{"id":9325,"date":"2009-04-01T00:00:47","date_gmt":"2009-03-31T22:00:47","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9325"},"modified":"2022-07-26T14:14:43","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:43","slug":"fritz-benner-anarchist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/04\/fritz-benner-anarchist\/","title":{"rendered":"Fritz Benner &#8211; Anarchist"},"content":{"rendered":"<p>Wie er Anarchist wurde, was er darunter und unter einem anarchistischen                 Charakter verstand, formulierte er 1948 gegen\u00fcber einem Genossen                 folgenderma\u00dfen:<\/p>\n<p>&#8222;Im ersten Krieg war ich zehn Jahre alt, als ich mich zum ersten                 Mal an Lebensmittelpl\u00fcnderungen beteiligte. Seit der Zeit bin                 ich alles, womit wir uns zu bezeichnen pflegen. Als Anarchist                 mu\u00df man zuerst mal wissen, da\u00df jeder ein solcher ist, der gegen                 Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung und f\u00fcr freie Vereinbarung ist! Alles                 andere sind Richtungen, sind Losungen, Parolen, Taktik! Ich bilde                 mir ein, von Charakter gen\u00fcgend Anarchist zu sein, da\u00df ich auch                 die anarchistische Gesinnung von anderen Personen anerkenne, wenn                 ich deren Auffassungen in keiner Weise teile. Wer das nicht kann,                 wer nicht begreift, da\u00df dies eine der ersten Voraussetzungen eines                 Anarchisten ist, beweist wirklich, da\u00df ihm noch viel fehlt, welches                 ihm das Recht gibt, sich so zu nennen.&#8220;<\/p>\n<p>Benner, ein gelernter Riemendreher, schloss sich 1928 der FAUD                 an und war Betriebsrat in einer gro\u00dfen Textilfabrik.<\/p>\n<p>1931 war er Mitbegr\u00fcnder der Schwarzen Schar, einer militanten,                 antifaschistischen Kampforganisation. Die Angeh\u00f6rigen der Schwarzen                 Schar waren schwarz uniformiert und bewaffnet, was in anarchistischen                 Kreisen nicht unumstritten war. Sie war eine Antwort auf die sich                 h\u00e4ufenden \u00dcbergriffe der SA, die in Wuppertal besonders brutal                 gegen die Arbeiterbewegung vorging. <\/p>\n<p>Die militante Einstellung Benners kommt in einem Artikel zum                 Ausdruck, den er Anfang 1933 f\u00fcr die anarchosyndikalistische Presse                 schrieb:<\/p>\n<p>&#8222;In den letzen Monaten hat das Proletariat Anf\u00e4nge gemacht, die                 Parolen der Anarcho-Syndikalisten, wenn auch unbewu\u00dft anzuwenden.                 Als vor einigen Monaten die Faschisten wie \u00fcberall den Versuch                 machten, die Arbeiterviertel zu erobern, stand das Proletariat                 in unerwarteter Einheitsfront zusammen. Proleten, die schon viele                 Jahre in der SPD oder im Reichsbanner waren, verga\u00dfen pl\u00f6tzlich                 die Parolen ihrer F\u00fchrer, sich nur ruhig auf die Staatsmacht zu                 verlassen. <\/p>\n<p>Sie trieben Schulter an Schulter mit Kommunisten und Anarchosyndikalisten                 die braune Pest zu Paaren. Und das in einer Stadt, wo die Nazis                 110.000 Stimmen hatten, bedeutend mehr als SPD und KPD zusammen.                 Das war die Etappe, die manche SPD- und KPD-Proleten zum Nachdenken                 \u00fcber die Stimmenz\u00e4hlerei brachte. <\/p>\n<p>Wenn bis vor kurzem ein Syndikalist auf einer Versammlung oder                 einer Konferenz das Wort ergriff und von Boykott sprach, wurde                 seine Forderung immer als \u201asyndikalistischer Wahnsinn&#8216; abgetan.                 In der Angst vor der Nazi-Flut gaben SPD und KPD auf einmal Klebezettel                 heraus mit dem Text: \u201aDieser Gesch\u00e4ftsmann ist ein Nazi.&#8216;<\/p>\n<p>Auch unsere Parole des Mieterstreiks war bei den Kommunisten                 erst Wahnsinn, bis sie die Forderung von den Anarcho-Syndikalisten                 stehlen mu\u00dften. Vor kurzem versuchte man in Wuppertal einen Gasboykott                 zu organisieren! Wir sehen also, da\u00df die Ideen des Anarchosyndikalismus                 im Proletariat immer mehr um sich greifen. Da\u00df sich das noch nicht                 organisiert auswirkt, liegt nat\u00fcrlich zum gr\u00f6\u00dften Teil an der                 anerzogenen Denkfaulheit des deutschen Arbeiters. Aber zum gr\u00f6\u00dften                 Teil, und das soll hier mit aller Sch\u00e4rfe gesagt werden, liegt                 es an der Lauheit mancher Anarcho-Syndikalisten.&#8220;<\/p>\n<p>Nach der Macht\u00fcbergabe an Hitler hofften die Wuppertaler AnarchosyndikalistInnen                 vergeblich auf einen Aufruf zum Generalstreik und bewaffneten                 Aufstand, auf den sie sich vorbereitet hatten. Statt dessen wurden                 ihre f\u00fchrenden Funktion\u00e4re inhaftiert. Nachdem er auf einer Betriebsversammlung                 gegen die Nazis Stellung bezogen hatte, wurde Fritz Benner im                 Mai 1933 verhaftet. <\/p>\n<p>Bis April 1934 sa\u00df er in mehreren Gef\u00e4ngnissen und in den Konzentrationslagern                 B\u00f6rgermoor, Oranienburg und Lichtenburg. Nach seiner Entlassung                 begann er wieder mit der illegalen Arbeit. Im Januar 1935 emigrierte                 er nach Holland, nachdem in Wuppertal Massenverhaftungen einsetzten.               <\/p>\n<p>In Amsterdam leitete er die Gruppe Deutsche Anarchosyndikalisten                 im Ausland (DAS), die Kontakt zu den illegalisierten GenossInnen                 in Deutschland hielt, Agitationsmaterial \u00fcber die Grenze brachte                 und die oft mit einem Deckblatt der Nazi-Zeitschrift &#8222;Deutschtum                 im Ausland&#8220; getarnte anarchosyndikalistische Zeitschrift &#8222;Die                 Internationale&#8220; herausgab. <\/p>\n<p>\u00dcber seine Erfahrungen im KZ und in der Emigration schrieb Benner                 1950 einem niederl\u00e4ndischen Genossen:<\/p>\n<p>&#8222;Ich war selbst in drei Konzentrationslagern. In einem mu\u00dfte                 ich ansehen, wie man den Menschen, den ich am meisten auf der                 Welt verehrte, den Menschen, durch dessen Schriften ich Revolution\u00e4r                 und Anarchist geworden war, langsam sadistisch zu Tode qu\u00e4lte.                 Erich M\u00fchsam. Ich mu\u00dfte schweigen.<\/p>\n<p>Sehr schnell merkte ich in Holland, da\u00df auch die Elite eines                 Volkes, die Arbeiterklasse, nicht in der Lage ist, durch Zeitungen                 und B\u00fccher sich ein Bild von der wirklichen Lage eines anderen                 Landes zu machen. Es fehlt die praktische Erfahrung, die Phantasie.                 Wie tief ein Mensch durch Mi\u00dfhandlungen sinken kann, konnten die                 Genossen einfach nicht begreifen. Es war Pflicht, da\u00df Du schwiegst!                 Wenn man etwas tun will, dann einem solchen Kerl in einer dunklen                 Ecke ein Messer in den R\u00fccken stechen; das ist das einzige, was                 solche Lumpen verstehen. Offenheit, Bekennermut ist in einem solchen                 System wie dem nazistischen nicht am Platze. \u201aMit Gift, Dolch                 und Schlinge&#8230;&#8216; sagt Bakunin.&#8220; <\/p>\n<p>Mit dem bewaffneten Aufstand des spanischen Proletariats gegen                 den Milit\u00e4rputsch Francos begann am 19. Juli 1936 der Spanische                 B\u00fcrgerkrieg und &#8211; was oft vergessen wird &#8211; eine beispiellose soziale                 Revolution, in der die AnarchistInnen eine herausragende Rolle                 spielten. Als sie vom Aufstand in Barcelona erfuhren, brachen                 Fritz Benner und drei Genossen sofort nach Spanien auf. Ende Juli                 trafen sie in Barcelona ein. Im Windschatten ihrer spanischen                 GenossInnen erlebten auch die deutschen AnarchosyndikalistInnen                 einen kurzen Sommer der Anarchie. Aus einer kleinen, isolierten                 Exilorganisation war die Gruppe DAS zur politisch einflussreichsten                 deutschen Gruppe in Katalonien avanciert. <\/p>\n<p>Die DAS \u00fcbernahm die Funktion einer Ausl\u00e4nderpolizei. Sie war                 zust\u00e4ndig f\u00fcr die Kontrolle aller deutschsprachigen Ausl\u00e4nderInnen                 in Barcelona. Auch Fritz Benner \u00fcbte zun\u00e4chst eine sehr ungewohnte                 Funktion aus: Er zensierte Briefe, die nach Deutschland gingen.                 \u00dcber die Aktivit\u00e4ten der DAS berichtete der deutsche Generalkonsul                 nach Berlin:<\/p>\n<p>&#8222;Die Hauptunruhe wurde aber unter den hiesigen Deutschen und                 auch anderen Ausl\u00e4ndern dadurch hervorgerufen, da\u00df von bewaffneten                 Horden wilde Hausdurchsuchungen wahllos vorgenommen wurden. Diese                 erfolgten meist unter der Begr\u00fcndung, da\u00df sich im Haus Waffen                 oder \u201afaschistisches&#8216; Material bef\u00e4nden. Wenn auch in vielen F\u00e4llen                 von den Bewaffneten r\u00fccksichtslos vorgegangen wurde, so ist mir                 nichts dar\u00fcber bekannt geworden, da\u00df einem Deutschen hierbei etwas                 zugesto\u00dfen w\u00e4re. Ein Kapitel f\u00fcr sich sind die bereits gemeldeten                 Durchsuchungen der R\u00e4ume und H\u00e4user deutscher Institutionen und                 deren Pl\u00fcnderung bzw. Zerst\u00f6rung.<\/p>\n<p>Die Wohnung des Leiters der hiesigen Vertretung der Firma Merck,                 Darmstadt, Andress, wurde mehrfach durchsucht und zum Teil ausgeraubt.                 <i>Bei einer Hausdurchsuchung verhinderte die Polizei die Mitnahme                 eines bereits gef\u00fcllten Sackes durch die deutschen Anarchisten,                 worauf diese sich bei der n\u00e4chsten Hausdurchsuchung schadlos hielten.                 <\/i><\/p>\n<p>Das Haus wurde beschlagnahmt und am letzten Sonntag fand dort                 ein Er\u00f6ffnungstee f\u00fcr 17 Anarchisten mit ihren \u201aDamen&#8216; statt,                 bei der das bisherige Dienstm\u00e4dchen die Bedienung \u00fcbernehmen mu\u00dfte                 und daf\u00fcr zur Belohnung ins Kino mitgenommen wurde.&#8220;<\/p>\n<p>Fritz Benner blieb nur einige Wochen in der Postzensur. <\/p>\n<p>Bis zum August 1937 k\u00e4mpfte er an der Front in milit\u00e4rischen                 Einheiten der AnarchistInnen. Er musste Spanien verlassen, weil                 er eine Verhaftung durch die KommunistInnen bef\u00fcrchtete, mit deren                 Funktion\u00e4ren er an der Front scharfe Zusammenst\u00f6\u00dfe hatte. <\/p>\n<p>Innerhalb der Republik hatten sich dank der Unterst\u00fctzung der                 Sowjetunion die anfangs schwachen KommunistInnen gegen die AnarchistInnen                 und oppositionellen KommunistInnen der POUM durchgesetzt und nach                 den sogenannten Maitagen 1937 begann die stalinistische Repression.               <\/p>\n<p>Unter F\u00fchrung deutscher KommunistInnen wurden bis auf wenige                 Ausnahmen alle Mitglieder und SympathisantInnen der DAS inhaftiert.               <\/p>\n<p>Die sich abzeichnende Niederlage im B\u00fcrgerkrieg und die Erfahrung                 der stalinistischen Repression aber auch die Entt\u00e4uschung \u00fcber                 die mangelnde Solidarit\u00e4t der spanischen GenossInnen, f\u00fchrte bei                 einem Teil der deutschen AnarchosyndikalistInnen zu einer Dogmatisierung                 anarchistischer Grunds\u00e4tze.<\/p>\n<p>Fritz Benner wandte sich folgenderma\u00dfen gegen die abstrakte Ablehnung                 des Staates: &#8222;F\u00fcr uns als Anarchisten ist es gleichg\u00fcltig, welcher                 Staat uns unterdr\u00fcckt, nicht gleichg\u00fcltig ist es uns aber, wie                 stark die Unterdr\u00fcckung ist. Wenn im Saargebiet und jetzt im Sudetenland                 bei einem gro\u00dfen Teil des Proletariats die \u201aWahnidee&#8216; des nationalen                 Staates st\u00e4rker ist, als das Gef\u00fchl f\u00fcr eine, wenn auch \u201arelative&#8216;                 Freiheit, so ist es f\u00fcr uns tief bedauerlich, aber es ist uns                 nicht gleichg\u00fcltig. Weil ich \u201aantinationalistisch&#8216; bin, erkl\u00e4re                 ich, da\u00df mir, trotz meiner starken Heimatliebe, zehn Jahre in                 einem schwedischen Gef\u00e4ngnis lieber sind als ein Jahr Konzentrationslager                 im deutschen \u201anationalen&#8216; Einheitsstaat.<\/p>\n<p>Wir sind &#8218;anational&#8216;, wir sind gegen jeden Staat. Aber &#8211; solange                 wir die Staaten nicht beseitigen k\u00f6nnen, w\u00e4hlen wir unter Umst\u00e4nden                 &#8218;das kleinere \u00dcbel&#8216;. Staat ist Staat, Hering ist Hering, Pisse                 ist Pisse. Aber es ist doch noch ein \u201a<i>kleiner&#8216; <\/i>Unterschied,                 ob ich Hering nach meinem Geschmack fressen kann, oder ob mich                 faschistische Sadisten durch grauenhafte Mi\u00dfhandlungen dazu zwingen                 k\u00f6nnen, die Heringe zu fressen, die sie mit <i>Stauberfett<\/i>                 beschmiert und auch noch bepi\u00dft hatten.<i>&#8222;<\/i><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie er Anarchist wurde, was er darunter und unter einem anarchistischen Charakter verstand, formulierte er 1948 gegen\u00fcber einem Genossen folgenderma\u00dfen: &#8222;Im ersten Krieg war ich zehn Jahre alt, als ich mich zum ersten Mal an Lebensmittelpl\u00fcnderungen beteiligte. Seit der Zeit bin ich alles, womit wir uns zu bezeichnen pflegen. 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