{"id":9269,"date":"2009-03-01T00:00:42","date_gmt":"2009-02-28T22:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9269"},"modified":"2022-07-26T14:24:11","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:11","slug":"so-was-gibts-noch","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/03\/so-was-gibts-noch\/","title":{"rendered":"So was gibt&#8217;s noch?"},"content":{"rendered":"<p>Winterthur ist ein gutes Pflaster f\u00fcr Libert\u00e4re. Sechs besetzte                 Wohnprojekte, von Ranzig bis Bauernhof, die Kollektivkneipe &#8222;Zum                 Widder&#8220;, Sprayer, Autonome und nat\u00fcrlich die LAW. Wir entschieden                 uns f\u00fcr die sozialrevolution\u00e4re Pension &#8222;Gisi&#8220; in der Namen gebenden                 General Guisanne Stra\u00dfe. Ohne Reservierung bekommt mensch dort                 auch kurzfristig und unkompliziert ein Zimmer. <\/p>\n<p>Mein Bild von dieser Stadt war vom ersten Tag an gut. Erst einmal                 ausschlafen, noch einen Willkommenstee mit Schuss getrunken und                 los zur alten Kaserne, die ganz anders aussieht als gedacht.<\/p>\n<p>Die alte Kaserne ist ein schnuckeliges Fachwerkhaus, welches                 manchem autonomen Revolutionsromantiker zu spie\u00dfig sein d\u00fcrfte.                 Au\u00dferdem ist es sauber und etwas, das in Deutschland B\u00fcrgerhaus                 genannt werden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Anarchietage zwischen Schach f\u00fcr Rentner und Yoga f\u00fcr Manager.                 Diskussion, wie sie sein soll: in der Mitte der Gesellschaft,                 erstes Obergeschoss nach rechts wenden.<\/p>\n<p>Anders als in libert\u00e4ren Kontexten in Deutschland geht es bei                 den Anarchie-Tagen weniger um hierarchiefreies Organisieren und                 Handeln &#8211; auch wenn das nat\u00fcrlich allen Beteiligten am Herzen                 liegt &#8211; sondern mehr um die Diskurse, denen sich eine libert\u00e4re                 Bewegung zu stellen hat, die sie aufnehmen und fortf\u00fchren sollte.<\/p>\n<p>Der Schwerpunkt in der Alten Kaserne in Winterthur lag dann darauf,                 wie AnarchistInnen eine Gesellschaft gestalten k\u00f6nnen, die sie                 auch wollen, im Gegensatz zu der Abwehr einer Gesellschaft, die                 wir nicht wollen.<\/p>\n<p>Vor dem Vortrag zum Thema &#8222;Anarchie und Sex&#8220; von Rudolph M\u00fchland                 wurde dann auch noch einmal seitens der LAW betont, wie sie sich                 zu Kommerzialisierungsvorw\u00fcrfen verh\u00e4lt: Polemisch; die LAW w\u00fcsste                 von diesen Vorw\u00fcrfen, habe sich aber entschlossen, dann dem Ruf                 erst recht treu zu bleiben, und eben einen Rei\u00dfer wie &#8222;Anarchie                 und Sex&#8220; zu veranstalten.<\/p>\n<h3>Die Schwerpunkte sind andere in Alpenn\u00e4he<\/h3>\n<p>Begonnen aber wurde erst einmal mit einem regionalen Thema: &#8222;Der                 Antisemitismus der Schweizer Fr\u00f6ntler &#8211; Worin unterschied sich                 der Antisemitismus der Fr\u00f6ntler von jenem von Katholisch-Konservativen                 und von Freisinnigen?&#8220;<\/p>\n<p>Hans Stutz berichtete \u00fcber die Vergangenheit und Gegenwart dieser                 Antisemiten. Der Raum blieb jedoch wenig gef\u00fcllt.<\/p>\n<p>Mensch mag es den vielen G\u00e4sten aus Deutschland, die zu den Anarchie-Tagen                 anreisten &#8211; und denen das Thema unter Umst\u00e4nden etwas fern ist                 &#8211; oder den bereits informierten Menschen vor Ort in Rechnung stellen.                 25 Menschen und noch nicht wirklich Interesse in Form von Fragen                 oder Diskussion. (Anm. d. Setzerin: Doch, es gab Fragen, du hast                 aber gepennt)<\/p>\n<p>Wesentlich reger war da schon die Beteiligung bei Simone Otts                 Illustrationen zu den verschiedenen Widerstandsaktionen gegen                 mutierte Saaten. Sie hatte sich an diversen Aktionen beteiligt                 und konnte einen guten \u00dcberblick geben. Von den Freiwilligen Feldbefreiungen                 der Initiative <i>Gendreck weg!<\/i> \u00fcber Gegensaaten und vor allem                 Feldbesetzungen, um bereits zu verhindern, dass ges\u00e4t werden kann.                 Aber so richtig \u00fcberw\u00e4ltigt waren die ZuschauerInnen und -h\u00f6rerInnen                 immer noch nicht. Zu viel Wissen \u00fcber die Widerst\u00e4nde steckt wohl                 schon in den K\u00f6pfen der AnarchistInnen hierzulande, zu fern ist                 der Diskurs \u00fcber Hybridisierung und Co. bei den Schweizer GenossInnen.                 Zumindest ersteres empfinde ich als sehr positiv, ist aber auch                 kaum anders denkbar nach den umfassenden Mobilisierungen und Info-Veranstaltungen,                 gerade in 2008. Au\u00dferdem scheint die Schlechtigkeit der Gen-Tech-Konzerne                 erwiesen. Kein Funke, an dem sich eine kontroverse Diskussion                 entz\u00fcnden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>&#8222;Wir sind gegen mutiertes Saatgut, wir werden die Saat verhindern&#8220;                 ist vielleicht das einstimmige Motto des Abends.<\/p>\n<p>Und beinahe hatte ich das ungute Gef\u00fchl, jetzt w\u00fcssten wir alles,                 jetzt h\u00e4tten wir eine abgesicherte Theorie in allen Bereichen                 und ich w\u00fcrde doch wieder nur best\u00e4tigt, kam eben der oben schon                 erw\u00e4hnte Rei\u00dfer &#8222;Anarchie und Sex&#8220;.<\/p>\n<p>Rudolph M\u00fchland schilderte mit anschaulichen, pers\u00f6nlichen Beispielen                 (einigen zu pers\u00f6nlich) die gesamte Problematik, die sich f\u00fcr                 Libert\u00e4re mit dem Begriff &#8222;Sex&#8220; verbinden k\u00f6nnte und vielleicht                 m\u00fcsste: von BDSM \u00fcber Gender-Debatten bis zur asexuellen linken                 Pr\u00fcderie und Dresscode.<\/p>\n<h3>Essentials, die offenbar keine sind<\/h3>\n<p>Zu dieser Veranstaltung fanden sich zum ersten Mal mehr Menschen                 ein, als St\u00fchle vorhanden waren. Und zum ersten Mal w\u00e4hrend der                 diesj\u00e4hrigen Anarchie-Tage gab es kontroverse Debatten \u00fcber das                 vorgestellte Thema. <\/p>\n<p>Dabei waren es weniger die sexuellen Praktiken, die besonders                 angeregt diskutiert wurden. Etwa ob und wie weit Grenzen beim                 Sex ausgereizt und verschoben werden k\u00f6nnen, sollen und k\u00f6nnen                 sollen, oder ob Gewalt zur beid- oder mehrseitigen Befriedigung                 legitimiert werden kann.<\/p>\n<p>Besonders wichtig scheinen die Tabus und Dogmen, die gerade in                 linken Zusammenh\u00e4ngen bestehen, sowie die eigene Unzul\u00e4nglichkeit,                 also der Spalt zwischen eigenem emanzipatorischen Anspruch und                 gelebten menschlichen Beziehungen, zu sein.<\/p>\n<p>Immer noch wird augenscheinlich nicht offen genug miteinander                 umgegangen, oder Probleme mit Sexualit\u00e4t und Beziehungen werden                 in ein wie auch immer geartetes Privates abgeschoben, und k\u00f6nnen                 somit f\u00fcr den politischen Alltag als unbedeutend beurteilt werden.                 Einige hatten das Gef\u00fchl, es w\u00fcrde der Druck in ihnen aufgebaut,                 mensch m\u00fcsse jetzt polygam o.\u00e4. werden, weil es anders ist, als                 die vorherrschenden sexuellen Ausrichtungen der Gesellschaft.                 Dar\u00fcber wurde auch lang gesprochen. <\/p>\n<p>Ebenfalls als unbedeutend und zur Not auch als Nebenwiderspruch                 bezeichnet wird auch das Thema Tierrechte und Antispeziesismus,                 welches die Tierrechtsgruppe Z\u00fcrich am Donnerstag in ihrem Vortrag                 &#8222;Tierrechte und soziale Revolution&#8220; aufgearbeitet hatte. Sie boten                 einen breiten \u00dcberblick \u00fcber das doch etwas leidliche Thema. Immerhin                 geht es der Tierrechtsgruppe Z\u00fcrich darum, sich sowohl von FaschistInnen                 wie der &#8222;AG Tierrecht&#8220;, von Sekten wie &#8222;Universelles Leben&#8220; und                 radikalen AntispeziesistInnen, deren Eifer und moralische Beschuldigungen                 bei Zeiten bis in religi\u00f6se Dogmen reichen, abzugrenzen und dennoch                 einen Vorschlag f\u00fcr eine normative Ethik innerhalb herrschaftsfreier                 Strukturen anzubieten. Im Vortrag und gerade auch in der anschlie\u00dfenden                 Diskussion wurde auf das &#8222;So weit wie m\u00f6glich herrschaftsfrei&#8220;                 eingegangen. Gerade die anwesenden G\u00e4rtnerInnen zeigten sich sehr                 interessiert ob dieser Problematik.<\/p>\n<p>Die Forderungen der AntispeziesistInnen nach veganer Lebensart                 umfassen vor allen Dingen erhebliche \u00c4nderungen der Nahrungsgewohnheiten.<\/p>\n<p>Und mehr noch: Auch Kleidung, Medikamente und Technik in allen                 Spielarten m\u00fcssten \u00fcberdacht und ver\u00e4ndert werden. Das Argument,                 welches anmerkt, dass nicht einmal auf diese Weise Hierarchien                 zwischen den Spezies v\u00f6llig abgebaut werden k\u00f6nnen. Mensch denke                 an die M\u00e4use, die eben die Vorratskammer pl\u00fcndern wollen, oder                 die W\u00fcrmer im Boden, der gepfl\u00fcgt werden soll. Das schreckt viele                 Menschen von der Problematik ab, und weniges geht in interne Diskussionen                 innerhalb anarchistischer Zusammenschl\u00fcsse ein. <\/p>\n<p>Anl\u00e4sslich der Anarchietage wurde aber dennoch rege um Sinn oder                 Unsinn veganer und antispeziesistischer Ethik-Forderungen gestritten.<\/p>\n<p>Bleibt zu hoffen, dass diese Diskussionen mehr Einzug in den                 &#8222;libert\u00e4ren Mainstream&#8220; finden. Hier zeigt sich, wo noch gebastelt                 und gearbeitet werden muss, damit der Anarchismus modern und authentisch                 bleibt.<\/p>\n<p>Am Freitag Abend kamen wir noch in den Genuss eines Vortrags                 von au\u00dferhalb; au\u00dferhalb des herrschaftsfreien Diskurses. Ulrich                 Klemm berichtete \u00fcber die Einstellung, welche ihn zu seinem Buch                 &#8222;Mythos Schule&#8220; und zur Gr\u00fcndung der Montessori Schule N\u00fcrnberg                 bewogen hat: die Liberalisierung der Bildung. Bzw. dann vielleicht                 des Bildungsmarktes?<\/p>\n<p>Dies versuchte er den anwesenden StaatsgegnerInnen mit verschiedenen                 Studien der Europ\u00e4ischen Union und PISA-Studie n\u00e4her zu bringen.                 Empfohlen wurde hier als Nonplusultra der antiautorit\u00e4ren P\u00e4dagogik                 der Film &#8222;Treibh\u00e4user der Zukunft&#8220; von Reinhard Kahl, dem aber                 wohl keine eigene Besprechung geb\u00fchrt.<\/p>\n<p>Tagungen wie die Anarchietage halten die Bewegung lebendig. Gerade                 deswegen ist es schade, dass nur knapp 100 Personen irgendwie                 daran beteiligt waren.<\/p>\n<p>Die Vortr\u00e4ge h\u00e4tten sich auch f\u00fcr die restlichen AnarchistInnen                 gelohnt und werden sicherlich Wellen schlagen und Denkanst\u00f6\u00dfe                 schaffen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Winterthur ist ein gutes Pflaster f\u00fcr Libert\u00e4re. Sechs besetzte Wohnprojekte, von Ranzig bis Bauernhof, die Kollektivkneipe &#8222;Zum Widder&#8220;, Sprayer, Autonome und nat\u00fcrlich die LAW. Wir entschieden uns f\u00fcr die sozialrevolution\u00e4re Pension &#8222;Gisi&#8220; in der Namen gebenden General Guisanne Stra\u00dfe. Ohne Reservierung bekommt mensch dort auch kurzfristig und unkompliziert ein Zimmer. 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