{"id":9231,"date":"2009-02-01T00:00:06","date_gmt":"2009-01-31T22:00:06","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9231"},"modified":"2022-07-26T14:24:12","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:12","slug":"die-pflicht-sich-zu-verweigern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/02\/die-pflicht-sich-zu-verweigern\/","title":{"rendered":"Die Pflicht, sich zu verweigern"},"content":{"rendered":"<p>Mit ruhiger Stimme spricht Andr\u00e9 diese Worte in den Raum, in                 dem sich zahlreiche Zeitungs-, Radio- und FernsehjournalistInnen                 versammelt haben. Nichts ist ihm anzumerken von der ungeheuren                 Anspannung, die auf ihm lasten muss. Schlie\u00dflich ist er im Begriff,                 etwas nie Dagewesenes zu wagen. Und dieser Augenblick, in dem                 er seine Entscheidung auf einer kurzfristig in Frankfurt einberufenen                 Pressekonferenz \u00f6ffentlich macht, ist das Ergebnis einer langen,                 schmerzhaften und oft widerspr\u00fcchlichen Entwicklung.<\/p>\n<p>Wie f\u00fcr viele junge US-B\u00fcrgerinnen und US-B\u00fcrger schien das Milit\u00e4r                 f\u00fcr Andr\u00e9 zun\u00e4chst die Chance zu sein, seiner bedr\u00fcckenden wirtschaftlichen                 und sozialen Situation zu entfliehen. Nach seinem Informatikstudium                 hatte er lange versucht, Arbeit in der IT-Branche zu finden, musste                 aber angesichts der desolaten Marktlage schlie\u00dflich aufgeben und                 jobbte in einem Fast-Food-Restaurant. In dieser Situation wurde                 er von einem Anwerber der Armee angesprochen. <\/p>\n<p>Die Mischung aus Appellen an seinen Idealismus, handfesten finanziellen                 Versprechungen und glatten L\u00fcgen, der er sich im Rekrutierungsb\u00fcro                 ausgesetzt sah, tat ihre Wirkung &#8211; im Glauben, sich einer guten                 Sache zu verschreiben und zugleich sein Leben auf eine finanzielle                 Grundlage stellen zu k\u00f6nnen, verpflichtete sich Andr\u00e9 Ende 2003                 zu einem 15-monatigen Dienst bei der Armee. Ganz bewusst w\u00e4hlte                 er diesen kurzen Zeitraum, weil er die Kontrolle \u00fcber sein Leben                 nicht zu lange aus der Hand geben wollte. Was er nicht wusste:                 Ein derart befristeter Vertrag bedeutet immer auch, dass der Soldat                 nach Ablauf seiner aktiven Dienstzeit noch jahrelang der Reserve                 untersteht und bei Bedarf jederzeit einberufen werden kann. <\/p>\n<p>Nach der Grundausbildung lie\u00df sich Andr\u00e9 zum Spezialisten f\u00fcr                 die Reparatur und Wartung von Apache-Kampfhubschraubern ausbilden.                 Kurze Zeit war er im bayrischen Katterbach stationiert, danach                 wurde er in den Irak verlegt. Als Mechaniker war er nicht direkt                 an den Kampfhandlungen beteiligt, aber er sah und h\u00f6rte genug,                 um seine naive Gutgl\u00e4ubigkeit zu verlieren und Nachforschungen                 zum &#8222;Krieg gegen den Terror&#8220; anzustellen. Was er erfuhr, erf\u00fcllte                 ihn mit wachsendem Entsetzen. Dies war kein gerechter Krieg mit                 dem Ziel, Massenvernichtungswaffen unsch\u00e4dlich zu machen und einem                 unterdr\u00fcckten Volk Freiheit und Demokratie zu bringen. Die Wirklichkeit                 sah anders aus: &#8222;Wir haben &#8230; zerst\u00f6rt, get\u00f6tet, gepl\u00fcndert,                 gefoltert, entf\u00fchrt, gelogen und nicht nur die B\u00fcrger und f\u00fchrenden                 Politiker der feindlichen Staaten, sondern auch die unserer Verb\u00fcndeten                 manipuliert.&#8220; <\/p>\n<p>Und er erkannte, dass seine Arbeit als Hubschraubermechaniker                 ein direkter Beitrag zu Kriegsverbrechen war, denn die Luftangriffe                 der US-Armee trafen die Zivilbev\u00f6lkerung ebenso wie milit\u00e4rische                 Ziele. <\/p>\n<p>In Videodokumentationen der Apache-Eins\u00e4tze sah Andr\u00e9 Menschen,                 &#8222;die von den Maschinengewehren zerfetzt oder von den Raketen in                 St\u00fccke gerissen worden waren &#8211; das Ergebnis der Arbeit meiner                 H\u00e4nde&#8220;.<\/p>\n<p>Diese Situation wurde ihm immer unertr\u00e4glicher. &#8222;Meine geistige                 Gesundheit und mein Selbstwertgef\u00fchl fielen in sich zusammen,                 als ich mich zu fragen begann: Wie viele Menschen habe ich indirekt                 get\u00f6tet? Wie viele Leben habe ich ins Ungl\u00fcck gesto\u00dfen? Was, wenn                 das jemand meiner Familie oder meinen Freunden ant\u00e4te? Ich kann                 bis heute nicht sicher sagen, wie viel Verw\u00fcstung von solchen                 Hubschraubern angerichtet wurde.&#8220;<\/p>\n<p>Als Andr\u00e9 mit seiner Einheit nach Deutschland zur\u00fcckverlegt wurde,                 ging er seine M\u00f6glichkeiten durch. Sollte er einen Antrag auf                 Kriegsdienstverweigerung stellen? Die Chancen auf Anerkennung                 waren gering, und selbst w\u00e4hrend der Pr\u00fcfung des Antrags liefe                 er Gefahr, wieder in den Irak geschickt zu werden. Sollte er bei                 der Armee bleiben und hoffen, dass er in Katterbach einen Verwaltungsjob                 machen und den Rest seiner Dienstzeit einfach aussitzen konnte?                 Aber die Gewissheit, in den Irak zur\u00fcckverlegt zu werden, zeichnete                 sich immer deutlicher ab.<\/p>\n<p>Im April 2007 war ihm klar: &#8222;Die einzig verbleibenden M\u00f6glichkeiten                 waren, entweder ein zweites Mal zur\u00fcck in den Irak zu gehen oder                 die Verlegung zu verweigern. Es war die schwierigste Entscheidung                 meines ganzen Lebens. Ich wusste, wenn ich noch einmal ginge,                 w\u00fcrde ich aufgrund einer L\u00fcge f\u00fcr den Tod und das Elend anderer                 Menschen verantwortlich sein. Damit konnte ich nicht leben. Wenn                 ich aber die Verlegung verweigerte, k\u00f6nnte ich wegen Desertion                 verfolgt, zu einer Haftstrafe oder sogar zum Tod verurteilt werden,                 weil ich meinem Gewissen gefolgt war. Zehn Tage \u00fcberlegte ich.                 Dann entschied ich mich, die Armee der Vereinigten Staaten zu                 verlassen. Ich packte einige Habseligkeiten und verschwand mitten                 in der Nacht.&#8220;<\/p>\n<p>Seit dem Einmarsch im Irak sind mehr als 25.000 Soldatinnen und                 Soldaten aus der US-Armee desertiert. Viele sind nach Kanada geflohen                 in der Hoffnung, als Fl\u00fcchtlinge anerkannt zu werden. Bisher wurden                 jedoch alle Asylantr\u00e4ge abgelehnt &#8211; anders als w\u00e4hrend des Vietnamkriegs,                 als Kanada Tausende US-Deserteure aufnahm.<\/p>\n<p>Andr\u00e9 Shepherd hat sich als erster US-Verweigerer des Irakkriegs                 entschlossen, in Deutschland Asyl zu beantragen. Er beruft sich                 auf sein Recht, als Fl\u00fcchtling anerkannt zu werden, da er sich                 einem v\u00f6lkerrechtswidrigen Krieg entzogen und die Teilnahme an                 Kriegsverbrechen verweigert hat und ihm daf\u00fcr in seinem Heimatland                 Verfolgung droht.<\/p>\n<p>Sich diesem Krieg zu entziehen, war f\u00fcr ihn nicht nur sein Recht,                 sondern seine Pflicht. Mit Blick auf die N\u00fcrnberger Prozesse sagt                 Andr\u00e9: &#8222;Hier in Deutschland wurde festgelegt, dass jede und jeder,                 auch eine Soldatin oder ein Soldat, die Verantwortung f\u00fcr ihre                 und seine Handlungen \u00fcbernehmen muss, ganz gleich, wie viele Vorgesetzte                 die Befehle dazu gegeben haben.&#8220; <\/p>\n<p>In diesem Sinne hat Andr\u00e9 gehandelt. Daf\u00fcr verdient er unsere                 Unterst\u00fctzung.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit ruhiger Stimme spricht Andr\u00e9 diese Worte in den Raum, in dem sich zahlreiche Zeitungs-, Radio- und FernsehjournalistInnen versammelt haben. Nichts ist ihm anzumerken von der ungeheuren Anspannung, die auf ihm lasten muss. Schlie\u00dflich ist er im Begriff, etwas nie Dagewesenes zu wagen. 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