{"id":928,"date":"1997-02-01T00:00:42","date_gmt":"1997-01-31T22:00:42","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=928"},"modified":"2022-07-26T14:26:35","modified_gmt":"2022-07-26T12:26:35","slug":"ein-hauch-von-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1997\/02\/ein-hauch-von-freiheit\/","title":{"rendered":"Ein Hauch von Freiheit"},"content":{"rendered":"<p>Am 27. Dezember 1996 fand die zweite Proze\u00dfsitzung wegen &#8222;Wiederholtem Ungehorsam&#8220; vor dem Eskisehir Milit\u00e4rgericht gegen mich statt. In dieser Sitzung sollten die Zeugenaussagen aus &#8222;meiner&#8220; Einheit ausgewertet und wahrscheinlich das Urteil verk\u00fcndet werden. Die Aussagen waren noch nicht angekommen. Stattdessen entschied der Milit\u00e4rrichter meine vor\u00fcbergehende Freilassung. Mi\u00dfmutiges Gefl\u00fcster erf\u00fcllte die Zuschauerreihen. Kein Wunder: Das Eskisehir Milit\u00e4rgef\u00e4ngnis war seit meiner Verhaftung meine siebte Unterkunft und nun sollte ich wieder nach Bilecik zur 9. Gendarmerie-Einheit geschickt werden um von dort nach sp\u00e4testens einer Woche wieder in Eskisehir zu landen. Niemand wollte mich in Zivil haben und so wurde ich hin und her geschoben.<\/p>\n<p>Die gro\u00dfe \u00dcberraschung kam ca. zwei Stunden sp\u00e4ter. Ich wurde dem Rekrutierungsb\u00fcro zur &#8222;Weitergabe&#8220; nach Bilecik \u00fcbergeben und binnen f\u00fcnfzehn Minuten stand ich auf der Stra\u00dfe. Man hatte entschieden ich solle den Weg in die Einheit selbst finden!<\/p>\n<p>Nachdem der erste Freudenschock \u00fcberwunden war haben wir (die angereisten AktivistInnen aus Izmir, Istanbul, Ankara und die ausl\u00e4ndische Delegation, bestehend aus Bart Horeman (Vereniging Dienstweigeraars, NL) und Albert Beale (Peace Pledge Union, UK)) diesen unerwarteten Schachzug des Milit\u00e4rs ausgewertet.<\/p>\n<p>Offensichtlich meint die Armee, da\u00df die vergangenen drei Monate mir den Spa\u00df verdorben haben und ich gewillt sein werde zu desertieren, d.h. unterzutauchen und somit jegliche \u00f6ffentliche politische Arbeit aufzugeben. Warum dieser eher riskante Schritt, wo die Armee mich doch ohne weiteres f\u00fcr mehrere Jahre im Gef\u00e4ngnis verschwinden lassen k\u00f6nnte? Ganz einfach: Es geht dem Milit\u00e4r weniger um die Einhaltung von rechtlichen Normen und meinen Gehorsam als vielmehr um die stete Solidarit\u00e4tsarbeit, die Tag f\u00fcr Tag den Wehrzwang thematisiert und somit &#8222;das Volk vom Milit\u00e4r distanziert&#8220;. Das hei\u00dft, da\u00df &#8211; genau wie wir erwarteten &#8211; ein inhaftierter Kriegsdienstverweigerer dem Generalstab ebensoviel Kopfschmerzen bereitet, wie ein &#8222;freier&#8220;, aktiver Kriegsdienstverweigerer.<\/p>\n<p>Dies l\u00e4\u00dft sich auch an dem strikten Medienembargo erkennen. Seit einer geheimen Sitzung des Generalstabs mit den InhaberInnen der gro\u00dfen Medienkonzerne im Februar 1994 ist die Berichterstattung zu Antimilitarismus und AntimilitaristInnen de facto untersagt. Nur drei Monate nach diesem Treffen erfuhren wir von dieser Ma\u00dfnahme durch ein Interview mit dem Redakteur der Turkish Daily News, Ilnur Cevik in der w\u00f6chentlichen Zeitschrift Nokta (Punkt). Zum Beispiel war der Proze\u00dfsaal des Milit\u00e4rgerichtes in Ankara am 19. November 1996, also zu meiner ersten Sitzung betreffend Art. 155 (Distanzierung des Volkes vom Milit\u00e4r, vgl. <a title=\"Gro\u00dfaufgebot des Milit\u00e4rs\" href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/1996\/12\/grosaufgebot-des-militars\/\">GWR 214<\/a>) mit Fernseh- und Fotokameras \u00fcberf\u00fcllt. Doch entgegen diesem erheblichen Medieninteresse wurde weder in den Fernsehnachrichten, noch in den Zeitungen mit gr\u00f6\u00dferer Auflage berichtet. Die Armee befa\u00dft sich also zum einen mit armeekritischen Aussagen selber, in dem sie die zivile Gerichtsbarkeit aushebelt und versucht zum anderen diese Prozesse von der \u00d6ffentlichkeit abzuschotten.<\/p>\n<p>Am 28. Januar findet meine n\u00e4chste Proze\u00dfsitzung vor dem Milit\u00e4rgericht in Ankara statt. Ich werde vor Gericht erscheinen um mich zu verteidigen (w\u00e4hrend ich in Eskisehir inhaftiert war wurde meine offizielle Anfrage auf pers\u00f6nliche Anwesenheit zwecks Verteidigung abgelehnt) und zu zeigen, da\u00df ich nicht vorhabe die Arena zu verlassen. Die logische Konsequenz m\u00fc\u00dfte meine wiederholte Verhaftung und \u00dcbergabe an die Einheit in Bilecik und somit ein &#8211; diesmal ununterbrochener &#8211; (z.Zt. unabsch\u00e4tzbarer) l\u00e4ngerer Aufenthalt im Gef\u00e4ngnis sein.<\/p>\n<p>Eine der wichtigsten Voraussetzungen um die Solidarit\u00e4tskomitees in der T\u00fcrkei zu stabilisieren und die \u00d6ffentlichkeitsarbeit generell wirkungsvoll fortf\u00fchren zu k\u00f6nnen ist die Aufdeckung und Neutralisierung des verh\u00e4ngten Medienembargbos.<\/p>\n<p>Insgesamt gesehen sind die Aussichten durchaus positiv. Die bisherige Arbeit hatte eine breitere Basis als anfangs erwartet und war effektiv. Besonders der taktische Fehler mich freizulassen hat uns weiteren Spielraum und Initiative geschaffen. La lucha continua!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 27. Dezember 1996 fand die zweite Proze\u00dfsitzung wegen &#8222;Wiederholtem Ungehorsam&#8220; vor dem Eskisehir Milit\u00e4rgericht gegen mich statt. In dieser Sitzung sollten die Zeugenaussagen aus &#8222;meiner&#8220; Einheit ausgewertet und wahrscheinlich das Urteil verk\u00fcndet werden. Die Aussagen waren noch nicht angekommen. Stattdessen entschied der Milit\u00e4rrichter meine vor\u00fcbergehende Freilassung. Mi\u00dfmutiges Gefl\u00fcster erf\u00fcllte die Zuschauerreihen. 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