{"id":9477,"date":"2009-06-01T00:00:15","date_gmt":"2009-05-31T22:00:15","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9477"},"modified":"2022-07-26T14:14:42","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:42","slug":"der-anarchismus-ist-ein-idealer-entwurf-des-menschlichen-lebens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/06\/der-anarchismus-ist-ein-idealer-entwurf-des-menschlichen-lebens\/","title":{"rendered":"&#8222;Der Anarchismus ist ein idealer Entwurf des menschlichen Lebens&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Die Kollektivierungen 1936 k\u00f6nnen nicht ohne ihre Vorgeschichte                 verstanden werden.<\/p>\n<p>In diesem Jahr finden wir bereits eine revolution\u00e4re Tradition                 vor, in der aufgrund kollektiver Experimente auf praktische Erfahrungen                 zur\u00fcckgegriffen werden konnte. Durch neue Organisationsstrukturen                 und eine ge\u00e4nderte inhaltliche Ausrichtung der anarcho-syndikalistischen                 CNT wurden seit 1931 Kollektivierungen nach einer Revolution konkret                 vorbereitet.<\/p>\n<p>In weiteren Teilen gehe ich auf die Kollektivierungen in der                 Landwirtschaft und in der Industrie n\u00e4her ein und besch\u00e4ftige                 mich schwerpunktm\u00e4\u00dfig mit den Aspekten <i>wirtschaftliche Koordination,                 die Rolle des Geldes, die Anzahl der Kollektive und die jeweilige                 Auspr\u00e4gung.<\/i> Damit eng verbunden sind Fragen nach der Funktionsweise:                 Wie wurde die Produktion und Verteilung organisiert? Wie wurde                 getauscht? Wie wurden die Beziehungen zwischen kollektivierten                 und nicht kollektivierten Gegenden geregelt usw.?<\/p>\n<p>Zwei anarchosyndikalistische Zeitzeugen stehen uns zur Verf\u00fcgung:                 Gaston Leval und Augustin Souchy. Es bietet sich an, ihre Berichte,                 die teilweise zu denselben D\u00f6rfern oder Betrieben verfasst wurden,                 zu vergleichen.<\/p>\n<p>Noch weitgehend unausgewertet sind die CNT- und FAI-Informationen,                 in denen auch immer wieder Artikel aus spanischen anarchistischen                 und anarchosyndikalistischen Zeitungen wiedergegeben wurden, die                 die Gruppe DAS (Deutsche Anarchosyndikalisten) in Barcelona 1937                 unter der Bezeichnung <i>Boletin de Informacion<\/i> ins Deutsche                 \u00fcbersetzt und herausgegeben hatte. Die Beitr\u00e4ge, die sich mit                 der Kollektivierung besch\u00e4ftigen, sollen in den sp\u00e4teren Teilen                 aufgegriffen werden.<\/p>\n<p>Am Ende wird zu diskutieren sein, was man aus den anarchistischen                 Kollektiven f\u00fcr die Zukunft lernen kann. Oder auch, ob es Grenzen                 gibt, Probleme, die gel\u00f6st werden m\u00fcssten bzw. ob diese Form \u00fcberhaupt                 noch zukunftsweisend sein kann.<\/p>\n<h3>Vorgeschichte<\/h3>\n<p>Bereits 1854 entstand in Katalonien eine ArbeiterInnenunion,                 die mittels des Generalstreiks Forderungen durchsetzen wollte.<\/p>\n<p>1868 reiste der italienische Anarchist Fanelli im Auftrag Bakunins                 nach Spanien. <\/p>\n<p>1870 gr\u00fcndeten Delegierte von 40.000 ArbeiterInnen die 1. Internationale                 in Barcelona, die nach Bakunins Ideen zwei Organisationen schuf,                 eine breite, \u00f6ffentliche, gewerkschaftliche Organisation, die                 Mitglieder verschiedener Ausrichtung aufnehmen durfte und eine                 geheime revolution\u00e4re Organisation, deren Mitglieder in der gro\u00dfen                 Organisation verdeckt arbeiten sollten.<\/p>\n<p>Die 1. Internationale verpflichtete sich, in Abgrenzung zu reformistischen                 Gewerkschaften, eine neue Gesellschaft anzustreben, auf der Basis                 von F\u00f6deralismus, Kollektivierungen, einer kulturellen Revolution,                 der Gleichberechtigung der Geschlechter, der Abschaffung des Privateigentums                 an Produktionsmitteln und der Abschaffung des staatlichen, kirchlichen                 und milit\u00e4rischen \u00dcberbaus.<\/p>\n<p>Die Kollektivierung der Wirtschaft und die Anarchie als Organisationsform                 der Gesellschaft wurden als Hauptziele bestimmt. In einem Manifest                 von 1872 wird ausgef\u00fchrt, was darunter zu verstehen war: <i>&#8222;Der                 Kollektivismus, d.h. das gemeinsame Eigentum der Arbeitsinstrumente,                 ihre Benutzung durch die Arbeiterkollektive, die ihre Produktion                 direkt bestimmen, und das individuelle Eigentum am vollst\u00e4ndigen                 Arbeitsertrag eines jeden. Die Anarchie, oder die Abschaffung                 der Regierungen, d.h. ihre Umwandlung in einfache Verwaltungsorgane                 der kollektiven Interessen.&#8220;<\/i> (Leval, S. 24)<\/p>\n<p>Aufgrund der zwei Organisationen entstanden in der Folge aber                 auch zwei Revolutionsvorstellungen. W\u00e4hrend die einen, sie wurden                 auch die &#8222;Legalisten&#8220; oder &#8222;Bakunisten&#8220; genannt, meinten, eine                 Revolution k\u00f6nne nur mit einer starken revolution\u00e4ren, gewerkschaftlichen                 Organisation und ausgiebiger Bildungsarbeit erfolgreich sein,                 erwarteten die anderen, nennen wir sie die &#8222;Anarchisten&#8220;, die                 Revolution aufgrund einer spontanen Massenerhebung und sahen eine                 legale Arbeit von Revolution\u00e4rInnen als falsch an, weil sie der                 Polizei Zugriffsm\u00f6glichkeiten erlaubte.<\/p>\n<p>Nach Bakunins Tod gelangten die anarchokommunistischen Ideen                 Kropotkins nach Spanien und unterst\u00fctzten die &#8222;Anarchisten&#8220;. Als                 Ideal betrachtet wurden jetzt autonome, autarke, sich selbst verwaltende                 anarchistische Kommunen.<\/p>\n<p>Unter diesem Einfluss wurde 1888 auf dem Kongress in Valencia                 die gro\u00dfe revolution\u00e4re gewerkschaftliche Organisation aufgel\u00f6st.                 Es begann die Zeit der Attentate und lokaler Aufst\u00e4nde aktiver                 Gruppen. Damit verlor der Anarchismus jedoch an Boden in der Arbeiterschaft                 und der Marxismus konnte in Spanien Fu\u00df fassen. <\/p>\n<p>Wie gro\u00df war die 1. Internationale zum Zeitpunkt ihrer Aufl\u00f6sung?                 In Valencia wurden 57.934 Mitglieder repr\u00e4sentiert, davon arbeiteten                 20.915 in der Landwirtschaft, so dass 1936 die gro\u00dfe Zahl landwirtschaftlicher                 Kollektive in Arag\u00f3n nicht mehr verwundert, weil die Bauern ebenfalls                 auf eine lange revolution\u00e4re Tradition zur\u00fcckblickten.<\/p>\n<p>1907 gr\u00fcndeten die in Valencia unterlegenen &#8222;Bakunisten&#8220; zusammen                 mit sozialistischen Gewerkschaftlern die Gruppe &#8222;Solidaridad Obrera&#8220;,                 die 1908 zur katalanischen Organisation umgewandelt wurde und                 schlie\u00dflich 1910 zur Gr\u00fcndung der CNT f\u00fchrte. Die neu gegr\u00fcndete                 Organisation kn\u00fcpfte an die Vorstellungen des Kollektivismus an                 und entwickelte in ihrer Bildungsarbeit Modelle zur praktischen                 Umsetzung. Diese Arbeit brachte dem Anarchismus in Spanien eine                 breite Akzeptanz und durch die Aufnahme der in Frankreich entwickelten                 syndikalistischen Ideen wandelte sich die CNT zu einer anarchosyndikalistischen                 Union und zu einer Massenorganisation, die zwischen einer halben                 Million und einer Million Mitglieder z\u00e4hlte und zudem zahlreiche                 Sympathisierende an ihrer Seite wusste. Trotz dieser gewachsenen                 gesellschaftlichen Wichtigkeit konnte die CNT keine Revolution                 ausrufen, dazu waren die Kr\u00e4fte zu schwach. In der Folge kam es                 erneut zu Streitigkeiten \u00fcber den richtigen Weg. Der CNT-Aktivist                 Jos\u00e9 Peirats beschrieb 1967 in Mexiko die schwierige Problemlage                 mit den Worten:<\/p>\n<p><i>&#8222;Generalstreik, Meuterei, Insurrektion k\u00f6nnen nicht ungestraft                 angewandt werden, sofern man nicht die entscheidende Kraft ist                 &#8230; Wir waren eine gro\u00dfe bestimmende Kraft, aber nicht eine entscheidende                 Kraft. Ernste St\u00f6rungen der bestehenden Ordnung hervorzurufen,                 ohne imstande zu sein, die eigenen Ideen durchzusetzen, hei\u00dft                 f\u00fcr den Teufel arbeiten. Der Teufel ist die Diktatur.&#8220;<\/i><\/p>\n<h3>Der Lernprozess<\/h3>\n<p>Im Gegensatz zu den deutschen SozialistInnen oder den GR\u00dcNEN                 f\u00fchrte der nun einsetzende Lernprozess unter den spanischen Revolution\u00e4rInnen                 nicht zur fortschreitenden Anpassung an das herrschende System.                 Es gab bis in die 30er Jahre zahlreiche lokale Aufst\u00e4nde und Proklamationen                 &#8222;befreiter Zonen&#8220;, die aber immer schnell niedergeschlagen wurden                 und doch die Auswirkung hatten, dass die AktivistInnen (darunter                 Durruti, Ascaso, Garc\u00eda Oliver, Ricardo Sans u.a.) verstanden,                 dass f\u00fcr eine Revolution mehr organisatorische Voraussetzungen                 geschaffen werden mussten und mehr milit\u00e4rische Kenntnisse n\u00f6tig                 waren. Von 1913 bis 1917 wurden zahlreiche \u00f6rtliche Lokale geschaffen,                 eine exemplarische Zahl zeigt, wie umfangreich diese T\u00e4tigkeit                 einzusch\u00e4tzen ist. Im Jahr 1920 existierten in der spanischen                 Stadt C\u00f3rdoba in 61 von 75 Stadtteilen anarchistische Treffpunkte.<\/p>\n<p>1933 kam es zu Streikbewegungen, Landbesetzungen und der Gr\u00fcndung                 von Kollektiven, die meist von der Zivilgarde niedergeschlagen                 wurden, aber dennoch als wichtige Schritte zur sozialen Revolution                 begriffen wurden. Leval zitiert eine Erfahrung aus Kastilien:                 <i>&#8222;Wir mussten beweisen, dass unsere Ideen lebensf\u00e4hig waren                 und unser Programm ausf\u00fchrbar.<\/i><\/p>\n<p> <i>Trotz der Beh\u00f6rden und der Besitzer wurde nun der erste Versuch                 einer kollektiven Bebauung ausgef\u00fchrt. Den \u00c4rmsten ist beigestanden                 worden und die Kr\u00e4ftigsten haben den Schw\u00e4cheren geholfen. Arbeiter                 wurden zu Bauern, um an dieser neuen Realisation teilzunehmen.&#8220;<\/i>                 (Leval, S.51)<\/p>\n<p>Innerhalb der CNT wurde \u00fcber B\u00fcndnispartnerInnen nachgedacht                 wie sie sich z.B. in der sozialistischen Gewerkschaft UGT oder                 bei f\u00f6deralistisch organisierten RepublikanerInnen finden lie\u00dfen.                 Doch dar\u00fcber kam es erneut zum Richtungsstreit, jetzt zwischen                 AnarchistInnen und SyndikalistInnen. <\/p>\n<p>Salvador Segu\u00ed, von den AnarchistInnen bek\u00e4mpft, versuchte eine                 Synthese der beiden Richtungen:<\/p>\n<p><i>&#8222;Der Anarchismus ist kein Ideal, das sofort verwirklicht werden                 kann, sondern er ist ein idealer Entwurf des menschlichen Lebens.                 Der Syndikalismus ist ein geistiges Kind des Anarchismus, er \u00fcbernimmt                 die Inhalte des Anarchismus, die am leichtesten zu verwirklichen                 sind. Er ist kein Anarchismus, aber ein Schritt zum Anarchismus                 hin.&#8220;<\/i> <\/p>\n<p>Der Einfluss Segu\u00eds in Katalonien wird als sehr hoch beschrieben.                 Segu\u00ed wurde 1923 im Alter von 33 Jahren von &#8222;Pistoleros&#8220; des katalanischen                 Unternehmerverbands erschossen.<\/p>\n<p>Juan Peiro f\u00fchrte seine Arbeit fort. In seinem 1930 publizierten                 Buch &#8222;Ideas sobre Sindicalismo y Anarquismo&#8220; schreibt er: <i>&#8222;Unsere                 Konzeption des Anarchismus entfernt diesen von seinem traditionellen                 aristokratischen Individualismus und f\u00fchrt ihn in das Lager des                 Kollektivismus. Kollektivismus steht keineswegs im Gegensatz zum                 libert\u00e4ren Kommunismus. Kollektivismus ist f\u00fcr uns ein gegenwartsbezogenes                 Mittel, nicht das wirtschaftliche Ziel einer kommenden Gesellschaft.                 Wir sprechen vom Kollektivismus als Organisation, als Artikulation                 der Initiativen und Kr\u00e4fte [&#8230;]<\/i>&#8222;<\/p>\n<p>Nach dem Sturz der Diktatur Primo de Rivieras 1931 hatte Peiro                 den &#8222;Plan zur Reorganisation der CNT&#8220; entworfen.<\/p>\n<p>Nach Francos Sieg 1939 floh er nach S\u00fcdfrankreich, wurde aber                 nach der deutschen Besetzung S\u00fcdfrankreichs an Franco ausgeliefert                 und sollte als Integrationsfigur in der F\u00fchrung der falangistischen                 Gewerkschaft mitarbeiten. Da er es ablehnte, wurde er 1942 in                 Valencia erschossen.<\/p>\n<p>In seinem 1931 entwickelten und verabschiedeten Plan f\u00fcr die                 CNT gibt er zwei unterschiedliche Aufgaben vor, zum einen soll                 die CNT ein gewerkschaftliches Kampfmittel gegen das Kapital sein,                 zum anderen soll sie sich darauf vorbereiten, die Produktion und                 Verteilung zu \u00fcbernehmen und sich dabei streng an f\u00f6deralistische                 Organisationsprinzipien halten. Als Schwerpunkt und wichtigstes                 Ziel f\u00fcr die LandarbeiterInnen verabschiedete die CNT im Juni                 in Madrid die Kollektivierung von Grund und Boden. Da diese Grunds\u00e4tze                 1936 zu Bedeutung gelangen sollten, will ich an dieser Stelle                 die f\u00fcnf zentralen Forderungen nennen:<\/p>\n<p>Alles Weideland, Gro\u00dfgrundbesitz, Jagdgebiete und anderer Grundbesitz                 m\u00fcssen ohne Entsch\u00e4digung enteignet und zum sozialen \u00f6ffentlichen                 Besitz erkl\u00e4rt werden. Alle mit den fr\u00fcheren Besitzern abgeschlossenen                 Vertr\u00e4ge, die den Zehnten verlangen, sind ung\u00fcltig. Die H\u00f6he der                 Abgaben wird von den Gewerkschaften neu festgelegt und richtet                 sich nach den Bed\u00fcrfnissen der Bezirke.<\/p>\n<p>Zuchtvieh, Saatgut, Werkzeuge und Maschinen, die einem Privatbesitzer                 geh\u00f6ren, werden enteignet.<\/p>\n<p>Kostenlose, den jeweiligen Bed\u00fcrfnissen angepasste Verteilung                 der Werkzeuge; Verteilung der bestellten \u00c4cker an die Landwirtschaftsgewerkschaften,                 die f\u00fcr die weitere Verwertung des Bodens sorgen.<\/p>\n<p>Abschaffung der Steuern, des Zehnten, Liquidierung der Schulden                 und Hypotheken, die auf dem landwirtschaftlichen Besitz der Bauern                 lasten; ferner Abschaffung der unbezahlten Arbeit f\u00fcr den Gro\u00dfgrundbesitzer.<\/p>\n<p>Abschaffung der Landwirtschaftssteuern und sonstigen Abgaben,                 zu denen die Bauern durch die Gro\u00dfgrundbesitzer oder deren Verwalter                 gezwungen wurden.<\/p>\n<h3>Wie sollte dies in der Praxis verwirklicht werden?<\/h3>\n<p>Die Bauern waren auch in Spanien von Traditionen gepr\u00e4gt, religi\u00f6s,                 oft auf einem r\u00fcckst\u00e4ndigen kulturellen Niveau mit stark ausgepr\u00e4gtem                 egoistischen Besitzstreben, voller Vorurteile gegen Neuerungen.                 Die CNT setzte sich mit dieser Realit\u00e4t auseinander; ihr war klar,                 dass eine soziale Revolution in Spanien nur m\u00f6glich werden konnte,                 wenn die Landbev\u00f6lkerung mitzog und den Vorteil der Kollektivierung                 erkannte. Ziel war es deshalb, eine klare und verst\u00e4ndliche Propaganda                 f\u00fcr die inhaltlichen Vorstellungen der AnarchosyndikalistInnen                 zu entwickeln und mit der Schulung der Landbev\u00f6lkerung die tief                 verwurzelten Vorbehalte zu \u00fcberwinden. Es musste den B\u00e4uerinnen                 und Bauern deutlich werden, dass die kollektive Solidarit\u00e4t die                 wichtigste Voraussetzung daf\u00fcr ist, ein kollektives Wirtschaftssystem                 zu schaffen. Dass die kollektive Bestellung des Grund und Bodens,                 der gemeinsame Besitz an Werkzeugen und Maschinen f\u00fcr alle von                 Vorteil ist und vor allem der Gesellschaft die Basis verschafft,                 auf einer solidarischen Ebene zu funktionieren.<\/p>\n<p>In der Industrie hatten sich die lokalen Berufsverb\u00e4nde seit                 1910 zu lokalen F\u00f6derationen und in l\u00e4ndlichen Gebieten zu F\u00f6derationen                 auf Kreisebene zusammengeschlossen. <\/p>\n<p>Diese wiederum wurden zu Regionalf\u00f6derationen zusammengefasst                 und diese bildeten das nationale Komitee der CNT.<\/p>\n<p>Diese Organisationsform fand in den &#8222;Arbeitsb\u00f6rsen&#8220; des franz\u00f6sischen                 Syndikalismus und sp\u00e4ter der FAUD ab 1919 ihre Entsprechung.<\/p>\n<p>Die <i>nationalen Industrief\u00f6derationen<\/i>, die die ArbeiterInnen                 einer bestimmten Industrie unabh\u00e4ngig von ihrem Beruf organisierten,                 wurden 1931 beschlossen. <\/p>\n<p>Dabei blieben die Berufsorganisationen erhalten. Ihre Selbstbestimmung                 in eigenen Fragen blieb unangetastet, so dass weiterhin die Basis                 in den Berufsorganisationen die Entscheidungskompetenz behielt.<\/p>\n<p>Diese Berufsorganisationen eines Betriebs entsandten nun Delegierte                 in die Betriebs- oder Fabrikkomitees, die f\u00fcr den Betrieb bei                 innerbetrieblichen Fragen die Autonomie in allen Entscheidungen                 behielten. <\/p>\n<p>Vor der Revolution k\u00e4mpften sie daf\u00fcr, dass die Belegschaft als                 Kollektivperson bei Forderungen und Verhandlungen anerkannt wird.                 Nach Abschaffung des Staates sollten sie die Betriebe \u00fcbernehmen,                 die Produktion kontrollieren und letztlich die Leitung der Wirtschaft                 \u00fcbernehmen. Um vorbereitet zu sein, sollten die Betriebskomitees                 auch technische und wirtschaftliche Fachleute gewinnen.<\/p>\n<p>Neben den Betriebskomitees wurden Stadtteil- oder Distriktkomitees                 gegr\u00fcndet. Einerseits, um von den Fabriken einen direkten Bezug                 zu den Wohnbezirken herzustellen, andererseits, um bei einem Verbot                 gewerkschaftlicher T\u00e4tigkeit eine weitere organisatorische Ebene                 zu besitzen, die noch funktionierte. <\/p>\n<p>Zu dieser Basisstruktur sollten 1931 per Beschluss die &#8222;nationalen                 Industrief\u00f6derationen&#8220; treten. Ihre Aufgabe sollte es sein, die                 verschiedenen Berufsorganisationen einer Industrie zusammenzufassen,                 den Kampf auf Industrieebene zu koordinieren und alles statistische                 Material zur eventuellen \u00dcbernahme der Betriebe zusammenzutragen                 und vorzubereiten.<\/p>\n<p>Wenn nun der Eindruck entsteht, dass der Konflikt innerhalb der                 CNT beendet war und dieser Weg zur Revolution aufgrund des Beschlusses                 1931 von allen geteilt wurde, dann muss festgestellt werden, dass                 das Gegenteil der Fall war. Dies kann daran festgemacht werden,                 dass die &#8222;nationalen Industrief\u00f6derationen&#8220; erst 1937, also erst                 w\u00e4hrend der sozialen Revolution in Spanien, eingef\u00fchrt wurden,                 als der Bedarf dringend war. Bis 1936 hatte die FAI, die F\u00f6deration                 der AnarchistInnen, die Umsetzung dieses Beschlusses von 1931                 verhindert.<\/p>\n<p>Die FAI war 1927 gegr\u00fcndet worden, ihr Einfluss f\u00fchrte 1932 zur                 Spaltung der CNT und man kann heute sagen, dass die ca. 30.000                 FAI-Mitglieder seit 1933 die CNT kontrollierten. Wichtige Protagonisten                 der CNT wie Peiro und Pestana wehrten sich in einem \u00f6ffentlichen                 Manifest gegen die Beherrschung der CNT durch die FAI und traten                 aus. Erst auf dem Kongress 1936 in Zaragoza traten sie wieder                 ein, allerdings ohne Pestana, der eine syndikalistische Partei                 gr\u00fcndete. Auf dem Kongress von Zaragoza wurde unter dem Einfluss                 des Arztes Isaak Puente und Federica Montsenys der auf Kropotkin                 beruhende anarchokommunistische Weg beschlossen, autonome und                 sich selbst verwaltende anarchistische Kommunen anzustreben, aber                 wenige Monate sp\u00e4ter, nach Ausbruch der Revolution setzte sich                 in der Praxis die andere Richtung durch, vertreten durch den Argentinier                 Abad de Santill\u00e1n, Peiro und den Franzosen Gaston Leval, die in                 Zaragoza vertreten hatten, dass das Konzept der kleinen, sich                 selbst verwaltenden Einheiten mit einer modernen Industriegesellschaft                 nicht vereinbar sei und dass Kollektivierung und Arbeiterselbstverwaltung                 zentral von der CNT geplant werden m\u00fcsse. Isaak Puente war zu                 dem Zeitpunkt, als seine Ideen verwirklicht wurden, in seiner                 Heimat Navarra bereits von Franco-Anh\u00e4ngern ermordet worden.<\/p>\n<p>Um die revolution\u00e4ren Kollektivierungen realisieren zu k\u00f6nnen,                 trat die CNT in die katalanische und anschlie\u00dfend auch in die                 republikanische spanienweite Regierung ein.<\/p>\n<p>Als Gegenleistung wurde in Katalonien das Kollektivierungsgesetz                 vom 24.10.1936 verabschiedet, das der CNT-Wirtschaftsexperte Juan                 Fabregas verfasst hatte. Dieses Gesetz &#8211; es umfasste 39 Artikel                 und wurde von Fabregas und dem katalanischen Pr\u00e4sidenten Tarradellas                 unterzeichnet, &#8211; war aus anarchistischer Sicht ambivalent: zwar                 verrechtlichte es die in der Revolution geschaffenen Kollektive,                 die Enteignungen und die \u00dcbernahme der Betriebe durch die Arbeiterselbstverwaltung                 und akzeptierte die wirtschaftliche Vormachtstellung der CNT in                 den Teilen des republikanischen Spaniens, in denen die CNT sich                 durchgesetzt hatte, andererseits legte es aber die Zust\u00e4ndigkeit                 f\u00fcr den wirtschaftlichen Ablauf zur\u00fcck in die staatlichen H\u00e4nde                 des &#8222;Wirtschaftsministers und Wirtschaftsrats&#8220;. Auch wenn der                 Wirtschaftsminister sich nun selbst Wirtschaftsrat nannte und                 Fabregas hie\u00df, und wenn der gesamte Wirtschaftsrat in diesem Augenblick                 von der CNT mitkontrolliert wurde, so beinhaltete das Dekret zudem                 die Kontrollfunktion durch andere politische Kr\u00e4fte. <\/p>\n<p>Diese Beschr\u00e4nkung eigener Entscheidungsfreiheiten stie\u00df auf                 den Widerstand vieler Mitglieder. <\/p>\n<p>Die Artikel 5 und 10 und im Gegensatz dazu 34 belegen diese Zweischneidigkeit:<\/p>\n<p>Artikel 5: <i>&#8222;Das kollektivierte Unternehmen gilt als unmittelbare                 Rechtsnachfolgerin des ehemals privaten Unternehmens und \u00fcbernimmt                 den Betrieb mit allen Aktiven und Passiven.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Artikel 10: <i>&#8222;Die Leitung eines kollektivierten Unternehmens                 hat der Betriebsrat, den die Arbeiter aus ihrer Mitte in der Vollversammlung                 w\u00e4hlen. Diese Versammlung bestimmt die Zahl der Mitglieder des                 Betriebsrates, der mindestens f\u00fcnf und h\u00f6chstens f\u00fcnfzehn Mitglieder                 umfasst. Alle Abteilungen eines Betriebes &#8211; Produktion, Verwaltung,                 technische und kaufm\u00e4nnische Abteilungen &#8211; sind vertreten. Die                 verschiedenen Gewerkschaftszentralen (CNT, UGT) sind im Verh\u00e4ltnis                 zur Zahl ihrer Mitglieder vertreten. Die Dauer des Mandats betr\u00e4gt                 zwei Jahre; die H\u00e4lfte der Mitglieder des Betriebsrates wird j\u00e4hrlich                 neu gew\u00e4hlt. Wiederwahl ist m\u00f6glich.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Artikel 34: <i>&#8222;Ist der Wirtschaftsrat von Katalonien mit dem                 von der Kommission erarbeiteten Ergebnis (Anm.: Ermittlung des                 Bestands zu Beginn einer Kollektivierung durch eine sechsk\u00f6pfige                 Kommission aus Technikern und Buchhaltung) nicht einverstanden,                 kann er eine zweite Pr\u00fcfung verlangen. Er muss seine Auffassung                 begr\u00fcnden und dem Wirtschaftsminister vorlegen, dessen Entscheidung                 nicht anfechtbar ist.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Der Umstand, dass die CNT nicht im gesamten republikanischen                 Spanien die Wirtschaft pr\u00e4gte, n\u00f6tigte sie dazu, zun\u00e4chst in ihren                 Regionen eine Neuordnung zu schaffen. Dazu machte sich jetzt das                 Fehlen der &#8222;nationalen Industrief\u00f6derationen&#8220; negativ bemerkbar;                 mit ihnen w\u00e4re es leichter gewesen, das Gesamtinteresse gegen\u00fcber                 Sonderinteressen oder gar dem Egoismus einzelner Betriebe durchzusetzen.<\/p>\n<p>Anfang 1937 wurden deshalb die 1931 beschlossenen Industrief\u00f6derationen                 vorangetrieben, zus\u00e4tzlich wurde eine Fachf\u00f6deration von CNT-Wirtschaftsspezialisten                 gebildet. Im landwirtschaftlichen Bereich wurden regionale F\u00f6derationen                 der Kollektive geschaffen. <\/p>\n<h3>Der Kongress von Valencia im Januar 1938<\/h3>\n<p>Der Kongress von Valencia diente zur Beratung aller wichtigen                 \u00f6konomischen Fragen, die im Bereich der CNT lagen, wurde aber                 schnell ausgedehnt auf die Problematik, dass die republikanische                 Regierung keine L\u00f6sung f\u00fcr die Organisation und Planung der Wirtschaft                 hatte. Die CNT beriet deshalb einerseits Vorschl\u00e4ge f\u00fcr das gesamte                 republikanische Spanien und integrierte in diesen Gesamtplan denjenigen                 Teil der Wirtschaft, der bereits nach den f\u00f6deralen Prinzipien                 der CNT arbeitete. Andererseits wurde das Wirtschaftskonzept f\u00fcr                 den CNT-kontrollierten Bereich weiterentwickelt und dabei auch                 an verschiedenen Kollektiven Kritik ge\u00fcbt, dahingehend, dass anscheinend                 kapitalistisches Denken bei etlichen ArbeiterInnen, die die Kollektive                 leiten, vorherrsche und durch anarchistisches Solidarit\u00e4tsdenken                 ersetzt werden m\u00fcsse. <\/p>\n<p>Die italienische Anarchistin Maria L. Berneri hielt fest: <i>&#8222;Wir                 haben einen kollektiven Kapitalismus geschaffen, bei dem die Arbeiter                 in leistungsf\u00e4higen Betrieben h\u00f6here L\u00f6hne bekommen als die in                 schlechten. Solche Einkommensunterschiede m\u00fcssen durch die koordinierende                 T\u00e4tigkeit der Gewerkschaften ausgeglichen werden. Alle Gewinne                 m\u00fcssen an einer Stelle zusammenflie\u00dfen, die die Fonds gleichm\u00e4\u00dfig                 verteilt.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>In Valencia wurden ein einheitliches System der Entlohnung als                 erster Schritt auf dem Weg zur Abschaffung des Lohnsystems, eine                 Sozialversicherung in gewerkschaftlicher Regie, eine Iberische                 Gewerkschaftsbank und der Ausbau des genossenschaftlichen Verteilungssektors                 zur Versorgung der Bev\u00f6lkerung beschlossen.<\/p>\n<h3>Das Ende der Kollektivierungen<\/h3>\n<p>Seit den Mai-Unruhen in Barcelona 1937 war aber eine solche Weiterentwicklung                 der Kollektivierung kaum noch m\u00f6glich. Nach dem Sturz der Regierung                 Largo Caballeros und dem Ausscheiden der CNT-Minister Montseny                 und Oliver aus der Regierung begann der offene Kampf gegen die                 anarchistischen Kollektive. Im landwirtschaftlichen Bereich wurden                 die Kollektive in Arag\u00f3n direkt von den kommunistischen Brigaden                 Enrique Lister und Karl Marx angegriffen und zerst\u00f6rt. Letztere                 war zuvor f\u00fcr die Provokation im Mai von der Front abgezogen und                 nach Barcelona gekommen. <\/p>\n<p>Nach dem Mai wurde das katalanische Kollektivierungsgesetz f\u00fcr                 die Verkehrsbetriebe, den Bergbau und die Metallindustrie au\u00dfer                 Kraft gesetzt und es kamen entweder die alten Besitzer zur\u00fcck                 oder es wurden Kommunisten als Leitungskr\u00e4fte eingesetzt. <\/p>\n<p>Der entscheidende Schlag gegen die Kollektive gelang aber durch                 das Dekret vom 11.08.1938 \u00fcber die Verstaatlichung aller kriegswichtigen                 Betriebe.<\/p>\n<p>Jetzt waren die 800 CNT-kontrollierten Betriebe der R\u00fcstungsindustrie                 Kataloniens unter der Leitung des Ingenieurs und CNT-Mitglieds                 Vallejo betroffen. Er versuchte einen Kompromiss auszuhandeln,                 der der CNT und ihren fachlich erfahrenen Leitungskr\u00e4ften die                 Organisation der Produktion sichergestellt und dem Kriegsministerium                 die Kontrolle \u00fcber die Rohstoffe und die Planung der Produktion                 \u00fcberlassen h\u00e4tte. Auf Druck der Sowjetunion und ihrer &#8222;Berater&#8220;                 gelang dies nicht. Die lokalen Betriebskomitees protestierten                 erfolglos gegen die Beschlagnahmungen, als Folge sank die Produktion.                 Die CNT-F\u00fchrung und die UGT stimmten der Verstaatlichung der Bergwerke,                 der Schwerindustrie, der R\u00fcstungsbetriebe, der Eisenbahnen und                 des Nachrichtenwesens zu, um in den verbliebenen anderen Bereichen                 die Kollektivierung zu retten. <\/p>\n<p>Anfang April 1938 trat mit Segunda Blanco wieder ein CNT-Mitglied                 in die Regierung ein, um dem b\u00fcrgerlich-kommunistischen Einfluss                 entgegenzuwirken, den Angriffen auf die Kollektive etwas entgegenzusetzen                 und der Verfolgung ihrer Mitglieder Einhalt zu gebieten. In seiner                 &#8222;Geschichte der spanischen Anarchisten&#8220; schreibt C\u00e9sar Lorenzo                 1969: <i>&#8222;Nach dem Eintritt der CNT in die Regierung verbesserte                 sich die Position der Libert\u00e4ren erheblich. Die Verfolgungen ihrer                 Anh\u00e4nger h\u00f6rten sowohl an der Front wie im Hinterland auf und                 die Pressezensur wurde weniger f\u00fchlbar.&#8220;<\/i><\/p>\n<p>Mehr an Bedeutung lie\u00df sich durch das nahe Kriegsende jedoch                 nicht mehr entwickeln.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Kollektivierungen 1936 k\u00f6nnen nicht ohne ihre Vorgeschichte verstanden werden. In diesem Jahr finden wir bereits eine revolution\u00e4re Tradition vor, in der aufgrund kollektiver Experimente auf praktische Erfahrungen zur\u00fcckgegriffen werden konnte. Durch neue Organisationsstrukturen und eine ge\u00e4nderte inhaltliche Ausrichtung der anarcho-syndikalistischen CNT wurden seit 1931 Kollektivierungen nach einer Revolution konkret vorbereitet. In weiteren Teilen gehe &hellip; <a href=\"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/06\/der-anarchismus-ist-ein-idealer-entwurf-des-menschlichen-lebens\/\">Weiterlesen<\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"slim_seo":{"title":"\"Der Anarchismus ist ein idealer Entwurf des menschlichen Lebens\" - graswurzelrevolution","description":"Die Kollektivierungen 1936 k\u00f6nnen nicht ohne ihre Vorgeschichte verstanden werden. 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