{"id":9386,"date":"2009-05-01T00:00:35","date_gmt":"2009-04-30T22:00:35","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9386"},"modified":"2022-07-26T14:24:10","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:10","slug":"erfolgreicher-generalstreik-auf-guadeloupe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/05\/erfolgreicher-generalstreik-auf-guadeloupe\/","title":{"rendered":"Erfolgreicher Generalstreik auf Guadeloupe"},"content":{"rendered":"<p>Das Bild \u00fcber dem Schreibtisch im Gewerkschaftsb\u00fcro von \u00c9lie                 Domota in der guadeloupischen Hauptstadt Pointe-\u00e0-Pitre ist programmatisch                 gemeint: Es ist ein eingerahmtes Foto von Martin Luther King,                 Jr. ((1)) <\/p>\n<p>Domota ist Sprecher des B\u00fcndnisses von 49 Gruppen und Gewerkschaften                 in Guadeloupe, der LKP. Die LKP wurde vom 17.12.08 bis 20.1.09                 in einem langen Prozess mehrerer Treffen gegr\u00fcndet und umfasst                 die drei gro\u00dfen Gewerkschaften, darunter Domotas UGTG (Union g\u00e9n\u00e9rale                 des travailleurs guadeloup\u00e9ens), politische Gruppen aus der langen                 Geschichte der Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung und Assoziationen wie die                 Verbrauchervereinigung, den Mieterschutz, \u00f6kologische und kulturelle                 Gruppen, darunter die popul\u00e4re MusikerInnen- und K\u00fcnstlerInnen-Bewegung                 unter dem Namen Akiyo, deren T-Shirt Domota in der Regel tr\u00e4gt.                 49 VertreterInnen sitzen im B\u00fcndnis an einem Tisch, jede Gruppe                 hat eine Stimme. <\/p>\n<p>Die wichtigste Gewerkschaft, Domotas UGTG, hat dabei auf ihren                 Hegemonialanspruch verzichtet und ebenfalls nur eine Stimme. ((2))<\/p>\n<p>Sogar die b\u00fcrgerliche &#8222;Le Monde&#8220;, die sonst keine Gelegenheit                 ausl\u00e4sst, bei sozialen Bewegungen ganz allgemein &#8211; und in Guadeloupe                 besonders &#8211; von &#8222;violences&#8220; (Gewalttaten) zu sprechen, musste                 in einem Bericht \u00fcber die Strukturen der LKP konstatieren: &#8222;Drei                 Viertel ihrer Beteiligten sind jedoch wirkliche Pazifisten, wie                 die K\u00fcnstler der Bewegung Akiyo, deren Beitritt zum B\u00fcndnis entscheidend                 war. Patrick Coqk, den man Ko-La nennt, ist 40 Jahre alt und spielt                 die gwo-ka, die alte Trommel aus der Zeit der Sklavenbefreiung.                 Er behauptet: \u201aF\u00fcr uns in Guadeloupe ist die Kultur die Basis                 von allem. (&#8230;) Wenn wir als Beispiel f\u00fcr den Planeten dienen                 k\u00f6nnen, dann pflanzen wir dieses Saatkorn und w\u00e4ssern es sorgsam.'&#8220;                  ((3)) <\/p>\n<p>Und das inmitten der drei, vier Tage, als Jugendliche au\u00dferhalb                 der LKP Geb\u00e4ude in Brand steckten und mit Schusswaffen, vor allem                 alten Jagdgewehren, auf die Polizei feuerten, wobei es am 17.2.                 zum einzigen Toten des Generalstreiks kam: Jacques Bino, Akiyo-Mitglied                 und Gewerkschafter der UGTG. Er wurde nachts an einer Barrikade                 von Sch\u00fcssen aus einem Jagdgewehr getroffen, als er mit seinem                 Auto umdrehen wollte. Als Sanit\u00e4ter in Begleitung von Polizei                 dem Opfer zu Hilfe eilen wollten, wurden weitere Sch\u00fcsse auf die                 Polizisten abgegeben und jede Rettung kam zu sp\u00e4t (siehe auch                 nebenstehenden Artikel zu Schusswaffen in den Vorst\u00e4dten). ((4))<\/p>\n<h3>Direkte gewaltfreie Aktionen w\u00e4hrend des Generalstreiks<\/h3>\n<p>Trotz dieser gewaltsamen Aktionen Jugendlicher w\u00e4hrend dreier                 Tage (die &#8211; fatale \u00dcbereinstimmung bei der Berichterstattung &#8211;                 sowohl von den b\u00fcrgerlichen Medien wie von den gewaltaus\u00fcbenden                 Jugendlichen unisono als &#8222;Radikalisierung&#8220; ausgegeben wurde),                 die au\u00dferhalb und ohne Zustimmung der LKP agierten, muss der Erfolg                 dem Generalstreik und der Konsequenz der Streikenden zugesprochen                 werden.<\/p>\n<p>Die Lebenshaltungskosten und Grundnahrungsmittelpreise in Guadeloupe                 und anderen \u00dcberseegebieten Frankreichs sind zum Teil doppelt                 bis dreifach so teuer wie im Mutterland. Die Bewegung LKP entz\u00fcndete                 sich an dieser \u00f6konomischen Ungerechtigkeit, deren Profiteure                 meist reiche Wei\u00dfe, vor allem die Eigent\u00fcmer von Bananen- und                 Zuckerrohrplantagen, &#8222;b\u00e9k\u00e9s&#8220; genannt, sind. <\/p>\n<p>Bereits im Dezember 2008 kam es zu den ersten Verkehrsblockaden;                 am 19. Januar 2009 begannen die Verwalter und Konzession\u00e4re aller                 Tankstellen einen unbefristeten Streik. <\/p>\n<p>Am 20.1. pr\u00e4sentierte die LKP eine Liste mit erst 132, dann 146                 konkreten Forderungen, angefangen von Preissenkungen f\u00fcr Grundnahrungsmittel                 bis hin zu 200 Euro monatlichem Zuschlag f\u00fcr Sozialhilfeempf\u00e4ngerInnen                 und ArbeiterInnen, die weniger als den anderthalbfachen Mindeststundenlohn                 verdienen. Es kam zu Demonstrationen, die am 20.1. mit 15.000                 Menschen begannen und sich regelm\u00e4\u00dfig steigerten, bis am 9.2.                 ca. 100.000 Menschen demonstrierten (bei einer Gesamtbev\u00f6lkerungszahl                 der Insel von 400.000!). Als direkte gewaltfreie Aktionen wurden                 verschiedene Besetzungen durchgef\u00fchrt, u.a. in Superm\u00e4rkten oder                 auch bei der Gep\u00e4ckabfertigung des Flughafens; Gruppen Streikender                 blockierten Stra\u00dfen und als die aus der franz\u00f6sischen Metropole                 immer zahlreicher hinzukommenden, aber ortsunkundigen PolizistInnen                 zur brutalen Blockadeaufl\u00f6sung schreiten wollten, waren die Blockierenden                 schon wieder woanders und blockierten erneut. Superm\u00e4rkte wurden                 \u00f6rtlich ausger\u00e4umt; an den Tankstellen bildeten sich lange Schlangen;                 die gesamte Infrastruktur und das \u00f6ffentliche Leben kamen zum                 Stillstand. Dieser Zustand setzte den Verhandlungswillen von Unternehmerverb\u00e4nden                 und der Pariser Regierung in Gang. ((5))<\/p>\n<p>Am 4.3. abends kam es schlie\u00dflich zu einer Einigung. Lange weigerte                 sich der gr\u00f6\u00dfte Unternehmerverband Medef zuzustimmen. Er musste                 schlie\u00dflich von der Regierung zur Einigung gezwungen werden, wobei                 die Regierung die Zahlung von 150 der 200 Euro monatlichem Zuschlag                 f\u00fcr die unteren Einkommensgruppen f\u00fcr drei Jahre \u00fcbernahm. Kann                 also gut sein, dass der Konflikt in drei Jahren erneut aufflammt                 &#8211; oder auch schon fr\u00fcher. In einer extrem detaillierten Liste                 von 165 Punkten regelt das Abkommen den H\u00f6chstpreis der Baguette                 und anderer Nahrungsmittel, die Anstellung von LehrerInnen (die                 Bildungseinrichtungen f\u00fcr Jugendliche sind katastrophal, viele                 fallen w\u00e4hrend der Schulzeit raus und reagieren dann verzweifelt,                 d.h. gewaltsam), Preissenkungen f\u00fcr Hin- und R\u00fcckfl\u00fcge nach Frankreich,                 die Senkung der Benzinpreise um umgerechnet einen halben Euro                 pro Liter usw. Kein einziger Punkt der urspr\u00fcnglich geforderten                 146 Forderungen wurde ausgelassen. ((6))<\/p>\n<p>In einem Kommentar in der franz\u00f6sischen anarchistischen Wochenzeitung                 &#8222;Le Monde libertaire&#8220; wurde das guadeloupische Beispiel euphorisch                 als &#8222;gr\u00e8ve reconductible&#8220; gefeiert: &#8222;Eine allgemeine Lehre ist                 aus dem Kampf unserer Br\u00fcder und Schwestern auf der Insel zu ziehen:                 Der branchen\u00fcbergreifende, unausgesetzte Streik ist nicht nur                 m\u00f6glich, sondern unbedingt n\u00f6tig, damit ein k\u00e4mpfendes Unternehmertum                 und eine ihm h\u00f6rige Regierung zur\u00fcckweicht.&#8220; ((7))                 Anhand dieses Beispiels wird dann gleich die aktuelle Bewegung                 in Frankreich kritisiert, wo die Gewerkschaftsf\u00fchrer zu einem                 Tag der Massendemonstrationen ausriefen &#8211; und dann ohne Streik                 einfach den n\u00e4chsten Tag der Massenmobilisierung in zwei Monaten                 abwarteten.<\/p>\n<p>Besser machen es da schon die \u00dcbersee-Geschwister der Guadeloupe-Streikenden:                 Die Bewegung in Guadeloupe l\u00f6ste einen 38-t\u00e4gigen Generalstreik                 mit der Struktur eines \u00e4hnlichen B\u00fcndnisses, des &#8222;Kollektivs des                 5. Februar&#8220;, auf der antillischen Nachbarinsel Martinique aus.                 Am 14. M\u00e4rz kam es zu einem Abkommen, ebenfalls mit 200 Euro monatlichem                 Zuschlag f\u00fcr die unteren Einkommensgruppen und Preissenkungen                 f\u00fcr insgesamt 400 pr\u00e4zise genannte Einzelhandelsartikel. \u00c4hnliche                 Massenbewegungen entstanden daraufhin in Guyana\/S\u00fcdamerika und                 auf R\u00e9union, einer franz\u00f6sischen Insel im Indischen Ozean. <\/p>\n<h3>Frankreich ist Kolonialmacht, aber wie lange noch? <\/h3>\n<p>Die herrschenden Medien wittern unter dem Deckmantel der sozialen                 Bewegungen nationale Unabh\u00e4ngigkeitsbestrebungen. In der Tat ist                 eine Mehrheit der in der LKP zusammengefassten Gruppen autonomistisch                 bis nationalistisch, doch in der Massenbewegung wurde daraus keine                 nationalistische Strategie und keine dahingehende Forderung wurde                 erhoben. Im Jahr 2003 hatte es n\u00e4mlich ein Referendum f\u00fcr eine                 Verwaltungsreform gegeben, welche das Tor zur Unabh\u00e4ngigkeit weit                 aufgesto\u00dfen h\u00e4tte: Doch 72,98 % der GuadelouperInnen stimmten                 dagegen.<\/p>\n<p>Das Votum steckt den nationalistischen Gruppen noch in den Knochen                 und sie halten sich in demokratischer R\u00fccksichtnahme daran &#8211; auch                 daran, dass die LKP ein Aktionsb\u00fcndnis und keine Partei zur Machteroberung                 ist. Rosan Mounien, Altaktivist der UGTG und LKP-Mitglied: &#8222;Wir                 haben kein Regierungsprogramm, sondern wir unterst\u00fctzen eine Volksbildung                 f\u00fcr eine breite und bewusste B\u00fcrgerbeteiligung. Sollte einmal                 die Stunde der fundamentalen Wahl wiederkommen, sollen die GuadelouperInnen                 nicht durch simplistische Argumente entmutigt werden k\u00f6nnen, wie                 sie w\u00e4hrend des Referendums 2003 vorgebracht wurden. Wir haben                 deshalb kein Programm, dem es um Machteroberung geht.&#8220; ((8))<\/p>\n<h3>\u00c9lie Domota als Integrationsfigur<\/h3>\n<p>\u00c9lie Domota ist erst seit Fr\u00fchling 2008 Sprecher der UGTG-Gewerkschaft.                 Politisch sozialisiert wurde er zuerst bei der Christlichen Arbeiterjugend                 (JOC), dann in trotzkistischen Gruppen, bevor er mit dem Trotzkismus                 brach. ((9)) <\/p>\n<p>Wie insgesamt alle drei gro\u00dfen Gewerkschaften geh\u00f6rte auch die                 UGTG urspr\u00fcnglich zur Unabh\u00e4ngigkeitsbewegung, die in den 1970er                 und 1980er Jahren sehr militant war, mehrere Attentate durchf\u00fchrte                 und zum Teil klandestin agierte. <\/p>\n<p>Als der Zyklon Hugo 1989 die Insel verw\u00fcstete und viele Opfer                 relativ schnell finanzielle Entsch\u00e4digung aus dem franz\u00f6sischen                 Mutterland erhielten, brach dem militanten Nationalismus aber                 die Basis weg. <\/p>\n<p>Die UGTG gr\u00fcndete sich 1973 und ging aus mehreren Spaltungen                 der kommunistischen Gewerkschaftsbewegung der Insel hervor. Zun\u00e4chst                 st\u00fctzte sie sich auf LandarbeiterInnen auf den Bananen- und Zuckerrohrplantagen,                 organisierte sp\u00e4ter Hotelangestellte, Tankwarte, Supermarktpersonal                 und Verwaltungsbeamte. In den 90er Jahren wurde die UGTG zur st\u00e4rksten                 Gewerkschaft der Insel und entwickelte ein Konzept des &#8222;gr\u00e8ve                 insurrectionelle&#8220; (aufst\u00e4ndischer Streik).<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ihrer Streiks f\u00fchrte die UGTG Betriebsbesetzungen durch,                 aus denen manchmal die gewerkschaftliche Selbstverwaltung des                 Betriebs hervorging. Vor allem bei von Schlie\u00dfung bedrohten oder                 zum spekulativen Verkauf angebotenen Unternehmen war das der Fall.                 Im Jahre 2000 wurden von der UGTG sieben Unternehmen, darunter                 zwei Hotels, in gewerkschaftlicher Selbstverwaltung gef\u00fchrt. ((10))                 Mit den anderen, ebenfalls autonomistischen Gewerkschaften CGTG                 und CTU lag die UGTG im Clinch, bis unter Domota bei den Betriebsrats-\/Vertrauensleute-Wahlen                 im Dezember 2008 die UGTG mit mehr als 50 Prozent als Siegerin                 hervorging. <\/p>\n<p>Domota nutzte die Gunst der Stunde nicht zum egozentrischen Triumph,                 sondern zur Verst\u00e4ndigung mit den bisherigen Konkurrenz-Organisationen                 &#8211; eine entscheidende Voraussetzung f\u00fcr die folgende Massenbewegung                 des Aktionsb\u00fcndnisses LKP.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Bild \u00fcber dem Schreibtisch im Gewerkschaftsb\u00fcro von \u00c9lie Domota in der guadeloupischen Hauptstadt Pointe-\u00e0-Pitre ist programmatisch gemeint: Es ist ein eingerahmtes Foto von Martin Luther King, Jr. ((1)) Domota ist Sprecher des B\u00fcndnisses von 49 Gruppen und Gewerkschaften in Guadeloupe, der LKP. 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