{"id":9468,"date":"2009-06-01T00:00:11","date_gmt":"2009-05-31T22:00:11","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9468"},"modified":"2022-07-26T14:24:10","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:10","slug":"umstrittene-tourismusprojekte-in-chiapas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/06\/umstrittene-tourismusprojekte-in-chiapas\/","title":{"rendered":"Umstrittene Tourismusprojekte in Chiapas"},"content":{"rendered":"<p>Die politische und wirtschaftliche Macht ist bis heute auf wenige Familien, Gro\u00dfgrundbesitzerInnen, politische Funktion\u00e4rInnen sowie mexikanische und internationale Unternehmen verteilt. Neben Guerrero und Oaxaca gilt der Bundesstaat, der etwas gr\u00f6\u00dfer als Bayern ist, als die \u00e4rmste Region Mexikos.<\/p>\n<h3>Hintergrund<\/h3>\n<p>Schon seit Jahrzehnten spielt der Tourismus eine wichtige Rolle in dieser subtropischen, stark agrarisch gepr\u00e4gten Provinz. &#8222;Wir haben arch\u00e4ologische Zonen, ein \u00f6ko-touristisches Kulturerbe, die &#8218;Montes Azules&#8216; &#8211; das gr\u00f6\u00dfte Naturreservat Zentralamerikas -, sowie eine Entwicklungsregion, einerseits Palenque, wo ein neuer Flughafen gebaut wird, sowie den Korridor Tuxta-San Crist\u00f3bal-Chiapa de Corzo mit einer Kapazit\u00e4t von 5.000 Wohnungen, wo Konventionen jeder Art organisiert werden k\u00f6nnen&#8220;, wirbt der amtierende Gouverneur Juan Sabines in der Mai-Ausgabe des Magazins &#8222;Lideres mexicanos&#8220;.<\/p>\n<p>Sabines ist ein Machtpolitiker alter Schule. Er ist kurz vor seiner Wahl 2006 wegen innerparteilicher Querelen von der ehemaligen Staatspartei PRI, die Mexiko 71 Jahre dominierte, zur sozialdemokratischen PRD \u00fcbergetreten. Heute arbeitet Sabines sowohl mit der PRI als auch mit der konservativen PAN zusammen, die den aktuellen mexikanischen Pr\u00e4sidenten Felipe Calder\u00f3n stellt, mit dem der Gouverneur befreundet ist.<\/p>\n<p>Sabines scheint keine Ber\u00fchrungs\u00e4ngste zu haben; mit dem deutschst\u00e4mmigen Constantino Kanter berief er einen m\u00e4chtigen Viehz\u00fcchter in sein Kabinett, der wegen seiner \u00c4u\u00dferung &#8222;Ein Huhn ist mehr wert als ein Indio&#8220; ber\u00fchmt-ber\u00fcchtigt wurde.<\/p>\n<p>In seiner ersten Regierungserkl\u00e4rung betonte Sabines, dass er die gesellschaftliche Vielfalt im Bundesstaat sch\u00e4tze und pflegen wolle, wobei er auch explizit die zapatistische Befreiungsarmee EZLN erw\u00e4hnte, die sich 1994 zwei Wochen bewaffnet f\u00fcr &#8222;Land und Freiheit&#8220; erhoben hatte, seitdem zivil gegen Rassismus und Ausbeutung k\u00e4mpft und in rund 1.000 D\u00f6rfern autonome Strukturen in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Landwirtschaft, Justiz, Medien und Verwaltung aufbaut.<\/p>\n<p>Der Gouverneur versprach eine Verbesserung der fatalen Menschenrechtssituation, soziale Ma\u00dfnahmen und ein enormes Wirtschaftswachstum. Der Tourismus soll massiv ausgebaut werden. Er k\u00fcndigte an, Chiapas in ein &#8222;neues Canc\u00fan&#8220; &#8211; ein umstrittenes touristisches Mekka an der mexikanischen Karibikk\u00fcste, das den Massentourismus auf Mallorca in den Schatten stellt &#8211; und ein &#8222;\u00f6ko-arch\u00e4ologisches Musterprojekt&#8220; zu verwandeln.<\/p>\n<p>Die progressiv gef\u00e4rbte Ausrichtung der Umgestaltung des Bundesstaates richtet sich an internationale AkteurInnen aus Politik und Wirtschaft &#8211; darunter die EU, die Investitionen in H\u00f6he von 55 Millionen Euro f\u00fcr &#8222;nachhaltige Entwicklungsprogramme&#8220; plant.<\/p>\n<h3>\u00d6ko-Tourismus?<\/h3>\n<p>Die \u00d6ffentlichkeit soll davon \u00fcberzeugt werden, dass Chiapas nicht mehr das korrupte und brutale Hinterland ist. Dagegen sp\u00fcren immer breitere Teile der Landbev\u00f6lkerung die Auswirkungen: Was f\u00fcr die Ohren der potentiellen InvestorInnen &#8222;\u00d6ko-Tourismus&#8220; und &#8222;Partizipation der Bev\u00f6lkerung&#8220; genannt wird, bedeutet f\u00fcr die meist indigene Bev\u00f6lkerung vor Ort Vertreibung, Landenteignung, Migration oder Konvertieren in LohnarbeiterInnen.<\/p>\n<p>&#8222;Die indigenen Gemeinden profitieren nicht von dieser Art von Entwicklung&#8220;, betont Hermann Bellinghausen, Mitgr\u00fcnder der Tageszeitung La Jornada: &#8222;Der sogenannte \u00d6ko-Tourismus schafft die Schneisen f\u00fcr die sp\u00e4ter vorgesehene Ressourcenausbeutung der Zone, darunter \u00d6l, Uran und die immense biologische Vielfalt. Au\u00dferdem zerst\u00f6ren die Projekte das soziale Miteinander in den D\u00f6rfern.&#8220;<\/p>\n<p>Die vermeintlich &#8222;kommunit\u00e4ren&#8220; und &#8222;\u00f6kologischen&#8220; Tourismusprojekte in Ixc\u00e1n, Guacamayas, Lacanj\u00e1 Chansayab und weiteren Gemeinden des Lakandonischen Regenwalds sind nach Angaben von Miguel Angel Garc\u00eda von der Umweltorganisation Maderas del Pueblo &#8222;weder umweltfreundlich, noch nutzen sie den Gemeinden als Ganzes&#8220;. Das ehemals unverk\u00e4ufliche Gemeindeland werde \u00fcber vorgebliche Hilfsprogramme privatisierbar gemacht. &#8222;Nur wenige Familien profitieren davon, und nicht selten wird das Land an wohlhabende Unternehmer verkauft, was ein hohes Ma\u00df an sozialer Ungleichheit und unumkehrbare Spaltungsprozesse in den D\u00f6rfern mit sich bringt&#8220;, erkl\u00e4rt Garc\u00eda.<\/p>\n<p>Von den betroffenen Gemeinden werden die im Volksmund als &#8222;Mega-Projekte&#8220; bekannten Vorhaben als gro\u00dfe Gefahr f\u00fcr Mensch und Natur eingesch\u00e4tzt. &#8222;Jetzt wollen sie hier eine Schnellstra\u00dfe zwischen San Crist\u00f3bal und Palenque bauen. Aber sie zerst\u00f6rt die Umwelt und bringt uns Armen nur Nachteile. Es kommen immer mehr reiche Touristen und s\u00e4mtliche Preise schnellen nach oben&#8220;, so Jos\u00e9 P\u00e9rez, ein 60j\u00e4hriger indigener Bauer, der ein karges St\u00fcckchen Land in der N\u00e4he der Ruinen von Palenque besitzt.<\/p>\n<p>Sein Sohn Camilo f\u00fcgt ver\u00e4rgert hinzu: &#8222;Die Regierung macht uns st\u00e4ndig Probleme. Sie fragt nie, ob wir mit den Projekten einverstanden sind, wir werden nicht einmal informiert, obwohl die Regierung internationale Abkommen unterzeichnet hat und verpflichtet ist, die indigenen Gemeinden zu konsultieren.&#8220;<\/p>\n<h3>Anhaltende Menschenrechtsverletzungen<\/h3>\n<p>Menschenrechtsorganisationen wie amnesty international oder die Deutsche Menschenrechtskoordination Mexiko stellen der aktuellen mexikanischen Regierung schlechte Noten aus. Immer wieder komme es zu illegalen Festnahmen, Folter und Mord an sozialen AktivistInnen. &#8222;Die Drogenbek\u00e4mpfungspolitik der Regierung Calder\u00f3n wird oft als Vorwand missbraucht, l\u00e4ndliche Regionen mit einem hohen Anteil indigener Bev\u00f6lkerung zu militarisieren&#8220;, analysiert die Koordination in ihrem aktuellen Bericht.<\/p>\n<p>Erst Mitte April 2009 wurden acht Aktivisten aus der Nachbarschaft der ber\u00fchmten Wasserf\u00e4lle von Agua Azul willk\u00fcrlich festgenommen. &#8222;Sie wurden in gleichlautenden, offenbar bezahlten Artikeln in 20 Zeitungen als Schwerkriminelle &#8211; wie die gro\u00dfen Drogenbosse &#8211; pr\u00e4sentiert, die f\u00fcr \u00dcberf\u00e4lle auf mit TouristInnen besetzten Autobussen verantwortlich sein sollen. Die l\u00e4cherlichen Beweise sind drei Macheten, ein Autoschl\u00fcssel und ein Funkger\u00e4t, alles ganz normale Werkzeuge hier&#8220;, stellt Hermann Bellinghausen klar.<\/p>\n<p>Das Menschenrechtszentrum Fray Barolom\u00e9 de las Casas und die Angeh\u00f6rigen betonen, dass die Inhaftierten unter Folter zu Gest\u00e4ndnissen gezwungen wurden und unschuldig seien. &#8222;Das einzige Delikt, das mein Bruder begangen hat, ist, dass er gegen die Vertreibung durch neue Tourismusprojekte protestiert hat&#8220;, so Pedro S\u00e1nchez aus Bachaj\u00f3n. Er kritisiert weiter, dass Agua Azul von Paramilit\u00e4rs gef\u00fchrt werde, die offen mit der Polizei zusammenarbeiten.<\/p>\n<h3>Alternativen?<\/h3>\n<p>&#8222;Es geht auch ganz anders&#8220;, betont Anna Blanke, Politikstudentin aus M\u00fcnster, die k\u00fcrzlich als Menschenrechtsbeobachterin in Agua Clara gearbeitet hat. &#8222;Hier haben die Zapatistas den Fluss ges\u00e4ubert und ein leerstehendes Hotel ausgebaut, das nun den TouristInnen offen steht. Alle Gewinne flie\u00dfen an die Gemeinde, sogar andere D\u00f6rfer, die in der EZLN organisiert sind, sollen davon profitieren. Das passt den Leuten, die der Regierung nahe stehen, \u00fcberhaupt nicht. Unsere Aufgabe ist, durch unsere blo\u00dfe Anwesenheit Provokationen und Ausschreitungen zu verhindern.&#8220;<\/p>\n<p>Die Landbev\u00f6lkerung ist nicht gegen den Tourismus an sich, aber die Menschen wollen endlich respektiert werden. Camilo P\u00e9rez appelliert daher an die internationalen BesucherInnen: &#8222;Die TouristInnen sollten die Reiseunternehmen auffordern, Druck auf ihre mexikanischen PartnerInnen und die Regierung zu machen, damit die neuen zerst\u00f6rerischen Megaprojekte nicht realisiert werden.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die politische und wirtschaftliche Macht ist bis heute auf wenige Familien, Gro\u00dfgrundbesitzerInnen, politische Funktion\u00e4rInnen sowie mexikanische und internationale Unternehmen verteilt. Neben Guerrero und Oaxaca gilt der Bundesstaat, der etwas gr\u00f6\u00dfer als Bayern ist, als die \u00e4rmste Region Mexikos. Hintergrund Schon seit Jahrzehnten spielt der Tourismus eine wichtige Rolle in dieser subtropischen, stark agrarisch gepr\u00e4gten Provinz. &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/06\/umstrittene-tourismusprojekte-in-chiapas\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"Umstrittene Tourismusprojekte in Chiapas - graswurzelrevolution","description":"Die politische und wirtschaftliche Macht ist bis heute auf wenige Familien, Gro\u00dfgrundbesitzerInnen, politische Funktion\u00e4rInnen sowie mexikanische und internatio"},"footnotes":""},"categories":[544],"tags":[],"class_list":["post-9468","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-340-sommer-2009"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9468","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=9468"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/9468\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=9468"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=9468"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=9468"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}