{"id":9291,"date":"2009-04-01T00:00:50","date_gmt":"2009-03-31T22:00:50","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9291"},"modified":"2022-07-26T14:24:10","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:10","slug":"soziale-bewegungen-in-russland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/04\/soziale-bewegungen-in-russland\/","title":{"rendered":"Soziale Bewegungen in Russland"},"content":{"rendered":"<p><strong>Graswurzelrevolution (GWR): Vadim, du forschst zur Geschichte sozialer Bewegungen. Kannst du die Situation und die Entwicklung sozialer Bewegungen in Russland in den letzten Jahren beschreiben?<\/strong><\/p>\n<p><em>Vadim Damier:<\/em> Ja, ich habe sozusagen Gl\u00fcck, gleichzeitig zu sozialen Bewegungen zu forschen und an ihnen teil zu nehmen. Meine Einsch\u00e4tzungen in Bezug auf diese Bewegungen sind wahrscheinlich nicht ganz objektiv, sondern eher ein Blick vom Inneren dieser Bewegungen selbst.<\/p>\n<p>Die russischen sozialen Bewegungen sind relativ jung. Sie entstanden in der Perestrojka-Zeit, etwa Ende der 1980er Jahre. Zuerst als \u00f6kologische Bewegung, dann als Stadtviertel-Initiativen, dann als teilweise politische Initiativen, einige Gewerkschaftsinitiativen, viele andere kamen dazu. Die Entwicklung dieser Initiativen war nicht linear. Es gab Stufen, es gab Auf und Abs bei diesen Prozessen. Leider haben diese Bewegungen im Moment keinen Aufwind, sondern sind eher in der Verteidigung. Das hat Gr\u00fcnde. Von den Bewegungen, die damals existierten, sind wenige \u00fcbriggeblieben. Viele Initiativen sind seitdem neu entstanden. Heute sieht die Szene der politischen, sozialen Bewegungen in Russland ganz anders aus als noch vor einigen Jahren.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wie bist du in die sozialen Bewegungen gekommen? Was hat dich motiviert?<\/strong><\/p>\n<p><em>Vadim Damier:<\/em> Ich pers\u00f6nlich? Na ja, es war ein bisschen kompliziert, meine pers\u00f6nliche Geschichte war keine typische, weil ich gerade als Forscher begann &#8211; noch in der Sowjet-Zeit. Ich schrieb gerade die Dissertation, damals in den 1980er Jahren, \u00fcber die Geschichte der \u00f6kologischen Bewegung in der Bundesrepublik. Und als die sozialen und \u00f6kologischen Bewegungen nach Tschernobyl auch in der Sowjetunion entstanden, verstand ich gut, dass ich f\u00fcr sie n\u00fctzlich sein, die Erfahrungen weitergeben und die Leute informieren kann. Dann bin ich durch die \u00d6kologiebewegung, durch die Frage der sozialen Gerechtigkeit, \u00f6kologisch und menschlich, auch in die soziale Bewegung gekommen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Du bist aktiv in der anarchosyndikalistischen <em>F\u00f6deration der Arbeitenden in Erziehung, Wissenschaft und Technik<\/em>. Welche Ziele verfolgt eure Gruppe?<\/strong><\/p>\n<p><em>Vadim Damier:<\/em> Wir sind als anarchosyndikalistische Gewerkschaftsinitiative organisiert in der <em>KRAS<\/em>, der russischen Sektion der anarchosyndikalistischen Internationale (Internationale Arbeiter Assoziation).<\/p>\n<p>Die branchenspezifische Gewerkschaftsinitiative entstand 2008. Bis dahin hatten wir eine gemeinsame, interprofessionelle, interberufliche Organisation in Moskau, aber im vorigen Jahr wurde uns klar, dass wir gen\u00fcgend Leute haben, gerade in dieser konkreten Branche, diesem konkreten Industriemilieu. Und so wollten wir uns speziell organisieren, um eine branchenspezifische Arbeit zu machen.<\/p>\n<p>Es gibt die generellen, prinzipiellen Ziele: Wir wollen eine m\u00e4chtige, eine richtige russische anarchosyndikalistische Gewerkschaft, eine Gewerkschaftsbewegung organisieren. Leider sind wir noch weit von diesem Ziel entfernt. Jetzt wehen in Russland ganz andere Winde.<\/p>\n<p>Trotzdem ist uns klar, dass wir Arbeiten in diese Richtung schon jetzt beginnen wollen. Sonst riskieren wir, nie dieses prinzipielle Ziel zu erreichen. Das hei\u00dft, wir machen vor allem Agitations- und Informationsarbeit. Wir machen Monitoring der Arbeitskonflikte, versuchen uns in diese Konflikte einzumischen und Leuten zu helfen, indem wir mitgehen. Auch zur Information, wenn wir zum Beispiel helfen, Streikbulletins und \u00e4hnliches zu organisieren. Wir haben schon seit Jahren Erfahrungen damit gesammelt. Es gab noch nicht diese branchenspezifische Organisation, aber KRAS, unsere Organisation, existierte schon damals.<\/p>\n<p>Wir machen die Zeitung, die die Gedanken und die praktische Erfahrung des Anarchosyndikalismus proklamiert. Nicht nur im Bezug auf Russland, sondern weltweit. Weil es auch weltweit heftige K\u00e4mpfe gibt, Arbeitsk\u00e4mpfe, die von Anarchosyndikalisten gef\u00fchrt werden. Wir versuchen den Arbeitenden bei uns klar zu machen, dass sie auch anders f\u00fcr ihre Rechte k\u00e4mpfen k\u00f6nnen. Nicht nur durch die Gewerkschaften, sondern selbstverwaltet auf Basis der direkten Demokratie, der Vollversammlungen, der Initiative von unten, der direkten Aktion.<\/p>\n<p><strong>GWR: F\u00fcr viele Menschen bedeutet Anarchie immer noch &#8222;Chaos und Terror&#8220;. Sie wissen nicht, was sich hinter diesem wunderbaren Begriff tats\u00e4chlich verbirgt. Was bedeutet Anarchie f\u00fcr dich?<\/strong><\/p>\n<p><em>Vadim Damier:<\/em> Der Begriff war auch in der Sowjetzeit stark diskreditiert. Die Bolschewiken malten dieses schreckliche Bild eines besoffenen Matrosen mit Pistole oder eines Banditen.<\/p>\n<p>In der Realit\u00e4t sah es ganz anders aus. In der Zeit des B\u00fcrgerkriegs in Russland war die russische anarchistische Bewegung nat\u00fcrlich \u00fcberhaupt nicht so chaotisch und banditenorientiert, wie es die sowjetische Staatsmacht interpretierte. F\u00fcr mich ist Anarchie kein Chaos und auch kein Terror, sondern eine generelle Selbstverwaltung in allen Bez\u00fcgen, in allen Branchen, in allen Arten des gesellschaftlichen Lebens. Das hei\u00dft im tagt\u00e4glichen Leben, in der Arbeit, dort wo man wohnt, wo man studiert, \u00fcberall dort, wo man gesellschaftliche Entscheidungen trifft. Weil die Anarchie eigentlich die Beschlussnahme der Leute von unten ist, welche an diesen Beschl\u00fcssen selbst interessiert sind. Das ist das Konzept der generellen Selbstverwaltung, das ist Anarchie. An-Archie: Fehlen der Macht von oben, Fehlen der Macht, die von der Gesellschaft getrennt ist. So verstehe ich das.<\/p>\n<p><strong>GWR: Russland ist ja gewisserma\u00dfen das Geburtsland des kollektivistischen Anarchismus. Michail Bakunin, Pjotr Kropotkin, Lew Tolstoj und Emma Goldman kamen aus Russland. Und ohne diese gro\u00dfartigen Figuren des Anarchismus w\u00fcrde es vielleicht heute gar keine libert\u00e4re Bewegung geben. Andererseits wurde in Russland der Anarchismus, wie du ja auch schon beschrieben hast, massiv unterdr\u00fcckt. Die Bolschewiki haben die Anarchistinnen und Anarchisten nicht erst unter Stalin, sondern schon einige Monate nach der Oktoberrevolution 1917, ab 1918 verfolgt. Lenin schm\u00e4hte 1920 in seinem Buch &#8222;Der &#8218;Linke Radikalismus&#8216;, die Kinderkrankheit<em> <\/em>im Kommunismus&#8220;<\/strong> <strong>die Anarchisten als &#8222;kleinb\u00fcrgerliche Pseudorevolution\u00e4re&#8220;. Der von ihm verehrte Kropotkin war allerdings in gewisser Weise unangreifbar. Nach Kropotkin ist seit den 1920er Jahren sogar ein zentraler Platz in Moskau benannt. Als dieser einflussreiche Anarchist und Wissenschaftler 1921 gestorben war, lehnte seine Familie das von Lenin angebotene Staatsbegr\u00e4bnis ab und lie\u00df das Begr\u00e4bnis stattdessen von anarchistischen Gruppen organisieren, welche die Freilassung der inhaftierten Anarchistinnen und Anarchisten f\u00fcr diesen Tag allerdings nicht durchsetzen konnten. Kropotkins letzter Wunsch war ja, dass alle Anarchistinnen und Anarchisten frei gelassen werden. Sein Leichnam wurde nach Moskau gebracht, wo 100.000 Menschen dem Sarg folgten. Das war sozusagen die letzte anarchistische Massendemonstration in Russlands Metropole. Kannst du beschreiben, wie in den 1980er Jahren die neue anarchistische Bewegung im Zusammenhang mit der Perestrojka entstanden ist?<\/strong><\/p>\n<p><em>Vadim Damier:<\/em> Die ist ganz neu. Im Prinzip ist es so, dass diese Einheit der Generationen, diese \u00dcbergabe der Erfahrungen durch die Generationen unterbrochen war. Obwohl nach der Beerdigung von Kropotkin die anarchistische Bewegung in Russland nicht endete.<\/p>\n<p>Es gab auch sp\u00e4ter Untergrundorganisationen der Anarchisten. Bis in die sp\u00e4ten drei\u00dfiger Jahre versuchten Anarchisten immer wieder Untergrundaktivit\u00e4ten zu organisieren. Vor kurzem sind in Russland einige Dokumente aufgetaucht, Berichte der sowjetischen Geheimpolizei an die Parteileitung \u00fcber die Lage in der Sowjetunion. Und immer wieder konnte man im Laufe der 1920er und 1930er Jahre in diesen Materialien auf die Spuren der Anarchisten kommen.<\/p>\n<p>Man erw\u00e4hnte verschiedene anarchistische Untergrundorganisationen, welche versuchten, in den Gewerkschaften zu arbeiten, welche versuchten, die Arbeitslosen in der Zeit der neuen \u00f6konomischen Politik zu organisieren, Versuche, dann auch sp\u00e4ter gegen die Stalin-Diktatur zu k\u00e4mpfen, bis tief hinein in die Stalin-Lager.<\/p>\n<p>Auch unter den H\u00e4ftlingen gab es Tendenzen oder Gruppen solcher Art. Aber das alles endete allm\u00e4hlich, weil die \u00e4lteren Aktivisten starben.<\/p>\n<p>Die neueren Aktivisten arbeiteten nicht in der Zeit der stalinistischen, der bolschewistischen Diktatur. Die Bewegung entstand in der zweiten H\u00e4lfte der 1980er Jahre neu.<\/p>\n<p>In der Situation des Fehlens dieser Erfahrungen begann das alles merkw\u00fcrdig, weil es meistens keine wirklichen Kenntnisse \u00fcber die alten Erfahrungen und anarchistischen Traditionen gab. Sogar die \u00e4lteren Klassiker des Anarchismus wurden nur von wenigen Leuten in der Bewegung gelesen. Es gab auch Versuche, diesen Anarchismus zu interpretieren.<\/p>\n<p>Als diese erste Perestrojka-Welle vorbei war, sind von der Bewegung kleine, anarchistische Gruppen geblieben, die schon ein bisschen mehr orientiert waren und mehr Verst\u00e4ndnis von den anarchistischen Konzeptionen hatten.<\/p>\n<p>Seitdem ist die anarchistische Bewegung in diesem Zustand. Es gibt mehrere Gruppen in Moskau, St. Petersburg, Nishnij Nowgorod und anderen St\u00e4dten an der Wolga, im S\u00fcden Russlands, in Sibirien, &#8230; Die sind aber verstreut und sich nicht einig. Es gibt diverse Organisationen und Tendenzen innerhalb der Bewegung. Und es gibt ein libert\u00e4res Milieu in Moskau. Man z\u00e4hlt in diesem Milieu wahrscheinlich 300 Leute, aber die Mehrheit sind Jugendliche. Die kommen aus einer neuen Generation, das ist nicht die Perestrojka-Generation, nicht die Generation von Leuten aus den 1990er Jahren. Die Mehrheit ist nicht organisiert. Sie nehmen aber manchmal an verschiedenen Aktivit\u00e4ten, Protesten, Kundgebungen oder Kulturveranstaltungen teil. Ansonsten gibt es auch Gruppen und Organisationen wie zum Beispiel unsere.<\/p>\n<p><strong>GWR: Du hast es gerade schon erw\u00e4hnt, dass ihr auch eine Zeitschrift habt. Wie hoch ist die Auflage? Gibt es noch andere Zeitungen aus der libert\u00e4ren Bewegung in Russland?<\/strong><\/p>\n<p><em>Vadim Damier:<\/em> Ja, die Tradition der libert\u00e4ren Zeitungen entstand bei uns wieder neu in der Zeit von Perestrojka. Sie begannen zuerst als illegale. Jetzt sind sie nicht illegal, in dem Sinne, dass sie nicht verboten sind. Sie sind aber auch nicht erlaubt. Im russischen Pressegesetz steht, dass die Zeitungen, die Auflagen unter eintausend haben, nicht offiziell registriert oder erlaubt sein sollen. Das nannte man fr\u00fcher Samisdat, das, was man selbst druckte, selbst machte. Die meisten anarchistischen Zeitungen in Russland sind eben solche, selbstgemacht, also irgendwie nicht legal, nicht illegal.<\/p>\n<p>Was gibt es? Unsere Zeitung hei\u00dft <em>Prjamoje Dejstvije<\/em>, das hei\u00dft <em>Direkte Aktion<\/em>, wenn ich das ins Deutsche \u00fcbersetze, ein nicht ganz ungew\u00f6hnlicher Name f\u00fcr eine anarchosyndikalistische Zeitung [lacht]. Gut, also die erscheint seit 1994. Die Auflage war in dieser Zeit verschieden, normalerweise machen wir im Durchschnitt etwa eintausend. Wir versuchen, diese Zeitung viermal pro Jahr zu machen, manchmal erscheinen aber nur zwei oder drei pro Jahr.<\/p>\n<p>Seit Ende letzten Jahres geben wir auch eine theoretische Zeitung heraus, die <em>Libertarnaja Mysl<\/em> (&#8222;Libert\u00e4re Gedanken&#8220;).<\/p>\n<p>Es gibt noch andere anarchistische Zeitungen. Die \u00fcberregionale libert\u00e4re Organisation <em>Autonome Aktion<\/em> macht die Zeitschrift <em>Autonom<\/em> und die Zeitung <em>Situazija<\/em> (&#8222;Situation&#8220;). Die versuchen, die Auflage gr\u00f6\u00dfer zu machen, bis einige tausend, aber das geht relativ selten und kostet viel Geld.<\/p>\n<p>Dann gibt es die Zeitungen verschiedener lokaler anarchistischer Gruppen, mit unterschiedlichen Tendenzen. Es sind nicht mehr so viele, wie Ende der 1980er, Anfang der 1990er. Damals gab es in fast jeder Stadt, wo es Gruppen gab, entweder eine Zeitung oder ein Bulletin oder sogar eine Revue. Jetzt sieht die Situation anders aus. Viele \u00e4ltere Zeitungen gibt es nicht mehr. Einige neue sind entstanden. Die libert\u00e4re Presse ist im Moment reduziert, aber es gibt eine Best\u00e4ndigkeit.<\/p>\n<p><strong>GWR: Eure Gruppe hat auch einen antimilitaristischen Schwerpunkt, ihr habt euch zum Beispiel im August 2008 gegen den Kaukasus-Krieg engagiert. Wir haben im September 2008 in der <em>Graswurzelrevolution<\/em> Nr. 331 eine Erkl\u00e4rung von euch abgedruckt. Wie ist eure Position zum Kaukasus-Krieg?<\/strong><\/p>\n<p><em>Vadim Damier:<\/em> Antimilitarismus ist f\u00fcr uns ganz wichtig, obwohl wir uns nicht als eine spezifische Friedensgruppe verstehen. Trotzdem machen wir diese Dinge auch. Das begann nicht mit diesem Kaukasus-Krieg, sondern wir waren auch noch im Kampf gegen die beiden Tschetschenien-Kriege aktiv. Schon damals haben wir \u00e4hnliche Erkl\u00e4rungen ver\u00f6ffentlicht. Unsere Position sieht so aus: Wir suchen nach keinem staatlichen Teilnehmer dieses Konflikts, der mehr oder weniger schuld ist. F\u00fcr uns ist es ganz klar: Wenn wir alle diese staatlichen, imperialen, nationalistischen, patriotischen und andere Dinge noch in der Wirklichkeit zur Seite bringen und die realen Hintergr\u00fcnde dieser Konflikte sehen, dann k\u00f6nnen wir verstehen, dass dahinter vor allem die machtpolitischen, aggressiven Interessen des Staates oder des M\u00f6chtegern-Staates stehen. Und somit kann man nicht irgendwelche Gerechten in diesen Kriegen finden. Man kann nur sagen, wer wirklich leidet: die einfache Bev\u00f6lkerung. Man kann die aggressiven Interessen der teilnehmenden Staaten und der nationalistischen Bewegungen zeigen, entlarven und scharf kritisieren. Und man kann auch die Bev\u00f6lkerung zum Sabotieren dieses Krieges, zum Widerstand gegen diesen Krieg aufrufen. Und zwar in bekannter, anarchosyndikalistischer und antimilitaristischer Tradition, die alt, aber nicht von gestern ist.<\/p>\n<p><strong>GWR: Habt ihr Kontakte zu Deserteuren und Kriegsdienstverweigerern?<\/strong><\/p>\n<p><em>Vadim Damier:<\/em> Leider nicht. Es ist nicht leicht. Das Problem ist, dass Desertion in Russland mehrheitlich nicht organisiert ist. Dabei sind es gar nicht so wenige: Vor einigen Jahren gab es etwa 40.000 Deserteure &#8211; Kriegsdienstverweigerer eigentlich &#8211; im Moment, nach der Versch\u00e4rfung der Polizei-Suchma\u00dfnahmen, sind es nur noch 12.000 bis 13.000. Aber das sind die offiziellen Angaben, die sind nicht unbedingt richtig.<\/p>\n<p>Die meisten Deserteure machen das individuell, die sind nicht organisiert. Das hei\u00dft, wenn jemand von uns, von unseren Bekannten oder von unseren Freunden so etwas macht oder machen will, leisten wir Hilfe. Leider gibt es keine Organisation der Deserteure, mit der man zusammen arbeiten k\u00f6nnte. Wir versuchen, f\u00fcr dieses Thema \u00d6ffentlichkeit herzustellen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Was droht Verweigerern, wenn sie versuchen, \u00d6ffentlichkeit herzustellen?<\/strong><\/p>\n<p><em>Vadim Damier:<\/em> Unangenehme Dinge. Es gibt eine ganze Stufe der Bestrafungen. Die Geldstrafe bis f\u00fcnf Monatsl\u00f6hne oder auch Gef\u00e4ngnis bis zu zwei Jahren, normalerweise. Es ist aber zum Gl\u00fcck noch so, dass nur wenige Deserteure bzw. Kriegsdienstverweigerer wirklich bestraft werden. Russland ist wohl zu gro\u00df und die Polizeisuchma\u00dfnahmen wahrscheinlich zu teuer f\u00fcr den Staat. Ich wei\u00df nicht, was genau dahinter steht, aber es gab eine Statistik, dass nur 1,6 bis 1,8 % der Deserteure und Kriegsdienstverweigerer wirklich bestraft wurden.<\/p>\n<p><strong>GWR: Es gab Presseberichte \u00fcber massive Folterungen und Misshandlungen gegen\u00fcber Rekruten und Wehrpflichtigen in Russland. Kannst du dazu etwas sagen?<\/strong><\/p>\n<p><em>Vadim Damier:<\/em> Diese Nachrichten gibt es immer wieder. Die Praktiken sind systemimmanent. Es ist eine systematische, &#8222;normale&#8220;, tagt\u00e4gliche Praxis in der russischen Armee. Nat\u00fcrlich versucht die Armeeleitung, diese Informationen zu verheimlichen.<\/p>\n<p>Aber manchmal, dank einiger Menschenrechtsschutzorganisationen, werden Informationen \u00fcber F\u00e4lle \u00f6ffentlich.<\/p>\n<p>So wurde vor einigen Jahren ein Fall eines russischen Soldaten namens Sytschow bekannt, dank der Information seitens des Komitees der Soldatenm\u00fctter. Mit ihm waren schreckliche Dinge passiert. Er und sieben andere Soldaten wurden von den anderen Soldaten und Kommandeuren niedergeschlagen, gefoltert und vergewaltigt, sodass er schwere Verletzungen am ganzen K\u00f6rper, vom Kopf bis zu den Beinen erlitt. Ihm mussten unter anderem beide Beine und Genitalien amputiert werden. Jetzt ist er schwer behindert und krank.<\/p>\n<p>Das ist nur einer der wenigen F\u00e4lle, \u00fcber den wir etwas erfahren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Dann bleibt die Frage, wie viele F\u00e4lle gibt es, von denen wir nichts geh\u00f6rt haben. Es kann nur spekuliert werden.<\/p>\n<p>Die Situation sieht schrecklich aus. Es gibt ein besonderes System, in dem die Altgedienten die Neueinberufenen foltern und qu\u00e4len. Und zwar mit Tolerierung durch die Kommandeure. In der Realit\u00e4t ist es f\u00fcr die Kommandeure eine zus\u00e4tzliche M\u00f6glichkeit, die Soldatenmasse zu disziplinieren. Es ist also eine abgestufte, organisierte Gewalt als System.<\/p>\n<p><strong>GWR: Diese Gewalt geh\u00f6rt zum Militarismus. Hier im M\u00fcnsterland, in Coesfeld, da ist ein Fall bekannt geworden, wo Rekruten misshandelt wurden, und da l\u00e4uft jetzt ein Prozess. Das ist nicht unbedingt vergleichbar mit Russland, aber der Militarismus drillt die Menschen, damit sie andere Menschen umbringen k\u00f6nnen. Nicht umsonst muss das T\u00f6ten den Soldatinnen und Soldaten erst beigebracht werden. Der Mensch hat eine nat\u00fcrliche T\u00f6tungshemmung. Von daher sind alle Milit\u00e4rapparate dazu da, Menschen zum T\u00f6ten zu dressieren.<\/strong><\/p>\n<p><em>Vadim Damier:<\/em> Jede Armee ist Armee. Damit ist alles gesagt.<\/p>\n<p><strong>GWR: Ihr habt euch auch mit Tschetschenien besch\u00e4ftigt. Wie ist die Situation dort? Kannst du einen \u00dcberblick geben, die Situation im Kaukasus beschreiben?<\/strong><\/p>\n<p><em>Vadim Damier:<\/em> Kaukasien, also der Kaukasus, ist getrennt zwischen Russland und mehreren kaukasischen Staaten, zum Beispiel Georgien. Es gibt noch innere, territoriale und nationale Gebilde, die eine gewisse Autonomie haben. Die ganze Situation sieht instabil aus, in dem Sinne, dass einige dieser Gebilde nach einer Unabh\u00e4ngigkeit von den jeweiligen Staaten streben, was von den Regierungen der jeweiligen Staaten nicht gew\u00fcnscht ist. So gibt es zum Beispiel in Tschetschenien, gerade nach dem Fall der Sowjetunion, den Wunsch, von Russland unabh\u00e4ngig zu sein. Ich meine nicht die einfachen Leute. Die einfachen Leute sind in nationalstaatlichen, nationalistischen Konflikten eben gerade die leidende Seite.<\/p>\n<p>Aber es gibt herrschende Eliten auf beiden Seiten, die gewisse Interessen zur sogenannten territorialen Integrit\u00e4t und ihre Machtbefugnisse haben. Die m\u00f6chten ihre Macht verwirklichen und das erzwingen, wenn man diese Macht nicht will. Die russische Regierung m\u00f6chte Herr im Haus sein, auch im Nordkaukasus und im Transkaukasus, in Transkaukasien, weil da die ehemaligen Republiken der Sowjetunion sind, welche die russische Regierung als ihre Einflusszone versteht. Andererseits m\u00f6chte die neue herrschende Elite in Tschetschenien von Russland unabh\u00e4ngig sein, um auch Herr im Hause zu sein, aber im niedrigeren Ma\u00dfstab ihrer eigenen Republik. Die m\u00f6chte ihren eigenen Staat.<\/p>\n<p>So entstand dieser Konflikt Anfang der 1990er Jahre und seit dem gibt es fast ununterbrochen Kriege. Zuerst der erste Tschetschenien-Krieg, dann der zweite. Im Moment geraten die Informationen \u00fcber die Kampfhandlungen in Tschetschenien nicht so stark an die Oberfl\u00e4che und in die Medien. Dort gibt es nur wenig dar\u00fcber. Es scheint manchmal so, als ob alles schon in Ruhe und Ordnung ist. Aber nein: Es gibt ab und zu neue Informationen, neue Berichte, dass dort in der Wirklichkeit sozusagen ein Partisanenkrieg weiter geht.<\/p>\n<p>Der russischen Regierung gelang es, f\u00fcr eine Zeit diesen Krieg nicht wirklich zu beenden, sondern weniger intensiv zu machen. Warum?<\/p>\n<p>Die haben ein schlaues Ding gedreht, praktisch ein System der Kollaborateure. Die russische Regierung kaufte einen Teil der ehemaligen F\u00fchrer des Partisanenkriegs des unabh\u00e4ngigen Tschetscheniens und \u00fcbergab ihnen die Posten innerhalb der autonomen tschetschenischen Republik innerhalb von Russland. Unter der Bedingung, dass sie dann selbst die K\u00e4mpfe mit dem Untergrund organisieren werden. Das machten die auch. So zum Beispiel der Vater des heutigen Pr\u00e4sidenten des autonomen Tschetscheniens, Kadyrow, der war Hauptmufti in der Zeit der tschetschenischen Unabh\u00e4ngigkeit. Er wurde durch Untergrundk\u00e4mpfer get\u00f6tet, weil er den russischen Vorschlag \u00fcbernahm, Pr\u00e4sident des autonomen Tschetscheniens zu werden. Seitdem regiert sein Sohn, der seine Politik weiter macht. Aber gerade vor einigen Wochen las ich die Information in einer russischen Zeitung, dass die Zahl der Jugendlichen, die in den Untergrund in Tschetschenien gingen, um diesen Partisanenkrieg weiter zu f\u00fchren, in den letzten Jahren st\u00e4ndig gewachsen ist. Warum?<\/p>\n<p>Weil die soziale Situation in Tschetschenien katastrophal ist. In diesem Desaster haben die Jugendlichen kaum eine Wahl. Sie haben keine Arbeit, keine Studienm\u00f6glichkeiten, keine Chancen. Somit erscheint ihnen manchmal der Untergrund als &#8222;Alternative&#8220;.<\/p>\n<p>Die Sache beschr\u00e4nkt sich nicht auf Tschetschenien. Der gesamte Nordkaukasus brennt oder riskiert zu brennen. In der Nachbarrepublik Inguschetien gibt es schon seit Monaten praktisch einen B\u00fcrgerkrieg, obwohl nicht klar ist, wer eigentlich mit wem k\u00e4mpft. Weil das ein ganz kleines Land und ein ganz kleines Volk ist, wo eigentlich alle miteinander verwandt sind.<\/p>\n<p>Trotzdem gibt es immer wieder heftige K\u00e4mpfe, Machtk\u00e4mpfe. Die Zentralregierung sollte schon einen Pr\u00e4sidenten dieser Republik abberufen und durch einen anderen ersetzen, aber die Kampfhandlungen dieses B\u00fcrgerkriegs gehen weiter. Es gibt immer wieder neue Angriffe auf Polizei, auf Milit\u00e4rs, auf die Russen zum Beispiel auch. Es hat wahrscheinlich auch einen nationalistischen Hintergrund. Na ja, schwer zu sagen.<\/p>\n<p>Manchmal sind diese Konflikte \u00fcberhaupt nicht durchsichtig. Dann gibt es zwischen Inguschetien und Nordossetien schon seit langem einen territorialen Konflikt. Heute noch nicht als milit\u00e4rischen Konflikt, aber in den 1990er Jahren gab es auch milit\u00e4rische Kampfhandlungen zwischen diesen beiden autonomen Republiken innerhalb der Russl\u00e4ndischen F\u00f6deration. Er wurde einfach durch Gewalt durch die Zentralmacht unterdr\u00fcckt, aber der Konflikt ist seitdem nicht gel\u00f6st. Einige andere autonome Republiken in Nordkaukasien befinden sich auch in einer Krisensituation. Dort entsteht immer wieder etwas, Proteste oder Skandale um Korruption, oder Versuche der verschiedenen Machtgruppen, einander zu st\u00fcrzen, &#8230;<\/p>\n<p>Es gibt unterschiedliche Analysen von Experten. Aber ich h\u00f6rte auch solche Urteile, dass Russland den Nordkaukasus tendenziell schon verloren hat. Man versucht das noch zu halten, aber es gibt keine M\u00f6glichkeit, das real zu kontrollieren.<\/p>\n<p><strong>GWR: Die Frage ist: Wie kommen Information \u00fcber den Kaukasus an die \u00d6ffentlichkeit? Es gab politische Morde und massive Einsch\u00fcchterungen gegen Menschenrechtsaktivistinnen und Menschenrechtsaktivisten. Ist eure Zeitung auch von Repressionen bedroht? Kannst du dazu etwas sagen?<\/strong><\/p>\n<p><em>Vadim Damier:<\/em> Ja, klar. An Informationen \u00fcber Tschetschenien zu kommen, ist schwer. Ab und zu gibt es gewisse Informationen in den kritischen, die es noch gibt. Die sind nicht total staats- oder systemkritisch, aber die erlauben sich manchmal Kritik. Dann gibt es unabh\u00e4ngige Medien (das sind keine Massenmedien), in denen man manchmal auch etwas dar\u00fcber berichtet. Und es gibt die tschetschenischen Medien. Wer Interesse hat, kann auf tschetschenischen Webseiten Informationen finden.<\/p>\n<p>Das habe ich schon in der Sowjetzeit erlebt: Wenn man damals kritische Informationen \u00fcber den Westen bekommen wollte, so h\u00f6rte man sowjetischen Rundfunk. Wenn man kritische Informationen \u00fcber die Sowjetunion bekommen wollte, so h\u00f6rte man westliche Rundfunksendungen. Also (lacht), diesmal ist es gewisserma\u00dfen \u00e4hnlich. Nat\u00fcrlich kann man das nicht ganz vergleichen, aber es ist klar: Die tschetschenischen Quellen berichten dar\u00fcber.<\/p>\n<p>Jetzt deine Frage \u00fcber die Repressionen: Im Generellen ist die jetzige russische Regierung streng autorit\u00e4r &#8211; nicht totalit\u00e4r, nicht faschistisch, wie einige Leute schon sagen, aus der verst\u00e4ndlichen Emp\u00f6rung, die ich im Prinzip teilen kann. Aber trotzdem: Ich bin ein Wissenschaftler und ich soll analytischer, vorsichtiger sein. Es ist noch kein Faschismus, aber ein starkes, autorit\u00e4res Regime. Oligarchisch, nach den Cliquen organisiert und so regiert.<\/p>\n<p>Aus dieser Sicht ist es manchmal nicht ganz verst\u00e4ndlich, warum dieses Regime Repressionen gegen Aktionen oder die Kr\u00e4fte organisiert, die keine wirkliche politische Gefahr f\u00fcr dieses Regime darstellen, weil sie zu klein sind. Es gibt zum Beispiel die Demonstrationen der au\u00dferparlamentarischen Opposition, ganz klein, vor allem Liberale. Sie versammeln nicht mehr als einige hundert Leute in einer so gro\u00dfen Stadt wie Moskau. Trotzdem kommt jedes Mal, wenn man versucht, solche Dinge zu organisieren, die Polizei, in gro\u00dfer Zahl. Die verdr\u00e4ngt diese Menge, obwohl sie keine Gefahr darstellt.<\/p>\n<p>So macht man das oft. Um zum Beispiel eine Stra\u00dfenkundgebung zu organisieren, soll man nicht einfach nur die Beh\u00f6rden informieren, man soll um eine Erlaubnis bitten. Dann k\u00f6nnen die Beh\u00f6rden sagen: &#8222;Nein, hier im Zentrum, das k\u00f6nnen wir nicht erlauben, geht bitte irgendwo an den Stadtrand, wo sowieso niemand ist, wo niemand kommt, was schon von vornherein klar ist. Dort k\u00f6nnt ihr was machen, sonst nicht. Und manchmal auch sowieso nicht.&#8220;<\/p>\n<p>Es gab sogar F\u00e4lle, dass auch legalisierte, legale Aktionen von den Polizisten vertrieben wurden, nur weil der Polizei diese Parole oder jenes Transparent nicht gefiel.<\/p>\n<p>Dann gibt es Repressionen nicht nur gegen die Politiker, sondern zum Beispiel auch gegen\u00fcber Jugendlichen. Im letzten Jahr gab es eine riesige Kampagne der Polizei gegen die sogenannten &#8222;Subkulturellen Jugendgruppen&#8220;. Das war grob, scharf, willk\u00fcrlich. Die Polizei stoppte einfach im Verkehr oder an der Stra\u00dfe Gruppen von Jugendlichen, die irgendwie anders aussahen. Man versuchte, sie fest zu nehmen, und die Polizisten begannen, sie nieder zu pr\u00fcgeln und mit Elektroschockern zu misshandeln.<\/p>\n<p>Es gab 2008 relativ gro\u00dfe Proteste und gute Aktionen dagegen, an denen auch die Anarchisten teilnahmen.<\/p>\n<p>Man konnte damals bis zu 400, vor allem jugendliche Leute organisieren, was f\u00fcr Moskau gut ist.<\/p>\n<p>Es gab einen Skandal und seitdem sollten wahrscheinlich die Polizisten vorsichtiger sein.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem gibt es politische Repression. Ab und zu versucht man, den Druck von Zeitungen zu stoppen, indem man das nicht wirklich offiziell verbietet, sondern eher subtil. Zum Beispiel: Da gehen die Leute, die etwas drucken wollen, in eine Druckerei und versuchen, das kommerziell zu machen.<\/p>\n<p>Dann bekommen die Eigent\u00fcmer der Druckerei einen Anruf von der Polizei oder von den Geheimdiensten. Man sagt: &#8222;Nein, Sie sollen das nicht machen. Sie d\u00fcrfen das nicht machen.&#8220;<\/p>\n<p>Dann gibt es eine Absage. Die Zeitungsmacher m\u00fcssen dann lange suchen, bis sie eine Druckerei finden, die bereit ist, ihre Zeitung zu drucken. Wenn es in den kleineren St\u00e4dten ist, wo nur eine Druckerei existiert oder nur zwei Druckereien, dann ist es noch komplizierter. Und teilweise gef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>Dann gibt es auch das Spionieren gegen politische Aktivisten. Ein Mensch aus der unabh\u00e4ngigen syndikalistischen Gewerkschaftsinitiative aus Sibirien erz\u00e4hlte mir zum Beispiel eine Geschichte: Er fuhr aus der Provinz zum russischen Sozialforum in Moskau. Auf dem Bahnhof in Moskau wurde er pl\u00f6tzlich von der Polizei fest gehalten. Er fragte warum.<\/p>\n<p>Er hat nichts getan. Nur aus dem Zug auf den Bahnsteig gestiegen und gleich fest gehalten. Warum? Man begleitete ihn zur Polizeistation und dort hat man ihm gesagt: &#8222;Wir bekamen eine Nachricht von Kollegen aus der Stadt, aus der Sie gekommen sind, dass ein gef\u00e4hrlicher Extremist mit diesem Zug f\u00e4hrt. Wir haben diese Information. Wir sollen diese Information pr\u00fcfen.&#8220;<\/p>\n<p>Der Mensch sollte zwei oder drei Stunden in der Polizeistation verbringen. Man hat ihm nichts getan, aber es ist trotzdem unangenehm, es ist eindeutig eine Art des politischen Drucks. Es gab auch andere, \u00e4hnliche Geschichten.<\/p>\n<p>Jetzt zu diesen politischen Morden: Das ist eine r\u00e4tselhafte Geschichte. Es gab schon eine Reihe. Und die wurden bisher nicht aufgekl\u00e4rt. Nur wenige optimistische Personen glauben, dass diese F\u00e4lle irgendwann gekl\u00e4rt sein werden.<\/p>\n<p>In Russland gab es immer schon viele kriminelle Morde. Das war und bleibt so. Aber das ist etwas anderes. Weil die Leute, die jetzt get\u00f6tet wurden, keinen Bezug zu irgendwelchen materiellen, finanziellen oder kriminellen Operationen hatten. Das sind reine politische Morde.<\/p>\n<p>So wurde vor einigen Jahren die Journalistin Anna Politkowskaja get\u00f6tet. Die Beh\u00f6rden versuchten dann, den Mord auf die autonome tschetschenische Regierung abzuw\u00e4lzen.<\/p>\n<p>Gut, Politkowskaja besuchte manchmal Tschetschenien und kritisierte diese autonome Regierung wegen ihrer Willk\u00fcr scharf. Aber: Sie hatte keinen wirklichen Einfluss auf die tschetschenische Regierung, und es war auch f\u00fcr die tschetschenische Regierung \u00fcberhaupt nicht interessant, sie in Moskau zu t\u00f6ten. Das ergibt keinen Sinn.<\/p>\n<p>Dann gab es im vorigen Jahr diesen mysteri\u00f6sen Fall des ehemaligen Geheimdienstmitglieds Litwinenko, der in London get\u00f6tet wurde. Auch eine ganz r\u00e4tselhafte Geschichte, bisher nicht gekl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Was hat er gemacht? Er hat ein Buch ver\u00f6ffentlicht, in dem er geschrieben hat, dass wahrscheinlich die Geheimdienste Russlands selbst an den Explosionen der H\u00e4user in Moskau schuld sind, die dann sp\u00e4ter als Vorwand f\u00fcr den zweiten Tschetschenien-Krieg dienten. Ich kann diese Dinge nicht beurteilen, habe keine Beweise, kaum Informationen. So oder anders wurde er get\u00f6tet.<\/p>\n<p>Dann gab es vor kurzem zwei weitere Mordanschl\u00e4ge. Ein fortschrittlicher Rechtsanwalt, Stanislaw Markelow, und eine Journalistin wurden gerade im Zentrum Moskaus get\u00f6tet.<\/p>\n<p>Markelow besch\u00e4ftigte sich mit vielen Dingen, die dem Staat unangenehm waren. Er verteidigte die Menschenrechtler, die politischen Oppositionellen, die Teilnehmer der Demonstrationen, die von der Polizei angegriffen wurden. Er verteidigte auch Opfer der politischen und staatlichen Repression insgesamt &#8230; Sein letzter Prozess, sein letztes Thema handelte von dem russischen Armeeoberst Budanow, der seinerzeit wegen des Mordes und einer Vergewaltigung eines tschetschenischen M\u00e4dchens verurteilt wurde. Es gab mehrere solche F\u00e4lle.<\/p>\n<p>Es gab einen Prozess und der Oberst wurde zu einer mehrj\u00e4hrigen Haftstrafe verurteilt. Aber Anfang 2009 wurde er pl\u00f6tzlich frei gelassen, vorzeitig.<\/p>\n<p>Stanislaw Markelow war Anwalt der Familie dieses M\u00e4dchens. Er sagte: &#8222;Ich akzeptiere das nicht, ich gehe bis zum Europ\u00e4ischen Gerichtshof in Stra\u00dfburg, weil dieser Oberst im Gef\u00e4ngnis sitzen soll. Er ist ein Kriegsverbrecher.&#8220;<\/p>\n<p>An dem Tag, an dem er get\u00f6tet wurde, gab er eine Pressekonferenz, bei der er erkl\u00e4rte, dass er das weiter machen wolle.<\/p>\n<p>Und die Journalistin Anastasija Barburowa war mit ihm da. Sie war eine Anarchistin und arbeitete f\u00fcr eine mehr oder weniger oppositionelle russische Zeitung. Die wollte noch mit ihm ein Interview machen zu diesem Thema. Ein Berufskiller hat Stanislaw im Zentrum Moskaus von hinten in den Kopf geschossen. Anastasija trainierte fr\u00fcher in Sportk\u00e4mpfen. Das war f\u00fcr sie quasi eine instinktive Situation. Sie versuchte, diesen M\u00f6rder fest zu halten. Dann schoss er auf sie und t\u00f6tete sie auch.<\/p>\n<p>Es gab gerade danach einige Protestkundgebungen in Moskau, am 20. Januar und am 1. Februar. Und zugleich gab es die parallelen Proteste in verschiedenen anderen L\u00e4ndern. Polnische Anarchisten haben schon einige Aktionen vor dem russischen Konsulat gemacht. Franz\u00f6sische Anarchosyndikalisten organisierten am 31. Januar und am 1. Februar auch Protestaktionen gegen diesen Mord. Man wollte auch in Russland weiter machen, am 8. Februar. Aber diese Aktion wurde von den Beh\u00f6rden verboten.<\/p>\n<p>Wer steckt hinter diesen Morden?<\/p>\n<p>Eine gute Frage. Ich meine, dass es nicht die Leute von ganz oben sind, weil es f\u00fcr sie eher den Verlust des politischen Prestiges bedeuten k\u00f6nnte. Aber vielleicht gibt es irgendetwas wie Todesschwadronen, entweder im Milit\u00e4r, im Geheimdienst oder im System des Innenministeriums, ich wei\u00df nicht, wo genau.<\/p>\n<p>Wahrscheinlich sind das mehrere. Und die t\u00f6ten solche Menschen, die in ihren Augen Verr\u00e4ter sind. Weil sie sagen, dass die Leute den Staat mit ihren Reden und ihren \u00f6ffentlichen Aktivit\u00e4ten diskreditieren.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr sollen sie bestraft werden. Das erinnert an die Todesschwadronen in Lateinamerika, in Brasilien in den 1960er, 1970er Jahren. Aber nat\u00fcrlich sagen wir, dass die Beh\u00f6rden, die oben stehen, mitschuldig sind. Die organisieren das bestimmt nicht mit, aber die haben ein Klima geschaffen, wo solche Dinge m\u00f6glich sind. Die haben diesen Nationalismus gepflegt, der auch ein Vorwand und ein Motiv f\u00fcr diese M\u00f6rder sein konnte.<\/p>\n<p>Zu politischen M\u00f6rdern: Es gibt auch faschistische M\u00f6rder. Es gibt faschistische Banden, die terrorisieren Leute, die t\u00f6ten Migranten, Leute aus den ehemaligen Republiken der Sowjetunion, aus Mittelasien und aus dem Kaukasus. Es gibt schon mehrere Mordf\u00e4lle. Manchmal t\u00f6ten sie nicht nur die Erwachsenen, sondern auch Kinder. Ab und zu nimmt man diese jungen Faschos fest, aber die bekommen dann kleine Urteile, weil sie noch minderj\u00e4hrig sind. Sie benehmen sich aggressiv. Ich sah eine Fernsehreportage \u00fcber einen Prozess gegen eine solche Bande. Diese Faschos sa\u00dfen einfach im Saal und lachten. Man las ihnen ihr Urteil vor, aber die lachten.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wie erkl\u00e4rst du dir diese Zunahme des Nationalismus und die zunehmende Brutalisierung innerhalb der politischen Rechten und in rechtsextremen Str\u00f6mungen?<\/strong><\/p>\n<p><em>Vadim Damier:<\/em> Das ist eine alte Geschichte. Das begann nicht gestern. Diese Fascho-Attacken sind nur die Spitze des Eisbergs. Und der Eisberg hei\u00dft Nationalismus.<\/p>\n<p>Warum? Es ist im Prinzip klar: Russland ist ein neuer Staat, als Russland, nicht als Sowjetunion. Man baut einen neuen Staat, eine neue Nation auf. Dabei sind solche Dinge wie Aggressivit\u00e4t nat\u00fcrlich. Es ist ein Mittel in diesem Sinne. Das war immer und \u00fcberall so. Das ist auch so in Russland. Das ist es einerseits.<\/p>\n<p>Zum zweiten gibt es in Russland so eine Art der &#8222;Weimarer Syndrome&#8220;, so nennt man das bei uns schon. Das hei\u00dft, &#8222;wir&#8220; hatten eine Supermacht, die dann von fremden Kr\u00e4ften zerst\u00f6rt wurde, ohne wirklich eine milit\u00e4rische Niederlage erlitten zu haben. Und wer hat das gemacht?<\/p>\n<p>&#8222;Irgendwelche internationalen Verschw\u00f6rer, m\u00f6glicherweise Juden. Nicht unbedingt, aber m\u00f6glich, Amerikaner, die Verr\u00e4ter aus der Parteielite, und nat\u00fcrlich Migranten, die sind sowieso schuld.&#8220;<\/p>\n<p>Diese Syndrome erzwingen starke nationalistische Ressentiments. Vor allem bei den Jugendlichen und in der Zeit der Putin-Regierung erstarkte das alles noch, weil seine Macht basierte und basiert immer noch offen auf diesem nationalistischen Ressentiment der untergegangenen Supermacht, die wieder auferstehen soll.<\/p>\n<p>So sieht es aus, das sind Gr\u00fcnde. Und Aggressivit\u00e4t ist \u00fcberhaupt ein Versuch, die sozialen Probleme abzuw\u00e4lzen. Das ist gar nicht so neu. Viele Leute sind im Moment ganz b\u00f6se in Russland. Aber ungl\u00fccklicherweise geht es nicht gegen die, die ganz oben sind, sondern gegen die Nachbarn. Das ist schlimm.<\/p>\n<p><strong>GWR: Wie siehst du die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise? Siehst du die dramatischer? K\u00f6nnte es sein, dass auf der anderen Seite auch die sozialen Bewegungen, die f\u00fcr eine emanzipatorische Gesellschaft und gegen den Nationalismus k\u00e4mpfen, mehr Zulauf bekommen?<\/strong><\/p>\n<p><em>Vadim Damier:<\/em> W\u00e4hrend der Krise? Na ja, das ist kompliziert. Auch in Russland gibt es eine Wirtschaftskrise, obwohl die Regierung immer noch sagt, wir w\u00e4ren wahrscheinlich \u00fcberhaupt nicht betroffen, weil wir Erd\u00f6l und Ressourcen haben &#8230;<\/p>\n<p>Aber in der Realit\u00e4t ist es anders. Die Krise kommt schon seit einigen Monaten. Es begann in Bereichen wie Bau-, Finanz- und Dienstleitungssektoren, dann Informatik, in der Computerherstellung &#8230; und verbreitete sich schnell auf die anderen Bereiche, und jetzt ist zum Beispiel auch Industrie, Wissenschaft und Kultur betroffen.<\/p>\n<p>Die Arbeitslosigkeit nimmt zu. Nominell liegt sie bei bis zu zwei Millionen. Aber das sind nur die offiziellen Zahlen.<\/p>\n<p>Zum zweiten sagen schon die Beh\u00f6rden, dass das bis zum Ende des Jahres sieben bis acht Millionen sein werden, und offiziell mit der Teilzeitarbeit sind es wesentlich mehr.<\/p>\n<p>Dann gibt es wieder die Dinge wie Ende der 1990er Jahre: Man beginnt, die L\u00f6hne nicht rechtzeitig auszuzahlen. Diese Nichtauszahlung ist problematisch f\u00fcr die Leute. Wie sollen sie dann \u00fcberleben?<\/p>\n<p>Und was dann die Bewegungen betrifft: Im Moment ist der Widerstand schwach. Ich glaube nicht, dass es so automatisch zunehmen wird.<\/p>\n<p>Kropotkin sagte seinerzeit: &#8222;Revolution entsteht aus der Hoffnung und nicht aus der Not.&#8220;<\/p>\n<p>Das stimmt. Revolten k\u00f6nnen aus der Not entstehen, das sehen wir. In Nachbarstaaten wie Litauen und Lettland tut sich schon etwas. Auch in Island &#8211; das ist kein Nachbarland, aber trotzdem &#8211; gibt es schon etwas in Bezug auf die Krise. Bei uns noch nicht. Aber wir werden sehen.<\/p>\n<p><strong>GWR: Was w\u00fcnscht du dir f\u00fcr die Zukunft?<\/strong><\/p>\n<p><em>Vadim Damier:<\/em> Ich w\u00fcnsche mir ein bisschen Hoffnung. Das hei\u00dft, ich m\u00f6chte noch sehen, wie bei uns die m\u00e4chtigen, realen Bewegungen entstehen, die die soziale Situation in meinem Land \u00e4ndern werden. Das ist meine Hoffnung und das sind meine W\u00fcnsche.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Graswurzelrevolution (GWR): Vadim, du forschst zur Geschichte sozialer Bewegungen. 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