{"id":9443,"date":"2009-06-01T00:00:05","date_gmt":"2009-05-31T22:00:05","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9443"},"modified":"2022-07-26T14:14:42","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:42","slug":"anti-speziesismus-schmeckt-mir-nicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/06\/anti-speziesismus-schmeckt-mir-nicht\/","title":{"rendered":"Anti-Speziesismus? Schmeckt mir nicht!"},"content":{"rendered":"<p>Die individuelle Entscheidung von VegetarierInnen, kein Fleisch zu essen, oder die noch konsequentere Entscheidung der VeganerInnen, gar keine tierischen Produkte zu verwenden, wird h\u00e4ufig mit einer Ablehnung des &#8222;Speziesismus&#8220; begr\u00fcndet, also der Ungleichbehandlung von Lebewesen aufgrund ihrer Art. Ich m\u00f6chte demgegen\u00fcber ein Pl\u00e4doyer <em>f\u00fcr<\/em> den &#8222;Speziesismus&#8220; halten. Der &#8222;Anti-Speziesismus&#8220; ist in der Regel gut gemeint, aber konsequent zuende gedacht, f\u00fchrt er meiner \u00dcberzeugung nach zu einer ethischen Verwahrlosung.<\/p>\n<p>1. Wir essen zuviel Fleisch. Der Umgang mit sogenannten &#8222;Nutztieren&#8220;, vor allem durch die Agrarindustrien, schreit in vielfacher Hinsicht zum Himmel. Der absurd niedrige Preis von Fleisch und Tierprodukten ist erstens erkauft mit einem uns\u00e4glichen Leiden unz\u00e4hlbarer Tiere (von der Massentierhaltung bis zu den wirklich wahnsinnigen Transporten in der Fleischproduktionskette).<\/p>\n<p>Zweitens bedeutet die Massenproduktion tierischer Nahrungsmittel eine drastische Verschlechterung der Qualit\u00e4t dieser Nahrungsmittel: Fleisch ist w\u00e4ssrig, von undefinierbarer Konsistenz, mit Medikamenten verseucht, und vieles mehr.<\/p>\n<p>Drittens f\u00fchrt die massenhafte Haltung von Rindern zu einer gravierenden Steigerung des menschengemachten Treibhauseffekts, weil diese Tiere in gro\u00dfem Umfang Methan furzen, dessen Treibhaus-Potenzial um ein Vielfaches h\u00f6her ist als das von CO2.<\/p>\n<p>Viertens tr\u00e4gt die Fleischlastigkeit unserer Ern\u00e4hrungsgewohnheiten massiv zum Hunger in der Welt bei. Denn riesige landwirtschaftliche Fl\u00e4chen, die der Ern\u00e4hrung der Weltbev\u00f6lkerung dienen k\u00f6nnten, werden f\u00fcr den Anbau von Futtergetreide f\u00fcr Vieh verschwendet.<\/p>\n<p>Ein Hektar Land liefert am Ende h\u00f6chstens 20% des N\u00e4hrwerts, wenn er der Viehzucht dient, als wenn sein Ertrag direkt menschlicher Ern\u00e4hrung verf\u00fcgbar ist. Was wir brauchen, ist die Verbreitung eines Bewusstseins unter den Menschen, wonach ihnen spontan schlecht wird, wenn sie im Supermarkt Schweineschnitzel sehen, die 2 Euro 49 pro Kilo kosten, denn solche Preise k\u00f6nnen nur unter widerw\u00e4rtigen Bedingungen (das betrifft auch Arbeitsbedingungen von Menschen!) realisiert werden.<\/p>\n<p>ABER daraus folgt nicht, dass der Verzehr von Fleisch und Tierprodukten grunds\u00e4tzlich tabu sein m\u00fcsste. Menschen <em>k\u00f6nnen<\/em> sich ohne tierische Eiwei\u00dfe ern\u00e4hren, obwohl das nicht ganz einfach ist. Wer dies tut, macht <em>insofern<\/em> sicher nichts moralisch falsch. Aber besonders naheliegend ist eine solche Ern\u00e4hrung nicht. Vor allem eine rein vegane Ern\u00e4hrung kommt in der Kulturgeschichte der Menschheit kaum vor.<\/p>\n<p>Das &#8222;gattungsgeschichtliche Erbe&#8220; weist uns wohl eher als Allesfresser mit einem gewissen Hang zum Aas aus. Aber insbesondere aus einer &#8222;anti-speziesistischen&#8220; Perspektive ist die Ablehnung des Verzehrs tierischer Eiwei\u00dfe eigentlich \u00fcberhaupt nicht zu rechtfertigen. Denn wenn wir Menschen mit anderen Tierarten moralisch auf derselben Ebene stehen, dann steht uns dasselbe &#8222;Recht&#8220; auf tierische Nahrung zu wie L\u00f6wen, Orcas, Bussarden oder Spinnen.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen \u00fcber Veganismus eben nur aus dem einen Grund diskutieren, dass wir fundamental anders sind als jene &#8211; z.B. reflexionsf\u00e4hig. Und nur deshalb k\u00f6nnen wir auch dar\u00fcber nachdenken, ob wir das Schnitzel aus Massentierhaltung f\u00fcr 2 Euro 49 oder ein wesentlich teureres Schnitzel aus halbwegs &#8222;artgerechter&#8220; Haltung kaufen. F\u00fcr die Anti-SpeziesistInnen sind beide Schnitzel moralisch gleich verwerflich. Mit dem Verzicht auf das Nachdenken \u00fcber konkrete <em>Formen<\/em> der Tierhaltung ist f\u00fcr die Tiere, so scheint mir, mehr verloren als gewonnen.<\/p>\n<p>2. Tiere sollten Rechte haben. Weil und insoweit sie leidensf\u00e4hig sind, m\u00fcssen wir Menschen sie vor unn\u00f6tigem Leid bewahren.<\/p>\n<p>ABER es ist absurd zu behaupten, sie m\u00fcssten <em>dieselben<\/em> Rechte genie\u00dfen wie Menschen. Zun\u00e4chst einmal ist das Postulat von &#8222;Rechten&#8220; eine genuin menschliche Angelegenheit. W\u00e4hrend Menschenrechte von ihren Nutznie\u00dferInnen <em>erk\u00e4mpft<\/em> werden k\u00f6nnen, werden Tierrechte von Menschen <em>gew\u00e4hrt<\/em>.<\/p>\n<p>Es erg\u00e4be keinen Sinn, von einem &#8222;Naturrecht&#8220; der Tiere zu sprechen, nicht gegessen zu werden; denn das Fressen und Gefressenwerden ist in der Natur (ohne Zutun der Menschen) eine so allt\u00e4gliche Angelegenheit, dass die Natur als Gesetzgeberin gegen ihr eigenes Gesetz permanent versto\u00dfen w\u00fcrde, wohingegen bei Einhaltung eines solchen Rechts s\u00e4mtliche \u00d6kosysteme kollabieren m\u00fcssten (vom Leiden der fleischfressenden Tiere mal ganz zu schweigen).<\/p>\n<p>Die Forderung, vegetarisch oder vegan zu leben, l\u00e4sst sich sinnvoller weise nur an Menschen richten, womit die besondere Stellung der Menschen in der Tierwelt bereits bewiesen w\u00e4re.<\/p>\n<p>Nur f\u00fcr Menschen ist es eine moralische Frage, wie sie mit Tieren umgehen, weil Menschen &#8222;von Natur aus Kulturwesen&#8220; sind.<\/p>\n<p>Daran h\u00e4ngt viel: Individuelles und kollektives Selbstbewusstsein, Abstraktionsverm\u00f6gen, kulturelles Ged\u00e4chtnis, eine theoretisch bis ins Unendliche ausdehnbare Reichweite von Gef\u00fchlen wie Mitleid, usw. Deshalb ist es nicht nur selbstverst\u00e4ndlich, dass Tiere z.B. kein Wahlrecht (bei Kommunalwahlen oder dgl.) haben, sondern auch, dass das Leiden von Tieren, so sehr es bek\u00e4mpft werden sollte, nicht denselben Stellenwert haben kann wie das Leiden von Menschen.<\/p>\n<p>Abgesehen davon m\u00f6chte ich bemerken, dass <em>jeder<\/em> zoologischen Art ein &#8222;Speziesismus&#8220; zuzubilligen w\u00e4re: Ein Okapi oder eine Sardine wird ArtgenossInnen immer anders &#8222;bewerten&#8220; als Tiere anderer Arten, z.B. unter dem Kriterium der Sexualit\u00e4t.<\/p>\n<p>3. Evolutiv &#8222;hochentwickelte&#8220; Tiere, besonders S\u00e4ugetiere (Affen, Hunde, Wale, wom\u00f6glich Schweine) n\u00e4hern sich in ihrem Verhalten und Empfinden vielleicht dem an, was man als Bewusstsein ansprechen kann.<\/p>\n<p>ABER auch hieraus l\u00e4sst sich eine anti-speziesistische Position, welche die ethische Gleichheit aller Arten behauptet, gerade nicht begr\u00fcnden. Denn in der genannten Hinsicht unterscheiden sich verschiedene Tierarten radikal.<\/p>\n<p>Wie sollte man unter dem Aspekt des Bewusstseins (wahrscheinlich auch der Leidensf\u00e4higkeit) eine Auster und einen Orang-Utan auf dieselbe Stufe stellen? Ich kenne auch keinen Veganer, der angesichts z.B. einer Stechm\u00fccke, die sich gerade auf seinem Arm zwecks Nahrungsaufnahme niedergelassen hat, gro\u00dfe Skrupel h\u00e4tte zuzuschlagen. Dennoch behaupten die Anti-SpeziesistInnen eine prinzipielle ethische Gleichheit in der gesamten Tierwelt &#8211; und ziehen auch damit wieder eine willk\u00fcrliche Grenze zwischen Arten. Alles was Photosynthese treibt, darf ja zum Beispiel gegessen werden. Die Samenkerne der Sonnenblume sind erlaubt, obwohl diese mit ihrer netten t\u00e4glichen Drehung nach dem Sonnenstand selbst unter dem Aspekt der aktiven Bewegung mir n\u00e4her steht als zum Beispiel ein Schwamm, der als Tier unter anti-speziesistischem Schutz steht.<\/p>\n<p>Man kommt also aus rein praktischen Gr\u00fcnden \u00fcberhaupt nicht darum herum, unterschiedliche Arten ethisch unterschiedlich zu bewerten. Und dann ist die Spezies &#8222;Mensch&#8220; f\u00fcr uns zweifach ausgezeichnet: Erstens als die <em>eigene<\/em>, und zweitens als diejenige, die (z.B.) \u00fcber Antispeziesismus diskutieren kann.<\/p>\n<p>4. Es ist Hybris, wenn &#8222;der&#8220; Mensch sich als &#8222;Krone der Sch\u00f6pfung&#8220; sieht. Und gerade aus anarchistischer Perspektive tut man gut daran, die Unterschiede zwischen den Arten nicht in eine starre ethische Hierarchie zu gie\u00dfen (auch wenn manche der von mir bereits genannten Beispiele es schwer machen, dieser Maxime zu folgen).<\/p>\n<p>Es gibt wahrlich genug Anlass, von anderen Tierarten zu lernen: Vom Egalitarismus und dem Lustprinzip der Bonobo-Zwergschimpansen; von der &#8222;kybernetisch-demokratischen&#8220; Entscheidungsfindung der Honigbienen bei ihrer Futtersuche (von wegen &#8222;staatenbildende Insekten&#8220;: pah!); von der gegenseitigen Hilfe in der Tierwelt, die Kropotkin vor hundert Jahren schon so eindrucksvoll beschrieb &#8211; sein Buch sollte gerade auch im laufenden Darwin-Jahr als notwendiges Darwin-Korrektiv ins Ged\u00e4chtnis gerufen werden.<\/p>\n<p>ABER Bonobos sind in dem ihnen m\u00f6glichen Verhalten anders gestrickt als gro\u00dfe Schimpansen, L\u00f6wen anders als Gazellen, usw. Wie gehen Anti-SpeziesistInnen damit um?<\/p>\n<p>Wenn moralische Gleichheit im gesamten Bereich der Zoologie herrschen soll, m\u00fcsste dann den L\u00f6wen nicht eine vegetarische Lebensweise aufgezwungen werden? Das w\u00e4re erst recht menschliche Hybris und &#8211; auch moralisch &#8211; absurd!<\/p>\n<p>Na klar: Wir unterliegen alle dem Effekt, Tiere zu &#8222;anthropomorphieren&#8220;, d.h. wir beurteilen sie intuitiv nach unseren menschlichen Ma\u00dfst\u00e4ben. Wenn wir im <em>Discovery Channel<\/em> eine Jagdszene zwischen L\u00f6wen und Gazellen sehen, halten wir &#8222;automatisch&#8220; zu den Gazellen. Aber daraus ist kein ethisches Prinzip abzuleiten. Die Biosph\u00e4re kommt ohne das Ph\u00e4nomen des Gefressen-Werdens nicht aus. Die Natur ist sch\u00f6n, und sie ist h\u00e4sslich. Und <em>wir<\/em> r\u00e4sonieren \u00fcber diese Frage nur, weil wir mehr sind als Natur: weil uns die spezifisch menschliche Sph\u00e4re der Kultur von der Natur aufgezwungen wurde, indem uns die Instinkte abhanden kamen (deren k\u00fcnstlicher Ersatz eben die jeweilige Kultur ist).<\/p>\n<p>5. Als Menschen k\u00f6nnen und m\u00fcssen wir also moralische Entscheidungen treffen, z.B. zugunsten oder zuungunsten des Veganismus und des Anti-Speziesismus.<\/p>\n<p>Wir sind dann ABER auch f\u00fcr die Folgen verantwortlich. Und hier erweist sich der Rigorismus, mit dem Anti-SpeziesistInnen h\u00e4ufig vorgehen, als zweischneidig. Sie erkennen nicht, dass die von ihnen vorgenommene Egalisierung der Arten <em>zwei<\/em> Bewegungen beinhaltet. In demselben Vollzug, in dem Tiere ethisch auf die Ebene von Menschen <em>gehoben<\/em> werden, werden Menschen auf die Ebene von Tieren <em>herabgedr\u00fcckt<\/em>.<\/p>\n<p>Es ist deshalb meiner \u00dcberzeugung nach kein Zufall, dass der Nestor des Antispeziesismus, der australische Philosoph Peter Singer, nicht nur das Recht von Tieren betont, nicht von Menschen get\u00f6tet zu werden, sondern <em>zugleich<\/em> das Lebensrecht geistig behinderter Menschen relativiert. Die Aufl\u00f6sung einer festen ethischen Grenze <em>zwischen<\/em> den Spezies erweist sich als Voraussetzung der Etablierung von ethischen Grenzen <em>innerhalb<\/em> der Spezies. Die Bedingung der M\u00f6glichkeit politischer Gleichheit wird zersetzt. Dies sollte gerade von anarchistischer Seite aus mit aller Entschiedenheit bek\u00e4mpft werden.<\/p>\n<p>Sehr instruktiv ist in diesem Zusammenhang auch die anti-speziesistische Kampagne, die die Pressure-Group PETA (&#8222;<em>People for the Ethical Treatment of Animals<\/em>&#8222;) vor etwa f\u00fcnf Jahren unter dem Titel &#8222;Der Holocaust auf Ihrem Teller&#8220; lancierte und die am 20. Februar 2009 vom Bundesverfassungsgericht verboten wurde. Auf Plakaten wurden Fotos von H\u00e4ftlingen in Nazi-KZs und Fotos von Tieren in Massenhaltung nebeneinandergestellt. Zum Beispiel sieht man auf einem Plakat j\u00fcdische Kinder in H\u00e4ftlingskleidung hinter Stacheldraht neben Ferkeln, die in einem K\u00e4fig zusammengepfercht sind. PETA und andere extremistische Tiersch\u00fctzerInnen verteidigen diese Kampagne bis zum heutigen Tag. Ihnen fehlt jegliche Sensibilit\u00e4t daf\u00fcr, dass es ein wichtiger Bestandteil des nationalsozialistischen V\u00f6lkermords war, den J\u00fcdinnen und Juden ihr Menschsein abzusprechen und sie diskursiv zu Tieren zu machen (&#8222;Ungeziefer&#8220; und dgl.). PETA dreht diese Schraube sogar noch etwas weiter: F\u00fcr viele Angeh\u00f6rige des j\u00fcdischen Glaubens d\u00fcrfte es keinen erniedrigenderen Vergleich geben als den mit Schweinen, den nach den mosaischen Gesetzen &#8222;unreinen&#8220; Tieren <em>par excellence<\/em>.<\/p>\n<p>Vielleicht wollte PETA mit ihrer Kampagne sagen: &#8222;Tiere sind ebensoviel wert wie Menschen.&#8220; Aber sie haben zumindest <em>auch<\/em> gesagt: &#8222;Juden sind ebensoviel wert wie Schweine.&#8220;<\/p>\n<p>Das ist das Problem. Der Tierrechts-Fanatismus besch\u00e4digt den Kampf um Menschenrechte. Wer behauptet, Speziesismus sei genauso zu beurteilen wie Rassismus, verharmlost den Rassismus.<\/p>\n<p>Wenn ich selbst, als Fleischesser vor meinem Teller, moralisch auf derselben Stufe stehen soll wie die Nazi-Schergen, wenn fast die gesamte Menschheit angeblich ununterbrochen das ultimative Menschheitsverbrechen wiederholt, dann sind s\u00e4mtliche moralischen Ma\u00dfst\u00e4be zersetzt.<\/p>\n<p>Kein Wunder, dass sich der alte Gevatter Rassismus prompt durch die Hintert\u00fcr bei PETA hereinschleicht, wo sie sich historische &#8222;Kronzeugen&#8220; aneignen. Zum Beispiel zitieren sie Theodor W. Adorno mit dem Satz: &#8222;Auschwitz f\u00e4ngt da an, wo einer im Schlachthof steht und sagt, es sind ja nur Tiere.&#8220; Abgesehen davon, dass dieses Zitat etwas ganz anderes aussagt als die ethische Gleichwertigkeit aller Arten, f\u00e4llt hier auf, dass Adorno als &#8222;j\u00fcdischer Philosoph und Soziologe&#8220; benannt wird; wohl um ihn eben als Kronzeugen gegen den Vorwurf des Antisemitismus aufzurufen. Die Bezeichnung entlarvt ihre VerwenderInnen aber im Gegenteil als Erben des rassistischen Antisemitismus.<\/p>\n<p>Adorno hatte wohl j\u00fcdische Vorfahren, aber er bekannte sich nicht zu dieser Religion. Er war <em>deutscher<\/em> Philosoph und Soziologe. Philosophisch vertrat er die &#8222;Kritische Theorie&#8220;, die man wissenssoziologisch mit den j\u00fcdisch-assimilierten Elternh\u00e4usern vieler ihrer Vertreter in Verbindung bringen, aber ganz bestimmt nicht auf das religi\u00f6se Etikett &#8222;j\u00fcdisch&#8220; zusammenschnurren lassen kann.<\/p>\n<p>&#8222;J\u00fcdisch&#8220; war Adorno allerdings nach den rassistischen Kriterien der Nazis, deren &#8222;F\u00fchrer&#8220; \u00fcbrigens \u00fcberzeugter Vegetarier war (was hier nur erw\u00e4hnt sei, um auch von dieser Seite her zu verdeutlichen, dass der Verzicht auf Fleischkonsum nicht automatisch Gew\u00e4hr f\u00fcr eine \u00fcberlegene Moral gibt. Und man lese das zum Br\u00fcllen alberne zw\u00f6lfte Kapitel von &#8222;Mein Kampf&#8220;, um zu entdecken, dass der Rassist Hitler den Unterschied zwischen &#8222;Rassen&#8220; und &#8222;Arten&#8220; nicht verstanden hatte).<\/p>\n<p>Zusammenfassend: Die ethische Gleichsetzung von Tieren mit Menschen f\u00fchrt offensichtlich zu einer Relativierung oder Vernachl\u00e4ssigung der spezifischen zwischenmenschlichen Ethik; Die Ausblendung des besonderen kulturellen &#8222;Wesens&#8220; der Menschen f\u00fchrt dazu, dass man durch die Kulturgeschichte torkelt wie der Elefant durch den Porzellanladen; und der eigentlich lobenswerte Impuls, f\u00fcr die Rechte von Tieren einzutreten, m\u00fcndet in &#8222;Barbarei&#8220; (um ebenfalls einen Begriff Adornos zu bem\u00fchen).<\/p>\n<p>Wenn wir uns auf dieser Grundlage einigen k\u00f6nnen, dann w\u00e4re erst die Debatte m\u00f6glich, wie eine &#8222;ethische Behandlung von Tieren&#8220; denn aussehen k\u00f6nnte. Meiner Ansicht nach k\u00f6nnte das Ergebnis u.a. folgende Punkte beinhalten:<\/p>\n<p>Kein Tier darf absichtsvoll gequ\u00e4lt werden (das gilt von der Fliege, der ein Kind die Fl\u00fcgel &#8222;zum Spa\u00df&#8220; ausrei\u00dft, ebenso wie von der &#8222;gestopften&#8220; Gans). Die Frage, ob man z.B. Hauskatzen gew\u00e4hren lassen sollte, wenn sie mit lebenden M\u00e4usen einfach nur qu\u00e4lerisch &#8222;spielen&#8220;, w\u00e4re noch zu diskutieren.<\/p>\n<p>Tiere d\u00fcrfen nicht f\u00fcr Luxuszwecke gez\u00fcchtet, gehalten oder get\u00f6tet werden (z.B. zur Gewinnung &#8222;kostbarer&#8220; Pelze oder f\u00fcr Zwecke der Kosmetik).<\/p>\n<p>Die H\u00fcrden f\u00fcr die Z\u00fcchtung, Haltung und T\u00f6tung von Tieren f\u00fcr medizinische Zwecke m\u00fcssen sehr hoch gelegt werden (aber ein solches T\u00f6ten etc. kann in bestimmten F\u00e4llen gerechtfertigt sein). Die Grenze zwischen medizinischen und kosmetischen Zwecken w\u00e4re im Einzelfall noch zu diskutieren.<\/p>\n<p>Das Halten und T\u00f6ten von Tieren zum Zwecke der Nahrungsaufnahme muss weltweit drastisch verringert werden.<\/p>\n<p>Es gibt allerdings gro\u00dfe Menschengruppen, vor allem in den fr\u00fcheren Kolonien, die ein Recht darauf haben, dass ihr Speisezettel einen gr\u00f6\u00dferen Anteil tierischer Eiwei\u00dfe aufweist.<\/p>\n<p>Die Bedingungen, unter denen Tiere gehalten werden, die (oder deren Produkte) der menschlichen Ern\u00e4hrung dienen, m\u00fcssen &#8222;artgerecht&#8220; nach dem jeweiligen Stand der biologischen Erkenntnisse sein. (Dass diese Ma\u00dfst\u00e4be nicht ein f\u00fcr allemal festgelegt werden k\u00f6nnen, zeigt z.B. die k\u00fcrzlich gewonnene Einsicht, dass es bei der H\u00fchnerhaltung weniger um die M\u00f6glichkeit des freien Auslaufs geht als um das Leben in Kleingruppen.)<\/p>\n<p>Bei allen Formen des Umgangs mit Tieren sind die weiteren \u00f6kologischen Zusammenh\u00e4nge zu beachten. Wenn (wie geschehen) 200 Bio-Rinder den Laacher See zuschei\u00dfen und zu einem toten Gew\u00e4sser machen, sollte einem auch das leckere Bio-Steak im Halse stecken bleiben.<\/p>\n<p>Und immer muss beachtet werden, dass die Befolgung dieser Punkte wiederum <em>soziale, <\/em>d.h. zwischenmenschliche Konsequenzen hat. Wenn Fleisch dadurch so teuer wird, dass nur noch Reiche es sich leisten k\u00f6nnen, ist im Sinne einer freiheitlichen Politik ein Dilemma erwachsen. Flankierend (wenn nicht: zuvor) m\u00fcsste also eine Aufhebung der Reichtumsunterschiede erk\u00e4mpft werden.<\/p>\n<p>Womit wir wieder im Bereich der Menschenrechte angekommen w\u00e4ren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die individuelle Entscheidung von VegetarierInnen, kein Fleisch zu essen, oder die noch konsequentere Entscheidung der VeganerInnen, gar keine tierischen Produkte zu verwenden, wird h\u00e4ufig mit einer Ablehnung des &#8222;Speziesismus&#8220; begr\u00fcndet, also der Ungleichbehandlung von Lebewesen aufgrund ihrer Art. Ich m\u00f6chte demgegen\u00fcber ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr den &#8222;Speziesismus&#8220; halten. 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