{"id":9242,"date":"2009-03-01T00:00:17","date_gmt":"2009-02-28T22:00:17","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9242"},"modified":"2022-07-26T14:14:43","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:43","slug":"zweierlei-gewicht-und-mas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/03\/zweierlei-gewicht-und-mas\/","title":{"rendered":"&#8222;Zweierlei Gewicht und Ma\u00df&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Als Oberster Glaubensw\u00e4chter hatte sich Ratzinger als durch und                 durch orthodoxer Denker erwiesen, hatte Befreiungstheologen gema\u00dfregelt                 und daf\u00fcr gesorgt, dass akademische Theologen nicht allzu eigenst\u00e4ndig                 zu denken wagten, wenn sie ihren Lehrstuhl behalten wollten. Den                 erzkonservativen Kurs seines Vorg\u00e4ngers Johannes Paul II. hatte                 er vorbehaltlos unterst\u00fctzt, ob es um gesellschaftliche Streitfragen                 ging (Schwangerenberatung, Empf\u00e4ngnisverh\u00fctung) oder um innerkirchliche                 Belange (Z\u00f6libat, Priesterinnen). <\/p>\n<p>Doch kaum winkte er als Benedikt XVI. vom Balkon der vatikanischen                 Gem\u00e4cher, wurde er anders wahrgenommen. Ein beinharter Dogmatiker                 mutierte zum intellektuellen Feingeist. Im deutschen Papst blitzte                 scheinbar wieder der junge Konzilstheologe auf, der seinerzeit                 das Zweite Vatikanische Konzil und seine Ergebnisse begr\u00fc\u00dft hatte.                  ((1)) <\/p>\n<p>Sein Auftritt beim Weltjugendtag in K\u00f6ln 2005 und sein Besuch                 in der bayerischen Heimat wurden volksnah und publikumswirksam                 inszeniert und dass die Mehrzahl der Medien sich in Hofberichterstattung                 erging, tat ein \u00fcbriges. Alle konnten sehen: Aus dem H\u00fctehund,                 der jedes Sch\u00e4fchen, das vom rechten Kurs abkam, zur\u00fcck in die                 Herde biss, hatte sich ein kluger, g\u00fctiger, weltoffener Hirte                 entwickelt. <\/p>\n<p>Und dann, Ende Januar 2009, verstand die Welt (oder zumindest                 die Medienwelt) den Papst nicht mehr. Wie konnte er, klug, g\u00fctig                 und weltoffen, einen Holocaust-Leugner zur\u00fcck in den Scho\u00df der                 katholischen Kirche holen? <\/p>\n<p>Aber auch der Papst verstand die Welt nicht mehr. Was, um Gottes                 Willen, war denn falsch daran, um die Einheit der Kirche wieder                 herzustellen, nach einigen Verhandlungen die Exkommunikation von                 vier Bisch\u00f6fen der traditionalistischen Pius-Bruderschaft aufzuheben?               <\/p>\n<p>In dieser Weise wurde erst mal ein paar Tage lang aneinander                 vorbei geredet. Im Vatikan war es wohl eine Mischung aus Unfehlbarkeitsall\u00fcren                 und formalistischem Denken ((2)),                 die dazu f\u00fchrte, dass sich die Einsicht, dass Richard Williamson                 mit der Leugnung der industriem\u00e4\u00dfigen Vernichtung der europ\u00e4ischen                 J\u00fcdinnen und Juden eine rote Linie \u00fcberschritten hatte, nur sehr                 z\u00f6gerlich durchsetzte. <\/p>\n<p>Die weltliche \u00d6ffentlichkeit brauchte ihrerseits einen Moment,                 um sich dar\u00fcber klar zu werden, dass es sich bei der Aff\u00e4re nicht                 um ein Missverst\u00e4ndnis handelte, das schnell ausger\u00e4umt werden                 k\u00f6nne. Das Missverst\u00e4ndnis lag vielmehr im Bild des Papstes, das                 bis dahin vorgeherrscht hatte.<\/p>\n<p>Denn Joseph Ratzinger hat sich &#8211; jenseits medialer Inszenierungen                 &#8211; nicht ge\u00e4ndert, auch als Papst Benedikt XVI. steht er f\u00fcr eine                 konservative Auslegung des Katholizismus. Schon kurz nach seiner                 Wahl bezog er gegen gleichgeschlechtliche Partnerschaften Stellung                 (zugleich auch gegen jede Form von &#8222;offener Beziehung&#8220;); homosexuelle                 Liebe sei ein Versto\u00df gegen das &#8222;Naturgesetz&#8220;. <\/p>\n<p>Im Juli 2008 bekr\u00e4ftigte er die 40 Jahre alte &#8222;Pillen-Enzyklika&#8220;,                 Kondome bleiben weiterhin verboten, k\u00fcnstliche Befruchtung ebenfalls.               <\/p>\n<p>Ein Jahr zuvor hatte es einigen Wirbel gegeben, als der Vatikan                 seinen Alleinseligmachungsanspruch hervorkehrte und verk\u00fcndete,                 die protestantischen Glaubensgemeinschaften seien allesamt keine                 richtigen Kirchen. <\/p>\n<p>Auch die Befreiungstheologen warten vergeblich auf Rehabilitierung,                 im Gegenteil werden sogar neue Lehrverbote ausgesprochen (zuletzt                 gegen den Jesuitenpater Jon Sobrino aus San Salvador, dem vorgeworfen                 wird, zu sehr die Solidarit\u00e4t mit den Armen und Unterdr\u00fcckten                 in der Welt zu betonen). <\/p>\n<p>Zudem hatte der Vatikan italienische B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger immer                 wieder aufgefordert, sich nicht an f\u00fcr die katholische Kirche                 nicht akzeptable Gesetze zu halten, und Anfang des Jahres erkl\u00e4rte                 der Kirchenstaat, dass er zuk\u00fcnftig die italienischen Gesetze                 nicht mehr anerkenne (seit den Lateranvertr\u00e4gen von 1929 hatten                 diese auch im Vatikan G\u00fcltigkeit) &#8211; ein deutliches Signal, dass                 der Vatikan auf mehr Einfluss in politischen Fragen dr\u00e4ngt. <\/p>\n<p>Es w\u00e4re also einfach zu erkennen gewesen, welche Richtung Benedikt                 XVI. mit seinem Pontifikat eingeschlagen hat. Die Umarmung der                 Traditionalisten passt in dieses Bild; sie erscheint weniger als                 Akt der &#8222;Barmherzigkeit&#8220; und &#8222;Vers\u00f6hnung&#8220;, denn als Teil einer                 strategischen Neuausrichtung der Kirche, die bereits unter Johannes                 Paul II. begonnen hat.<\/p>\n<h3>Die Pius-Bruderschaft<\/h3>\n<p>Um die Priesterbruderschaft St. Pius X. und ihren Begr\u00fcnder,                 Erzbischof Marcel Lefebvre, sammelten sich in den 1970er Jahren                 jene Kr\u00e4fte, die fast alle mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil                 eingeleiteten Ver\u00e4nderungen in der katholischen Kirche als &#8222;modernistisch&#8220;                 ablehnten und an traditionalistischen Glaubensvorstellungen festhielten.                 Dies betraf einerseits Fragen des Ritus (z.B. Gottesdienste in                 der jeweiligen Landessprache), andererseits aber auch Positionen                 von politischer Bedeutung. <\/p>\n<p>Im Kern geht es dabei um die gesellschaftliche Rolle der katholischen                 Kirche, wie sich anhand der Einstellung der Piusbr\u00fcder zur Religionsfreiheit                 zeigen l\u00e4sst. <\/p>\n<p>Dass Religionen, die f\u00fcr sich in Anspruch nehmen im Besitz der                 &#8222;Wahrheit&#8220; zu sein, sich schwer damit tun, andere Weltanschauungen                 anzuerkennen, ist wenig \u00fcberraschend. Doch weil sich in Europa                 nach der Reformation und diversen Religionskriegen verschiedene                 Konfessionen langfristig etablieren konnten, setzte sich mit der                 Aufkl\u00e4rung die Einsicht durch, dass f\u00fcr ein friedliches Zusammenleben                 Religionsfreiheit eine wichtige Voraussetzung ist. <\/p>\n<p>In der b\u00fcrgerlichen Demokratie wurde sie Bestandteil des Grundrechtekatalogs;                 zudem wurden zunehmend mehr Glaubensgemeinschaften einbezogen                 (christliche DissidentInnen, das Judentum, schlie\u00dflich der Islam                 und nichtreligi\u00f6se Weltanschauungen). <\/p>\n<p>Die katholische Kirche konnte sich besonders lange nicht damit                 abfinden, dass sie nur noch die gleichen Rechte und Freiheiten                 wie alle anderen auch haben sollte, und hielt bis weit ins 20.                 Jahrhundert an der Doktrin von &#8222;zweierlei Recht&#8220; fest. Diese besagte,                 dass &#8222;zweierlei Gewicht und Ma\u00df&#8220; in religi\u00f6sen Fragen anzuwenden                 seien, &#8222;das eine f\u00fcr die Wahrheit, das andere f\u00fcr den Irrtum&#8220;                  ((3)). Religionsfreiheit forderte                 die Kirche nur f\u00fcr Katholiken, wo diese in der Minderheit waren;                 wo sie es politisch durchsetzen konnte, bem\u00fchte sie sich hingegen,                 die Rechte der Andersgl\u00e4ubigen einzuschr\u00e4nken. <\/p>\n<p>Diese Haltung wurde durch das Zweite Vatikanische Konzil korrigiert,                 doch eine starke konservative Fraktion hat diesen Schritt nie                 wirklich akzeptiert.<\/p>\n<p>Die Pius-Bruderschaft konserviert insofern also eine Position,                 die vor 50 Jahren noch die verbindliche Auffassung der katholischen                 Kirche war. Diese vertritt sie unmissverst\u00e4ndlich. In einem Grundsatzreferat                 ist die Rede davon, dass der &#8222;Alleinvertretungsanspruch in der                 Gesellschaft so weit wie nur m\u00f6glich &#8230; geltend gemacht werden&#8220;                 m\u00fcsse. Nur die Wahrheit (gemeint ist: die katholischen Auffassungen)                 habe ein (Natur-) Recht; eine &#8222;grenzenlose Gewissens- und schrankenlose                 Meinungsfreiheit&#8220; wird ebenso abgelehnt wie die &#8222;so genannte M\u00fcndigkeit&#8220;                  ((4)) der Kirchenmitglieder.                 Auch die Anerkennung des Judentums wollen die Piusbr\u00fcder nicht                 mit vollziehen. Noch im Dezember 2008 war nach Recherchen der                 <i>taz<\/i> in einem Rundschreiben des deutschen Distriktoberen                 Franz Schmidberger zu lesen: &#8222;Die Juden unserer Tage (&#8230;) sind                 des Gottesmordes mitschuldig, solange sie sich nicht durch das                 Bekenntnis der Gottheit Christi und die Taufe von der Schuld ihrer                 Vorv\u00e4ter distanzieren.&#8220; ((5))<\/p>\n<p>Die katholische Kirche hat die Vorstellung, dem nichtkatholischen                 Teil der Bev\u00f6lkerung ihren Willen aufzwingen zu d\u00fcrfen, erst mit                 dem Zweiten Vatikanischen Konzil offiziell aufgegeben (also lange                 nachdem sie die realen M\u00f6glichkeiten dazu in den meisten europ\u00e4ischen                 L\u00e4ndern schon verloren hatte). Damals sah sie sich einer Welt                 gegen\u00fcber, die von Aufbruch und vom Willen vieler Menschen, sich                 \u00fcberall Mitspracherechte zu erk\u00e4mpfen, gepr\u00e4gt war. Sie wurde                 insofern nicht zuletzt durch die gesellschaftlichen Umst\u00e4nde zu                 den Reformen gedr\u00e4ngt. <\/p>\n<p>Als die Rahmenbedingungen sich zu ver\u00e4ndern begannen, emanzipatorische                 Bewegungen allenthalben an Schwung verloren, leitete Johannes                 Paul II. eine Kurskorrektur ein: durch Personalpolitik und dogmatische                 Entscheidungen st\u00e4rkte er den konservativen Fl\u00fcgel der katholischen                 Kirche. Benedikt XVI. f\u00fchrt diese Politik fort (wie die Ernennung                 des neuen Weihbischofs von Linz zeitnah verdeutlichte). <\/p>\n<p>Wer sich die Aussagen besonders romtreuer Bisch\u00f6fe wie Joachim                 Meisner (K\u00f6ln) oder Gerhard M\u00fcller (Regensburg) aufmerksam durchliest,                 wird feststellen, dass beachtliche Schnittmengen zu den reaktion\u00e4ren                 Statements der Piusbruderschaft auftauchen.<\/p>\n<p>Das Zweite Vatikanische Konzil war der Versuch, die katholische                 Kirche mit der &#8222;Moderne&#8220; kompatibel zu machen. <\/p>\n<p>Es spricht nichts daf\u00fcr, dass dies ewig so bleiben muss. Die                 innere Logik des Katholizismus dr\u00e4ngt geradezu darauf, anderen                 das Heil zu bringen, ob diese wollen oder nicht. <\/p>\n<p>Der Wunsch, f\u00fcr alle verbindliche gesellschaftliche Vorschriften                 setzen zu d\u00fcrfen, ist ohnehin nie verschwunden. Wenn der Vatikan                 sich nun seiner alten Doktrin wieder ann\u00e4hert, hei\u00dft das nat\u00fcrlich                 nicht, dass ihm damit sofort auch die M\u00f6glichkeiten sie umzusetzen                 an die Hand gegeben sind. <\/p>\n<p>Dauerhaft zu verhindern ist dies jedoch nur, wenn gen\u00fcgend Menschen                 sich \u00fcber Religion keine Illusionen machen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als Oberster Glaubensw\u00e4chter hatte sich Ratzinger als durch und durch orthodoxer Denker erwiesen, hatte Befreiungstheologen gema\u00dfregelt und daf\u00fcr gesorgt, dass akademische Theologen nicht allzu eigenst\u00e4ndig zu denken wagten, wenn sie ihren Lehrstuhl behalten wollten. Den erzkonservativen Kurs seines Vorg\u00e4ngers Johannes Paul II. hatte er vorbehaltlos unterst\u00fctzt, ob es um gesellschaftliche Streitfragen ging (Schwangerenberatung, Empf\u00e4ngnisverh\u00fctung) oder &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/03\/zweierlei-gewicht-und-mas\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\"Zweierlei Gewicht und Ma\u00df\" - graswurzelrevolution","description":"Als Oberster Glaubensw\u00e4chter hatte sich Ratzinger als durch und durch orthodoxer Denker erwiesen, hatte Befreiungstheologen gema\u00dfregelt und daf\u00fcr gesorgt, dass"},"footnotes":""},"categories":[533,1042],"tags":[],"class_list":["post-9242","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-337-marz-2009","category-ohne-chef-und-staat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9242","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9242"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9242\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9242"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9242"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9242"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}