{"id":9364,"date":"2009-05-01T00:00:46","date_gmt":"2009-04-30T22:00:46","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9364"},"modified":"2022-07-26T14:14:42","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:42","slug":"anarchie-lasst-sich-nicht-verbieten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/05\/anarchie-lasst-sich-nicht-verbieten\/","title":{"rendered":"Anarchie l\u00e4sst sich nicht verbieten"},"content":{"rendered":"<p>Auf Seite sechs der Springer-Gazette prangt die Schlagzeile &#8222;500                 Chaoten wollen an der TU Anarchie lernen&#8220;. <\/p>\n<p>Die Massenmeinungsbildner weiter: &#8222;Am Osterwochenende veranstalten                 Links-Radikale an der Uni einen Kongress, um f\u00fcr eine Gesellschaft                 ohne Regeln zu k\u00e4mpfen. Auf dem Seminarplan stehen \u201aHausbesetzung                 &#8211; Wie geht das?&#8216; und \u201aAnarchie und Sex&#8216; &#8230; Das Ziel der Teilnehmer:                 \u201aEine neue, herrschaftslose Gesellschaftsordnung schaffen&#8216;.&#8220; <\/p>\n<p>&#8222;Gesellschaft ohne Regeln&#8220;??? Meine G\u00fcte, wo haben die BZ-&#8222;Journalisten&#8220;                 Thore Schr\u00f6der und Konstantin Marrach das denn her? Eine &#8222;herrschaftslose                 Gesellschaftsordnung&#8220;, ja genau, aber das bedeutet bekanntlich                 nicht &#8222;ohne Regeln&#8220;. Anarchie ist nicht Chaos und Terror, sondern                 Ordnung ohne Herrschaft, libert\u00e4rer Sozialismus und Basisdemokratie                 statt Kapitalismus, gegenseitige Hilfe statt Konkurrenz,&#8230; Oder,                 wie es Immanuel Kant schon 1798 ausdr\u00fcckte: &#8222;Anarchie ist Freiheit                 und Gesetz ohne Gewalt.&#8220; <\/p>\n<p>Aber weiter im Springer-Text. Das Boulevardblatt zitiert &#8222;CDU-Innenexperte&#8220;                 Robbin Juhnke: &#8222;Hier wird quasi zur Begehung von Straftaten aufgerufen,                 das kann und darf eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft                 nicht hinnehmen.&#8220;<\/p>\n<p>BZ-Chefkommentator G. Schupelius gibt sich als absolut toleranter                 Freigeist und behauptet im nebenstehenden Kommentar: &#8222;Die Universit\u00e4t                 ist der Ort der geistigen Freiheit und der absoluten Toleranz.&#8220;                 Und um diese \u00fcberraschende Aussage unmittelbar zu widerlegen,                 befiehlt er im n\u00e4chsten Satz seinen Untergebenen: &#8222;Sie muss vor                 diesen Linksradikalen ihre T\u00fcren verschlie\u00dfen.&#8220;<\/p>\n<h3>Springer befiehl &#8211; wir folgen dir?<\/h3>\n<p>Tats\u00e4chlich! Wenn die Gossenpostille so p\u00f6belt, dann wird ein                 nicht dem Mainstream entsprechender Bildungskongress kurzerhand                 verboten, dann kuschen &#8222;rote&#8220; Politiker und Uni-Leitung. Duckm\u00e4usertum!<\/p>\n<p>Mehr brauchen wir zum Zustand der hiesigen Demokratie nicht sagen.               <\/p>\n<p>Springer petzt, hetzt und triumphiert: &#8222;Die BZ konfrontierte                 die TU-Leitung, die nicht informiert war, mit den Anarcho-Pl\u00e4nen.                 Am Abend erkl\u00e4rte eine Sprecherin: \u201aDie Veranstaltung wurde von                 dem Asta ohne unsere Genehmigung geplant. Wir werden versuchen,                 den Kongress zu unterbinden.&#8216; Kenneth Frisse, Sprecher von Bildungssenator                 J\u00fcrgen Z\u00f6llner (SPD) sagte: \u201aWir begr\u00fc\u00dfen diese Entscheidung der                 TU.'&#8220;<\/p>\n<p>Na ja, liebe AnarchistInnen, es h\u00e4tte schlimmer kommen k\u00f6nnen!                 Erinnern wir uns: Vor 41 Jahren schlagzeilte die Springer-Presse                 &#8222;Stoppt Dutschke und seine rote Bande jetzt&#8220;, woraufhin ein dadurch                 verhetzter Leser einen Mordanschlag auf den linken Studenten ver\u00fcbte.<\/p>\n<p>Diesmal wurde gl\u00fccklicher Weise kein Mensch niedergeschossen,                 sondern stattdessen nur die T\u00fcren der Technischen Universit\u00e4t                 f\u00fcr die AnarchistInnen geschlossen.<\/p>\n<p>Und das war letztlich gar nicht so schlimm. Die Anarchistische                 F\u00f6deration Berlin (AFB) setzte Plan B in die Tat um. Der Kongress                 fand im guten alten Bethanien in Kreuzberg statt. <\/p>\n<h3>Neue Gesichter<\/h3>\n<p>Eigentlich wollte ich schon am Freitagmorgen nach Berlin fahren.                 Nach mehreren Telefongespr\u00e4chen mit GenossInnen war aber am Donnerstagabend                 noch nicht klar, ob der Kongress \u00fcberhaupt stattfinden kann. Und                 die Aussicht, f\u00fcr umme nach Berlin zu fahren, um dort meinen Lichtbildvortrag                 \u00fcber Anarchismus und libert\u00e4re Presse wom\u00f6glich in der U-Bahn                 abzuhalten, erschien mir wenig attraktiv. <\/p>\n<p>Am Freitag telefonierte ich dann weiter mit mehreren GenossInnen,                 die mir begeistert von der tollen Atmosph\u00e4re und den \u00fcber 500                 bereits teilnehmenden AnarchistInnen berichteten.<\/p>\n<p>Nun, mein Vortrag war f\u00fcr Samstagabend angek\u00fcndigt. Und als &#8222;pflichtbewusster&#8220;                 Agitator f\u00fcr die Sache der Anarchie lasse ich mich nicht lange                 lumpen. Samstagmittag kam ich in Kreuzberg an. Tats\u00e4chlich waren                 die Stimmung und das Wetter pr\u00e4chtig. Es freute mich ungemein,                 neben alten FreundInnen auch viele neue Gesichter zu sehen. <\/p>\n<p>Das Durchschnittsalter der BesucherInnen lag &#8211; so w\u00fcrde ich sch\u00e4tzen                 &#8211; etwa bei 22 und das der ReferentInnen vielleicht bei 44 Jahren.                 Damit ist einiges gesagt.<\/p>\n<p>Dieser Kongress war f\u00fcr junge Libert\u00e4re sicher ein gutes und                 wichtiges Info-Happening zum Thema &#8222;Was ist eigentlich Anarchie?&#8220;.<\/p>\n<p>F\u00fcr \u00e4ltere AnarchistInnen wie mich hatte er aber ehrlich gesagt                 kaum Neues zu bieten.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich ist unsereins mit vielen der ReferentInnen befreundet                 und hat die meisten der dort gehaltenen Vortr\u00e4ge schon irgendwie,                 irgendwo und irgendwann geh\u00f6rt oder gehalten. Letzteres d\u00fcrfte                 auch ein Grund daf\u00fcr sein, dass relativ wenige &#8222;Alt-AnarchistInnen&#8220;                 gekommen sind. <\/p>\n<p>Die Vorbereitung des Kongresses wirkte im Vorfeld ein bisschen                 \u00fcbers Knie gebrochen. Etliche hatten keine Lust, nach Berlin zu                 fahren, weil sie durch den lange Zeit nicht bekannt gegebenen                 Veranstaltungsort und eine als &#8211; ich zitiere eine \u00e4ltere Anarchistin                 &#8211; &#8222;etwas lieblos&#8220; und \u00fcberfordert wirkende Erkl\u00e4rung der AFB keinen                 guten Eindruck gewonnen haben. <\/p>\n<p>Vielleicht hat es die organisierende Gruppe tats\u00e4chlich ein bisschen                 vers\u00e4umt, fr\u00fchzeitig an erfahrenere GenossInnen heranzutreten                 und viele Gruppen verbindlich in die Planung und Organisation                 einzubinden?<\/p>\n<p>Das war z.B. Ostern 1993 bei den Libert\u00e4ren Tagen in Frankfurt                 am Main noch anders. Dieser Kongress wurde \u00fcber mehrere Jahre                 vorbereitet. 3.000 Menschen nahmen teil. Der Eintritt war nicht                 frei, daf\u00fcr gab es zum Beispiel eine funktionierende Kinderbetreuung,                 eine gut organisierte Schlafplatzb\u00f6rse, Fahrtkostenerstattung                 f\u00fcr ReferentInnen, angemessen gro\u00dfe Veranstaltungsr\u00e4ume, fr\u00fchzeitige                 und verbindliche Raumzusagen, viele Junge und Alte, die am Thema                 Anarchie Interesse zeigten &#8230;<\/p>\n<p>Beim Anarchistischen Kongress Ostern 2009 in Berlin kam es w\u00e4hrend                 des am sp\u00e4ten Samstagabend von etwa 300 Leuten auf der Wiese abgehaltenen                 &#8222;Anarchie und Sex&#8220;-Workshops zu einem Eklat, weil ein Mann von                 &#8222;Fuck for Forest&#8220; (FFF) aus dem Dunkeln heraus eine Diskussionsteilnehmerin                 respektlos anp\u00f6belte: &#8222;Bist du etwa eine Kampflesbe?!&#8220; <\/p>\n<p>Dies war mitentscheidend daf\u00fcr, dass der Kongress 24 Stunden                 sp\u00e4ter fr\u00fchzeitig von der &#8222;Orga-Gruppe&#8220; f\u00fcr beendet erkl\u00e4rt wurde.<\/p>\n<p>Ich habe das nicht so richtig mitbekommen, da ich schon am Sonntagnachmittag                 wieder zur\u00fcck zu meiner Lebensgef\u00e4hrtin und meinen Kindern gefahren                 bin.<\/p>\n<p>Trotzdem kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass das,                 was sich nun auf http:\/\/de.indymedia.org\/2009\/04\/247021.shtml?c=on#c567030                 an Diskussionsbeitr\u00e4gen zu diesem Konflikt findet, dem Kongress                 als Ganzem nicht gerecht wird. Trotz der widrigen Umst\u00e4nde empfand                 nicht nur ich ihn n\u00e4mlich zu einem gro\u00dfen Teil als gelungen. <\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>Wenn f\u00fcnf &#8222;Fuckers for Forest&#8220;, die mit Anarchismus offensichtlich                 wenig am Hut haben, sondern prim\u00e4r f\u00fcr ihre &#8222;Ficken f\u00fcr den Regenwald&#8220;-Pornoseite                 werben wollen, mit dummen Spr\u00fcchen und einem Striptease einen                 Kongress zum Platzen bringen k\u00f6nnen, dann fehlt es einigen GenossInnen                 vielleicht an der n\u00f6tigen Souver\u00e4nit\u00e4t, Gelassenheit, Selbstironie                 und an schwarz-rotem Humor?<\/p>\n<p>Das ist schade. Denn es ist bekanntlich ein Lachen, das die Herrschenden                 besiegen wird.<\/p>\n<p>Beim n\u00e4chsten A-Kongress wird alles besser. Und dann vielleicht                 auch mit Themen, die diesmal fehlten: &#8222;Krise&#8220;, &#8222;Antimilitarismus&#8220;,                 &#8222;Anti-Sexismus&#8220;, &#8222;Gewaltfreier Widerstand&#8220;, &#8222;Anti-Rassismus&#8220;,                 &#8222;Anti-Atom&#8220;, &#8222;Gewaltfreie Kommunikation&#8220;, &#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf Seite sechs der Springer-Gazette prangt die Schlagzeile &#8222;500 Chaoten wollen an der TU Anarchie lernen&#8220;. Die Massenmeinungsbildner weiter: &#8222;Am Osterwochenende veranstalten Links-Radikale an der Uni einen Kongress, um f\u00fcr eine Gesellschaft ohne Regeln zu k\u00e4mpfen. 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