{"id":9274,"date":"2009-03-01T00:00:23","date_gmt":"2009-02-28T22:00:23","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9274"},"modified":"2022-07-26T14:24:11","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:11","slug":"die-tibetfrage-und-der-neonationalismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/03\/die-tibetfrage-und-der-neonationalismus\/","title":{"rendered":"Die Tibetfrage und der Neonationalismus"},"content":{"rendered":"<p>Es gibt sie nicht qua Geburt oder Schicksal. ChinesInnen, Deutsche und TibeterInnen werden produziert. Die Erfindung des Nationalstaats ist die f\u00fcr die Entwicklung der modernen kapitalistischen Systeme vielleicht wichtigste Innovation.<\/p>\n<p>Vorher gab es B\u00e4uerInnen, Leibeigene, Adelige, M\u00f6nche, BettlerInnen, aber keine Staatsb\u00fcrgerInnen, keine Deutschen, keine Franz\u00f6sInnen, keine BritInnen. Und es gab keinen Kapitalismus, da Leibeigene und B\u00e4uerInnen nicht als freie Arbeitskr\u00e4fte zur Verf\u00fcgung standen, da durch das Zunftwesen Gebietsmonopole f\u00fcr Handwerker gesichert waren, da keine allgemeine Rechtssicherheit die Vertragsfreiheit garantierte, da Steuern, Abgaben und Z\u00f6lle regional willk\u00fcrlich festgelegt wurden.<\/p>\n<p>Erst durch die Erfindung des Nationalstaates konnte sich die kapitalistische Entwicklungsdynamik entfalten.<\/p>\n<p>Der Nationalstaat leistete mehr als das oben angef\u00fchrte. Der franz\u00f6sische Philosoph Michel Foucault f\u00fchrte, um dieses Mehr zu fassen, den Begriff Biopolitik ein. Biopolitik ist die auf den K\u00f6rper des Einzelnen gerichtete Disziplinarpolitik und die auf den Bev\u00f6lkerungsk\u00f6rper gerichtete Politik.<\/p>\n<p>Biopolitik, das ist die Voraussetzung f\u00fcr die Produktion der Subjekte der Moderne durch die Machttechnologien des Nationalstaates, Machttechnologien, durch die dieser sich \u00fcberhaupt erst als Nationalstaat konstituiert hat.<\/p>\n<p>Zur auf den einzelnen K\u00f6rper gerichteten Biopolitik geh\u00f6ren z.B.:<\/p>\n<ul>\n<li>die Dressur des K\u00f6rpers, nach den formalen Regeln abstrakter Zeitsetzung (also der UHR) und sinnentleerter gleichf\u00f6rmiger T\u00e4tigkeit zu funktionieren (Arbeitsh\u00e4user),<\/li>\n<li>die Formierung der K\u00f6rper im modernen Milit\u00e4rapparat,<\/li>\n<li>die Verschulung der Menschen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Zu den auf den Bev\u00f6lkerungsk\u00f6rper gerichteten Politiken geh\u00f6ren z.B.:<\/p>\n<ul>\n<li>die moderne Seuchenpolitik (Cordon Sanitaire),<\/li>\n<li>die Architektur der AbeiterInnenvorst\u00e4dte,<\/li>\n<li>die staatliche Sexualpolitik,<\/li>\n<li>die Ein- und Ausreisekontrolle und Steuerung der Wanderungsbewegungen.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Erst durch die biopolitischen Eingriffe des Nationalstaates wurden die Subjekte produziert, die der Kapitalismus ben\u00f6tigte. Der Nationalstaat produzierte damit aber auch den Staatsb\u00fcrger und die Staatsb\u00fcrgerin, die zumindest formale Gleichheit vor dem Gesetz, die Arbeitsfreiheit innerhalb der nationalstaatlichen Grenzen. Der Nationalstaat produzierte ein reziprokes Anspruchsdenken, Forderungen nach sozialstaatlicher Absicherung. Diese Erfindung mit Namen Nationalstaat war eine Revolution, sie ging nicht notwendig aus dem Vorhergehenden hervor und schon gar nicht aus den K\u00f6nigreichen oder F\u00fcrstent\u00fcmern des Mittelalters, ihr Ausgangspunkt lag in den freien St\u00e4dten, eine Erfindung des B\u00fcrgerInnentums.<\/p>\n<p>Die nationalstaatliche Mythologie, die Erz\u00e4hlungen von Nationen, die schon immer existiert haben, sind eine Konstruktion legitimierender Ideologie. Die moderne Geschichtswissenschaft wurde im 19. Jahrhundert als Anstalt nationalstaatlicher Ideologieproduktion begr\u00fcndet.<\/p>\n<p>In der Regel gibt es nicht nur eine Erz\u00e4hlung \u00fcber die Nation, sondern mehrere konkurrierende Versionen, die f\u00fcr sich jeweils G\u00fcltigkeit beanspruchen und die Interessen unterschiedlicher Gruppen im Nationalstaat widerspiegeln. Real ist der Nationalstaat heterogen, auseinander strebend und widerspr\u00fcchlich. Doch diese Realit\u00e4t wird entweder mit Gewalt oder \u00fcber die Homogenisierung gegen\u00fcber einem \u00e4u\u00dferen (oder inneren &#8211; z.B. durch Rassismus -) Gegenpol \u00fcbert\u00fcncht. In der Phase der Konstruktion von Nationalstaaten f\u00fchrt dies fast immer zu extremen Gewaltexzessen.<\/p>\n<p>Die anarchistischen und fr\u00fchsozialistischen Bewegungen stellten diesem nationalstaatlichen Prinzip ein allgemeines Menschenrecht gegen\u00fcber.<\/p>\n<h3>Und was ist jetzt mit Tibet?<\/h3>\n<p>Tibet war bis zum Einmarsch der Armee der Volksrepublik China kein Nationalstaat. Tibet war ein Gebiet, das von Adelsherrschaft und Nomadenkulturen gepr\u00e4gt war, die lose \u00fcber die buddhistischen M\u00f6nchsschulen verbunden waren.<\/p>\n<p>Dabei gab es vielf\u00e4ltige kleinere kriegerische und gewaltt\u00e4tige Auseinandersetzungen zwischen den buddhistischen M\u00f6nchsschulen (z.B. zwischen Gelbm\u00fctzen und Rotm\u00fctzen im 18. Jahrhundert &#8211; die Gelbm\u00fctzen, die Schule des Dalai Lama, folterten und mordeten, pl\u00fcnderten und zerst\u00f6rten Kl\u00f6ster, verbrannten B\u00fccher und machten Tempel zu St\u00e4llen), aber auch innerhalb der Orden, mit dem Adel und mit den nomadischen Reiterv\u00f6lkern. Von den 13 Vorg\u00e4ngern des jetzigen Dalai Lama starben nur drei nachweislich eines nat\u00fcrlichen Todes, bei den \u00fcbrigen wird \u00fcberwiegend Mord vermutet.<\/p>\n<p>Die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung lebte entweder als Nomaden in Clanstrukturen oder in unfreien Verh\u00e4ltnissen gebunden an eine Adelsfamilie. Soziale Unzufriedenheit \u00e4u\u00dferte sich \u00e4hnlich dem europ\u00e4ischen Mittelalter in der Bildung von &#8218;gesetzlosen R\u00e4uberbanden&#8216; durch Untertanen, die sich dem Zugriff ihrer Adelsherren entzogen.<\/p>\n<p>Um sich die Vormachtstellung in Tibet zu sichern, ging die Schule der Gelbm\u00fctzen zuerst ein B\u00fcndnis mit den Mongolen und sp\u00e4ter mit dem chinesischen Kaiserreich ein. Diese wurden jeweils zur Schutzmacht und erhielten die formale Oberhoheit in weltlichen Fragen, im Gegenzug wurde der Dalai Lama zum spirituellen Ratgeber der Herrscher und der tibetische Buddhismus zur Quelle der spirituellen Erneuerung.<\/p>\n<p>Dabei spielte f\u00fcr die \u00fcberregionale &#8218;Diplomatie&#8216; der M\u00f6nche das Tulkusystem eine besondere Rolle. Als Tulku werden M\u00f6nche bezeichnet, die ein so reines Geiststadium erreicht haben, dass sie, nach dem u.a. in tibetischen M\u00f6nchsschulen g\u00fcltigen Glauben, nach ihrem Tod in einem neuen Kind wiedergeboren werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Alle hohen religi\u00f6sen W\u00fcrdentr\u00e4ger in Tibet sind Tulkus (z.B. der Dalai Lama und der Panchen Lama). \u00dcblicherweise wurden B\u00fcndnisse dadurch von den buddhistischen Schulen gefestigt, dass Tulkus aus ihrer Schule im unmittelbaren Umfeld der Herrschaftsfamilien der B\u00fcndnispartner &#8218;entdeckt&#8216; wurden. So wurde das B\u00fcndnis mit den Mongolen dadurch bef\u00f6rdert, dass ein Neffe des Herrschers als wiedergeborener M\u00f6nch &#8218;erkannt&#8216; wurde.<\/p>\n<p>Beim Wechsel des B\u00fcndnispartners traten dann verst\u00e4rkt wiedergeborene M\u00f6nche, Tulkus, im Umfeld des chinesischen Herrschaftshauses auf. Heute werden Tulkus verst\u00e4rkt in den USA &#8218;entdeckt&#8216;.<\/p>\n<p>Im tibetischen Lhasa selbst gab es in den 1930er Jahren eine kleine nationalistische Bewegung, die vielleicht mit der Modernisierungsfraktion um Atat\u00fcrk in der T\u00fcrkei verglichen werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Ausgangspunkte waren ein europ\u00e4isch modernisiertes Milit\u00e4r und die Absolventen der einzigen nicht religi\u00f6sen Ausbildungsst\u00e4tte, die neu nach europ\u00e4ischen Vorbildern (Gro\u00dfbritannien \u00fcber Indien) aufgebaut worden war. Die Bewegung sah in der Vorherrschaft der M\u00f6nche das zentrale Entwicklungshindernis f\u00fcr Tibet.<\/p>\n<p>Diese Bewegung wurde aber im Keim erstickt. Die Ausbildungsst\u00e4tte wurde geschlossen, Teile des Milit\u00e4rs wurden aufgel\u00f6st, weitere Modernisierungen unterbunden. Oppositionelle mussten ins Exil fliehen, einer der bekanntesten Oppositionellen wurde eingesperrt und ihm wurden die Aug\u00e4pfel ausgerissen.<\/p>\n<p>Zwar hatte sich Tibet nach dem Zusammenbruch des chinesischen Kaiserreiches f\u00fcr unabh\u00e4ngig erkl\u00e4rt, der Aufbau nationalstaatlicher Institutionen oder einer nationalstaatlichen Politik erfolgte aber nicht. Tibet blieb ein Territorium ohne Nationalstaat.<\/p>\n<p>Als die Armee der Volksrepublik China in den 1950ern einmarschierte, wurden Teile der tibetischen Region bereits bestehenden chinesischen Teilstaaten zugeordnet. Das vom Dalai Lama beherrschte Gebiet Tibets erhielt als Autonome Region (TAR) einen Sonderstatus.<\/p>\n<p>Innerhalb der Autonomen Region blieben die alten gesellschaftlichen Strukturen weitgehend unangetastet, dies wurde vertraglich festgelegt. Der Dalai Lama wurde zum Mitglied des Volkskongresses und erhielt den Status eines Vertreters von Mao. Da der jugendliche Dalai Lama Sympathien f\u00fcr sozialistische Ideen und f\u00fcr Mao hegte, war es die politische Linie, den Dalai Lama zu gewinnen.<\/p>\n<p>Gleichzeitig wurde aber in den Regionen Tibets, die anderen Teilen des Staatsgebietes Chinas zugeordnet waren, rigide die Politik der Kommunistischen Partei durchgesetzt. Hier kam es zu einem Konflikt zwischen chinesischer Staatlichkeit und nichtstaatlichen Gesellschaftsorganisationen vor allem tibetisch nomadischer Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Als Folge flohen Tausende von Nomaden zusammen mit Teilen der Oberschicht in die Autonome Region und lagerten in der N\u00e4he von Lhasa. Dies f\u00fchrte zu einer explosiven politischen Lage.<\/p>\n<p>Die Situation spitzte sich weiter zu, als die Kommunistische Partei erzwang, dass ihre tibetischen Parteikader von leibeigenschafts\u00e4hnlichen Verpflichtungen ausgenommen wurden, und verbot, sie \u00f6ffentlich zu z\u00fcchtigen. Damit wurden die Privilegien des Adels auch in der Autonomen Region in Frage gestellt.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich kam es durch ein Missverst\u00e4ndnis in der Bev\u00f6lkerung Lhasas zum Eindruck einer Bedrohungslage f\u00fcr den Dalai Lama. Dies alles f\u00fchrte 1958 zum Aufstand gegen die chinesische Armee, der schnell niedergeschlagen wurde.<\/p>\n<p>Der Dalai Lama floh zusammen mit ca. 100.000 TibeterInnen nach Indien.<\/p>\n<p>In der Folge versuchten die ExiltibeterInnen bis Anfang der 1970er Jahre, mit Unterst\u00fctzung des CIA die chinesische Armee mit milit\u00e4rischen Mitteln zu bek\u00e4mpfen. Dies hatte Abertausende von Toten zur Folge, aber keinen Erfolg.<\/p>\n<p>Der Konflikt in Tibet in den 1950er und 1960er Jahren war kein Konflikt zwischen Staaten, sondern der typische Konflikt infolge der Durchsetzung von Nationalstaatlichkeit in einer nicht nationalstaatlich organisierten Gesellschaft. Vergleichbar z.B. den Auseinandersetzungen in Nicaragua mit der indigenen Bev\u00f6lkerung. China hat in Tibet staatliche Verwaltungsstrukturen, staatliche Schulen und Gesundheitsversorgung geschaffen und durchgesetzt.<\/p>\n<h3>Die Ohnmacht des Dalai Lama und der Exil-Nationalismus<\/h3>\n<p>1958 war der 14. Dalai Lama auf Grund seines Alters (geb. 1935) und mangelnder politischer Erfahrung noch ein Spielball der politischen Akteure um ihn herum. Um seine politischen Einstellungen zu verstehen, ist es wichtig, seine langen Aufenthalte in Indien in jungen Jahren, den Aufenthalt im indischen Exil und die Kontakte zur dortigen Demokratiebewegung zu sehen. Wichtige politische &#8218;Lehrer&#8216; waren stark vom Denken Gandhis beeinflusst.<\/p>\n<p>Aber erst nach dem Scheitern der milit\u00e4rischen Option konnte sich der Dalai Lama mit dieser Politik durchsetzen und von seinem Umfeld emanzipieren.<\/p>\n<p>Die \u00c4u\u00dferungen und politischen Handlungen des Dalai Lama der letzten drei Jahrzehnte sind klar gewaltfrei und von demokratischen Idealen getragen. Dabei steht er aber vor kaum \u00fcberwindbaren Hindernissen.<\/p>\n<p>Er ist gleichzeitig Religionsf\u00fchrer, die zentrale Identifikationsfigur und das Aush\u00e4ngeschild der TibeterInnen im Exil. Zerrieben zwischen &#8222;realpolitischen Anforderungen&#8220;, eigenen Idealen, einer strukturell reaktion\u00e4ren M\u00f6nchsb\u00fcrokratie und der autorit\u00e4ren Fixierung weiter Teile der Exilgemeinde auf ihn als Erl\u00f6sungsgestalt, muss er bei jeder politischen \u00c4u\u00dferung viele R\u00fccksichtnahmen treffen. Letztendlich ist es ihm nicht gelungen, seine gewaltfreien Prinzipien wirklich an der Basis allgemein zu verankern. Nur seine Autorit\u00e4t sichert zur Zeit noch notd\u00fcrftig die Gewaltfreiheit der tibetischen Exilgruppen.<\/p>\n<p>Der Nationalismus bei der zweiten und dritten Exil-Generation in Indien erinnert in vielen Punkten an die Probleme von MigrantInnen in anderen L\u00e4ndern. Die Heimatvorstellungen werden ihnen zu einem Shangrila, zu einem verkl\u00e4rten Bild, das Erl\u00f6sung verspricht. Zwar sind sich die ExiltibeterInnen der Differenz zwischen ihrem Tibetbild und dem heutigen Tibet zum Teil bewusst, sie schieben sie aber den &#8218;Chinesen&#8216; in die Schuhe. Eine Vorstellung scheint vorzuherrschen, dass ohne China alles gut wird.<\/p>\n<p>Letztendlich sehen sich viele ExitibeterInnen als die BewahrerInnen der tibetischen Kultur. Dabei haben sich die Gesellschaften in der tibetisch autonomen Region (TAR) und im Exil auseinanderentwickelt. In der TAR und den angrenzenden Gebieten bestehen zudem regionsspezifisch unterschiedliche Kulturr\u00e4ume und eine starke Differenz zwischen Stadt und Land. Das Tibet, das sich viele im Exil imaginieren, existiert nicht.<\/p>\n<p>Dies f\u00fchrt im Exil nicht dazu zu begreifen, dass Nation und nationale Identit\u00e4t Mythen sind, dass nationale Identit\u00e4ten permanenten Prozessen ihrer Reproduktion, Ausdifferenzierung, Umschrift und Ver\u00e4nderung unterliegen. Die Erfahrung der Entfremdung f\u00fchrt zu einer Radikalisierung. Um Mitglied des Tibetan Youth Congress (TYC) zu werden, muss das Neumitglied die Bereitschaft erkl\u00e4ren, f\u00fcr Tibet zu sterben. In den Reihen des TYC werden Stimmen lauter, die die Wideraufnahme des bewaffneten Kampfes fordern, und dabei z.B. den Widerstand in Ost-Timor als Vorbild haben.<\/p>\n<p>Die Frage, ob f\u00fcr die nach wie vor \u00fcberwiegend als Nomaden oder in Subsistenzlandwirtschaft lebende Landbev\u00f6lkerung in der TAR die Frage der Nation \u00fcberhaupt eine Bedeutung hat, ist dabei offensichtlich f\u00fcr diese exiltibetischen &#8218;Eliten&#8216; irrelevant, sehen sie sich doch schon als die zuk\u00fcnftige &#8218;Elite&#8216; eines tibetischen Nationalstaates.<\/p>\n<p>Besonders bedenklich ist eine ideologische rassistische Formierung des tibetischen Buddhismus entlang ethnischer Linien, in der die HanchinesInnen in Tibet als eine Bedrohung der Reinheit der tibetisch-buddhistischen Kultur erscheinen und statt Religionsfreiheit die Vertreibung der HanchinesInnen, ein ethnisches &#8218;Cleansing&#8216; gefordert wird.<\/p>\n<p>Es wird \u00fcbersehen, dass eine lebendige Gesellschaft sich immer ver\u00e4ndert und neu definiert.<\/p>\n<h3>Die F\u00f6rderung des tibetischen Nationalismus durch China<\/h3>\n<p>Die Politik Chinas gegen\u00fcber der TAR unterliegt Schwankungen. Nach der Phase der Duldung der alten Strukturen bis 1958 folgte eine Phase der obrigkeitsstaatlichen Durchsetzung der Parteilinie bis in l\u00e4ndliche Regionen, mit der Folge eines Teilzusammenbruchs der landwirtschaftlichen Produktion und dadurch bedingten Hungersn\u00f6ten. Dies eskalierte weiter in der Phase der Kulturrevolution.<\/p>\n<p>Die Kulturrevolution in der TAR war aber keine Alleinveranstaltung der hanchinesischen Kader. Gro\u00dfe Teile der Bev\u00f6lkerung wurden von ihrer Dynamik erfasst. Antichinesische Ressentiments \u00fcberlagerten sich mit Vorgaben der Kulturrevolution, mit Rache an den ehemaligen adeligen Herrschaftsfamilien Tibets, mit Bereicherungen bei der Pl\u00fcnderung von Kl\u00f6stern, mit Widerstand gegen diese Zerst\u00f6rung usw. Ein Gro\u00dfteil der Zerst\u00f6rungen der Kulturrevolution in der TAR ging von TibeterInnen aus.<\/p>\n<p>Im Nachhinein wird von tibetischer Seite die eigene Beteiligung negiert, und dies ist Teil des antichinesischen Ressentiments.<\/p>\n<p>In den 1970er und 1980er Jahren folgte eine liberale Phase, die Kollektivierung wurde zur\u00fcckgenommen und die Kl\u00f6ster wurden wieder aufgebaut. TibeterInnen wurden gezielt in Positionen der Partei und der Verwaltung bef\u00f6rdert. Der Lebensstandard stieg auf ein noch nie in Tibet erreichtes Niveau.<\/p>\n<p>Die Lebenserwartung stieg von etwas \u00fcber 30 Jahren (im alten Tibet der Lamas) auf \u00fcber 60 Jahre. Tibetischsprachige Literatur, einschlie\u00dflich der \u00dcbersetzungen von Werken der Weltliteratur und einige Literaturzeitschriften f\u00fcr junge tibetische AutorInnen, wurde vom Staat gef\u00f6rdert (und gleichzeitig kontrolliert und zensiert).<\/p>\n<p>Dies f\u00fchrte zu einem Wiedererstarken der buddhistischen M\u00f6nche. Die chinesische Zentralregierung versuchte dem in den 1980er Jahren durch die \u00dcbernahme der Kontrolle \u00fcber die Finanzen der Kl\u00f6ster zu begegnen. Dies wiederum f\u00fchrte Ende der 80er Jahre zu einer erneuten gewaltsamen Eskalation, diesmal zwischen M\u00f6nchen und Staat. Die Liberalisierungsphase wurde beendet und die Repression erneut versch\u00e4rft.<\/p>\n<p>Eine nationale Bewegung im eigentlichen Sinn existierte bis zu diesem Zeitpunkt in der TAR aber nicht.<\/p>\n<p>Die 1990er Jahre bis heute sind gepr\u00e4gt durch eine \u00f6konomische Neoliberalisierung, ein im Vergleich zum gr\u00f6\u00dften Teil Chinas hohes Repressionsniveau (Folter, Mord, Verschleppungen, Diskriminierung politisch Oppositioneller), Investitionen der chinesischen Zentralregierung in den Aufbau der tibetischen Infrastruktur und den Ausbau der Verwaltung, bei gleichzeitiger F\u00f6rderung des Studiums von TibeterInnen in Hochschulen im chinesischen Tiefland.<\/p>\n<p>Die Neoliberalisierung und der Staatsr\u00fcckzug bedeutete f\u00fcr die Bev\u00f6lkerung die Zerschlagung des vorher kostenfreien medizinischen Versorgungssystems und die Einf\u00fchrung eines impliziten Schulgeldes (offiziell sind die Schulen kostenfrei, real wird aber ein Schulgeld f\u00fcr Uniformen, Essen usw. erhoben, das f\u00fcr viele kaum bezahlbar ist).<\/p>\n<p>In der Landbev\u00f6lkerung wendete man sich erneut der tibetischen Medizin der M\u00f6nche und den Klosterschulen zu. Die AnalphabetInnenrate ist in den letzten Jahren rapide gestiegen, vor allem bei M\u00e4dchen. Es fand eine Entstaatlichung statt, eine Aufl\u00f6sung nationalstaatlicher Institutionen. Gleichzeitig wuchs auf dem Land der materielle Wohlstand (ausgehend von einem niedrigen Niveau).<\/p>\n<p>F\u00fcr die st\u00e4dtische Bev\u00f6lkerung ergab sich ein anderes Bild, durch die Universit\u00e4tsausbildung und staatliche Stellen bildete sich eine tibetische b\u00fcrgerliche Mittelschicht heraus. Damit entstand ein Subjekt nationalstaatlicher Bewegungen.<\/p>\n<p>Dies wurde durch den nationalistischen Grundton an chinesischen Unis bef\u00f6rdert, deren Hanchauvinismus (HanchinesInnen machen ca. 90% der chinesischen Bev\u00f6lkerung aus) Studierende der Minderheiten in der Interaktion selbst in den Nationalismus treibt. In den letzten Jahren f\u00fchrte das neoliberale Dogma zur Beendigung der gezielten F\u00f6rderung tibetischer Besch\u00e4ftigter in der TAR, au\u00dferdem wuchs gleichzeitig der Hanchauvinismus.<\/p>\n<p>Die tibetischen Mittelschichten wurden aus den vom Staat kontrollierten Jobs verdr\u00e4ngt (die \u00fcber 90% aller in Frage kommenden Stellen ausmachen, da in Tibet das gesamte Wachstum staatsfinanziert ist). Der Anteil der TibeterInnen sank innerhalb weniger Jahre von ca. 60% auf ca. 45 % ab. Gleichzeitig kam es in den St\u00e4dten zu einem massiven Zuzug von HanchinesInnen. Es war diese st\u00e4dtische tibetische b\u00fcrgerliche Schicht, zum Teil auch in den an die TAR angrenzenden Gebieten, die die Proteste 2008 wesentlich trug, und die nun zum Teil auch nationalistische Parolen tr\u00e4gt. Diese Schicht entspricht nur einem kleinen Teil der Bev\u00f6lkerung.<\/p>\n<p>Der aufkommende Nationalismus an den R\u00e4ndern Chinas ist wesentlich ein Effekt der Abl\u00f6sung der sozialistischen Rhetorik durch nationalistische Rhetorik im Zentrum des Staates. Nationalstaatliche Identit\u00e4ten sind nicht nur Aushandlungsprozesse, sondern sie entstehen auch in der Interaktion zum Teil erzwungenerma\u00dfen. In den Bereichen der Gesellschaft, die zur St\u00e4rkung der Identit\u00e4t als das Andere ausgegrenzt werden, bilden sich selbst nationale Identit\u00e4ten heraus. Dabei f\u00fchrt die neoliberale Ideologie vom schlanken Staat zur strukturellen Entstaatlichung, deren Effekten der Staat mit nationalistischer Rhetorik und Repression begegnet, womit die Zerfallseffekte an den R\u00e4ndern weiter verst\u00e4rkt werden. Dazu kommen im Fall Tibets die Eingriffe in die buddhistische Religion.<\/p>\n<p>Zuletzt wurde auch das bisher gute Verh\u00e4ltnis zum Umfeld des Panchen Lama belastet durch die &#8218;<em>Verwaltungsma\u00dfnahmen f\u00fcr die Reinkarnation lebender Buddhas des tibetischen Buddhismus&#8216; <\/em>(in Kraft getreten am 1.9.2007), nach denen Reinkarnationen jetzt der Vorabgenehmigung durch den chinesischen Staat bed\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Diese Regelung entspricht zwar \u00e4lteren real praktizierten Regelungen des Kaiserreichs und der Republik China bzgl. Tibets, diese wurden aber in der Regel nicht konfrontativ, sondern in Absprache mit der tibetischen Geistlichkeit angewandt.<\/p>\n<h3>Ausblicke und DEUTSCHE Solidarit\u00e4t<\/h3>\n<p>Der R\u00fcckbau des Nationalstaates unter neoliberalen Vorzeichen ist nicht auf China beschr\u00e4nkt. In vielen Staaten f\u00fchrt diese Entwicklung zu \u00e4hnlichen Ph\u00e4nomenen.<\/p>\n<p>Um die Auswirkungen der Delegitimation des Staates auf Grund seines R\u00fcckzuges aufzufangen, wird die nationalistische Propaganda versch\u00e4rft.<\/p>\n<p>Dazu bedarf es immer der Anderen, der nicht dazu Geh\u00f6renden, die nun wiederum selbst in neue Identit\u00e4tspolitiken getrieben werden und die Spirale weitertreiben. So f\u00fchrt gerade die partielle Aufl\u00f6sung des Nationalstaates zu Tendenzen der Renationalisierung.<\/p>\n<p>Aber hierbei handelt es sich nicht mehr um den paternalistischen Nationalismus, den klassischen Vater Staat &#8211; &#8217;streng aber auch sorgend&#8216; -, sondern um einen Neonationalismus, der den &#8218;gl\u00fccklichen&#8216; alten Nationalstaat nur noch als ein unerreichbares Shangrila beschw\u00f6rt, an dessen Verwirklichung uns die b\u00f6sen Anderen hindern.<\/p>\n<p>Auch in Deutschland geht der R\u00fcckbau einher mit einer verst\u00e4rkten nationalistischen Propaganda. Und mit den ChinesInnen gibt es sogar ein gemeinsames Feindbild: die, die Shangrila zerst\u00f6ren.<\/p>\n<p>Die deutsche Solidarit\u00e4tsbewegung f\u00fcr Tibet gr\u00fcndet auch darin, dass sich dieses Land f\u00fcr eine unauff\u00e4llige Legitimation der Renationalisierung des Politischen bestens eignet, eine Renationalisierung, die dann auch als &#8218;guter Nationalismus&#8216; auf Deutschland \u00fcbertragbar ist. Nicht zuf\u00e4llig geh\u00f6ren zu dieser &#8218;Bewegung&#8216; auch die KAS (Konrad Adenauer Stiftung), Roland Koch und Angela Merkel.<\/p>\n<p>Es ist falsch, diese Entwicklung zu unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>Vielmehr muss es darum gehen, die Neonationalisierungen der Politik zu unterbinden &#8211; hier, in China, in Tibet und in Shangrila.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es gibt sie nicht qua Geburt oder Schicksal. ChinesInnen, Deutsche und TibeterInnen werden produziert. 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