{"id":9213,"date":"2009-02-01T00:00:37","date_gmt":"2009-01-31T22:00:37","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9213"},"modified":"2022-07-26T13:11:42","modified_gmt":"2022-07-26T11:11:42","slug":"offentlich-frei-und-wahrnehmbar","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/02\/offentlich-frei-und-wahrnehmbar\/","title":{"rendered":"&#8222;\u00d6ffentlich, frei und wahrnehmbar&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><b>Graswurzelrevolution (GWR): Kerstin, was hast Du gegen die                 Atomm\u00fclltransporte?<\/b><\/p>\n<p><i>Kerstin Rudek:<\/i> Sie sind gef\u00e4hrlich, teuer, \u00fcberfl\u00fcssig.                 Es wird Atomm\u00fcll in Deutschland produziert, und kein Mensch wei\u00df,                 wohin damit. Der Atomm\u00fclltourismus, wie er zurzeit praktiziert                 wird, ist unsinnig. Das ist ein wahnsinnig hohes Gef\u00e4hrdungspotential,                 deshalb handeln wir dagegen.<\/p>\n<p><b>GWR: Der radioaktive Atomm\u00fcll strahlt hunderttausende Jahre                 lang. L\u00e4nger als die Menschheit bisher existiert. Kann es \u00fcberhaupt                 ein sicheres Endlager geben?<\/b><\/p>\n<p><i>Kerstin Rudek:<\/i> Nein. Ich finde es vermessen, wenn auf                 dem Endlagersymposium eine Woche vor dem letzten Castortransport                 in Berlin, ausgerichtet vom Bundesumweltministerium, behauptet                 wird, man wolle eine Lagerst\u00e4tte f\u00fcr hochradioaktiven Atomm\u00fcll                 finden, die wenigstens f\u00fcr eine Million Jahre die Radioaktivit\u00e4t                 einschlie\u00dft und von der Biosph\u00e4re fern h\u00e4lt. Wenn man sich die                 Entstehungsgeschichte der Menschheit anguckt, dann kann man glatt                 in Demut verfallen. Wir haben da ganz andere Zeitl\u00e4ufe. Es ist                 nicht m\u00f6glich \u00fcber einen so langen Zeitraum, von einer sicheren                 Aufbewahrung zu sprechen.<\/p>\n<p>Gerade die j\u00fcngsten Ergebnisse zeigen, dass die &#8222;Endlagerversuche&#8220;                 gescheitert sind.<\/p>\n<p>Einmal in der Asse und in Morsleben, das sind beides Salzbergwerke.                 Speziell die Asse diente als Versuchsendlager, um auch Schl\u00fcsse                 daraus f\u00fcr Gorleben ziehen zu k\u00f6nnen. Jetzt m\u00fcssen die Schl\u00fcsse                 auch gezogen werden, n\u00e4mlich: Die Versuche der Endlagersuche sind                 gescheitert. Die Asse l\u00e4uft voll Wasser. Eigentlich kann man sich                 das ausmalen. Ich rede da ab und zu auch mit meiner achtj\u00e4hrigen                 Tochter dr\u00fcber. Die wei\u00df auch schon, wenn man Metallf\u00e4sser, Salz                 und Wasser hat, das rostet. <\/p>\n<p><b>GWR: Die sich in den im November nach Gorleben transportierten                 Castoren befindende radioaktive Strahlung entspricht in etwa der                 gesamten Strahlung der \u00fcber 100.000 F\u00e4sser mit leichtem und mittelradioaktiven                 Atomm\u00fcll in der Asse. Der Atomm\u00fclltransport musste diesmal mit                 franz\u00f6sischen Beh\u00e4ltern transportiert werden, weil es noch keine                 deutschen Castorbeh\u00e4lter gibt, die bei einer solch starken Strahlung                 als &#8222;geeignet&#8220; gelten. <\/b><\/p>\n<p><i>Kerstin Rudek:<\/i> Die Brennelemente werden l\u00e4nger genutzt,                 da wird mehr herausgeholt, als das fr\u00fcher der Fall war. U.a. h\u00e4ngt                 das damit zusammen, dass der Preis f\u00fcr Uran auf dem Weltmarkt                 gestiegen ist. Der hat sich potenziert in den letzten Jahren.                 Deshalb werden die Brennelemente l\u00e4nger genutzt, und das hei\u00dft,                 die abgebrannten Brennelemente strahlen wesentlich st\u00e4rker, als                 das bisher schon der Fall war. Das hei\u00dft, die Gesetzgebung fordert                 ein &#8222;Strahlenminimierungsgebot&#8220;, die Betreiber sind angehalten,                 die Strahlung so gering wie m\u00f6glich zu halten. Aus diesem Grund                 mussten neue Beh\u00e4lter konzipiert werden. Das ist ein bisschen                 gemein, aber der Widerstand gegen die Atomm\u00fclltransporte tr\u00e4gt                 dazu bei, dass die Atomm\u00fclltransporte sicherer werden.<\/p>\n<p>Auch auf unsere Proteste hin ist da nachger\u00fcstet worden.<\/p>\n<p>Deutschland ist bisher nicht in der Lage, einen Beh\u00e4lter der                 Zulassung zuzuf\u00fchren, der diesen Kriterien entspricht. <\/p>\n<p>Deshalb hat man beim letzten Castortransport auf einen franz\u00f6sischen                 Beh\u00e4ltertyp zur\u00fcckgegriffen, der eigentlich diese Kriterien erf\u00fcllen                 sollte. Aber Greenpeace hat unabh\u00e4ngige Messungen vorgenommen,                 am Verladekran, in 14 Metern Abstand zu den Beh\u00e4ltern. <\/p>\n<p>Die haben zwei Werte herausgegeben, die sehr bedenklich stimmen.                 Das eine ist, dass die Radioaktivit\u00e4t um 40% h\u00f6her ist als bei                 dem Transport 2005. <\/p>\n<p>Das n\u00e4chste ist, sie haben also vorher den Platz gemessen und                 dann den Platz gemessen und festgestellt, dass die nat\u00fcrliche                 Hintergrundstrahlung, die sie gemessen haben, so ist, dass die                 Werte 500fach erh\u00f6ht waren, als die Transporter da standen. <\/p>\n<p><b>GWR: Was ist alles im Wendland gelaufen gegen den Transport?<\/b><\/p>\n<p><i>Kerstin Rudek:<\/i> Es hat wieder eine sehr breite Bewegung                 gegeben. Es waren viele Menschen auf den Beinen, nicht nur zu                 der Gro\u00dfdemo am 8. November, sondern auch in den folgenden Tagen                 sind viele hier geblieben und haben laut und wahrnehmbar ihren                 Protest auf die Stra\u00dfe getragen. Da gab es vielf\u00e4ltige Aktionen.                 Ich kann ein paar Sachen erz\u00e4hlen, die ich besonders sch\u00f6n und                 eindrucksvoll fand.<\/p>\n<p>Es gab viele Laternenumz\u00fcge, an der Transportstrecke haben die                 D\u00f6rfer kleine Feste organisiert, z.B. in Langendorf eine Prozession                 des Heiligen St. Florian. Es gibt ja auch politisch motivierte                 Leute, die fragen: &#8222;Wie ist es denn bei euch im Wendland? Seid                 ihr nur gegen den Atomm\u00fcll vor der Haust\u00fcr?&#8220; <\/p>\n<p>Nein, sind wir nicht, wir haben etwas gegen das St.-Florians-Prinzip,                 wir sind prinzipiell gegen die Atompolitik, gegen den Betrieb                 von Atomkraftwerken und gegen Atomm\u00fclltransporte. <\/p>\n<p>Alle D\u00f6rfer haben sich geschm\u00fcckt. Diesmal hatten wir ein Motto,                 StellvertreterInnenpuppen zu bauen, das hei\u00dft lebensgro\u00dfe Puppen                 aus Stroh. Da gab es Workshops vorher, die Leute haben sich getroffen,                 haben das ausprobiert, haben das weiter kultiviert und entwickelt,                 haben sich gegenseitig Tipps gegeben, wie man was am besten macht.                 Es sind mehrere hundert Strohpuppen gebastelt worden, die dann                 \u00fcberall w\u00e4hrend dieser Zeit pr\u00e4sent waren. Zum Teil sa\u00dfen die                 oben in den B\u00e4umen oder am Stra\u00dfenrand, oder es sind welche tanzender                 Weise auf den Feldern gruppiert, das waren sch\u00f6ne Geschichten                 drum herum, die zeigen, die Stimmung ist so, dass sich viele Leute                 auch an den Protesten beteiligen. <\/p>\n<p><b>GWR: Der Transport konnte \u00fcber 24 Stunden aufgehalten werden,                 durch direkte Ankettaktionen zum Beispiel, durch die gro\u00dfe Massenblockade                 von X1000mal quer, \u2026<\/b><\/p>\n<p><i>Kerstin Rudek:<\/i> Ja. Die BI hat f\u00fcr den Schienentransporttag,                 wo von L\u00fcneburg nach Dannenberg der Castortransport auf der Schiene                 durchs Wendland stattfand, zwei Kundgebungen angemeldet, eine                 n\u00f6rdlich der Schiene, eine s\u00fcdlich der Schiene. Wir hatten vor,                 einen Anlaufpunkt bereit zu halten, f\u00fcr Menschen, die frei und                 wahrnehmbar protestieren wollen, gerade auch f\u00fcr Ausw\u00e4rtige, die                 sich nicht so gut auskennen, aber auch f\u00fcr die Einheimischen,                 um einen Treffpunkt zu haben, zusammen zu kommen, zusammen loszugehen,                 sich das zusammen vor Ort mal anzugucken. Das war toll. <\/p>\n<p>Wir haben den mobilisierenden Musikkampfwagen, der legend\u00e4r ist,                 mit Musik, mit Beleuchtung, mit der M\u00f6glichkeit, st\u00e4ndig Ansagen                 durchzugeben, also, was ist wo los an anderen Stellen, wo befindet                 sich der Castor, wie lange dauert die Ankettaktion in W\u00f6rth schon,                 und wie lange ist damit zu rechnen, dass er dort noch stehen wird,                 also einfach die Leute auf dem Laufenden zu halten. Wir haben                 eine Volxk\u00fcche da gehabt und Planen ausgelegt, damit die Leute                 sich ausruhen k\u00f6nnen, wenn sie von einem Spaziergang, vom an den                 Gleisen Gucken zur\u00fcckkamen. Das war eine sch\u00f6ne Szenerie.<\/p>\n<p>Es hat Spa\u00df gemacht, mit einer gro\u00dfen Breite verschiedener Str\u00f6mungen                 da zusammenzukommen, gemeinsam zu protestieren, zu demonstrieren,                 zu zeigen, so, wir machen das nicht mit. Einige sagen: &#8222;Wow, toll,                 es sind ja wieder so viele.&#8220; <\/p>\n<p>Ich denke, das ist erst der Anfang gewesen, die Entwicklung ist                 noch nicht zu Ende. Die Politik versagt massiv und die Leute registrieren                 das, die Bev\u00f6lkerung m\u00f6chte hier nicht mit sich machen lassen,                 was hier seit zig Jahren passiert. <\/p>\n<p>Es ist auf der einen Seite immer die Rede von &#8222;Transparenz und                 \u00d6ffentlichkeitsbeteiligung&#8220;.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite ist es so, wenn man jetzt diese Messwerte                 sieht, die bei diesem Castortransport von Greenpeace ver\u00f6ffentlicht                 wurden, und wenn dann nachgefragt wird, dann kommen keine Antworten.               <\/p>\n<p>Es hat im Dezember 2008 eine Atomausschusssitzung des Landkreises                 L\u00fcchow-Dannenberg gegeben, dort waren VertreterInnen eingeladen                 vom nieders\u00e4chsischen Umweltministerium, vom nieders\u00e4chsischen                 Innenministerium, vom Eisenbahnbundesamt, der Polizeipr\u00e4sident,                 auch weil es eine Anweisung gab f\u00fcr PolizeibeamtInnen, dem Transport                 mindestens 6 \u00bd Meter fern zu bleiben, und das Gewerbeaufsichtsamt,                 das auch f\u00fcr die Messungen am Kran zust\u00e4ndig ist. Von diesen ganzen                 Beh\u00f6rden ist keineR gekommen, um die VertreterInnen des Landkreises,                 die politischen Gremien hier zu informieren, was denn jetzt mit                 diesen Messungen ist. Das ist ein Affront.<\/p>\n<p>Das eine ist, dass man uns immer erz\u00e4hlt, &#8222;irgendwo muss der                 M\u00fcll ja hin&#8220;, das stimmt schon, aber seit 50 Jahren sitzen da                 Wissenschaftler dran, um herauszufinden, wo wir den Atomm\u00fcll lassen                 k\u00f6nnen, und bis heute hat niemand eine Antwort darauf. Von daher                 sollten jetzt Schl\u00fcsse gezogen werden. Es muss sofort Schluss                 sein mit der Atomm\u00fcllproduktion, die Atomanlagen m\u00fcssen sofort                 heruntergefahren werden.<\/p>\n<p><b>GWR: Wir haben im M\u00fcnsterland das Problem, dass viele gar                 nicht wissen, dass in Gronau eine Urananreicherungsanlage (UAA)                 und in Ahaus das Brennelementezwischenlager (BEZ) steht. Die meisten                 wissen auch nicht, dass z.B. durch den M\u00fcnsteraner Hauptbahnhof                 regelm\u00e4\u00dfig Atomtransporte fahren, aus der UAA Gronau nach Russland,                 wo dann zigtausend Atomm\u00fcllf\u00e4sser einfach auf der gr\u00fcnen Wiese                 gelagert werden und vor sich hin rosten. Man kann sich das bei                 Google Earth angucken.<\/b><\/p>\n<p><i>Kerstin Rudek:<\/i> Ja, ich kenne die Bilder. Das ist furchtbar.                 Bei uns im Landkreis haben wir eine gut informierte Bev\u00f6lkerung.                 Wir haben auch mehrere Infoveranstaltungen zu den Uranm\u00fclltransporten                 von Gronau nach Russland gemacht. Die Veranstaltungen waren immer                 gut besucht. Da kommen immer zwischen 40 und 80 Leute. Wir haben                 auch zweimal Leute von der russischen Anti-Atom-Gruppe Ecodefense                 eingeladen. Auch mit anderen Gruppen arbeiten wir zusammen, seien                 es z.B. die Initiativen aus dem M\u00fcnsterland oder russische Organisationen.               <\/p>\n<p>Das ist ein Riesenskandal, das so etwas m\u00f6glich ist: Die Urenco                 entledigt sich so ihres Uran-M\u00fclls. Was nach Russland transportiert                 wird, erst per Eisenbahn, dann per Schiff, zum Teil \u00fcber 6.000                 Kilometer, davon werden nur 10 % zur\u00fcckgebracht. 90 % werden,                 wie Du gerade sagtest, auf Fu\u00dfballfeld \u00e4hnlichen Feldern gelagert.                 Es m\u00fcsste verboten sein, seinen Atomm\u00fcll in Russland zu verklappen.                 Es ist auch ein beliebtes Argument von Bundesumweltminister Gabriel,                 der sagt &#8222;na ja, aber wir brauchen ein Endlager, wir wollen das                 ja nicht ins Ausland bringen&#8220;. Also, z.B. der Uranm\u00fcll, der wird                 fortlaufend ins Ausland gebracht und dann da gelassen. Daf\u00fcr zahlt                 dann die Urenco. Wenn sie das hier entsorgen m\u00fcssten, dann w\u00e4re                 das so teuer, dass es sich nicht lohnen w\u00fcrde. Das ist ein Teil                 der Machenschaften, die es m\u00f6glich machen, sich der Sachen zu                 entledigen und das Geld dann in die Kassen der Atomindustrie flie\u00dfen                 zu lassen. <\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen da noch vielmehr \u00f6ffentlich machen, und ich hoffe,                 dass sich noch viel mehr Menschen dar\u00fcber emp\u00f6ren werden. <\/p>\n<p><b>GWR: Dazu beigetragen, dass sich mehr Menschen dar\u00fcber emp\u00f6ren,                 das hat z.B. C\u00e9cile Lecomte, die wir in der GWR 334 interviewt                 haben. Sie hat mehrere Verfahren am Hals (siehe Artikel auf Seite                 4). Schon im Vorfeld des Castortransportes wurde sie &#8222;vorbeugend&#8220;                 inhaftiert, weil sie als Kletteraktivistin als &#8222;gef\u00e4hrdend&#8220; eingesch\u00e4tzt                 wurde. Und die BI L\u00fcchow-Dannenberg, unterst\u00fctzt Ihr sie? <\/b><\/p>\n<p><i>Kerstin Rudek:<\/i> Ja. C\u00e9cile Lecomte hat eine beeindruckende                 Pers\u00f6nlichkeit. Sie ist so toll, so nachhaltig, so effektiv, sie                 hat ihren Humor behalten, ist kein bisschen verbittert, obwohl                 der Atomstaat ihr schon soviel angetan und sie weggesperrt hat,                 jetzt auch &#8222;pr\u00e4ventiv&#8220;. Nun sind sogar schon immer Kletterteams                 der Polizei mit unterwegs, im vorauseilenden Gehorsam, weil es                 sein k\u00f6nnte, dass C\u00e9cile Lecomte sich irgendwo aufh\u00e4lt. Und wenn                 sie sich irgendwo aufh\u00e4lt, dann wissen sie, dann wird es lange                 dauern und dann haben sie wenigstens schon ihre Kletterteams vor                 Ort. <\/p>\n<p>Das ist eine beeindruckende Frau, sie l\u00e4sst sich durch die Strafen                 nicht davon abhalten, ihrer \u00dcberzeugung entsprechend zu handeln.                 Wir k\u00fcmmern uns darum, die Verfahren, die gegen sie laufen, \u00f6ffentlich                 zu machen. Wir gehen, wenn m\u00f6glich, zu den Prozessen.<\/p>\n<p>Als sie w\u00e4hrend des Castortransports weggesperrt wurde, weil                 sie ja etwas anstellen k\u00f6nnte, da haben wir uns darum bem\u00fcht,                 herauszubekommen, in welchem Gef\u00e4ngnis sie sitzt. Ich habe am                 Abend, nachdem sie verhaftet wurde, rumtelefoniert und hatte da                 lauter unfreundliche Leute am Apparat, in der ein und anderen                 Justizvollzugsanstalt. Die behaupteten, es sei jetzt kein regul\u00e4rer                 Dienst, es sei sowieso niemand zu sprechen, einen Vorgesetzten                 g\u00e4be es auch nicht, Wir haben letztlich rausbekommen, dass sie                 in der JVA Braunschweig inhaftiert wurde, es hat auch eine Person                 mit ihr gesprochen, mir pers\u00f6nlich ist das nicht gelungen. Ich                 habe es dann am n\u00e4chsten Tag geh\u00f6rt. <\/p>\n<p>Das muss aufgearbeitet werden. Es gab im Dezember einen Ortsbesichtigungstermin                 der Braunschweiger B\u00fcrgerinitiative vor Ort, wo sich lokale PolitikerInnen                 das angesehen haben. Sie war da unter schlimmen Bedingungen untergebracht.                 Ein Skandal ist, dass der Staat Leute einsperrt, die sich \u00f6ffentlich,                 frei und wahrnehmbar \u00e4u\u00dfern. Was sie jetzt gemacht hat, das war                 nicht einmal eine Ordnungswidrigkeit. Sie hatte noch nicht einmal                 die Gleisanlagen betreten und ist drei Tage eingesperrt worden.<\/p>\n<p><b>GWR: Ein Skandal. An dieser Stelle noch einmal der Aufruf                 an unsere LeserInnen, C\u00e9cile auch finanziell zu unterst\u00fctzen (siehe                 Anhang). <\/b><\/p>\n<p><b>Jetzt habe ich eine pers\u00f6nliche Frage: Wie wurdest Du zur                 Atomkraftgegnerin?<\/b><\/p>\n<p><i>Kerstin Rudek:<\/i> Das fing bei mir fr\u00fch an. Ich komme hier                 aus dem Landkreis, bin hier geboren und aufgewachsen, das hei\u00dft,                 ich habe fr\u00fch Kontakt zu der Szene gehabt. Meine Eltern sind eher                 ein bisschen spie\u00dfig drauf. <\/p>\n<p>\u00dcber sie hatte ich keinen Kontakt zur Anti-Atom-Bewegung, sondern                 das fing bei mir etwa mit 14 an, das war ein konkretes Erlebnis.                 Ich habe damals einen Segelflugschein gemacht und wir hatten eine                 Jugendgruppe, sind tags\u00fcber geflogen und abends losgezogen, z.B.                 nachts baden im Gatower See, oder in die damals einzige Disco,                 oder dann gab es den Tanz auf dem Vulkan, das hei\u00dft, an der ehemaligen                 Bohrstelle 1004, 1982, ein Festival, das erinnern sollte an die                 Geschichte des Anti-Atom-Widerstands, wie das damals alles war;                 es gab die Waldbr\u00e4nde, es gab die Platzbesetzungen, es gab die                 R\u00e4umung des H\u00fcttendorfs der Freien Republik Wendland auf der Bohrstelle                 1004. <\/p>\n<p>Da waren wir neugierig, haben uns das angeguckt. Ich fand das                 faszinierend, dabei zu sein, zu gucken, das ist interessant, was                 wollen diese Leute eigentlich? Sich dann \u00fcber das Faszinierende                 mit den Inhalten auseinander zu setzen, ich erinnere mich gerne                 daran zur\u00fcck. Wir haben jetzt oft die Diskussion &#8222;Ist es eigentlich                 legitim, eine Demo mit einem Event-Charakter zu machen? Jetzt                 auf der Gro\u00dfdemo am 8. November hat Madsen gespielt, bei uns sind                 die bekannt, die machen jetzt mit den Toten Hosen eine Tour als                 Vorband, die kommen aus dem Landkreis, das sind drei Br\u00fcder und                 zwei weitere Bandmitglieder, die hei\u00dfen Madsen, deshalb der Bandname.               <\/p>\n<p><b>GWR: Das ist die deutschsprachige Band, die u.a. auch Ton                 Steine Scherben-St\u00fccke gespielt hat auf der Demo?<\/b><\/p>\n<p><i>Kerstin Rudek:<\/i> Ja, aber haupts\u00e4chlich haben sie eigene                 St\u00fccke gespielt. Ich finde es legitim, jungen Leuten etwas anzubieten,                 etwas Sch\u00f6nes zusammen zu machen und dann zu gucken, warum treffen                 wir uns eigentlich. Ich finde, man darf jungen Leuten nicht zu                 viel abverlangen. Ich finde es gut, Sachen zu machen, die Spa\u00df                 machen, dar\u00fcber auch Inhalte zu vermitteln und Leute daf\u00fcr zu                 interessieren. Es muss nicht so sein, dass Leute immer zu 150%                 \u00fcberzeugt sind und immer nur in einem Tenor von Arbeit zusammenkommen.                 Auf der Demo habe ich ja gesagt: &#8222;Wenn ich nicht tanzen kann,                 ist es nicht meine Revolution&#8220;, das ist auch ein bisschen mein                 Lebensmotto.<\/p>\n<p><b>GWR: Das ist ein Zitat von Emma Goldman, also der Anarchistin,                 die zu Lebzeiten vom damaligen US-Pr\u00e4sidenten als &#8222;gef\u00e4hrlichste                 Frau der Welt&#8220; bezeichnet wurde. Es gibt eine Polizeiakte \u00fcber                 sie aus dem &#8222;Verbrecher-Album f\u00fcr den westlichen Industriebezirk&#8220;                 f\u00fcr 1909. Dort ist zu lesen, dass sie &#8222;im Interesse der anarchistischen                 Bewegung unerm\u00fcdlich th\u00e4tig&#8220; (sic) sei. Gewarnt wird vor ihren                 &#8222;z\u00fcgellosen anarchistischen Hetzreden&#8220;, die sie damals in vielen                 L\u00e4ndern der Welt und auch in Westfalen gehalten habe. Um ihre                 Reden \u00fcberhaupt halten zu k\u00f6nnen, hat sich Emma Goldman manchmal                 angekettet, damit man sie nicht abtransportieren konnte. Die Polizeiakte                 hat Paul Wulf, ein M\u00fcnsteraner Anarchist und 1999 gestorbener                 Freund von mir, in den 1980ern im Dortmunder Stadtarchiv gefunden                 und kopiert. Emma Goldman war eine wichtige Person des Anarchismus.                 Hat sie Dich, haben ihre Schriften Dich beeinflusst?<\/b><\/p>\n<p><i>Kerstin Rudek:<\/i> Mein Lieblingsbuch ist ihre Autobiografie                 in drei B\u00e4nden: &#8222;Gelebtes Leben&#8220;. Das ist ein tolles Buch. Sie                 schreibt frei von der Leber weg, wie sie gelebt hat, das war so                 vielf\u00e4ltig, das hat alles verbunden. Sie war ein kluger Kopf und                 hat es verstanden, wirklich zu leben. Es waren schwere Bedingungen,                 unter denen die Menschen damals gelebt, gek\u00e4mpft, gearbeitet haben.                 Ob es schlimmer war als jetzt, m\u00f6chte ich nicht sagen. Ich habe                 jetzt gerade an Sachen gedacht, was es f\u00fcr konservative Leute                 gab, die einem das Leben schwer gemacht haben. Ich muss mich heute                 nicht anketten, um eine Rede halten zu k\u00f6nnen. Was den Punkt anbelangt,                 sind wir ein bisschen weiter, auch was Lebenserwartung und die                 Chance, gesund zu bleiben, betrifft.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite sind wir extremen Umweltgiften ausgesetzt,                 am schlimmsten der Radioaktivit\u00e4t, die f\u00fcr immer da bleiben wird.                 Die Welt ist jetzt schon ziemlich verseucht. <\/p>\n<p>Emma Goldman war eine mutige Frau, die zu ihren \u00dcberzeugungen                 gestanden und die Konsequenzen getragen hat. <\/p>\n<p><b>GWR: Wir haben 2001 mit dem damals 88j\u00e4hrigen Helmut Kirschey                 u.a. eine Veranstaltung gemacht. Er war in den 1920er Jahren in                 der anarchistischen Jugendbewegung aktiv, ist dann 1933 nach Holland                 ins Exil und 1936 nach Spanien gegangen, um dort auf der Seite                 der anarchosyndikalistischen Massenbewegung gegen die Faschisten                 zu k\u00e4mpfen. Er hat Emma Goldman in Spanien pers\u00f6nlich kennen gelernt                 und war begeistert. Sie habe eine beeindruckende Ausstrahlung                 gehabt und vielen Menschen Mut gemacht, so Helmut. Ich denke,                 dass es auch heute wichtig ist, dass man den Menschen zum Beispiel                 in der Anti-Atom-Bewegung Mut macht und auch zeigt, dass man etwas                 erreichen kann. C\u00e9cile ist daf\u00fcr ein aktuelles Beispiel. Sie hat                 auch im M\u00fcnsterland Kletteraktionen gegen Atomtransporte durchgef\u00fchrt,                 wo sie sich dann \u00fcber den Gleisen abgeseilt und so die Transporte                 f\u00fcr Stunden gestoppt hat. Das ist dann zum Teil im Fernsehen gezeigt                 worden und hat dazu beigetragen, dass mehr Druck auf die Urenco,                 die auch die UAA in Gronau betreibt, ausge\u00fcbt werden konnte. Daraufhin                 hat die Urenco einger\u00e4umt, dass sie aufgrund der Proteste ab 2009                 keine Atomm\u00fclltransporte mehr nach Russland machen will. Stattdessen                 sollen die Transporte nun nach Frankreich gehen. Das ist nur bedingt                 eine Verbesserung, allerdings gibt es in Frankreich h\u00f6here Sicherheitsauflagen                 als in Russland. Wie Du schon gesagt hast: Die Anti-Atom-Bewegung                 sorgt auch daf\u00fcr, dass das eigentlich Unbeherrschbare, die Atomtechnik,                 doch ein bisschen &#8222;sicherer&#8220; wird. &#8222;Sicherer&#8220; nat\u00fcrlich in Anf\u00fchrungszeichen,                 denn wirklich sicher kann es nat\u00fcrlich nie sein.<\/b><\/p>\n<p><i>Kerstin Rudek:<\/i> Ich denke auch, dass es wichtig ist, dass                 wir immer wieder positive Beispiele leben. <\/p>\n<p>Wir haben durch unseren Widerstand schon einiges verhindert.                 Einige sehen das so, dass das immer nur das Verwalten einer Niederlage                 ist. Ich finde, das ist nicht so. Wenn ich mir angucke, was wir                 z.B. hier vor der Haust\u00fcr stehen h\u00e4tten: eine Wiederaufbereitungsanlage,                 die war zweimal geplant, einmal im nuklearen Entsorgungszentrum                 in Gorleben und, als das dann nach ein paar Jahren f\u00fcr gescheitert                 erkl\u00e4rt wurde, in Dragahn. Dann die Pilotkonditionierungsanlage                 (PKA), sie ist zwar gebaut und betriebsbereit, aber immerhin l\u00e4uft                 sie noch nicht. Die Castorhalle, die hat 420 Stellpl\u00e4tze, die                 w\u00e4ren seit Jahren vollst\u00e4ndig belegt, wenn es nicht diese massiven                 Proteste gegen die Castortransporte gegeben h\u00e4tte.<\/p>\n<p><b>GWR: Ohne die Anti-Atom-Bewegung h\u00e4tten wir jetzt nicht 17,                 sondern wom\u00f6glich 200 Atomkraftwerke in Deutschland am Netz. So                 viele waren in den 1970er Jahren von Politik und Atomindustrie                 angedacht. Auch hier in M\u00fcnster, in den Rieselfeldern, die heute                 ein Naturschutzgebiet und Vogelparadies sind, war es in den 1970er                 Jahren geplant, ein AKW zu bauen. Das konnte durch Proteste von                 Anti-Atom-AktivistInnen verhindert werden. <\/b><\/p>\n<p><b>Was w\u00fcnscht Du Dir f\u00fcr die Zukunft?<\/b><\/p>\n<p><i>Kerstin Rudek:<\/i> Ich w\u00fcnsche mir, dass die Menschen mutig                 genug sind, ihren Stromanbieter zu wechseln.<\/p>\n<p>Das ist etwas, was jeder und jede machen kann. Da, wo es keine                 Nachfrage mehr gibt, da wird es auch kein Angebot mehr geben.                 \u00dcber den Bezug von Strom l\u00e4sst sich eine Menge regeln. Es gibt                 einige empfehlenswerte Anbieter von \u00d6kostrom. Ich finde die Elektrizit\u00e4tswerke                 Sch\u00f6nau sehr sympathisch, Greenpeace-Energy und Lichtblick sind                 auch klasse. Es gibt Stromrechner im Internet, da kann man sich                 durchrechnen, ob der Bezug von \u00d6kostrom einen \u00fcberhaupt teurer                 kommt als der regionale Stromanbieter, und wenn das so ist, wieviel                 das w\u00e4re. Mir sind F\u00e4lle bekannt, wo Leute nachher sogar weniger                 bezahlt haben als bei ihrem konventionellen Stromanbieter. Ich                 habe eine Bitte an alle Leute, sich dar\u00fcber Gedanken zu machen                 und da verantwortungsbewusst zu handeln. Das ist etwas, das eine                 Menge bewegen kann, nicht viel Kraft und nicht viel Geld kostet.               <\/p>\n<p><b>GWR: Wer dazu Infos sucht, findet die z.B. auf Eurer Homepage?                 <\/b><\/p>\n<p><i>Kerstin Rudek:<\/i> Ja (siehe Anhang). Es gibt eine andere                 Seite, die hei\u00dft www.atomausstieg-selbermachen.de, da wird auch                 erkl\u00e4rt, wie man das macht. Das ist einfach, das ist eine Postkarte,                 die man schicken muss, neben dem Stromanbieterwechsel sich informieren                 und agieren, dem Gewissen entsprechend handeln. <\/p>\n<p>Ich finde es unertr\u00e4glich, dass wir den kommenden Generationen                 so eine B\u00fcrde \u00fcberlassen, wie es Atomm\u00fcll darstellt. Es ist jetzt                 an der Zeit, einen Atomausstieg zu schaffen, nicht so wie der                 rot-gr\u00fcne &#8222;Atomkonsens&#8220;, der zumindest eine Laufzeitverl\u00e4ngerung                 in der n\u00e4chsten Legislaturperiode erm\u00f6glicht, also nach den n\u00e4chsten                 Bundestagswahlen. Wir wollen die sofortige Stilllegung.<\/p>\n<p>Und dann haben wir immer noch das Problem mit dem Atomm\u00fcll, den                 es schon gibt. Danach, wenn alle Atomanlagen abgeschaltet sind,                 dann sollten wir uns auch in diese Diskussionen einbringen. Die                 Kosten d\u00fcrfen dann keine Rolle spielen. Die Energieversorgungsunternehmen                 haben 30 Milliarden Euro R\u00fcckstellungen, die m\u00fcssen dann daf\u00fcr                 benutzt werden, wof\u00fcr sie gedacht sind, n\u00e4mlich f\u00fcr die Erkundung                 von Endlagerstandorten. Das hat mehrere Hintergr\u00fcnde, die ich                 positiv finde: Zum einen wird dann der Bev\u00f6lkerung klar, dass                 wir noch gar kein Endlager haben. Viele denken ja, die Castortransporte                 rollen nach Gorleben und dann werden die da im Salzstock versenkt.                 Die stehen aber oberirdisch in einer Halle des Zwischenlagers,                 hier im Volxmund &#8222;Kartoffelscheune&#8220; genannt, \u00fcberhaupt keine Sicherheitskriterien,                 keine Abluftfiltersysteme, nicht gegen Flugzeugabst\u00fcrze gesichert,                 &#8230; <\/p>\n<p>Es sollte eine Diskussion dar\u00fcber geben, dass es kein Endlager                 in Deutschland gibt und weltweit auch nicht. Wenn z.B. an vier                 anderen Orten eine Endlagersuche stattfindet, das d\u00fcrfte politisch                 interessant werden, wie sich die Regionen verhalten, also, ob                 wir dann vierfache Proteste haben und da noch mal eine andere                 Dynamik entsteht. Klar ist, der Salzstock in Gorleben ist als                 Endlager f\u00fcr hochradioaktiven Atomm\u00fcll nicht geeignet. Das m\u00fcsste                 endlich von der Politik eingesehen werden. Dann m\u00fcsste dieses                 Dilemma eingestanden werden, und die Konsequenzen gezogen werden:                 sofortige Stilllegung aller Atomanlagen.<\/p>\n<p><b>GWR: Das ist ein gutes Schlusswort. Da kann ich Dir nur zustimmen.                 Herzlichen Dank. <\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): Kerstin, was hast Du gegen die Atomm\u00fclltransporte? Kerstin Rudek: Sie sind gef\u00e4hrlich, teuer, \u00fcberfl\u00fcssig. Es wird Atomm\u00fcll in Deutschland produziert, und kein Mensch wei\u00df, wohin damit. Der Atomm\u00fclltourismus, wie er zurzeit praktiziert wird, ist unsinnig. Das ist ein wahnsinnig hohes Gef\u00e4hrdungspotential, deshalb handeln wir dagegen. GWR: Der radioaktive Atomm\u00fcll strahlt hunderttausende Jahre lang. &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/02\/offentlich-frei-und-wahrnehmbar\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\"\u00d6ffentlich, frei und wahrnehmbar\" - graswurzelrevolution","description":"Graswurzelrevolution (GWR): Kerstin, was hast Du gegen die Atomm\u00fclltransporte? Kerstin Rudek: Sie sind gef\u00e4hrlich, teuer, \u00fcberfl\u00fcssig. 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