{"id":917,"date":"1997-02-01T00:00:12","date_gmt":"1997-01-31T22:00:12","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=917"},"modified":"2022-07-26T13:11:58","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:58","slug":"keine-atempause-geschichte-wird-gemacht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1997\/02\/keine-atempause-geschichte-wird-gemacht\/","title":{"rendered":"Keine Atempause, Geschichte wird gemacht&#8230;"},"content":{"rendered":"<p>Aller guten Dinge sind drei. Manchmal auch aller schlechten Dinge. Der dritte Castor-Transport nach Gorleben wird vorbereitet. Es soll ein Mammutunternehmen werden, gegen das die bisherigen zwei polizeilichen Rieseneins\u00e4tze im Wendland verblassen. Der nieders\u00e4chsische Innenminister Glogowski hat sich mit seinen Konzepten weitgehend durchgesetzt: Bis zu sechs Castor-Beh\u00e4lter auf einmal sollen Anfang M\u00e4rz nach L\u00fcchow-Dannenberg gebracht werden. Personelle und finanzielle Unterst\u00fctzung erh\u00e4lt die nieders\u00e4chsische Polizei vom Bund (BGS) und allen L\u00e4ndern. Mit dem Bau von Containerd\u00f6rfern f\u00fcr die Staatsgewalt ist bereits begonnen worden. Ob es wirklich zu einem &#8222;Sixpack&#8220; kommt, mit drei Beh\u00e4ltern aus Neckarwestheim, einem aus Gundremmingen und zwei aus der Wiederaufarbeitungsanlage (WAA) La Hague, ist noch unsicher, da verschiedene technische Schwierigkeiten nicht ausger\u00e4umt sind. Es ist allerdings davon auszugehen, da\u00df der geplante Transporttermin eingehalten wird, auch wenn nicht alle sechs Beh\u00e4lter abfahrbereit sind. Dann werden eben entsprechend weniger auf die Reise gehen.<\/p>\n<p>Inzwischen ist auch klar, da\u00df dies der einzige Gorleben-Transport in diesem Jahr bleiben soll. Eine bereits angek\u00fcndigte zweite Fuhre mit bis zu neun Beh\u00e4ltern wurde einm\u00fctig von Atomindustrie, CDU und SPD abgesagt, da im Fr\u00fchjahr 1998 in Niedersachsen Landtagswahlen anstehen und mensch sich nicht den Wahlkampf durch den Castor-Konflikt vermiesen lassen will. (Da geht es dann pl\u00f6tzlich!)<\/p>\n<p>Vorher sollen Tatsachen geschaffen werden: Nachdem der Widerstand im Wendland nach den ersten beiden Transporten nicht kleinzukriegen war, soll nun das &#8222;Sixpack&#8220; die Menschen zur Resignation treiben. Mit einer massiven Medienkampagne versuchen staatliche Organe im Vorfeld den Protest zu diskreditieren und harte Polizeieins\u00e4tze zu leditimieren (siehe GWR 215).<\/p>\n<p>Ob dies gelingt, ist mehr als fraglich. Die Bewegung ist lebendiger denn je. Durch den ganzen Februar reihen sich verschiedenste Aktionen aneinander (<a title=\"NIX\u00b3: Das Widerstands-Konzept\" href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1997\/02\/nix%c2%b3-das-widerstands-konzept\/\">siehe Artikel S. 6<\/a>). Inner- und au\u00dferhalb des Wendlandes bereiten sich unz\u00e4hlige kleine und gro\u00dfe Aktionsgruppen aus allen Bev\u00f6lkerungsschichten auf die hei\u00dfe Widerstandsphase Anfang M\u00e4rz vor. Nachdem 1995 beim ersten Tag X 2 000 und 1996 sogar 6 000 Menschen trotz Versammlungsvebots auf den Beinen waren, wird diesmal mit noch gr\u00f6\u00dferem Zulauf gerechnet.<\/p>\n<p>Mit dem &#8222;Streckenkonzept&#8220; des wendl\u00e4ndischen Widerstandes ist gew\u00e4hrleistet, da\u00df der Castor-Konvoi &#8211; wenn \u00fcberhaupt &#8211; dann nur im Schrittempo durch den Landkreis rollt, weil sich die verschiedenen Widerstandsgruppen und -konzepte klug \u00fcber den ganzen Transportweg verteilt haben. Schlie\u00dflich haben jetzt viele schon Erfahrungen sammeln und aus Fehlern lernen k\u00f6nnen. Auch undefinierbare \u00c4ngste, wie sie es noch vor dem ersten Transport 1995 gab, sind selten geworden, weil jetzt genau beschreibbar ist, wie sich inmitten des Ausnahmezustandes agieren l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Doch nach jetzt 20 Jahren macht- und phantasievollem und vor allem auch erfolgreichen Widerstand in L\u00fcchow- Dannenberg ist diese bunte Bewegung dem Staat mehr denn je ein Dorn im Auge. Schlie\u00dflich wird mit jedem Castor bekannter, mit wieviel Lebensfreude sich die Menschen in L\u00fcchow-Dannenberg auch noch der gr\u00f6\u00dften Polizeimacht gegen\u00fcber wehren. Da ist die Gefahr gro\u00df, da\u00df dies Schule macht.<\/p>\n<p>Hinter verschlossenen T\u00fcren laufen in Bonn neue &#8222;Energiekonsensgespr\u00e4che&#8220; zwischen Regierung und SPD und man\/frau will das Castor-Problem endlich vom Tisch haben. Deshalb wird jetzt im M\u00e4rz mit dem geplanten &#8222;Sixpack&#8220; der Machtkampf auf die Spitze getrieben.<\/p>\n<p>Da ist der Widerstand gut beraten, nicht zu versuchen, mit dem Gegen\u00fcber in Gewaltmitteln gleichzuziehen. Den meisten Aktiven ist das auch bewu\u00dft, und so bleibt zu hoffen, da\u00df die wenigen Gruppen, die von Massenmilitanz und Stra\u00dfenschlachten tr\u00e4umen, schnell auf den Boden der wendl\u00e4ndischen Tatsachen zur\u00fcckkommen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich war bei den bisherigen Transporten fast ausschlie\u00dflich gewaltfreies Agieren zu beobachten. Ob beim Blockieren der Stra\u00dfe mittels landwirtschaftlichem Gro\u00dfger\u00e4t, bei Gleisbesetzungen und \u00f6ffentlichen Schienendemontagen, ob bei Stra\u00dfenunterh\u00f6hlungen oder Sitzblockaden, bei Spa\u00dfguerilla- oder Ankett-Aktionen, nie wurde dem Konsens entgegengehandelt, Menschen nicht zu gef\u00e4hrden. Wenn beim letzten Castor einzelne ausrasteten und mit Erde, Steinen und Flaschen warfen, so waren schnell andere zur Stelle, um beruhigend zu wirken.<\/p>\n<p>Wenn es auch im M\u00e4rz gelingen sollte, durch alle verschiedenen Widerstands-Gruppen und -spektren diesen Minimalkonsens aufrechtzuerhalten und gleichzeitig aufeinander R\u00fccksicht zu nehmen, damit sich die verschiedenen Aktionsformen nicht in die Quere kommen, dann wird es f\u00fcr die Polizei nicht einfacher werden.<\/p>\n<p>Aller guten Dinge sind drei. Beim dritten Castor kann sich entscheiden, ob irgendwann doch der Gew\u00f6hnungseffekt oder die Resignation eintritt, oder ob der Staat merkt, da\u00df er dieser Bewegung mit den ihm zur Verf\u00fcgung stehenden Mitteln nicht beikommen kann.<\/p>\n<p>Wir sollten uns allerdings bewu\u00dft sein, da\u00df diese Mittel bisher nicht ausgesch\u00f6pft wurden. Glogowski und andere PolizeistrategInnen haben erkannt, da\u00df ihre einzige Chance darin besteht, vor den Medien einen B\u00fcrgerInnenkrieg zu inszenieren. Das werden sie erneut versuchen. Dabei ruhig <strong>und<\/strong> entschlossen zu bleiben, ist nicht einfach.<\/p>\n<p>Unendlich viel h\u00e4ngt davon ab, wie es dem wendl\u00e4ndischen Widerstand gelingt, das eigene gewaltfreie Handeln (in all seinen Schattierungen) zu organisieren und nach au\u00dfen zu vermitteln. Es kann schon klappen, wenn viele dazu beitragen. Und wenn es klappt, dann k\u00f6nnte dieser M\u00e4rz 1997 eines Tages in den Geschichtsb\u00fcchern der sozialen Bewegungen einen besonderen Platz einnehmen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aller guten Dinge sind drei. Manchmal auch aller schlechten Dinge. Der dritte Castor-Transport nach Gorleben wird vorbereitet. Es soll ein Mammutunternehmen werden, gegen das die bisherigen zwei polizeilichen Rieseneins\u00e4tze im Wendland verblassen. 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