{"id":9438,"date":"2009-06-01T00:00:07","date_gmt":"2009-05-31T22:00:07","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9438"},"modified":"2022-07-26T14:14:42","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:42","slug":"anarchy-in-east-germany","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/06\/anarchy-in-east-germany\/","title":{"rendered":"Anarchy in East-Germany"},"content":{"rendered":"<p>Die Massendemos und der Fall der Mauer 1989 leiteten das am 3.                 Oktober 1990 mit dem Anschluss an die BRD endg\u00fcltig besiegelte                 Ende des SED-Staates ein. <\/p>\n<p>Heute feiern die deutschen Eliten &#8222;20 Jahre friedliche Revolution                 1989&#8220;. Dabei wird die Geschichte des gewaltfreien Widerstands                 gegen die ostdeutsche Diktatur in den Medien oft verf\u00e4lscht dargestellt.               <\/p>\n<p>So waren sich die MacherInnen einer im April 2009 ausgestrahlten                 ARD-Dokumentation \u00fcber die Rolle der Kirchen in der DDR nicht                 zu schade, die Ost-Berliner Umweltbibliothek und die dort produzierten                 <i>Umweltbl\u00e4tter<\/i> als Teile des &#8222;kirchlichen Widerstands&#8220; darzustellen,                 ohne zu erw\u00e4hnen, dass sich diese Graswurzelprojekte als &#8222;anarchistisch                 verfasst&#8220; verstanden. <\/p>\n<p>Der Geschichtsklitterung im Sinne der Herrschenden m\u00f6chte ich                 hier ein St\u00fcck Geschichte von unten entgegensetzen. <\/p>\n<p>Zwar gab es in der DDR keine gro\u00dfe anarchistische Bewegung. Basisdemokratische                 und libert\u00e4re Medien spielten allerdings eine gro\u00dfe Rolle beim                 Entstehen der gewaltfreien Massenbewegung, die schlie\u00dflich das                 militaristisch-autorit\u00e4re SED-Regime auf den Misthaufen der Geschichte                 geschickt hat.<\/p>\n<h3>Anarchismus und libert\u00e4re Presse in der SBZ und in der DDR<\/h3>\n<p>Nach dem Zweiten Weltkrieg versuchten die wenigen AnarchistInnen,                 die zw\u00f6lf Jahre Nazi-Diktatur \u00fcberlebt hatten, die anarchistische                 Bewegung, die in den ersten Jahren nach dem Ersten Weltkrieg in                 Deutschland zeitweise mehr als 150.000 Aktive z\u00e4hlte, zu reorganisieren.<\/p>\n<p>In der Sowjetisch Besetzten Zone (SBZ, 1945-1949) hatten sie                 es aufgrund ihrer antiautorit\u00e4ren und anti-stalinistischen Positionen                 besonders schwer. <\/p>\n<p>Die Machthaber in der SBZ und sp\u00e4teren DDR (1949-1990) standen                 den freiheitlichen SozialistInnen feindselig gegen\u00fcber.<\/p>\n<p>Ganz im Sinne Lenins war Anarchismus f\u00fcr sie eine &#8222;kleinb\u00fcrgerliche                 pseudorevolution\u00e4re politische und ideologische Str\u00f6mung, die                 jede staatliche und politische Organisation prinzipiell ablehnt                 und objektiv der Spaltung der antiimperialistischen Bewegung und                 den Interessen des Monopolkapitals dient&#8220; (Kleines Politisches                 W\u00f6rterbuch, Ost-Berlin 1988). <\/p>\n<p>Aufgrund von Papiermangel und der Repression von SMAD (Sowjetische                 Milit\u00e4radministration) und SED war es in der SBZ und sp\u00e4teren                 DDR nur m\u00f6glich, Flugbl\u00e4tter und Rundbriefe in geringer Auflage                 zu produzieren und in Umlauf zu bringen. Der Zwickauer Agitator                 Willi Jelinek baute zusammen mit seinen FreundInnen ab 1945 eine                 &#8222;Informations-Stelle&#8220; f\u00fcr freiheitliche SozialistInnen in der                 SBZ auf und gab einige Rundschreiben heraus. Um die Reorganisation                 der libert\u00e4ren Bewegung voran zu treiben, veranstalteten die AnarchistInnen                 im November 1948 in Leipzig eine Konferenz f\u00fcr alle libert\u00e4ren                 Gruppen in der SBZ. Alle TeilnehmerInnen, einschlie\u00dflich Jelinek                 und eines zuvor eingeschleusten Spitzels, der die Konferenz mitplante,                 wurden verhaftet.<\/p>\n<p>Jelinek starb im M\u00e4rz 1952 als Gefangener in Bautzen unter noch                 ungekl\u00e4rten Umst\u00e4nden. Vermutlich, wie die meisten verstorbenen                 Gefangenen in SBZ\/DDR-Zuchth\u00e4usern, an Entkr\u00e4ftung, so der ehemalige                 Bautzener H\u00e4ftling Hermann Furnes in einem Brief an den Anarchismusforscher                 Hans J\u00fcrgen Degen. <\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich war es den etatistischen MarxistInnen gelungen, libert\u00e4re                 Tendenzen in der DDR weitgehend zur\u00fcckzudr\u00e4ngen. Der publizistische                 Einfluss anarchistischer Gruppen war bis Mitte der 1980er Jahre                 kaum wahrnehmbar. Illegale Flugbl\u00e4tter hatte es aber schon in                 den 1950er und 1960er Jahren gegeben. Vor allem da, wo sich das                 Bildungsb\u00fcrgertum Nischen schaffen konnte, gab es Ans\u00e4tze einer                 ostdeutschen Subkultur. Auch die Mitte der 1960er Jahre in der                 Bundesrepublik entstandene au\u00dferparlamentarische Oppositionsbewegung                 und die daraus entstandenen neo-anarchistischen Gruppen hatten                 Einfluss auf die Oppositionsbewegung in der DDR. <\/p>\n<p>Seit den 1970er Jahren bekannten sich gro\u00dfe Teile der DDR-Opposition                 zum Sozialismus, &#8222;freilich im Unterschied zum herrschenden Regime,                 zu einem &#8218;wirklichen&#8216;, n\u00e4mlich demokratischen, r\u00e4tedemokratischen                 oder anarchistischen&#8220;, so der <i>Umweltbl\u00e4tter<\/i>-Redakteur Wolfgang                 R\u00fcddenklau. <\/p>\n<p>Als kleiner Teil der wenig strukturierten Opposition hatten die                 explizit radikaleren AnarchistInnen in den 1970er Jahren so gut                 wie keine M\u00f6glichkeiten, sich anders als konspirativ zu bet\u00e4tigen.<\/p>\n<p>Die Medien im &#8222;Realsozialismus&#8220; pr\u00e4sentierten den Menschen ausschlie\u00dflich                 die regierungsoffiziellen Ansichten und Verlautbarungen. Andere                 Informationsquellen standen legal kaum zur Verf\u00fcgung. Kopierer                 wurden in Beh\u00f6rden und Firmen streng bewacht und waren nur einer                 parteitreuen Elite zug\u00e4nglich.<\/p>\n<p>Die Voraussetzungen zur Schaffung von basisdemokratisch und anarchistisch                 beeinflussten Medien verbesserten sich erst Ende der 1970er Jahre.               <\/p>\n<p>Um sich gegen\u00fcber der zunehmenden Krise von Wirtschafts- und                 Sozialpolitik innenpolitische Ruhe zu erkaufen, hatte Erich Honecker                 in Verhandlungen mit dem Bischof der Evangelischen Kirchen Ost-Berlins,                 Albrecht Sch\u00f6nherr, 1978 unter anderem eine innerkirchliche Druckerlaubnis                 zugestanden, die aber auf innerkirchliche Veranstaltungshinweise,                 Bekanntmachungen und \u00e4hnliches begrenzt war. Dieses Fenster in                 der repressiven Genehmigungspraxis f\u00fcr jede Art bedruckten Papiers                 wurde von den oppositionellen Gruppen im Laufe der Jahre immer                 mehr ausgeweitet. In der ersten H\u00e4lfte der 1980er Jahre wuchs                 im Schatten der evangelischen Kirche eine &#8222;von der SED v\u00f6llig                 abgenabelte ernstzunehmende B\u00fcrgerrechtsbewegung&#8220; heran. Ein Teil                 dieser Bewegung radikalisierte sich und vertrat zunehmend offen                 anarchistische Positionen. So entstand z.B. in Dresden 1982 innerhalb                 der Kirche eine \u00fcber zehn Jahre hinweg politisch aktive Gruppe,                 die bald unter dem Namen <i>Anarchistischer Arbeitskreis Wolfspelz<\/i>                 in der gesamten DDR bekannt wurde und durch die Beteiligung einer                 Druckerin der S\u00e4chsischen Zeitung heimlich &#8211; z.T. mit Auflagen                 \u00fcber 20.000 &#8211; Flugbl\u00e4tter in Umlauf brachte und zu Aktionen mobilisierte.<\/p>\n<p>Andere AnarchistInnen verbreiteten in den 1980er Jahren auf Schreibmaschine                 (ab-)geschriebene und anschlie\u00dfend bis zur Unlesbarkeit auf Matrizen                 vervielf\u00e4ltigte Texte von Michail Bakunin, Emma Goldman, Pjotr                 Kropotkin, Gustav Landauer und anderen anarchistischen KlassikerInnen.<\/p>\n<p>1986 entstanden die ersten libert\u00e4r ausgerichteten DDR-Untergrundbl\u00e4tter.                 Sie wurden, wie fast alle oppositionellen Publikationen, unter                 dem relativen Schutz der evangelischen Kirche gedruckt und verbreitet.<\/p>\n<h3>Kopfsprung<\/h3>\n<p>Eine plakativ anarchistische Untergrundzeitschrift in der DDR                 war der bis 1991 erschienene <i>Kopfsprung<\/i>. Seine Entstehungsgeschichte                 begann auf dem DDR-Kirchentag 1986.<\/p>\n<p>Hier formierte sich als &#8222;Opposition zur (herrschenden) Kirchenb\u00fcrokratie&#8220;                 die <i>Kirche von Unten<\/i> (KVU), die sich weder als christliche                 Basis gegen &#8222;privilegien\u00fcberladene Oberhirten&#8220;, noch als &#8222;religi\u00f6se                 Reformgruppe&#8220; verstand. Die eher atheistisch eingestellte Gruppe,                 die mehrheitlich aus AnarchistInnen und Punks bestand, engagierte                 sich gegen die herrschenden Verh\u00e4ltnisse. <\/p>\n<p>Mit der Zeit entwickelte sich die KVU zu einer Gruppe mit eigenen                 Inhalten und begriff sich nicht mehr nur als reine Gegenbewegung.                 Es kam zur Aufspaltung in diverse Gruppen, die sich mit unterschiedlichen                 Themen besch\u00e4ftigten. Die KVU brachte 1986 mindestens drei Ausgaben                 des libert\u00e4r ausgerichteten <i>mOAning-STAR<\/i> heraus. <\/p>\n<p>Die erste Nummer des von einer anonymen Redaktion herausgebrachten                 <i>Kopfsprung<\/i> erschien im Fr\u00fchjahr 1987 in Ost-Berlin ohne                 Hinweise auf Erscheinungsjahr und -ort. Die einspaltig auf einer                 Schreibmaschine geschriebenen politischen Texte wurden eingebettet                 in ein sp\u00e4rliches, mit selbstgemachten Zeichnungen und lyrischen                 Texten angereichertes Layout.<\/p>\n<p>1986 gr\u00fcndete die linksliberale <i>Initiative Frieden und Menschenrechte<\/i>                 in Ost-Berlin den <i>Grenzfall<\/i>, der als weitgehend unzensiertes                 DDR-weites Oppositionsblatt fungierte. Im Gegensatz zu den bald                 darauf gegr\u00fcndeten <i>Umweltbl\u00e4ttern<\/i> verstanden die HerausgeberInnen                 des <i>Grenzfall <\/i>ihr Projekt nicht als anarchistisch. Die                 anarchistisch verfassten Gruppen wie z. B. KVU, <i>Anarchistischer                 Arbeitskreis Wolfspelz<\/i> und Umwelt-Bibliothek Ost-Berlin verfolgten                 andere Ziele. <\/p>\n<p>Sie glaubten, \u00fcber die Erweiterung der Freir\u00e4ume nach einer Reform                 der DDR oder \u00fcber die Zersetzung der staatlichen Struktur den                 von ihnen gew\u00fcnschten Prozess des Wachstums einer &#8222;neuen Gesellschaft                 von unten&#8220; in Gang bringen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3>Umweltbl\u00e4tter\/telegraph<\/h3>\n<p>In Ost-Berlin erschien im Herbst 1986 die erste Ausgabe der <i>Umweltbl\u00e4tter<\/i>.                 Sie wurden zun\u00e4chst monatlich von der ebenfalls 1986 gegr\u00fcndeten,                 laut Redakteur Wolfgang R\u00fcddenklau &#8222;anarchistisch verfa\u00dften&#8220; Umwelt-Bibliothek                 (UB) unter dem Dach der Ost-Berliner Zionsgemeinde herausgegebenen.<\/p>\n<p>Wie die meisten Oppositionsbl\u00e4tter in der DDR wurde das &#8222;Info-Blatt                 des Friedens- und Umweltkreises&#8220; (Untertitel) hektographiert,                 auf Wachsmatrizen vervielf\u00e4ltigt. Es erschien im Format DIN A4                 und mit dem aufgestempelten Zusatz &#8222;Nur zur innerkirchlichen Information&#8220;.                 Aufgrund der schlechten Druckqualit\u00e4t der einspaltig mit Schreibmaschine                 verfassten und wenig bis nicht layouteten Texte war das Periodikum                 oft nur schwer lesbar. <\/p>\n<p>Die <i>Umweltbl\u00e4tter<\/i> wurden auch als Sprachrohr der kleinen                 libert\u00e4ren Bewegung in der DDR genutzt. Sie versuchten, eine &#8222;unaufdringliche                 anarchistische Haltung zu vermitteln&#8220;, so R\u00fcddenklau. <\/p>\n<p>Prim\u00e4r wurden Artikel publiziert, die sich mit unterdr\u00fcckten                 Informationen \u00fcber den Alltag in der DDR besch\u00e4ftigten. Im Winter                 1986\/87 deckten die <i>Umweltbl\u00e4tter<\/i> auf, dass die Smoggrenzwerte                 in der Hauptstadt um das Neunfache \u00fcberschritten wurden. Dies                 missfiel den Beh\u00f6rden in der DDR ebenso, wie die Tatsache, dass                 die Zeitschrift sich zu einem \u00fcberregionalen Diskussionsorgan                 verschiedener unabh\u00e4ngiger Umwelt-, Friedens-, B\u00fcrgerInnen- und                 Menschenrechtsgruppen entwickelte. So stellte das von Hand zu                 Hand weitergereichte Periodikum trotz einer verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig geringen                 Auflage von 600 Exemplaren ein St\u00fcck Gegen\u00f6ffentlichkeit dar.<\/p>\n<p>Im November 1987 erreichten die Auseinandersetzungen staatlicher                 Organe in der DDR mit kritischen Gruppen eine neue Qualit\u00e4t: In                 der Nacht zum 25. November durchsuchte die Staatssicherheit (Stasi)                 erstmals R\u00e4ume der evangelischen Kirche und nahm dabei f\u00fcnf Personen                 fest. Die Aktion richtete sich gegen die bis zu diesem Zeitpunkt                 zw\u00f6lfmal herausgekommenen <i>Umweltbl\u00e4tter<\/i> und den in der                 UB gedruckten <i>Grenzfall<\/i>. Etwa 20 Vertreter der Stasi und                 der Staatsanwaltschaft beschlagnahmten u.a. Vervielf\u00e4ltigungsger\u00e4te,                 Manuskripte und im Westen erschienene B\u00fccher. <\/p>\n<p>In vielen St\u00e4dten der DDR kam es zu Protestaktionen und Mahnwachen.                 Die in den vergangenen Jahren in die Bundesrepublik abgeschobenen                 Oppositionellen organisierten einen regelm\u00e4\u00dfigen Informationszufluss                 aus der DDR und ein internationales Medienecho. Schlie\u00dflich wurden                 alle Festgenommenen aus der Haft entlassen und die Ermittlungsverfahren                 eingestellt. <\/p>\n<p>Die <i>Umweltbl\u00e4tter<\/i> erschienen weiter. <\/p>\n<p>Unterst\u00fctzung bekamen sie auch von Libert\u00e4ren aus der Bundesrepublik.                 Die <i>Graswurzelrevolution<\/i>, die anarcho-syndikalistische                 <i>direkte aktion<\/i>, die autonome Westberliner <i>Interim<\/i>,                 sowie die <i>taz<\/i> druckten Artikel aus den <i>Umweltbl\u00e4ttern<\/i>                 nach. So fanden Inhalte aus der Publikation auch au\u00dferhalb der                 DDR Verbreitung und f\u00f6rderten zudem den Informationsaustausch                 und die Vernetzung von Libert\u00e4ren aus beiden deutschen Staaten.                 Der 1986 entstandene &#8222;Freundeskreis Umwelt-Bibliothek&#8220;, die K\u00f6lner                 Graswurzelwerkstatt und das Umweltzentrum M\u00fcnster k\u00fcmmerten sich                 &#8211; mit m\u00e4\u00dfigem Erfolg &#8211; um den Aufbau einer Vertriebsstruktur der                 <i>Umweltbl\u00e4tter<\/i> in der Bundesrepublik. In der GWR Nr. 138                 (Nov. 1989) wurden die LeserInnen zur Solidarit\u00e4t ermuntert: &#8222;Umweltbl\u00e4tter                 bestellen!&#8220;<\/p>\n<p>Da die Informationen aus den <i>Umweltbl\u00e4ttern<\/i> von immer                 mehr Leuten in der DDR zur Argumentation benutzt wurden, waren                 die Beh\u00f6rden gezwungen, intern Ablichtungen wichtiger Artikel                 aus dem &#8222;feindlich-negativen Pamphlet&#8220; an &#8222;bestimmte \u00c4mter zu                 geben&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;Und noch \u00e4rger: \u00dcberall in den St\u00e4dten der DDR, zuweilen sogar                 in D\u00f6rfern, schossen oppositionelle Bl\u00e4tter unterschiedlichster                 Richtungen wie Pilze aus dem Boden. Das staatliche Wahrheitsmonopol                 war nicht mehr nur exemplarisch durchbrochen, es zerfiel. Das                 Regime verlor das Gesicht, konnte aber nur noch wenig dagegen                 tun&#8220;, so blickte der Verein Umwelt-Bibliothek Berlin im <i>telegraph<\/i>                 Nr. 10\/95 zur\u00fcck. <\/p>\n<p>Mittlerweile erschienen die <i>Umweltbl\u00e4tter<\/i> zweimonatlich                 mit einer Auflage von bis zu 3.000 St\u00fcck. Als vielgelesenes Organ                 der zur Massenbewegung herangewachsenen Opposition in der DDR                 hatten sie eine herausragende Funktion.<\/p>\n<p>1994 analysierte R\u00fcddenklau die &#8222;Zionsaff\u00e4re&#8220; vom Herbst 1987:                 &#8222;Das war der Anfang vom Ende der DDR. Von hier beginnend zeigte                 sich in immer neuen innenpolitischen Krisen, da\u00df das Regime den                 Terror nicht mehr anwenden konnte, der allein die Bev\u00f6lkerung                 in Furcht gehalten und die Existenz der DDR gesichert hatte. Die                 Leute begriffen, da\u00df &#8218;der Kaiser nackt ist&#8216; und gingen in immer                 gr\u00f6\u00dferer Anzahl auf die Stra\u00dfe, bis das Regime Ende 1989 zusammenbrach.&#8220;<\/p>\n<p>F\u00fcr die oppositionellen Publikationen bedeutete der erfolgreiche                 Ausgang der &#8222;Zionsaff\u00e4re&#8220; einen enormen Aufschwung. Zwar gelang                 es der Stasi, durch zahlreiche technische Sabotageaktionen eines                 Inoffiziellen Mitarbeiters ein weiteres Erscheinen des <i>Grenzfall<\/i>                 zu verhindern. Die <i>Umweltbl\u00e4tter<\/i> \u00fcbernahmen aber die Funktion                 des Grenzfall als DDR-weites oppositionelles Nachrichtenblatt.                 In der gesamten DDR fanden sich KorrespondentInnen, die Nachrichten,                 Kommentare, allgemeine Lageschilderungen, Analysen aus vielen                 St\u00e4dten und D\u00f6rfern der DDR nach Ost-Berlin sandten, die dann                 in den <i>Umweltbl\u00e4ttern<\/i> erschienen.<\/p>\n<p>Die <i>Umweltbl\u00e4tter<\/i>-Redaktion entschloss sich Anfang Oktober                 1989, den immer rasanter ablaufenden Ereignissen zu gen\u00fcgen und                 ein &#8222;je nach Bedarf&#8220; alle paar Tage erscheinendes sieben- bis                 zehnseitiges Infoblatt herauszugeben. Am 9. Oktober, dem &#8222;ersten                 retardierenden Moment der innenpolitischen Krise&#8220; (R\u00fcddenklau),                 erschien die Zeitschrift erstmals unter dem bis heute beibehaltenen                 Titel <i>telegraph<\/i>.<\/p>\n<p>Gegen die Leipziger Montagsdemonstration waren Truppen zusammengezogen                 worden.<\/p>\n<p>Milit\u00e4rfahrzeuge fuhren durch die Leipziger Innenstadt.<\/p>\n<p>&#8222;Wir druckten auf unseren arbeitsm\u00fcden klapprigen Wachsmatrizenmaschinen                 m\u00fchselig die 4.000 Exemplare der ersten Ausgabe der Zeitschrift.                 Binnen 20 Minuten waren sie in der Ost-Berliner Gethsemanekirche                 an die Demonstranten verkauft. Weitere 2.000 Exemplare wurden                 nachgedruckt, w\u00e4hrend die n\u00e4chste Ausgabe vorbereitet wurde&#8220;,                 erinnert sich R\u00fcddenklau. Der <i>telegraph<\/i> wurde nun alle                 sieben bis zehn Tage von der Ost-Berliner Umwelt-Bibliothek herausgebracht.                 Mit teilweise exklusiven Recherchen, gepr\u00e4gt sowohl von antistalinistischen                 wie auch antikapitalistischen Anschauungen, gelang es der Redaktion,                 den \u00dcbergang vom einen zum anderen System kritisch zu begleiten.                 Sie besch\u00e4ftigten sich in zahlreichen Artikeln mit der Vergangenheitsbew\u00e4ltigung,                 mit der Stasi und der (zum Teil auch anarchistischen) Oppositionsbewegung.<\/p>\n<p>Im Mai 1990 wurde <i>sag nein!<\/i>, &#8222;blatt zur totalen Kriegsdienstverweigerung                 in der DDR&#8220;, als assoziiertes Mitglied der War Resisters&#8216; International                 (WRI) gegr\u00fcndet. <\/p>\n<p>Im gleichen Monat entstand z.B. die <i>BesetzerInnenzeitung<\/i>,                 die als Sprachrohr der 1990 bis zu 130 in Ost-Berlin besetzten                 H\u00e4user fungierte. <\/p>\n<p>Wie viele andere libert\u00e4re Bl\u00e4tter, die noch vor der &#8222;Wiedervereinigung&#8220;                 in der DDR entstanden sind, wurden <i>sag nein!<\/i> und <i>BesetzerInnenzeitung<\/i>                 nach wenigen Jahren eingestellt. <\/p>\n<p>Eine Ausnahme ist der <i>telegraph<\/i>. Er hat zwar deutlich                 an Auflage verloren, erscheint aber bis heute unregelm\u00e4\u00dfig.<\/p>\n<h3>Die &#8222;Wende&#8220;<\/h3>\n<p>Im Jahre 1989 vollzog sich ein Wandel in der DDR. Zigtausende                 verlie\u00dfen im Sp\u00e4tsommer und Herbst 1989 das Land, nachdem \u00fcber                 die bundesdeutsche Botschaft in Prag eine freie Einreise in die                 Bundesrepublik erm\u00f6glicht worden war. Die kleine Oppositionsszene                 in der DDR wuchs zur Massenbewegung heran, Hunderttausende demonstrierten                 unter der Parole &#8222;Wir sind das Volk!&#8220; gegen die Machthaber in                 Ost-Berlin. In Leipzig demonstrierten am 2. Oktober 1989 rund                 20.000, am 9. Oktober 70.000, am 16. Oktober 150.000 und am 23.                 Oktober, dem Vorabend der geplanten Wahl von Egon Krenz zum neuen                 Staatsratsvorsitzenden, rund 250.000 Menschen. Am 4. November                 1989 fand in Ost-Berlin auf dem Alexanderplatz eine Demonstration                 statt, an der etwa 500.000 Menschen unterschiedlicher politischer                 Richtungen teilnahmen. Die Rede des ehemaligen Stasi-Generals                 Markus Wolf wurde dabei von Pfeifkonzerten unterbrochen, als er                 versuchte, die Stasi-MitarbeiterInnen in Schutz zu nehmen. Am                 8. November trat das gesamte Politb\u00fcro zur\u00fcck. Unter F\u00fchrung von                 Krenz formierte es sich am gleichen Tag neu. <\/p>\n<p>Nach der \u00d6ffnung der Berliner Mauer am 9. November 1989 begannen                 die libert\u00e4ren Gruppen in der DDR, Papier und Druckm\u00f6glichkeiten                 auch au\u00dferhalb kirchlicher Strukturen zu organisieren. Es entwickelten                 sich verst\u00e4rkt Kontakte zu Gruppen und Druckkollektiven im Westen.                 W\u00e4hrend die KommunistInnen und &#8222;Anti-Imps&#8220; die libert\u00e4re Bewegung                 in der DDR als &#8222;antikommunistisch&#8220; ablehnten, freuten sich viele                 AnarchistInnen in Ost und West \u00fcber den &#8222;Fall der Mauer&#8220; und den                 beginnenden &#8222;Niedergang des Staatskapitalismus&#8220;.<\/p>\n<h3>Fazit<\/h3>\n<p>Die freiheitlich-sozialistisch orientierten <i>Umweltbl\u00e4tter<\/i>                 und der <i>telegraph <\/i>schafften ein St\u00fcck Gegen\u00f6ffentlichkeit.                 In den Jahren 1986 bis 1990 waren sie f\u00fcr das wachsende Selbstbewusstsein                 vieler au\u00dferparlamentarischer AktivistInnen mitverantwortlich.               <\/p>\n<p>Diese kleinen, undogmatischen Bewegungsorgane haben mehr zum                 Wachsen der DDR-Opposition und zur gewaltfreien Revolution 1989                 beigetragen, als das heute der Allgemeinheit bekannt ist. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Massendemos und der Fall der Mauer 1989 leiteten das am 3. Oktober 1990 mit dem Anschluss an die BRD endg\u00fcltig besiegelte Ende des SED-Staates ein. Heute feiern die deutschen Eliten &#8222;20 Jahre friedliche Revolution 1989&#8220;. Dabei wird die Geschichte des gewaltfreien Widerstands gegen die ostdeutsche Diktatur in den Medien oft verf\u00e4lscht dargestellt. 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