{"id":9328,"date":"2009-04-01T00:00:44","date_gmt":"2009-03-31T22:00:44","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9328"},"modified":"2022-07-26T14:24:11","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:11","slug":"tibet-und-der-chinesische-kolonialismus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/04\/tibet-und-der-chinesische-kolonialismus\/","title":{"rendered":"Tibet und der chinesische Kolonialismus"},"content":{"rendered":"<p>Im M\u00e4rz 2009 gedachte die transnationale Tibet-Solidarit\u00e4t zwei wichtiger Daten:<\/p>\n<p>Am 10. M\u00e4rz 1959 fl\u00fcchtete Tenzin Gyatso ((1)) nach einem tibetischen Aufstand relativ geringen Gewaltniveaus nach Indien. Der Aufstand wurde von der chinesischen Armee blutig niedergeschlagen.<\/p>\n<p>Und am 14. M\u00e4rz j\u00e4hrte sich zum ersten Mal die tibetische Revolte von 2008, die von gewaltfreien Aktionen der buddhistischen M\u00f6nche und Nonnen ausging, dann aber auch in Gewalttaten gegen chinesische Gesch\u00e4fte und B\u00fcrgerInnen umschlug. ((2))<\/p>\n<p>Was aber lesen wir in der GWR-Ausgabe zum Jahrestag dieser Ereignisse? Eine Denunziation des &#8222;Neonationalismus&#8220; am exemplarischen Beispiel Tibets, die in der Empfehlung gipfelt, es sei falsch, die &#8222;deutsche&#8220; Solidarit\u00e4tsbewegung f\u00fcr Tibet zu unterst\u00fctzen, in der sich auch eine Merkel und ein Herr Koch tummelten.<\/p>\n<p>Ich bestreite die Kernthesen dieses Artikels und empfehle als gewaltfreier Anarchist die kritische Unterst\u00fctzung der transnationalen &#8211; nicht der deutschen &#8211; Tibet-Solidarit\u00e4t.<\/p>\n<h3>Nationalismuskritik auf eurozentrischer Grundlage<\/h3>\n<p>Ich teile die vom Autor J\u00f6rg Djuren eingangs vorgestellte Kritik der Nationalstaatsbildung als Disziplinierungs- und Modernisierungsprozess im einzelnen wie im Bev\u00f6lkerungsk\u00f6rper. Doch was er dann macht, ist eine klassisch linke und eurozentrische \u00dcbertragung von historisch-sozialen Entwicklungen innerhalb Europas &#8211; und eben fast nur dort untersucht &#8211; auf andere Weltgegenden, hier Tibet.<\/p>\n<p>Wenn J\u00f6rg schreibt, die Erfindung Nationalstaat habe ihren Ausgangspunkt &#8222;in den freien St\u00e4dten&#8220;, dann meint er die europ\u00e4ischen St\u00e4dte des Mittelalters und eben nicht die Tibets. In Tibet gab es keine \u00e4hnlichen St\u00e4dte und bis heute gibt es dort auch kein vergleichbares, sondern nur ein abh\u00e4ngiges B\u00fcrgertum.<\/p>\n<p>Diese Sorte des Eurozentrismus ist eine typisch marxistische. Schon Marx glaubte, mit seiner Kategorie der &#8222;asiatischen Produktionsweise&#8220; europ\u00e4ischen und indischen Feudalismus einfach gleichsetzen zu k\u00f6nnen &#8211; man\/frau beachte hier, dass Marx tats\u00e4chlich nur den indischen Feudalismus versuchte zu beschreiben, aber als eurozentrischer Modernist schon gleich mal die Kategorie &#8222;asiatisch&#8220; daf\u00fcr gebrauchte.<\/p>\n<p>In Indien hat sich seit den 1980er Jahren eine ganze Generation von AktivistInnen und HistorikerInnen gegen diese Feudalismus-\u00dcbertragung ausgesprochen und auch der tibetische &#8222;Feudalismus&#8220; ist eben nicht einfach mit dem europ\u00e4ischen zu vergleichen. Nur deshalb kann etwa der indische Graswurzelrevolution\u00e4r Jogin S. schreiben: &#8222;Das alte Tibet hatte fast keine Armee und keine Kriegstradition. Eine nur aus einer Hundertschaft bestehende externe Armee konnte jederzeit Lhasa besetzen. Alt-Tibet hatte kaum Gef\u00e4ngnisse und keine Tradition der Todesstrafe.&#8220; ((3))<\/p>\n<p>Das nur als Kontrapunkt zu allen Gewalt- und Herrschaftsformen vorwiegend aus Kriegen zwischen verschiedenen Adels-Clans, die es nat\u00fcrlich auch gab und die J\u00f6rg hinl\u00e4nglich beschreibt, bis hin selbstredend zu drastisch ausgedr\u00fcckten Brutalit\u00e4ten wie dem Aug\u00e4pfel-Ausrei\u00dfen bei Oppositionellen. Doch im Furor der Denunziation des alten Tibet schleichen sich dann S\u00e4tze ein wie: &#8222;Teile des Milit\u00e4rs wurden aufgel\u00f6st, weitere Modernisierungen unterbunden&#8220;, und das als Kritik! Und das in der antimilitaristischen GWR, die die Aufl\u00f6sung von Milit\u00e4r weltweit fordert!<\/p>\n<p>Das war ja ein Grund daf\u00fcr, dass die alten Lamas bei den MongolInnen und ChinesInnen mitunter milit\u00e4rischen Schutz suchten, weil ihre buddhistische Gesellschaft eben kein taugliches Milit\u00e4r hervorbrachte! Im Kontext des Zitats geht es hier um die Aufl\u00f6sung der ersten weltlichen Schule, die 1922-26 in Gyantse bestand. Was J\u00f6rg verschweigt, ist, dass sie mit zustimmender Duldung und erst nach weltoffenen Reformen von Lobsang Thupten Gyatso (13. Dalai-Lama; u.a. Verbot der Todesstrafe, Ausbildung im westlichen Ausland wird erm\u00f6glicht) ge\u00f6ffnet werden konnte &#8211; der sie dann sp\u00e4ter, wieder konservativer geworden, auch wieder schloss. Vor allem aber, dass die sp\u00e4teren weltlichen Schulen der chinesischen Kolonialmacht die tibetische Kultur negierten, was bei traditionellen TibeterInnen zu massenhaften Schulverweigerungen f\u00fchrte (eine Form gewaltfreien Widerstands).<\/p>\n<p>Die chinesische Modernisierung war eine Disziplinierung der als chaotisch, nomadisch und unterentwickelt begriffenen tibetischen Kultur. Die chinesische Indoktrination der tibetischen Kinder war das Mittel, dem beizukommen.<\/p>\n<p>Angesichts dieser kulturellen Modernisierung schickten die Eltern ihre Kinder eben wieder in religi\u00f6se Klosterschulen. ((4))<\/p>\n<p>Was hat J\u00f6rg noch als Bestandteil des Nationalstaats und der Produktion moderner Subjekte beschrieben: &#8222;die Verschulung des Menschen&#8220; &#8211; richtig, nur war es die chinesische Kolonialmacht, die sie betrieb und die Menschen f\u00fcr die Moderne disziplinierte.<\/p>\n<p>J\u00f6rg weigert sich zudem, im tibetischen Buddhismus mindestens zwei Str\u00f6mungen auszumachen, eine gewaltlose, tolerante, potentiell gerade auch dem Atheismus gegen\u00fcber offene Tradition (es gibt immerhin keinen personalen Gott) und eine gewaltsame, reaktion\u00e4re. Ihn interessiert diese Unterscheidung unterschiedlicher Traditionen innerhalb derselben Kultur gar nicht und genau darin liegt sein f\u00fcr die europ\u00e4ische Linke exemplarischer Eurozentrismus.<\/p>\n<p>Es waren aber die gewaltlosen buddhistischen M\u00f6nche und Nonnen, die den Aufstand vor einem Jahr mit massenhaften gewaltfreien Aktionen begannen, ohne Hass auf chinesische MitbewohnerInnen, der dann erst von einigen Jugendlichen au\u00dferhalb der Kl\u00f6ster dazukam und bis heute nicht dominant im tibetischen Widerstand ist &#8211; trotz der Kritik des Jugendkongresses an der Gewaltlosigkeitsstrategie Tenzin Gyatsos. Es waren auch die gewaltlosen buddhistischen M\u00f6nche\/Nonnen, die in Vietnam gewaltlosen Widerstand gegen den US-Krieg leisteten oder die in Birma mehrfach das brutale Milit\u00e4rregime gewaltlos bek\u00e4mpften &#8211; w\u00e4re all das nicht Grund genug, sich den Buddhismus genauer anzusehen und nach Gr\u00fcnden f\u00fcr soviel gewaltlose K\u00e4mpfe zu suchen?<\/p>\n<p>Stattdessen degeneriert bei J\u00f6rg die Revolte, die das ganze Land und sogar tibetische Gruppen in chinesischen Provinzen erfasste, zu einer b\u00fcrgerlichen Angelegenheit, getragen nur von &#8222;einem kleinen Teil der Bev\u00f6lkerung&#8220; &#8211; eine besch\u00e4mende Reduktion.<\/p>\n<p>Es gilt in der internationalen Tibet-Solidarit\u00e4t, gerade die vorhandenen gewaltlosen Tendenzen zu unterst\u00fctzen und sie gegen Gegengewalt-orientierte Tendenzen und reine Nationalismen zu verteidigen.<\/p>\n<h3>Einmischen und Unterst\u00fctzen ist n\u00f6tig, nicht pauschale Verdammung und Abseits-Stehen<\/h3>\n<p>Was in J\u00f6rgs Kritik des tibetischen Neonationalismus fehlt, ist die Dimension des Kolonialismus, der Wille, hier zwischen Unterdr\u00fcckenden und Unterdr\u00fcckten zu unterscheiden und einen kolonialen Kontext zu erkennen, geschweige denn in die Analyse des Nationalismus mit einzubeziehen. So gibt es f\u00fcr J\u00f6rg gerade deshalb keinen chinesischen Kolonialismus, weil seiner Meinung nach w\u00e4hrend der Unabh\u00e4ngigkeit Tibets (1911-1949) &#8222;der Aufbau nationalstaatlicher Institutionen oder einer nationalstaatlichen Politik (&#8230;) nicht (erfolgte). Tibet blieb ein Territorium ohne Nationalstaat&#8220;.<\/p>\n<p>Ist das denn aus gewaltfrei-libert\u00e4rer Sicht nicht eher sympathisch?<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich schottete sich das unabh\u00e4ngige Tibet eher ab, bem\u00fchte sich nicht um internationale Anerkennung im V\u00f6lkerbund &#8211; doch der Zustand der Unabh\u00e4ngigkeit auch von den westlichen Kolonialm\u00e4chten ist historisch unbestreitbar: als die chinesische Armee einmarschierte, um das Land vom &#8222;Imperialismus&#8220; zu befreien, befanden sich gerade mal rund zehn westliche Botschaftsangestellte im Land. ((5))<\/p>\n<p>Was hier unter libert\u00e4rem, gerade nationalismuskritischem Vorzeichen positiv erscheint, wird Tibet in J\u00f6rgs Analyse aber zum Verh\u00e4ngnis. Wo kein Nationalstaat ist, ist die Okkupation folglich auch keine solche. Im Gegensatz zum alten Tibet gibt es f\u00fcr J\u00f6rg nunmehr keine chinesischen Gewaltorgien und Augenausrei\u00dfen, sondern nur noch einen &#8222;Konflikt&#8220; oder immerhin eine &#8222;rigide&#8220; Durchsetzung der Parteilinie. Sprache ist verr\u00e4terisch: J\u00f6rg spricht nur noch von der TAR. Das ist die \u00dcbernahme des chinesischen Newspeak &#8211; Orwell pur: ich m\u00f6chte J\u00f6rg empfehlen, auch nur irgendeine\/n TibeterIn zu fragen, ob er\/sie aus der TAR kommt oder dorthin zur\u00fcck will. Er w\u00fcrde nur ein verst\u00e4ndnisloses &#8218;wie bitte?&#8216; ernten. Tibet TAR zu nennen, ist grotesk. Hier zeigt sich, dass im kolonialen Kontext reine Nationalismuskritik in der Affirmation kolonialer Herrschaft endet.<\/p>\n<h3>Die Realit\u00e4t des chinesischen Kolonialismus<\/h3>\n<p>Der junge und unerfahrene Tenzin Gyatso hat tats\u00e4chlich 1954 Mao besucht. Der Neunzehnj\u00e4hrige war naiv und hat sich vom heuchlerisch schmeichelnden Mao \u00fcber den Tisch ziehen lassen, der l\u00e4ngst anderes vorhatte. Es war sogar Tenzins Konkurrent und anf\u00e4nglicher chinesischer Kollaborateur Chokyi Gyaltsen ((6)), der schlie\u00dflich das Land bereiste und 1962 an Zhou Enlai einen realistischen Zeugenbericht \u00fcber die bisherigen Jahre der Besatzung sandte, die erst 1989 bekannt gewordenen &#8218;70.000 Zeichen&#8216;. Darin beschreibt er die Ergebnisse der 1959 in Tibet eingef\u00fchrten Volkskommunen.<\/p>\n<p>Die noch rund 20 % der nomadischen Bev\u00f6lkerung wurden zwangsweise sesshaft gemacht und in die Volkskommunen integriert &#8211; die versuchte Ausl\u00f6schung einer Lebensweise.<\/p>\n<p>Innerhalb der Volkskommunen wurden Privilegien f\u00fcr diejenigen vergeben, die andere als &#8222;Reaktion\u00e4re&#8220; denunzierten.<\/p>\n<p>Bauern und B\u00e4uerinnen wurden regelm\u00e4\u00dfig zum Thamzing verurteilt: \u00f6ffentliche Sitzungen der Selbstkritik, in denen das Opfer von Familienangeh\u00f6rigen, Kindern und FreundInnen kritisiert, geschlagen, bespuckt wurde, was aus Besch\u00e4mung oft im Selbstmord oder dem Wunsch des Opfers, sofort get\u00f6tet zu werden, endete. Die BewohnerInnen der Volkskommunen konnten nur ein F\u00fcnftel ihrer Ernte behalten. Nahrungsmittel wurden rationiert; f\u00fcr TibeterInnen gab es nur reduzierte Mengen tsampa-Mehl und schwarzen Tee, doch das chinesische Personal bekam neben Mehl auch Reis, Butter und Fleisch &#8211; was auf tibetischen Bauernh\u00f6fen vor den Volkskommunen reichlich vorhanden war. All das war Grund f\u00fcr die sp\u00e4tere Hungersnot in Tibet. Die Repression erstreckte sich auf alle Lebensbereiche.<\/p>\n<p>Gyaltsen berichtet auch von Zwangsabbr\u00fcchen von Schwangerschaften: Frauen zwischen 12 und 45 Jahren mussten sich auf dem Dorfplatz versammeln, vor einem chinesischen Zelt. Die Freiwilligen erhielten medizinische Betreuung nach dem Eingriff; diejenigen, die ins Zelt gezwungen werden mussten, erhielten nichts und verbluteten oft.<\/p>\n<p>Die F\u00f6ten wurden vor den wartenden Schwangeren am Zelteingang auf einen Haufen geworfen. ((7)) Das nur als ein kleiner Teil der kolonialen Gegenrealit\u00e4t zum alttibetischen Augenausrei\u00dfen. Das eine wie das andere ist barbarisch &#8211; niemand sollte die maoistischen Formen der Repression mit Verweis auf vorkoloniale Bestialit\u00e4ten entschuldigen oder relativieren!<\/p>\n<p>Am 22.1.1950 traf sich Mao mit Stalin und fragte, ob die sowjetische Luftwaffe Waffen f\u00fcr die chinesische Armee transportieren k\u00f6nnte, die sich auf die Invasion Tibets vorbereite.<\/p>\n<p>Stalin dazu: &#8222;Gut, dass Sie einen Angriff vorbereiten. Die Tibeter m\u00fcssen unterdr\u00fcckt werden.&#8220; Stalin riet auch dazu, Tibet und andere Grenzregionen mit Han-ChinesInnen zu besiedeln. Der Maoismus ist eine Form des Stalinismus &#8211; auch das vergessen viele Linke, die sich offiziell seit langem AntistalinistInnen nennen. ((8))<\/p>\n<p>Staatliche Bev\u00f6lkerungspolitik war von Anfang an Bestandteil der maoistischen Kolonialpolitik. Nur deshalb drohen die TibeterInnen zur Minderheit im eigenen Land zu werden. Das ist kein nat\u00fcrlicher Vorgang, sondern staatlich geplant, begonnen beim Stra\u00dfenbau und bei der Zugverbindung Beijing-Lhasa.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft nicht, dass die gewaltsamen Ausbr\u00fcche bei der tibetischen Revolte vor einem Jahr berechtigt gewesen w\u00e4ren. Aber wo ein Rassismus von unten konstatiert wird, sollte nicht vom Rassismus von oben geschwiegen werden. Alles eine Frage der Perspektive: Angesichts einer frauenfeindlichen Bev\u00f6lkerungspolitik Chinas ist es m.E. eher der gewaltlosen tibetischen Kultur zuzuschreiben, dass ressentimentgeladene Ausschreitungen in 50 Jahren nicht \u00f6fter passiert sind. Wo B\u00fcrgerkriege und bewaffnete nationale Befreiungsbewegungen \u00fcber Jahrzehnte gew\u00fctet haben, ist in einem Zeitraum von 50 Jahren eine ganz andere Dimension an Rassismus zu konstatieren als gerade der tibetische.<\/p>\n<h3>Gandhi, Tagore und Tenzin Gyatso<\/h3>\n<p>Es ist diese Qualit\u00e4t der weit verbreiteten, vor allem von den buddhistischen M\u00f6nchen und Nonnen praktizierten Gewaltlosigkeit, die J\u00f6rg in seiner Nationalismuskritik konstant ignoriert. Schon bei der Aufl\u00f6sung des Kolonialreichs Sowjetunion zeigten sich einerseits kritikw\u00fcrdige Nationalismen, andererseits aber auch qualitative Unterschiede: die Unabh\u00e4ngigkeit der baltischen Staaten etwa (trotz gef\u00e4hrlicher antirussischer Ressentiments da und dort) oder auch die Trennung in Tschechien und Slowakei vollzog sich ohne B\u00fcrgerkrieg wie in Jugoslawien oder im Kaukasus (z.B. Tschetschenien) &#8211; welch ein qualitativer Unterschied, und zwar f\u00fcr Generationen Beteiligter, die keine Toten zu beklagen haben. Vers\u00f6hnung und Wiederzusammenleben werden so m\u00f6glich, w\u00e4hrend sie durch Kolonialismus und B\u00fcrgerkrieg unm\u00f6glich gemacht werden.<\/p>\n<p>Der tibetische Widerstand teilt sich in unterschiedliche Gruppen auf: der Tibetische Jugendkongress bef\u00fcrwortet einen harten Nationalismus und hat eine Kritik an der Gewaltlosigkeit Tenzin Gyatsos. Andere, wie der gewaltfreie Aktivist Tenzin Tsundune, bef\u00fcrworten die nationale Unabh\u00e4ngigkeit und kritisieren an Tenzin Gyatso dessen Tendenz, Gewaltlosigkeit als Verhandlungen mit dem Gegner misszuverstehen und die Strategie der gewaltlosen Aktion zu vernachl\u00e4ssigen. Gerade unter dem Gesichtspunkt der Nationalismuskritik kann jedoch kein Zweifel daran bestehen, dass die Position von Tenzin Gyatso heute die am wenigsten nationalistische ist: Welche pr\u00e4gende Pers\u00f6nlichkeit gegen Kolonialismen in den letzten 50 Jahren hat sich mit einer wirklichen, realen Autonomie innerhalb des Kolonialstaats zufrieden gegeben?<\/p>\n<p>Genau das aber ist die Position Tenzin Gyatsos, die er auch w\u00e4hrend der Revolte und nach der gescheiterten Dialogstrategie bis heute aufrecht erh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Wie bei Gandhi ist bei Tenzin Gyatso der Nationalismus eben kein Gegensatz zum Universalismus, er trennt nicht Kulturen, sondern vermischt sie und interpretiert sie neu. Bei beiden ist Gewaltlosigkeit ein universaler Wert, der durch die Form des Kampfes weit \u00fcber den begrenzten nationalen Rahmen G\u00fcltigkeit erlangen soll. Gandhi sagte, die Gewaltlosigkeit sei das Geschenk Indiens an die Welt. F\u00fcr ihn war die lokale Ebene so wichtig wie die regionale wie die nationale wie die universale. Die nationale Ebene wird da eben nicht besonders hervorgehoben &#8211; ganz zu schweigen von seinen bewaffneten Feinden wie Subhas Chandra Bose, der aus nationalistischen Gr\u00fcnden das B\u00fcndnis mit den Nazis und Japan suchte.<\/p>\n<p>Das nationalistische Selbstverst\u00e4ndnis Tenzin Gyatsos lautet:<\/p>\n<p>&#8222;In erster Linie bin ich Mensch und ich rede als Mensch \u00fcber das, was in unser aller Verantwortung liegt. In zweiter Linie bin ich buddhistischer M\u00f6nch und an meine Gel\u00fcbde gebunden; erst an dritter Stelle bin ich Tibeter, das Oberhaupt eines Volkes, dem die Freiheit geraubt wurde.&#8220;<\/p>\n<p>Bleibt zu betonen, dass in den letzten Jahren sogar der Wille offenkundig geworden ist, spirituelle und weltliche Institutionen zu trennen.<\/p>\n<p>Sogar sein Biograph schreibt: &#8222;Seine dritte Verpflichtung, diejenigen gegen\u00fcber dem tibetischen Volk, ist zeitlich begrenzt und w\u00e4re mit der Erlangung der Freiheit Tibets und der Demokratisierung seiner Gesellschaft erloschen.&#8220; ((9))<\/p>\n<p>Welchen Diktator, welchen Gottk\u00f6nig bek\u00e4mpfen europ\u00e4ische Linke hier denn? Mugabe? Saddam Hussein? Bush? Wer diesen gem\u00e4\u00dfigten Nationalismus nicht erkennt und keinen analytischen Trennungsstrich zu den Genannten ziehen kann, hat nicht erfasst, warum Gandhi zwar Kampagnen f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit Indiens gef\u00fchrt hat, aber dann eben nicht Staatschef geworden ist, entt\u00e4uscht war \u00fcber die Form der Unabh\u00e4ngigkeit, oder warum er von einem Hindu-Nationalisten ermordet wurde, der Gandhi noch vor Gericht gerade als &#8218;Verr\u00e4ter an der Nation&#8216;, als &#8218;Anti-Nationalist&#8216;, als &#8217;sanatani&#8216; (Traditionalist gegen den modernen Staat) denunzierte.<\/p>\n<p>Im Sommer 2008 fand kurz vor den Olympischen Spielen in Bejing die beste und transnationalste direkte gewaltfreie Aktion seit Jahren statt: der weltweite Wettbewerb zum Ausblasen der olympischen Flamme.<\/p>\n<p>Der olympische Fackellauf ist \u00fcbrigens ein Geschenk der Nazis von 1936, da wurde er \u00fcberhaupt erstmals praktiziert, um die Verbundenheit der Nazi-Kultur mit dem K\u00f6rperkult Griechenlands ideologisch zu befestigen. 2008 wurde die Flamme in Paris von den &#8222;D\u00e9sobeissants&#8220; (Ungehorsame) ausgeblasen &#8211; einem Netzwerk gewaltfreier AktivistInnen um einen Greenpeace-Aussteiger -, der Fackellauf musste abgebrochen werden. In der ganzen Welt beteiligten sich internationale Tibet-SympathisantInnen und AktivistInnen aus der Anti-Globalisierungsbewegung an den gewaltfreien Aktionen. \u00dcber alle Bildschirme liefen die chinesischen Geheimdienstleute in ihren Sportanz\u00fcgen herum und versuchten vergebens, die Flamme vor dem transnationalen Blasebalg oder einem gesch\u00fctteten K\u00fcbel Wasser zu sch\u00fctzen. Ich kann mich nicht erinnern, dass ein derma\u00dfen brutaler, repressiver Geheimdienst in den letzten Jahren auf solch tolle, geradezu surrealistische Weise weltweit l\u00e4cherlich gemacht werden konnte.<\/p>\n<p>Heute schweigen die westlichen Medien eher. Ohne Olympia interessiert Tibet kaum. Ein Jahr nach der Revolte hat China seine paramilit\u00e4rischen und Polizeitruppen in Tibet verst\u00e4rkt und den sowieso nie erstgenommenen Dialog f\u00fcr beendet erkl\u00e4rt. Au\u00dfenminister Yang Jiechi hat erkl\u00e4rt, die &#8222;Clique des Dalai-Lama besteht nach wie vor auf einem &#8218;Gro\u00df-Tibet&#8216; auf einem Viertel des chinesischen Territoriums&#8220;. ((10)) Das ist chinesischer Zentralismus und Kolonialismus &#8211; und das ist das Problem der Tibetfrage, nicht die Struktur und die Perspektive des tibetischen Widerstands.<\/p>\n<p>Bleibt das Problem Merkel, Koch, CIA et al: Als Tenzin Gyatso bereits in den 1950er Jahren gegen den bewaffneten Kampf argumentierte, ging er explizit auf Distanz zu den K\u00e4mpfern, die von Anfang an mit dem US-amerikanischen und indischen Geheimdienst zusammenarbeiten wollten. Es waren die Bewaffneten, die das machten, nicht die Gewaltlosen.<\/p>\n<h3>Und heute?<\/h3>\n<p>Merkel, Koch und Co. sind gegen die birmesische Milit\u00e4rherrschaft &#8211; ich auch; sie sind gegen die nordkoreanischen KommunistInnen &#8211; ich auch. Sie sind gegen Chinas Okkupation Tibets &#8211; ich auch.<\/p>\n<p>Na und?<\/p>\n<p>Das &#8218;Problem&#8216; ist so alt wie der Staatskommunismus. Wer Feinde des Westens kritisiert, wird der Kollaboration, ja der Identifikation mit ihm geziehen. Das war schon immer falsch und ignorant. Das hat schon immer negiert, dass die Gr\u00fcnde libert\u00e4r-gewaltfreier Sympathie ganz andere sind als geopolitische Interessen, die sich von heute auf morgen \u00e4ndern k\u00f6nnen und denen das deutsche Interesse zun\u00e4chst einmal diktiert, gute Wirtschaftsbeziehungen zu China aufrechtzuerhalten.<\/p>\n<p>Nichts ist \u00e4lter als solcher Kalte-Kriegs-Klamauk aus DKP-Zeiten.<\/p>\n<p>In Landauers Sinne unterst\u00fctze ich die tibetische Revolte heute und die zu fordernde Revolte gegen einen potentiellen Nationalstaat nach der Befreiung Tibets morgen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im M\u00e4rz 2009 gedachte die transnationale Tibet-Solidarit\u00e4t zwei wichtiger Daten: Am 10. M\u00e4rz 1959 fl\u00fcchtete Tenzin Gyatso ((1)) nach einem tibetischen Aufstand relativ geringen Gewaltniveaus nach Indien. Der Aufstand wurde von der chinesischen Armee blutig niedergeschlagen. Und am 14. 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