicht auch \u00fcberhaupt noch aussteht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 3. Februar 2009 steht der 100. Geburtstag der franz\u00f6sischen Philosophin Simone Weil an &#8211; Anlass genug, sich genauer mit dem Werk dieser ungew\u00f6hnlichen Denkerin zu besch\u00e4ftigen. Ein guter Lekt\u00fcretipp dazu ist ein Sammelband, der zwar schon zehn Jahre alt ist, aber erst k\u00fcrzlich ins Deutsche \u00fcbersetzt wurde. Er enth\u00e4lt Aufs\u00e4tze und teilweise bis dahin &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2008\/12\/wenn-handeln-unmoglich-wird\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Wenn Handeln unm\u00f6glich wird - graswurzelrevolution","description":"Am 3. Februar 2009 steht der 100. 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