{"id":9482,"date":"2009-06-01T00:00:04","date_gmt":"2009-05-31T22:00:04","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9482"},"modified":"2012-08-16T20:41:04","modified_gmt":"2012-08-16T18:41:04","slug":"das-anarchistenschwein-live","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/06\/das-anarchistenschwein-live\/","title":{"rendered":"&#8222;Das Anarchistenschwein&#8220; live"},"content":{"rendered":"<p>Sei es bei Hausbesetzungen, bei Osterm\u00e4rschen, in Mutlangen,                 in Wackersdorf, bei Aktionen gegen die Frankfurter Startbahn West,                 am THTR Hamm-Uentrop oder bei der Demonstration von 300.000 Menschen                 gegen den NATO-Doppelbeschluss 1983 in Bonn; da wo die Brennpunkte                 der Bewegung waren, da war oft auch <i>Cochise<\/i>, sorgte f\u00fcr                 gute Stimmung und machte den Sound f\u00fcr den Widerstand. <\/p>\n<p>Durch mehr als 1.000 Konzerte erreichte die Combo einen enormen                 Bekanntheitsgrad, vor allem in den damals noch Neuen Sozialen                 Bewegungen. Sie verstand sich als Band &#8222;aus der Bewegung f\u00fcr die                 Bewegung&#8220;.<\/p>\n<p>Dabei verband sie sozialrevolution\u00e4re Inhalte aus der \u00d6kologie-                 und Friedensbewegung mit zu jener Zeit popul\u00e4ren Folkrock-Stilen.               <\/p>\n<p>In dem 2006 im Berliner Karin Kramer Verlag erschienenen Interviewsammelband                 &#8222;ja! Anarchismus. Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert&#8220; \u00e4u\u00dfert sich                 <i>Cochise<\/i>-Mitbegr\u00fcnder und -Liedermacher Pit Budde r\u00fcckblickend:               <\/p>\n<p>&#8222;Wir haben uns anfangs an Folkmusikerinnen und -musikern wie                 zum Beispiel Bob Dylan orientiert. Das war w\u00e4hrend des beginnenden                 Folk-Revivals in Deutschland. Der n\u00e4chste logische Schritt war                 es, eigene Texte zu schreiben und nach guten deutschen Texten                 zu suchen. Wir haben in alten B\u00fcchern gew\u00e4lzt, die es meist nur                 in der DDR gab, B\u00fccher, in denen Arbeiterliteratur, Arbeiterlieder                 und auch andere \u00e4ltere linke Lieder abgedruckt waren. Diese politischen                 eigenen Lieder und vertonten Fremdtexte haben wir mit unseren                 Konzerten in die Szene gebracht. Wir waren ein Teil des Folk-Revivals                 genauso wie <i>Elster Silberflug<\/i> oder auch <i>Fiedel Michel<\/i>&#8230;                 Wir waren sozusagen die Linksau\u00dfen der Szene. Aus diesem Gedanken                 ist <i>Cochise<\/i> entstanden. <\/p>\n<p><i>Cochise<\/i> hat sich gebildet, als die K\u00e4mpfe und auch die                 Diskussionen h\u00e4rter wurden.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;1,2,3, lasst die Leute frei&#8220;, &#8222;Jetzt oder nie: Anarchie&#8220;, &#8222;Letztn                 Somma warn wa schwimmn&#8220;, &#8222;Was kann sch\u00f6ner sein auf Erden als                 Bundeswehrsoldat zu werden&#8220;, das waren einige der vielen <i>Cochise<\/i>-Szenehits,                 die von Tausenden mitgesungen wurden. <\/p>\n<p>Als eine von wenigen Bands entzog sich die Gruppe der Kommerzialisierung                 und ver\u00f6ffentlichte LPs nicht bei EMI und Co., sondern beispielsweise                 auf dem unabh\u00e4ngigen Kleinlabel <i>Wundert\u00fcte<\/i>. Ohne Medienhype                 und trotz fehlender Werbung wurden in den 1980ern mehr als 120.000                 Cochise-Tontr\u00e4ger an den Mann und an die Frau gebracht. Auf der                 im Mai 2009 ver\u00f6ffentlichten &#8222;Rolltreppe R\u00fcckw\u00e4rts&#8220;-CD finden                 sich 13 bisher unver\u00f6ffentlichte Livemitschnitte aus den Jahren                 1979 bis 1986, von &#8222;Durch die W\u00fcste&#8220;, &#8222;Rolltreppe Abw\u00e4rts&#8220; bis                 zum &#8222;Anarchistenschwein&#8220;.<\/p>\n<p>Das &#8222;Anarchistenschwein&#8220; entstand in den 1970er Jahren, zur Zeit                 der &#8222;Terroristenhysterie&#8220; in der Bundesrepublik.<\/p>\n<p>Damals wurden die Mitglieder der <i>Roten Armee Fraktion<\/i>                 (RAF) in den Massenmedien und auf den allgegenw\u00e4rtigen Fahndungsplakaten                 als vermeintliche &#8222;Anarchisten&#8220; bezeichnet und gejagt. Die Etikettierung                 als &#8222;Anarchisten&#8220; lehnten die Mitlieder dieser marxistisch-leninistischen                 Pistolero-Gruppe f\u00fcr sich ab. In ihrem &#8222;Konzept Stadtguerilla&#8220;                 betonten die RAF-Kader: &#8222;Wir sind keine Blanquisten und keine                 Anarchisten&#8220;. Ganz im Sinne Lenins betrachteten sie die AnarchistInnen                 als &#8222;kleinb\u00fcrgerliche Pseudorevolution\u00e4re&#8220;, die bek\u00e4mpft werden                 m\u00fcssen. <\/p>\n<p>Der Medienhetze gegen die &#8222;Baader Meinhof-Bande&#8220; fielen auch                 Menschen zum Opfer, die mit den &#8222;Leninisten mit Knarre&#8220; (<i>agit                 883<\/i> Anfang der 1970er \u00fcber die RAF) nichts am Hut hatten.                 So wurde zum Beispiel der Schriftsteller Heinrich B\u00f6ll aufgrund                 seiner gegen die &#8222;Anti-Terror&#8220;-Hetzkampagne gerichteten Kritik                 und seines Buchs &#8222;Die verlorene Ehre der Katharina Blum&#8220; von der                 darin kritisierten Springer-Presse als &#8222;Sympathisant&#8220; geschm\u00e4ht                 und von aufgebrachten Aktivb\u00fcrgern mit dem Tode bedroht. Peter                 Br\u00fcckner verlor aufgrund seiner Zensur ablehnenden Haltung und                 seiner staatskritischen Auseinandersetzung mit dem in der G\u00f6ttinger                 AStA-Zeitung ver\u00f6ffentlichten &#8222;Mescalero&#8220;-Text &#8222;Buback &#8211; ein Nachruf&#8220;                 seinen Job als Uniprofessor. Bald darauf starb er auch an den                 Folgen der u.a. von den Springer-Medien betriebenen Schmutzkampagne                 gegen ihn. <\/p>\n<p>Im &#8222;Cochise Songbook&#8220; beschreibt Songwriter Pit Budde die Entstehungsgeschichte                 des &#8222;Anarchistenschweins&#8220;:<\/p>\n<p>&#8222;Ich hatte mich seit meinem Kurzaufenthalt in Paris im Sommer                 68, inklusive Leben in der besetzten Uni, zusammengeschlagen von                 der Polizei, und wiederholten Knastaufenthalten, immer mehr mit                 dem Anarchismus besch\u00e4ftigt. Ich hab die RAF nie f\u00fcr Anarchisten                 gehalten. Trotzdem hatten sie meine Sympathie, als der Staat zum                 Krieg der 60 Millionen gegen die 60 Revolution\u00e4re aufrief. Zu                 der Zeit konnte man nicht \u00fcber Anarchie reden, geschweige denn                 ein Lied dar\u00fcber machen. Als Baader, Meins und Raspe zum Frohlocken                 der gesamten BRD gefangen wurden, hab ich das Anarchistenschwein                 geschrieben. In dieser Lynchstimmung konnte ich nur bitteren Zynismus                 loswerden. Ich hab das Lied dann gesungen, und viele Leute haben                 es nicht verstanden oder fanden es zu pauschal, alle Parteien                 in einen Topf zu werfen usw. Ich hab die Anarchosau erst Jahre                 sp\u00e4ter bei der Gr\u00fcndung von Cochise wieder ausgegraben. Und siehe                 da, es gef\u00e4llt mir immer noch, ist immer noch aktuell.&#8220; <\/p>\n<p><b>Das Anarchistenschwein <\/b><\/p>\n<p><i>Komm ein jeder starker Mann,<br \/>                 <\/i><i>der f\u00fcr&#8217;s Vaterland k\u00e4mpfen kann.<br \/>                 <\/i><i>Sogar Frauen seh&#8217;n wir gern,<br \/>                 <\/i><i>Die sich ihrer H\u00e4ute wehr&#8217;n<br \/>                 <\/i><i>Oma und Opa sind auch dabei,<br \/>                 <\/i><i>Endlich wieder &#8217;ne Schie\u00dferei.<\/i><\/p>\n<p><i>Wir m\u00fcssen unser Land befrei&#8217;n<br \/>                 <\/i><i>Vom Anarchistenschwein<br \/>                 <\/i><i>Packt die Gewehre aus<br \/>                 <\/i><i>Wir rotten sie alle aus.<\/i><\/p>\n<p><i>Jubel, Trubel und Freibier,<br \/>                 <\/i><i>Diesen Krieg gewinnen wir<br \/>                 <\/i><i>Wir waren ja schon deprimiert,<br \/>                 <\/i><i>Hundert Jahre und kein Sieg<br \/>                 <\/i><i>Der liebe Gott hat&#8217;s gut gemeint,<br \/>                 <\/i><i>Er schickte uns &#8217;nen Feind.<\/i><\/p>\n<p><i>Wir m\u00fcssen&#8230;<\/i><\/p>\n<p><i>Springer, Schmidt und die Genossen<br \/>                 <\/i><i>Reichen sich jetzt mal die Flossen<br \/>                 <\/i><i>Genscher, Strau\u00df, die CDU<br \/>                 <\/i><i>Keiner sieht diesmal nur zu<br \/>                 <\/i><i>Das ganze Parlament wird vereint<br \/>                 <\/i><i>Durch den gemeinsamen Feind.<\/i><\/p>\n<p><i>Wir m\u00fcssen&#8230;<\/i><\/p>\n<p><i>Ist einer verd\u00e4chtig wie von Rauch,<br \/>                 <\/i><i>Kn\u00fcpfen wir ihn einfach auf<br \/>                 <\/i><i>Und auch so ein Heini B\u00f6ll<br \/>                 <\/i><i>B\u00f6llt bald nur noch in der H\u00f6ll&#8216;<\/i><\/p>\n<h3><i><b><\/b><\/i>Von MC auf CD &#8211; darunter leidet die Qualit\u00e4t<\/h3>\n<p>Ein Manko von &#8222;Rolltreppe R\u00fcckw\u00e4rts&#8220; ist die zum Teil miserable                 Klangqualit\u00e4t der von Kassette auf CD \u00fcbertragenen Songs. <\/p>\n<p>Das wird Fans nicht davon abhalten, sich das neue Werk zu holen.               <\/p>\n<p>F\u00fcr Leute, die <i>Cochise<\/i> bisher nur vom H\u00f6rensagen kennen,                 sei aber zun\u00e4chst empfohlen, sich<b> <\/b>die u.a. beim alternativen                 CD- und Schallplattenvertrieb <i>JumpUp<\/i> (www.jump-up.de) f\u00fcr                 jeweils 10 Euro erh\u00e4ltlichen <i>Cochise<\/i>-Klassiker &#8222;Rauchzeichen&#8220;,                 &#8222;Wir werden leben&#8220;, &#8222;Live&#8220;, &#8222;Die Erde war nicht immer so&#8220;, &#8222;Wie                 die Maus zum Adler wurde&#8220; und &#8222;Trail&#8217;s End&#8220; zu bestellen. <\/p>\n<p>M\u00f6gen sie den Geist der Revolte erneut befl\u00fcgeln.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sei es bei Hausbesetzungen, bei Osterm\u00e4rschen, in Mutlangen, in Wackersdorf, bei Aktionen gegen die Frankfurter Startbahn West, am THTR Hamm-Uentrop oder bei der Demonstration von 300.000 Menschen gegen den NATO-Doppelbeschluss 1983 in Bonn; 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