{"id":9351,"date":"2009-05-01T00:00:18","date_gmt":"2009-04-30T22:00:18","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9351"},"modified":"2022-07-26T14:24:10","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:10","slug":"todliche-grenze","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/05\/todliche-grenze\/","title":{"rendered":"T\u00f6dliche Grenze"},"content":{"rendered":"<p>Das Massensterben von Bootsfl\u00fcchtlingen vor den Toren der Europ\u00e4ischen                 Union geht unvermindert weiter. Ende M\u00e4rz 2009 kamen knapp 300                 Menschen auf dem Weg von Libyen nach Italien ums Leben &#8211; die gr\u00f6\u00dfte                 Opferzahl bei einer Fl\u00fcchtlingsschiffskatastrophe in der Geschichte                 der Europ\u00e4ischen Union. Mehrere Boote sind bei st\u00fcrmischem Wetter                 gesunken. Wie viele Bootsfl\u00fcchtlinge tats\u00e4chlich ertranken, werden                 wir nie erfahren. Die \u00dcberlebenden dieser Katastrophen landeten                 in libyschen Gef\u00e4ngnissen. Die zynische Reaktion des rechtspopulistischen                 Innenministers Italiens, Roberto Maroni, auf diese Trag\u00f6die: Ab                 Mitte Mai 2009 werde dieser Fluchtweg durch gemeinsame Grenzpatrouillen                 mit Libyen dauerhaft geschlossen. Dies ist ein Programm, die Todesrate                 auf See weiter zu erh\u00f6hen. <\/p>\n<p>Mitte April 2009 wurden 140 Bootsfl\u00fcchtlinge von einem t\u00fcrkischen                 Frachter aus der See gerettet. Doch dann wollte sie keiner haben.                 Sowohl Malta als auch Italien weigerten sich, die Geretteten aufzunehmen.               <\/p>\n<p>F\u00fcnf weitere Tage verbrachten die 140 \u00dcberlebenden auf dem offenen                 Deck eines Frachters, ohne ausreichende Verpflegung und medizinische                 Versorgung. Dies sind nur zwei Schlaglichter zur Situation von                 Bootsfl\u00fcchtlingen. <\/p>\n<p>Die Staaten Europas setzen weiterhin auf eine polizeiliche bzw.                 milit\u00e4rische L\u00f6sung: Mehr Geld f\u00fcr die Abriegelung der Seewege                 durch die europ\u00e4ische Grenzschutzagentur Frontex und die Einbindung                 der Transitstaaten in den Fl\u00fcchtlingsabwehr um jeden Preis. <\/p>\n<p>Wo die europ\u00e4ische Grenzschutzagentur Frontex operiert, gibt                 es per definitionem nur &#8222;irregul\u00e4re Migration&#8220;, die gemeinsam                 mit &#8222;Partnerstaaten&#8220; wie Libyen, Marokko, Tunesien, Mauretanien                 zu bek\u00e4mpfen ist &#8211; egal, welche menschenrechtlichen Standards                 diese Staaten haben. Die Europ\u00e4ische Union und ihre Mitgliedstaaten                 haben sich mit der Grenzschutzagentur ein Kontrollinstrument geschaffen,                 das ein bedrohliches Schutzvakuum f\u00fcr Fl\u00fcchtlinge auf hoher See                 und an den europ\u00e4ischen Au\u00dfengrenzen herstellt. Frontex agiert                 in einer rechtlichen Grauzone.<\/p>\n<p>Gegen v\u00f6lkerrechtswidrige Praktiken von Frontex und Grenzbeamten                 der Mitgliedstaaten formiert sich europaweit Kritik. Die Kernforderung:                 Es d\u00fcrfen an den europ\u00e4ischen Grenzen keine menschenrechtsfreien                 Zonen fortbestehen. Auch auf hoher See und auf Schiffen von Frontex-Verb\u00e4nden                 gelten die Schutzstandards der Genfer Fl\u00fcchtlingskonvention und                 der Europ\u00e4ischen Menschenrechtskonvention.<\/p>\n<h3>Fokus Seegrenzen<\/h3>\n<p>Der Haushalt der Grenzschutzagentur steigt rasant. Von etwa 35                 Millionen Euro im Jahr 2007 verdoppelte er sich 2008 auf 70 Millionen.                 In diesem Jahr stehen 90 Millionen Euro zur Verf\u00fcgung. Der L\u00f6wenanteil                 &#8211; etwa 35 Millionen &#8211; soll f\u00fcr die Operationen an den Seegrenzen                 verwandt werden. <\/p>\n<p>Die Mitgliedstaaten, aber auch das Europaparlament verbinden                 die willf\u00e4hrigen Haushaltserh\u00f6hungen mit klaren politischen Erwartungen:                 Die EU-Agentur soll Fl\u00fcchtlingsboote im Rahmen von gemeinsamen                 Frontex-Seeoperationen bereits in internationalen Gew\u00e4ssern und                 teilweise in den Territorialgew\u00e4ssern von Herkunfts- und Transitstaaten                 m\u00f6glichst effizient verfolgen und zur\u00fcckdr\u00e4ngen. Im Technokratenjargon                 von Frontex hei\u00dft dieses lebensgef\u00e4hrdende Vorgehen: Fl\u00fcchtlingsboote                 und ihre Insassen werden umgeleitet (diverted). Wie dieses &#8222;Umleiten&#8220;                 von Schiffen oder gar Paddelbooten auf See geschieht und welche                 Menschen davon betroffen sind, erf\u00e4hrt die \u00d6ffentlichkeit nicht.                 Frontex liefert keine aussagef\u00e4higen Daten und Berichte. <\/p>\n<h3>Im Visier: Bootsfl\u00fcchtlinge<\/h3>\n<p>Fl\u00fcchtlinge und MigrantInnen versuchen, \u00fcber drei Hauptseerouten                 europ\u00e4isches Territorium zu erreichen: von Westafrika auf die                 Kanarischen Inseln, von Nordafrika, insbesondere Libyen, nach                 Malta oder Italien und von der T\u00fcrkei \u00fcber die \u00c4g\u00e4is nach Griechenland.                 Mittlerweile finden die gef\u00e4hrlichen Fluchten auf dem Seeweg zu                 allen Jahreszeiten statt. <\/p>\n<p>2008 landeten nach Sch\u00e4tzungen des UN-Fl\u00fcchtlingshilfswerks UNHCR                 und der Menschenrechtsorganisation Fortress Europe etwa 70.000                 Bootsfl\u00fcchtlinge an den europ\u00e4ischen K\u00fcsten. Die verheerende Menschenrechtsbilanz                 2008: \u00fcber 1.500 dokumentierte Tote vor den Toren Europas. Und                 die Dunkelziffer ist hoch. <\/p>\n<h3>Modell Hera<\/h3>\n<p>Im Rahmen der &#8222;Operation Hera&#8220; waren Frontex-Schiffe im Seegebiet                 zwischen Westafrika und den Kanarischen Inseln im Einsatz. 2008                 wurden alleine dort 5.969 Menschen abgedr\u00e4ngt. Frontex behauptet,                 die Bootsfl\u00fcchtlinge seien entweder zur Umkehr \u00fcberredet oder                 zum n\u00e4chsten Hafen im Senegal oder in Mauretanien eskortiert worden.                 Dies ist m\u00f6glich, weil die Frontex-Verb\u00e4nde auf Grundlage bilateraler                 Abkommen Spaniens mit Mauretanien und Senegal operieren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Amnesty International berichtete 2008, was in Mauretanien mit                 Fl\u00fcchtlingen und von Frontex &#8222;Zur\u00fcckeskortierten&#8220; geschieht. <a name=\"o1\"><\/a><a href=\"#u1\">(1)<\/a>               <\/p>\n<p>Sie werden zu Tausenden festgenommen, misshandelt und massenhaft                 in die Nachbarl\u00e4nder Senegal oder Mali abgeschoben oder ohne Verpflegung                 an der Grenze ausgesetzt. Nach Ansicht von Frontex war Hera erfolgreich:                 2008 erreichten nur 9.200 Bootsfl\u00fcchtlinge die Kanarischen Inseln.               <\/p>\n<h3>Nautilus vorerst gescheitert<\/h3>\n<p>Mit der Operation Nautilus III versuchte Frontex drei Jahre lang,                 die Gew\u00e4sser zwischen Sizilien, Malta und Libyen unter Mitarbeit                 von Polizeiverb\u00e4nden aus Malta, Italien, Frankreich, Deutschland                 und Griechenland zu kontrollieren. <\/p>\n<p>Mitte September 2008 konstatierte der Frontex-Direktor Laitinen                 das v\u00f6llige Scheitern der EU-Patrouillen an diesem Grenzabschnitt.                 Die verst\u00e4rkte Frontex-Pr\u00e4senz k\u00f6nne nach seiner Auffassung sogar                 zu einer dramatischen Zunahme der Zahl ankommender Bootsfl\u00fcchtlinge                 gef\u00fchrt haben. Wegen der mangelnden Kooperationsbereitschaft Libyens                 habe keiner der in Lampedusa Angekommenen zur\u00fcckgeleitet werden                 k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Eine Vertreterin des italienischen Roten Kreuzes, die seit drei                 Jahren in dem Lager auf der Insel Lampedusa arbeitet, beschreibt                 die Erfahrungen der Fl\u00fcchtlinge in Libyen folgenderma\u00dfen: &#8222;Etwa                 85 Prozent erfuhren dort Gewalt. Schwarze werden systematisch                 misshandelt. Fl\u00fcchtlingsfrauen berichten von Vergewaltigungen                 durch Polizeikr\u00e4fte. Fl\u00fcchtlinge berichten von Folter und dem                 Einsatz von Elektroschocks.&#8220;<\/p>\n<p>Am Jahresende 2008 verzeichneten Lampedusa \u00fcber 30.000 und Italien                 insgesamt 39.000 Bootsfl\u00fcchtlinge. Auf Malta kamen 2.700 (2007:                 613) an.<\/p>\n<h3>Poseidon &#8211; Warschau schweigt <\/h3>\n<p>F\u00fcr viele Schutzsuchende &#8211; vor allem aus dem Irak, Afghanistan                 und Somalia &#8211; f\u00fchrt der Fluchtweg nach Europa \u00fcber die \u00c4g\u00e4is.                 In diesem Seegebiet agieren seit 2007 verst\u00e4rkt auch Frontexverb\u00e4nde                 im Rahmen der Operation Poseidon. PRO ASYL und andere Menschenrechtsorganisationen                 dokumentieren v\u00f6lkerrechtswidrige Zur\u00fcckweisungen von Fl\u00fcchtlingsbooten                 und Misshandlungen durch die griechische K\u00fcstenwache seit Sommer                 2007 fortlaufend. Zwangsl\u00e4ufig stellt sich die Frage, inwieweit                 Frontex-Einsatzkr\u00e4fte direkt oder indirekt an den v\u00f6lkerrechtswidrigen                 Zur\u00fcckweisungen und Menschenrechtsverletzungen beteiligt waren.                 Doch die Frontexzentrale in Warschau h\u00e4lt sich zu den Eins\u00e4tzen                 in der \u00c4g\u00e4is bemerkenswert bedeckt. Obwohl nachweislich zahlreiche                 JournalistInnen in der Zentrale angefragt haben, ist die offizielle                 Begr\u00fcndung von Frontex, dass sie wegen des fehlenden Medieninteresses                 noch keine Zahlen und Fakten zu Poseidon 2008 ver\u00f6ffentlicht h\u00e4tten.               <\/p>\n<p>Auf Nachfragen spricht Frontex von 11.000 gesichteten Bootsfl\u00fcchtlingen.                 Ungef\u00e4hr 600 Personen w\u00e4ren auf Grund der Abschreckung (deterrence)                 durch die blo\u00dfe Pr\u00e4senz der Frontexverb\u00e4nde zur t\u00fcrkischen K\u00fcste                 umgekehrt. Keiner von diesen Bootsfl\u00fcchtlingen habe ein Schutzbegehren                 ge\u00e4u\u00dfert. <\/p>\n<p>\u00dcber die genaue Anzahl der umgekehrten Boote k\u00f6nne Frontex leider                 keine Angaben machen. <\/p>\n<p>Zur Frage der &#8222;Umleitungen&#8220; (also physischem Abdr\u00e4ngen) verwies                 Frontex an die griechischen Beh\u00f6rden. <\/p>\n<p>Eine Journalistin hat bei dem griechischen Koordinator von Frontex                 in Athen nachgefragt. Dieser stellte nur lapidar fest, er k\u00f6nne                 keine Daten \u00fcber &#8222;diversions&#8220; (Umleitungen) und &#8222;interceptions&#8220;                 (Aufgriffe) geben, weil er keine habe. Und au\u00dferdem sei beides                 doch das Gleiche. Konfrontiert mit den Frontex-Zahlen, meinte                 er, es sei nicht m\u00f6glich, diese Zahlen zu best\u00e4tigen. W\u00e4hrend                 der Poseidon 2008 seien 22.500 Menschen verhaftet worden. Nach                 Angaben des UNHCR Griechenland wurden allein auf der Insel Lesbos                 13.252 Bootsfl\u00fcchtlinge inhaftiert. 3.649 der bis zu drei Monaten                 inhaftierten Neuankommenden waren Minderj\u00e4hrige, ein gro\u00dfer Teil                 unbegleitete Kinder.<\/p>\n<h3>Frontex entdeckt die Menschenrechte<\/h3>\n<p>Im Frontex-Evaluierungsbericht vom 15. Januar 2009 hei\u00dft es,                 der Einfluss und der Druck humanit\u00e4rer Organisationen habe die                 Menschenrechtsfrage auf die Agenda von Frontex gesetzt. Die st\u00e4rker                 werdende Kritik in Bezug auf etwaige Menschenrechtsverletzungen                 bei gemeinsamen Operationen stelle die Agentur vor neue Herausforderungen                 hinsichtlich der Kommunikation. In den Seegebieten, wo es keine                 R\u00fcck\u00fcbernahmeabkommen mit Drittstaaten gebe, komme es im Zuge                 der verst\u00e4rkten Frontex-Patrouillen zu einem Anstieg der Einreiseversuche.               <\/p>\n<p>Der bemerkenswerte Schluss des Evaluationsberichtes: Die MigrantInnen                 w\u00fcrden erkennen, dass sie eine gr\u00f6\u00dfere Chance besitzen, die gef\u00e4hrliche                 Reise zu \u00fcberleben. Der Gefahr des &#8222;Refoulement&#8220;, also der Zur\u00fcckweisung,                 seien sie mangels Kooperation der Transitstaaten nicht ausgesetzt.                 Dies habe positive Auswirkungen auf die Menschenrechte der Betroffenen.               <\/p>\n<p>Der Umkehrschluss wird weder in diesem Evaluierungsbericht noch                 von den politisch Verantwortlichen in Europa gezogen. Wie ist                 es mit den Menschenrechten bestellt, wenn die Frontex-Eins\u00e4tze                 wie geplant verlaufen?<\/p>\n<h3>Europaparlament: Reparaturma\u00dfnahmen am Konstruktionsfehler?<\/h3>\n<p>Der Innenausschuss des Europ\u00e4ischen Parlaments behandelt in einem                 Bericht vom 10. M\u00e4rz 2009 zumindest vorsichtig einen (!) Konstruktionsfehler                 bei der Schaffung von Frontex. Das Mandat der Agentur m\u00fcsse \u00fcberarbeitet                 und &#8222;Schutz- und Menschenrechtsbelange&#8220; unbedingt in die Mission                 von Frontex integriert werden. <\/p>\n<p>Die Grenz\u00fcberwachung solle zuk\u00fcnftig au\u00dferdem detaillierte Berichte                 \u00fcber die abgefangenen Personen und ihre einzelnen Schicksale vorlegen.               <\/p>\n<p>Der konservative Europaabgeordnete Hubert Pirker sieht in diesem                 Beschluss die Gefahr, &#8222;dass Frontex von einer Grenzschutzbeh\u00f6rde                 zu einer Asylhilfebeh\u00f6rde umfunktioniert werden solle&#8220; (Presseerkl\u00e4rung                 vom 10. M\u00e4rz 2009).<\/p>\n<p>Was fehlt, ist die Klarstellung, dass alle Versuche von Mitgliedsstaaten                 und Frontex-Verb\u00e4nden, Fl\u00fcchtlingsboote abzudr\u00e4ngen, beendet werden                 m\u00fcssen. <\/p>\n<p>Avisierte Polizeikooperationen und working agreements von Frontex                 mit Drittstaaten wie Libyen sind zu stoppen. Schutzsuchende haben                 das Recht, in einen europ\u00e4ischen Hafen gebracht zu werden und                 auf ein faires Asylverfahren. <\/p>\n<p>Dass die EU-Kommission und das Europaparlament gebetsm\u00fchlenhaft                 den Wunsch nach gemeinsamen Patrouillen mit den nordafrikanischen                 Staaten \u00e4u\u00dfern, macht deutlich, dass selbst die beiden europ\u00e4ischen                 Institutionen einen moralischen Doppelstandard pflegen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Massensterben von Bootsfl\u00fcchtlingen vor den Toren der Europ\u00e4ischen Union geht unvermindert weiter. Ende M\u00e4rz 2009 kamen knapp 300 Menschen auf dem Weg von Libyen nach Italien ums Leben &#8211; die gr\u00f6\u00dfte Opferzahl bei einer Fl\u00fcchtlingsschiffskatastrophe in der Geschichte der Europ\u00e4ischen Union. Mehrere Boote sind bei st\u00fcrmischem Wetter gesunken. 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