{"id":9130,"date":"2009-01-01T00:00:45","date_gmt":"2008-12-31T22:00:45","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9130"},"modified":"2022-07-26T14:24:12","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:12","slug":"anarchistinnen-aus-israel-mit-der-carl-von-ossietzky-medaille-geehrt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/01\/anarchistinnen-aus-israel-mit-der-carl-von-ossietzky-medaille-geehrt\/","title":{"rendered":"AnarchistInnen aus Israel mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille geehrt"},"content":{"rendered":"<p>Deutsche Presseagentur und epd meldeten:<\/p>\n<p>&#8222;F\u00fcr ihren gewaltfreien Widerstand sind gestern in Berlin eine israelische und eine pal\u00e4stinensische Initiative mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille der Internationalen Liga f\u00fcr Menschenrechte ausgezeichnet worden. Die Vereinigung &#8218;Anarchisten gegen die Mauer&#8216; in Israel und das \u201aB\u00fcrgerkomitee des Dorfes Bil&#8217;in&#8216; in Pal\u00e4stina setzten sich &#8218;gemeinsam und gewaltfrei&#8216; f\u00fcr eine Zukunft ohne Ausgrenzung, Unterdr\u00fcckung und Krieg ein, sagte Liga-Pr\u00e4sidentin Fanny-Michaela Reisin bei der \u00dcbergabe der Medaillen.<\/p>\n<p>Die Gruppe \u201aAnarchists Against the Wall&#8216; entstand 2003 als Reaktion auf die von Israel errichtete Sperranlage zwischen Israel und dem Westjordanland. Das Bil&#8217;iner B\u00fcrgerkomitee wurde im Dezember 2004 gegr\u00fcndet. Der Sperrzaun trennt das Dorf von 60 % seiner Felder und Olivenhaine und nimmt ihm einen wesentlichen Teil seiner Lebensgrundlage.<\/p>\n<p>Mit der Medaille erinnert die Liga f\u00fcr Menschenrechte an den Friedensnobelpreistr\u00e4ger und Pazifisten Carl von Ossietzky, der 1938 an den Folgen seiner Haft im Konzentrationslager gestorben ist. Die undotierte Auszeichnung wird seit 1962 j\u00e4hrlich zum Internationalen Tag der Menschenrechte am 10. Dezember verliehen.&#8220; ((2))<\/p>\n<p>Wir m\u00f6chten von dem berichten, was in den Massenmedien nicht erw\u00e4hnt wurde, insbesondere von anarchistischen Hintergr\u00fcnden. ((3))<\/p>\n<p>Teilweise wurde in den Medien der Name der israelischen Gruppe &#8222;Anarchisten gegen die Mauer&#8220; (AATW) nicht genannt, vermutlich, weil f\u00fcr viele eine Ehrung von AnarchistInnen ein Widerspruch ist. Im Gegenteil dazu hat die Internationale Liga f\u00fcr Menschenrechte eine anarchistische Gruppe ins Rampenlicht gestellt.<\/p>\n<p><strong><em>&#8222;Ein wahrer Friedensprozess kann nur zwischen Menschen und nicht zwischen Regierungen stattfinden&#8220; <\/em>Adi Winter (AATW) ((4))<\/strong><\/p>\n<p>Adi Winter (28) ist eine Anarchistin aus Israel, die nach Berlin kam, um als AATW-Mitglied die Auszeichnung der Internationalen Liga f\u00fcr Menschenrechte in Empfang zu nehmen. Sie begann ihr Engagement als politische Aktivistin im Alter von 15 Jahren in der Tierschutzbewegung in Israel, die sich \u00fcberwiegend aus jungen AnarchistInnen zusammensetzte. Im Alter von 18 Jahren verweigerte sie den Kriegsdienst. In Israel ist der Kriegsdienst f\u00fcr Frauen obligatorisch, und es gibt kein allgemeines Recht auf Kriegsdienstverweigerung ((5)), sondern nur wenige Ausnahmen f\u00fcr diesen staatlichen Zwangsdienst.<\/p>\n<p>Adi Winter ist beteiligt an verschiedenen K\u00e4mpfen f\u00fcr Freiheit, soziale Gerechtigkeit und Gleichheit, Befreiung der Tiere, Frauenrechte, Anti-Globalisierung. Dieser Kampf ist gerichtet gegen Apartheid in Israel und gegen Militarismus. Sie ist Veganerin und an den Schriften des russischen gewaltfreien Anarchisten Leo Tolstoi orientiert. Danach soll im t\u00e4glichen Leben und Handeln auch pers\u00f6nliches Verhalten reflektiert werden.<\/p>\n<p>Aus ihrer Rede zur Preisverleihung:<\/p>\n<p>&#8222;Ich stehe hier auf diesem Podium als Anarchistin, obwohl diese Situation in mir und meinen Genossinnen und Genossen gemischte Gef\u00fchle hervorruft. Wir str\u00e4uben uns dagegen, mit Preisen f\u00fcr politischen Aktivismus ausgezeichnet zu werden. Wir w\u00fcrden es vorziehen, nicht zum Ruhme hervorgehoben zu werden und daf\u00fcr Dank zu empfangen, dass wir tun, was wir f\u00fcr unsere Pflicht halten. Trotz unserer anarchistischen Bedenken, die unter normalen Umst\u00e4nden die Oberhand behalten h\u00e4tten, sind wir als Israelis &#8211; Nutznie\u00dfer der ungerechten Taten unseres Landes gegen\u00fcber den Pal\u00e4stinenserInnen &#8211; sehr dankbar f\u00fcr Ihre Unterst\u00fctzung des pal\u00e4stinensischen Kampfes gegen die israelische Apartheid. &#8230; Wir sind uns der Bedeutung des Sammelns internationaler Unterst\u00fctzung f\u00fcr den noch andauernden Kampf bewusst und der gro\u00dfen Bedeutung dieser Auszeichnung. &#8230;<\/p>\n<p>Hier, ebenso wie in den Oliven-Hainen, m\u00f6chte ich jedoch betonen, dass wir keine gleichrangigen Partner sind, sondern eher Besatzer, die sich den Besetzten in deren Kampf angeschlossen haben. Uns ist klar, viele verstehen die Beteiligung von Israelis an einem pal\u00e4stinensischen Kampf wie ein Siegel der Zustimmung; in unseren Augen geht es in dieser Partnerschaft nicht darum, dem pal\u00e4stinensischen Kampf seine Legitimit\u00e4t zu verschaffen &#8211; denn die hat er, mit oder ohne uns &#8211; sie bietet uns eher eine Gelegenheit, mit Aktionen eher als mit Worten, die Schranken nationaler Zugeh\u00f6rigkeit zu \u00fcberwinden.<\/p>\n<p>In den vergangenen vier Jahren und durch \u00fcber 200 Demonstrationen ist Bil&#8217;in zu einem Symbol geworden, zu einem besonderen Brennpunkt f\u00fcr die Bewegung gegen Israels Mauer &#8211; eine Bewegung, die in den vergangenen sechs Jahren Tausende von Menschen in den Widerstand auf Graswurzelebene brachte und einen noch nie da gewesenen gemeinsamen pal\u00e4stinensisch-israelischen Kampf geschmiedet hat.<\/p>\n<p>Die Tatsache, dass es sich um eine unbewaffnete Bewegung von ZivilistInnen handelt, beweist nur das Ausma\u00df der exzessiven und ungerechten Gewalt der Armee. Tausende sind verletzt worden. Hunderte wurden inhaftiert und f\u00fcr lange Zeit eingekerkert. 15 wurden umgebracht, 10 von ihnen waren Kinder und Jugendliche. Wir m\u00f6chten diese Medaille gerne den letzten beiden Opfern in diesem Kampf widmen: dem zehnj\u00e4hrigen Ahmad Mousa und dem siebzehn Jahre alten Youssef Mirah, die vor vier Monaten von Grenzpolizisten bei deren Versuch, eine durch die Trennung entstandene Emp\u00f6rung milit\u00e4risch niederzuschlagen, ermordet wurden &#8230;&#8220;<\/p>\n<p>Diese und weitere Reden der Festveranstaltung sind auf der Homepage der Internationalen Liga f\u00fcr Menschenrechte dokumentiert ((6)). Dort gibt es die Rede der Pr\u00e4sidentin der Liga, von Uri Avnery, der pal\u00e4stinensischen Delegation und die Laudatien f\u00fcr die beiden ausgezeichneten Gruppen.<\/p>\n<p>Die Internationale der Kriegsdienstgegner\/innen (IDK) \u00fcbermittelte ein Gru\u00dfwort. Sie betonte die bedeutsamen Graswurzel-Aktivit\u00e4ten in Israel und Pal\u00e4stina f\u00fcr die Entmilitarisierung der Gesellschaften. Die IDK sieht darin eine Verbindung ihrer Unterst\u00fctzung f\u00fcr israelische Kriegsdienstverweigerer\/innen. Ziviler Ungehorsam und gewaltfreie Aktionen sind notwendig um Barrieren zu durchbrechen. IDK und Graswurzelrevolution hatten einen gemeinsamen B\u00fcchertisch im Foyer der Veranstaltung, der Beachtung fand.<\/p>\n<p>Im musikalischen Rahmenprogramm des Festaktes wurde die kulturelle Verbundenheit zur arabischen und j\u00fcdischen Kultur hergestellt: der pal\u00e4stinensische Musiker Abed Abu Imad improvisierte auf der orientalischen Laute, der Ud und die KlezMischpoche ((7)) spielte traditionelle Klezmer-Musikst\u00fccke. Der Festredner Uri Avnery betonte, dass die Grundlage des Friedens auf der friedlichen Zusammenarbeit beider V\u00f6lker basieren muss, wie auch immer die politische L\u00f6sung aussehen wird. Daf\u00fcr stehe die Zusammenarbeit in den gewaltfreien Aktionen und als Symbol das Dorf Bil&#8217;in. Seiner Meinung nach sei der &#8222;einzig m\u00f6gliche Frieden&#8220; die Zweistaaten-L\u00f6sung, der Staat Israel und der Staat Pal\u00e4stina, die friedlich als Nachbarn zusammenleben.<\/p>\n<h3>Die Realit\u00e4t gibt den AnarchistInnen recht<\/h3>\n<p>In dieser Region hatte die staatspolitische Orientierung im praktischen Leben der Menschen bisher wenig Erfolge. Staatsgr\u00fcndungen basieren meist auf milit\u00e4rischen oder terroristischen Aktionen. Diese gilt es aufzuheben. Ein Staat ist immer ein Gewaltgebilde, das sich konstituiert durch B\u00fcrokratie, Milit\u00e4r und Polizei. Die libert\u00e4re Perspektive besteht in der \u00dcberwindung der Barrieren ((8)). Das bedeutet die Entmilitarisierung der Gesellschaften, verbunden mit einem Friedensprozess zwischen den Menschen durch Verst\u00e4ndigung und Menschenrechte.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutsche Presseagentur und epd meldeten: &#8222;F\u00fcr ihren gewaltfreien Widerstand sind gestern in Berlin eine israelische und eine pal\u00e4stinensische Initiative mit der Carl-von-Ossietzky-Medaille der Internationalen Liga f\u00fcr Menschenrechte ausgezeichnet worden. 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