{"id":9299,"date":"2009-04-01T00:00:21","date_gmt":"2009-03-31T22:00:21","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9299"},"modified":"2022-07-26T14:14:43","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:43","slug":"sabotage-im-alltag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/04\/sabotage-im-alltag\/","title":{"rendered":"Sabotage im Alltag!"},"content":{"rendered":"<p>Jenseits der Tarifrituale der DGB-Gewerkschaften (&#8222;Warnstreik&#8220; als letztes Mittel) ist Arbeitskampf, ja Klassenkampf offenbar eine Spezialit\u00e4t des Gegners geworden. Selbst das WSI-Tarifhandbuch 2008 meldet: &#8222;Mehr Arbeitsk\u00e4mpfe &#8211; Deutschland trotzdem weiter relativ streikarm&#8220;. Der Gegner hingegen schl\u00e4gt, mittlerweile vollkommen unabh\u00e4ngig von der Konjunkturlage, munter zu. Erpresste Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen (laut Urteil der Pressekammer des Landgerichts Hamburg vom 13. Juni 2008 darf hier von Erpressung gesprochen werden!), Tarifabsenkungen und Entlassungen blieben bereits vor der aktuellen Krise und sogar in den Zeiten des Aufschwungs aus Angst unwidersprochen.<\/p>\n<p>Dabei ist es offensichtlich, dass diese erfolgreichen Angriffe in der Wirtschaftskrise sich und damit f\u00fcr uns diese Krise verst\u00e4rken werden &#8211; zumal die Lohnabh\u00e4ngigen doppelt betroffen sind: als &#8222;Arbeitnehmer&#8220; und als (Steuer)ZahlerInnen der Rettungsaktionen f\u00fcr &#8222;ihre Arbeitgeber&#8220;. &#8222;Lieber prek\u00e4r als Hartz IV&#8220; denken immer noch die meisten Lohnabh\u00e4ngigen und ihre gewerkschaftlichen StellvertreterInnen &#8211; und wie in der Wirtschaft hoffen alle, zu den Krisengewinnern zu z\u00e4hlen (&#8222;Wenn die Befristeten und Leiharbeiter gehen, ist mein Arbeitsplatz sicherer&#8220;). Streiks finden nur noch statt, weil das Kapital gar nicht mehr verhandeln will oder um die Mitgliedschaft symbolisch zu befriedigen, um das Elend gerechter zu verteilen sowie um Sozialpl\u00e4ne zu &#8222;erk\u00e4mpfen&#8220;. Und selbst diese Streiks greifen immer weniger, denn wie soll der Entzug der Arbeitskraft bei Kurzarbeit und Entlassungen als Drohung und Druckmittel wirken?<\/p>\n<p>Bereits abnehmende Organisierung und Tarifbindung, begleitet durch den wettbewerbskorporatistischen Kurs der Gewerkschaftsapparate und das restriktive deutsche Streikrecht, machten die Suche nach alternativen Arbeitskampfformen notwendig. Gesucht werden schon l\u00e4nger Kampfm\u00f6glichkeiten jenseits organisierter Kollektive, jenseits von Betriebsrat und Tarifkommission. Durch verschiedene Formen &#8222;smarter&#8220;, intelligenter Arbeitsk\u00e4mpfe sollten auch Minderheitengruppen, kampfunerfahrene Belegschaften und Einzelk\u00e4mpferInnen in Kleinbetrieben bef\u00e4higt werden, auf eine ihrer Situation angepasste Art und Weise Verschlechterungen zu widerstehen oder gar Verbesserungen durchzusetzen. ((1))<\/p>\n<p>Denn trotz stark verbreiteter subjektiver Ohnmacht, Erpressbarkeit und Individualisierung gibt es durchaus Wut und Widerstand am Arbeitsplatz, wenn auch oft versteckt. Und es gibt durchaus Macht der Lohnabh\u00e4ngigen an fast jedem Arbeitsplatz, wenn auch oft unbewusst ((2)). Beides gilt es mehr denn je zu st\u00e4rken: den Widerstand und das noch selbstbewusster machende Wissen um die eigene Macht.<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfes Potential, diese beiden Aspekte miteinander zu verbinden, traue ich der Sabotage als Arbeitskampfform zu. Um diese Klammerfunktion erf\u00fcllen zu k\u00f6nnen, sollte dieser leider etwas angestaubte Begriff der Sabotage ((3)) allerdings &#8222;modernisiert&#8220; und erweitert werden. Wenn als Sabotage nicht nur der ber\u00fchmte Schraubenschl\u00fcssel im Flie\u00dfband gilt, sondern auch allt\u00e4gliche Verweigerung und Blockade der Unternehmensziele, er\u00f6ffnen sich ihr neue Perspektiven.<\/p>\n<p>Denn je mehr die Unternehmen vom Menschen wollen, je umfassender die \u00d6konomisierung der Gesellschaft wird, umso umfassender werden die &#8211; expliziten wie ungeschriebenen &#8211; Arbeitsvertr\u00e4ge. Emotionen, Ideen, Einstellungen werden gratis mit abverlangt &#8211; und k\u00f6nnen dementsprechend auch verweigert werden! Vor diesem Hintergrund k\u00f6nnen auch Konformit\u00e4ts- und Wettbewerbsverweigerung, Verweigerung der Selbstaktivierung und Selbstvermarktung sowie unternehmerischer Selbstunterwerfung in Zeiten von &#8222;Zielvereinbarungen&#8220; und &#8222;Ich-AG&#8220; den Charakter aktiver Sabotage bekommen. Denn wenn Konkurrenz und Wettbewerb all umfassend werden, ger\u00e4t bereits ge\u00fcbte Solidarit\u00e4t zu Sabotage der Unternehmens- und Wirtschaftsziele. Dies gilt \u00fcbrigens auch f\u00fcr uns als Kunden, die immer mehr zu &#8222;unbezahlten Mitarbeitern&#8220; der Unternehmen werden ((4)) und immer h\u00e4ufiger nur noch als Tr\u00e4ger der geheiligten Binnennachfrage z\u00e4hlen.<\/p>\n<h3>&#8222;Smarte&#8220; Sabotage &#8211; nicht nur Maschinen st\u00fcrmen&#8230;<\/h3>\n<p>Sabotage &#8211; wenn auch meist nicht so genannt und oft auch nicht so verstanden &#8211; findet schon immer und t\u00e4glich statt, denn die arbeitenden Menschen haben &#8211; ob organisiert oder nicht &#8211; l\u00e4ngst vielf\u00e4ltige Formen der Gegenwehr und Rache f\u00fcr die allt\u00e4glichen Zumutungen und Entw\u00fcrdigungen gefunden: als individuelle Sabotage des expliziten (schriftlichen) und impliziten (ungeschriebenen) Arbeitsvertrages. Sabotage beginnt also keinesfalls revolution\u00e4r, sondern durchaus unpolitisch aus Entt\u00e4uschung und Frust, Rache und individueller Nutzenoptimierung. Nachlassende Identifikation mit dem Job, nicht zuletzt durch all die Entlassungswellen und st\u00e4ndige Bedrohung des eigenen Arbeitsplatzes (beides nat\u00fcrlich trotz Verzicht!), f\u00fchrt zur \u201ainneren K\u00fcndigung&#8216;, der horrende Kosten f\u00fcr die Wirtschaft nachgesagt werden.<\/p>\n<h3>Was ist individuelle Sabotage des impliziten und expliziten Arbeitsvertrages?<\/h3>\n<p>Der Chef bekommt nur noch exakt das, was er unseres Erachtens verdient, durch alle m\u00f6glichen Formen der verlangsamten Arbeit, des Streichens von Eigeninitiative, von Ideen oder von leidenschaftlichem Einsatz, durch Unterlassen, Stehen lassen, Liegen lassen, Arbeit vort\u00e4uschen und Pseudoarbeiten oder Krankfeiern.<\/p>\n<p>Zur Perfektion betrieben hat es &#8222;Das Dilbert-Prinzip&#8220; von Scott Adams mit seinen Gesetzen des Gehaltsgleichgewicht und des Gesamtarbeitsaufkommens (wirkliche Arbeit + Pseudoarbeit = Gesamtarbeitsaufkommen &#8211; bei m\u00f6glicher Reduktion der wirklichen Arbeit). Es gilt, Arbeit vorzut\u00e4uschen und Stress zu minimieren, &#8222;damit Sie ein zufriedener Arbeitnehmer auf Kosten Ihres Arbeitgebers werden k\u00f6nnen, der ohnehin keinen so netten Menschen wie Sie verdient&#8220; ((5)). Ob mensch es nun &#8222;Besser leben durch B\u00fcrodiebstahl&#8220; oder &#8222;autonome Lohnerh\u00f6hung&#8220; nennt &#8211; auch diese aktive Herstellung der Gerechtigkeit bleibt zun\u00e4chst ein individueller, unpolitischer Akt. Bereits ganz anders sieht es aus, wenn wir bei den genannten Formen des verringerten Einsatzes der Arbeitskraft bewusst unterscheiden, f\u00fcr wen wir voll da sind und wen wir auflaufen lassen, was nach sozialen und\/oder politischen Gesichtspunkten m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Zu den eher aktiven Formen der (meist individuellen) Rache am Arbeitsplatz mit Politisierungspotential geh\u00f6ren &#8211; neben &#8222;Guerillakrieg&#8220; durch Kunden-, Produkt- und Computersabotage &#8211; Badbossing bzw. Staffing als Mobbing von unten und bezeichnen in diesem Zusammenhang \u201a&#8220;unfaire&#8220; Attacken gegen einzelne F\u00fchrungskr\u00e4fte oder gegen die F\u00fchrungsebene von Seiten der &#8222;Besch\u00e4ftigten&#8220;. Absicht kann der Ruin einzelner Vorgesetzter, des gesamten Stabes oder der gesamten Personal- und Unternehmenspolitik sein. Die \u00f6ffentlichste Form ist das Whistleblowing. Wird dies nicht aus pers\u00f6nlicher Entt\u00e4uschung und Rache betrieben, kann dem durchaus ein politischer Charakter zukommen, den viele Unternehmen durch Maulkorberlasse zu vermeiden suchen und der \u00fcbrigens zu vielen Unterlassungsklagen bei LabourNet oder chefduzen u.a. f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Doch auch Sabotage als kollektive Arbeitskampfma\u00dfnahme kann Politisierungspotential beinhalten. Dann meint sie die strategische Vereitelung eines Ziels durch gewollte geheime Gegenwirkung, z. B. absichtliches Langsamarbeiten oder Verursachung von Fehlern, ferner die vors\u00e4tzliche Besch\u00e4digung, Zerst\u00f6rung oder Unbrauchbarmachung z. B. von Arbeitsmitteln und Waren oder auch der Entzug von Energie. Damit soll planm\u00e4\u00dfig, entweder auf die Quantit\u00e4t oder die Qualit\u00e4t von Produktion und Dienstleistung gerichtet, die Effektivit\u00e4t einer Person oder einer Organisation lahm gelegt werden. F\u00fcr solche kollektiven, strategischen Arbeitskampfma\u00dfnahmen der Sabotage gibt es durchaus viele geschichtliche Beispiele. Die meisten Politisierungspotentiale entfaltet Sabotage allerdings als ausdr\u00fcckliche Arbeitskampfform dann, wenn sie nicht nur betrieblich &#8211; aus unterschiedlichsten Gr\u00fcnden &#8211; Vorteile gegen\u00fcber einem Streik hat, sondern die Produkte des zu bek\u00e4mpfenden Unternehmens und damit auch die eigene Rolle in diesem Wirtschaftsunternehmen zugleich als gesellschaftliche begreift. ((6))<\/p>\n<p>Auch hierf\u00fcr gibt es viele internationale Beispiele, wie auch kollektiv und ausdr\u00fccklich als Arbeitskampfma\u00dfnahme verstanden nach sozialen und\/oder politischen Gesichtspunkten unterschieden werden kann, f\u00fcr wen die Arbeitsverweigerung gilt und f\u00fcr wen ausdr\u00fccklich nicht.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend in Deutschland Streiks im Transportwesen immer noch nur als erfolgreich gelten, wenn niemand transportiert wird (egal, ob zur Maloche oder zur Liebe), gibt es in Frankreich eine Tradition sozialer Arbeitsk\u00e4mpfe statt strikter Arbeitsverweigerung, in der Gratis-Mobilit\u00e4t angeboten und dabei \u00fcber sie diskutiert wird. Soziale Differenzierung der Leistungserf\u00fcllung ist auch z.B. bei der Briefzustellung (Erwerbslosenchecks ja, Unternehmenspost nein) oder bei der Stromversorgung (Strom f\u00fcr Arme an, f\u00fcr Reiche aus) erfolgreich durchgef\u00fchrt worden und sicherte zudem den Aktionen die Akzeptanz und Solidarit\u00e4t der \u00fcbrigen Teile der Lohnabh\u00e4ngigen, die sonst gerne und leicht durch die b\u00fcrgerliche Presse als emp\u00f6rte Kunden gegen die Streiks gehetzt werden.<\/p>\n<h3>Kapitalismus und Repression leben vom Akzeptieren und Mitmachen<\/h3>\n<p>Ob solcher Widerstand der pers\u00f6nlichen Gesundheit gilt und\/oder sich an der Grenze zur strategischen\/politischen Sabotage bewegt, h\u00e4ngt von vielen Faktoren ab: politisches Bewusstsein, Grad der Individualisierung\/Kollektivierung, strategische Zielsetzung. Es gibt verschwimmende Grenzen zwischen individueller Rache und kollektivem Arbeitskampf &#8211; politisch k\u00f6nnen n\u00e4mlich auch durchaus individuelle Verhaltensweisen am Arbeitsplatz (und als Kunde) sein, zumal wenn sie NachahmerInnen finden.<\/p>\n<p>Noch wird ohne Erfolg die deutsche Fabienne gesucht, also die ARGE-Sachbearbeiterin, die Repression verweigert und offen dazu aufruft. Doch wer genau hinschaut, trifft fast t\u00e4glich auf ungehorsame Zugschaffner, ein Auge zudr\u00fcckende Beh\u00f6rdenangestellte oder mit der Kassiererin solidarische KundInnen. Sabotage f\u00e4ngt im Kleinen an und kann dennoch Gro\u00dfes bewirken.<\/p>\n<p>Wie gesagt: Kapitalismus und Repression leben vom Akzeptieren und Mitmachen und jede noch so kleine Konformit\u00e4ts- und Wettbewerbsverweigerung, jede ge\u00fcbte Solidarit\u00e4t mit den Schwachen und Unterdr\u00fcckten &#8211; am liebsten kollektiv &#8211; kann zum ersten Schritt jenseits dieses inhumanen und ohne unser Akzeptieren und Mitmachen bankrotten Systems f\u00fchren.<\/p>\n<p>Allerdings setzt Sabotage Mut und Selbstbewusstsein und als Arbeitskampfmittel auch die Selbsterm\u00e4chtigung der ArbeiterInnen gegen die Macht der Gewerkschaftsb\u00fcrokratie voraus &#8211; st\u00e4rkt diese aber bereits im Prozess und l\u00e4sst eine echte, allt\u00e4gliche Demokratisierung durchscheinen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jenseits der Tarifrituale der DGB-Gewerkschaften (&#8222;Warnstreik&#8220; als letztes Mittel) ist Arbeitskampf, ja Klassenkampf offenbar eine Spezialit\u00e4t des Gegners geworden. 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