{"id":9500,"date":"2009-09-01T00:00:35","date_gmt":"2009-08-31T22:00:35","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9500"},"modified":"2022-07-26T13:18:08","modified_gmt":"2022-07-26T11:18:08","slug":"nichts-sehen-nichts-horen-nichts-lernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/09\/nichts-sehen-nichts-horen-nichts-lernen\/","title":{"rendered":"Nichts sehen, nichts h\u00f6ren, nichts lernen!"},"content":{"rendered":"<p>Nur an den Universit\u00e4ten will sich diese &#8222;neue&#8220;, ohnehin h\u00f6chst fl\u00fcchtige Erkenntnis nicht so recht durchsetzen. Dort baut man weiterhin auf Drittmitteleinwerbung bei solventen Wirtschaftsunternehmen, Uni-Rankings von Bertelsmanns Gnaden und vor allem private bzw. privatisierte Studieng\u00e4nge und Bildungseinrichtungen &#8211; als habe es nie eine Finanzkrise gegeben.<\/p>\n<p>Nicht einmal der Jargon hat sich ver\u00e4ndert. Verst\u00e4ndlich: Es hat schlie\u00dflich lange genug gedauert, bis man all die Phrasen in scheu\u00dflich bastardisiertem Englisch gelernt hatte, mit denen man, zeitgem\u00e4\u00df und scheinbar voll im Trend, die Segnungen eines unkontrollierten kapitalistischen Marktes f\u00fcr die Bildung beschw\u00f6ren konnte.<\/p>\n<p>F\u00fcr irgendetwas soll die M\u00fche des Vokabellernens schlie\u00dflich gut gewesen sein.<\/p>\n<p>Sie war f\u00fcr nichts gut. Sie schadet.<\/p>\n<p>Denn gegenw\u00e4rtig erweist sich, dass nicht nur der Handel mit US-amerikanischen Wertpapieren eine h\u00f6chst risikoreiche Sache sein kann:<\/p>\n<p>Sich f\u00fcr seine berufliche Zukunft in Deutschland auf eine private Hochschule zu verlassen, offenbart sich als kein bisschen weniger bedenklich. Eine nach der anderen muss die Pforten schlie\u00dfen. W\u00e4hrend die Privatuniversit\u00e4t Witten seit Jahren ums \u00dcberleben k\u00e4mpft, war der Todeskampf der <em>Hanseuniversit\u00e4t Rostock<\/em> erschreckend schnell vorbei. Nun trifft es die <em>International University<\/em> (IU) im baden-w\u00fcrttembergischen Bruchsal, spezialisiert auf Wirtschaftsstudien und Kommunikationsmanagement. Beide wurden bislang betrieben von der privaten <em>Educationtrend GmbH<\/em>. Es ist zu erwarten, dass sich in absehbarer Zeit noch weitere Wirtschaftsunternehmen aus dem terti\u00e4ren Sektor zur\u00fcckziehen und ihre &#8222;Bildungsbranchen&#8220; abtrennen werden. Ger\u00e4t ein Konzern in Schwierigkeiten, kann er auf eine private Hochschule leichten Herzens verzichten.<\/p>\n<p>&#8222;Humankapital&#8220; rentiert sich naturgem\u00e4\u00df sp\u00e4t: nach dem Abschluss eines Studiums oder wom\u00f6glich erst nach der \u00dcbernahme eines Absolventen in den Konzern. Daf\u00fcr k\u00f6nnen private Investoren bei der Gr\u00fcndung ihrer Hochschulen bereits gro\u00dfe Summen einstreichen &#8211; an staatlichen F\u00f6rdergeldern.<\/p>\n<p>Hinzu kommt, dass, wer ein Studium an einer privaten Hochschule aufnimmt, meist mit horrenden Geb\u00fchren zu rechnen hat. An der <em>International University<\/em> kostete ein Abschluss 20.000 Euro.<\/p>\n<p>Solche Summen gibt nat\u00fcrlich nur aus, wer sich daf\u00fcr Vorteile auf dem Arbeitsmarkt verspricht &#8211; genauer: versprechen l\u00e4sst. Eben die versprachen die neuen &#8222;Wirtschaftsunis&#8220;: mit vielen bunten Bildchen, lockenden Internetpr\u00e4sentationen, der Aussicht, nach dem Studium zur Verdienstelite zu geh\u00f6ren, und dankend sekundiert von einer Politik, die nicht m\u00fcde wurde, die Segnungen der &#8222;Diversifizierung&#8220; und &#8222;Spezialisierung&#8220; der (Aus)Bildung durch das Engagement der Wirtschaft zu preisen. F\u00fcr 200 Studierende in Bruchsal ist dieser Traum nun ausgetr\u00e4umt. Es war ein teurer Traum.<\/p>\n<p>Ironischer weise scheinen Professorinnen und Professoren dagegen nie dem Sirenengesang der &#8222;sch\u00f6nen, neuen Bildungswelt&#8220; der Reichen und Privaten erlegen zu sein. Das zumindest legen die Schwierigkeiten nahe, die nahezu alle deutschen &#8222;Wirtschaftsunis&#8220; dabei hatten, kompetentes Personal einzustellen.<\/p>\n<p>Ihr Niveau bot lange Zeit Stoff f\u00fcr Gel\u00e4chter in den Fluren der altehrw\u00fcrdigen Universit\u00e4ten des Landes. Und als dann, mit lukrativen Angeboten und windigen Versprechungen von &#8222;Prestige&#8220; und &#8222;Fortschritt&#8220;, doch einige Fachleute angelockt werden konnten, hatten diese meist nichts Eiligeres zu tun, als sich auf eine staatliche Professur zu bewerben.<\/p>\n<p>Selbst jetzt wird laut dar\u00fcber nachgedacht, ob nicht der Staat verpflichtet sei, das wissenschaftliche Personal der havarierten &#8222;Wirtschaftsunis&#8220; zu \u00fcbernehmen. Nachteilige Konsequenzen haben Unternehmen, die sich im Bildungsbereich engagieren, demnach kaum zu f\u00fcrchten: Gewinne werden privatisiert, Verluste sozialisiert. Ihr bildungspolitisches Engagement dauert f\u00fcr gew\u00f6hnlich nur solange, wie es die Bilanzen nicht st\u00f6rt. Tut es das, entschwinden die vorgeblichen &#8222;Retter der Bildung&#8220; wie ein Spuk. Ein forciertes B\u00fcndnis staatlicher Universit\u00e4ten mit der Wirtschaft ist f\u00fcr die Sicherung einer vern\u00fcnftigen, fairen gesellschaftlichen Bildung schlichtweg unsinnig.<\/p>\n<p>Es ist an der Zeit, dass, wo schon nicht die bildungspolitisch Verantwortlichen, so doch zumindest die Universit\u00e4ten Konsequenzen aus den j\u00fcngsten Entwicklungen ziehen und etwas weniger eifrig versuchen, ihre Chemiestudien an die <em>Bayer AG<\/em> und ihre Geisteswissenschaften auf dem n\u00e4chsten Flohmarkt zu verscherbeln.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nur an den Universit\u00e4ten will sich diese &#8222;neue&#8220;, ohnehin h\u00f6chst fl\u00fcchtige Erkenntnis nicht so recht durchsetzen. Dort baut man weiterhin auf Drittmitteleinwerbung bei solventen Wirtschaftsunternehmen, Uni-Rankings von Bertelsmanns Gnaden und vor allem private bzw. privatisierte Studieng\u00e4nge und Bildungseinrichtungen &#8211; als habe es nie eine Finanzkrise gegeben. 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