{"id":9418,"date":"2009-05-01T00:00:17","date_gmt":"2009-04-30T22:00:17","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9418"},"modified":"2022-07-26T14:14:42","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:42","slug":"die-revolution-war-erfolgreich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/05\/die-revolution-war-erfolgreich\/","title":{"rendered":"&#8222;Die Revolution war erfolgreich&#8220;"},"content":{"rendered":"<h3>Nachruf<\/h3>\n<p class=\"vorspann\"><em>&#8222;Damals entstand ein Solidarit\u00e4tsgef\u00fchl, das mit der Situation eines Hausbrandes in der Nachbarschaft in einer Stadt vergleichbar ist. Das erste, was man tut, ist, die Leute drinnen zu warnen, sie herauszuholen, irgendwie zu organisieren, dass da keiner zu Schaden kommt. Egal, ob man den Nachbarn mag oder nicht. Man eilt zur Hilfe. Oder wie es bei den Bauern ist, wenn Sturm aufkommt. Dann vereinen sich alle Bauern und B\u00e4uerinnen aus einem Dorf, um zu versuchen, sich so zu organisieren, dass die Ernte nicht zu stark besch\u00e4digt wird, dass sie ihre Ernte retten k\u00f6nnen &#8211; egal, welche Streitigkeiten es zuvor gegeben hat. So ist auch die Revolution. Leute, die sich vorher nicht kannten oder sich nicht mochten, k\u00e4mpften mit einem Mal gemeinsam f\u00fcr eine Sache. Und diese Solidarit\u00e4t ist das wichtige an einer Revolution. Die Differenzen unter den Leuten waren verschwunden. Menschen, die sich nicht kannten, sprachen miteinander und befragten sich gegenseitig. Das ist ein Ph\u00e4nomen der Revolution. Diese Dinge habe ich zweimal in meinem Leben erlebt: am 19. Juli 1936 in Barcelona und im Mai 1968 in Paris. Der Klassenunterschied verschwand. Es kam eine Freude auf, endlich das Leben in die Hand nehmen zu k\u00f6nnen. Auch wenn man wei\u00df, dass die Macht, die einem gegen\u00fcber steht, wesentlich st\u00e4rker und organisierter ist, ist man sich in diesem Moment trotzdem sicher, dass man sie besiegen kann. Man geht einfach ans Werk, weil man von sich selbst \u00fcberzeugt ist.&#8220;<\/em><\/p>\n<p align=\"right\">Abel Paz, in: Bernd Dr\u00fccke, Luz Kerkeling, Martin Baxmeyer (Hg.): Abel Paz und die Spanische Revolution. Interviews und Vortr\u00e4ge, <a href=\"http:\/\/www.edition-av.de\/buecher\/paz_spanien.htm\">http:\/\/www.edition-av.de\/buecher\/paz_spanien.htm<\/a><\/p>\n<p>Die Spanische Revolution, zu Beginn des B\u00fcrgerkrieges ausgebrochen, war das Lebensthema von Abel Paz. Er hatte als 15-J\u00e4hriger selbst an ihr teilgenommen und als Mitglied der anarchistischen Gewerkschaft CNT &#8211; damals eine der gr\u00f6\u00dften Gewerkschaften der Welt &#8211; gegen Franco gek\u00e4mpft.<\/p>\n<p>Sein Buch \u00fcber den legend\u00e4ren Anarchisten Buenaventura Durruti, der im November 1936 unter ungekl\u00e4rten Umst\u00e4nden ums Leben kam, hatte ihn auch au\u00dferhalb der Linken bekannt gemacht. 1994 erschien es auf Deutsch als &#8222;Durruti. Leben und Tode des spanischen Anarchisten&#8220; in der Hamburger Edition Nautilus. Nach dem Sieg der rechten Milit\u00e4rs war Paz zun\u00e4chst, wie viele andere AnarchistInnen und RepublikanerInnen auch, nach Frankreich gefl\u00fcchtet und dort in Lagern interniert worden. Er kehrte 1942 nach Spanien zur\u00fcck und k\u00e4mpfte als Teil einer linken Guerilla gegen die Milit\u00e4rdiktatur, im gleichen Jahr wurde er verhaftet und verschwand bis 1953 im Gef\u00e4ngnis. Nach seiner Entlassung emigrierte er erneut nach Frankreich.<\/p>\n<p>Zeit seines Lebens betrieb Abel Paz das, was wir heute Geschichtspolitik nennen. Er hielt die Erinnerung an eine Episode in der Geschichte des 20. Jahrhunderts wach, die nicht nur dem Schriftsteller und Spanienk\u00e4mpfer George Orwell als einzigartiger Moment erschienen war: ein historischer Augenblick, in dem die Menschen aufgeh\u00f6rt hatten, sich wie R\u00e4dchen in einem Getriebe zu verhalten. Die Revolution in Spanien, von der rechten Propaganda ebenso verschwiegen wie von der parteikommunistischen Geschichtsschreibung, bleibt ein symbolischer Scheideweg f\u00fcr die Linke des 20. Jahrhunderts. Utopien und Dilemmata der radikalen Linken scheinen sich hier zu verdichten, sie beschr\u00e4nken sich beileibe nicht auf die Frage nach autorit\u00e4rem versus libert\u00e4rem Kommunismus, sondern beinhalten so zentrale Themen wie die Relation von Zweck und Mitteln des politischen Kampfes, die Frage der Institutionalisierung von emanzipatorischen Errungenschaften oder auch die Organisationsfrage. Dass die Revolution nicht gescheitert, sondern milit\u00e4risch besiegt worden sei, wurde Paz nicht m\u00fcde zu betonen.<\/p>\n<p>Abel Paz war ein Polarisierer. Die Erfahrung mit dem Parteikommunismus machte ihn zum Antimarxisten. Die anarchistische Aversion gegen kommunistische Taktiererei und Parteidoktrin fiel in den Augen Paz&#8216; in der Spontaneit\u00e4t des Pariser Mai 68, den er als Drucker aktiv miterlebte, abermals auf fruchtbaren Boden und massenhafte Zustimmung. Als er 1974 in Portugal, kurz nach der Nelkenrevolution, auf der Stra\u00dfe einem Schuhputzer begegnete, reagierte er barsch: &#8222;Was ist denn das f\u00fcr eine Revolution?&#8220; Anarchismus bedeutet Ver\u00e4nderung aller Lebensbereiche. Und Geschichtspolitik bedeutete f\u00fcr Paz nicht Nostalgie, sondern Intervention. &#8222;Was putzt Du hier noch Schuhe!&#8220; emp\u00f6rte er sich und trat den Schuhputzkasten weg.<\/p>\n<p>Die Anekdote aus Portugal findet sich in einem Buch ((*)) zu Abel Paz, das drei meiner Freunde 2004 gemacht haben, ebenso fasziniert von dem alten K\u00e4mpfer wie ich von dem Kettenraucher im autonomen Zentrum in Barcelona.<\/p>\n<p>Mit Abel Paz, geboren am 12. August 1921 als Diego Camacho, ist ein streitbarer Historiker und einer der letzten anarchistischen Zeitzeugen der Spanischen Revolution gestorben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nachruf &#8222;Damals entstand ein Solidarit\u00e4tsgef\u00fchl, das mit der Situation eines Hausbrandes in der Nachbarschaft in einer Stadt vergleichbar ist. Das erste, was man tut, ist, die Leute drinnen zu warnen, sie herauszuholen, irgendwie zu organisieren, dass da keiner zu Schaden kommt. Egal, ob man den Nachbarn mag oder nicht. Man eilt zur Hilfe. 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