{"id":9527,"date":"2009-09-01T00:00:16","date_gmt":"2009-08-31T22:00:16","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9527"},"modified":"2023-01-02T13:07:32","modified_gmt":"2023-01-02T11:07:32","slug":"gewaltfreie-kommunikation-gfk-nach-marshall-b-rosenberg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/09\/gewaltfreie-kommunikation-gfk-nach-marshall-b-rosenberg\/","title":{"rendered":"Gewaltfreie Kommunikation (GFK) nach Marshall B. Rosenberg"},"content":{"rendered":"<p>Kommunikation ist nicht nur notwendig, um soziales Miteinander zu organisieren, sie ist in ihren unterschiedlichen Auspr\u00e4gungen h\u00e4ufig ein Bed\u00fcrfnis. Kommunikation erm\u00f6glicht nicht nur den Austausch von Informationen, sondern auch das sich Mitteilen, das Aufbauen menschlicher Beziehungen und die Entwicklung der eigenen Identit\u00e4t. Kommunikation findet allt\u00e4glich, h\u00e4ufig unreflektiert statt: Beim Sprechen und Zuh\u00f6ren, in Gestik und Mimik, in Gedanken und beim Schweigen. Wie beeinflusst Kommunikation unser Befinden, Denken und Handeln? Wie wollen wir \u00fcber Kommunikation mit anderen in Kontakt treten?<\/p>\n<p>Die Haltung der Gewaltfreien Kommunikation<\/p>\n<p>Die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) nach Marshall B. Rosenberg ist mehr als eine Werkzeugkiste. Die Methoden isoliert betrachtet k\u00f6nnen missbr\u00e4uchlich auch zu gewaltvollen Zwecken, wie dem Einreden von Schuldgef\u00fchlen oder emotionaler Erpressung eingesetzt werden. Schwerpunkt der GFK ist deshalb die Haltung, in der die Kommunikation stattfindet. Die Methoden sind ein Weg, sich dieser Haltung \u00fcbend anzun\u00e4hern. Teil der Haltung ist es, sich ergebnisoffen im Prozess des Verbindungsaufbaus mit dem Gegen\u00fcber zu befinden, und nicht das \u00dcberst\u00fclpen einer Meinung. Ein weiterer Teil ist der Abbau von Feindbildern, das empathische Zuh\u00f6ren ausgehend von der Annahme, dass alle Menschen die gleichen Grundbed\u00fcrfnisse haben und stets so handeln, wie es ihnen aktuell als die beste M\u00f6glichkeit der eigenen Bed\u00fcrfnisbefriedigung erscheint. Im Gegensatz zur heute \u00fcblichen von komplizierten gesellschaftlichen Konventionen, missverst\u00e4ndlichen Andeutungen und Unausgesprochenem durchsetzten Sprache ist GFK eine sehr direkte, einfache und klare Art des sich Verst\u00e4ndigens.<\/p>\n<p>Ohne den beiden Tieren Eigenschaften zuschreiben zu wollen nennt Rosenberg zur Vereinfachung seiner Erkl\u00e4rungen Sprache nach GFK \u201eGiraffensprache\u201c und im Gegensatz dazu gewaltvolle Sprache \u201eWolfssprache\u201c. Wolfssprache zeichnet sich unter anderem durch das Denken in Schuld und Unschuld, Richtig und Falsch, das Aufrechnen von Gefallen, (moralisches) Verurteilen, Bewerten und Leugnen von Verantwortung aus.<\/p>\n<p>Eine Methode der Giraffensprache, die hilft, sich eine im Sinne der GFK ver\u00e4nderte Denkweise anzueignen, ist die der vier Schritte: Beobachtung, Gef\u00fchl, Bed\u00fcrfnis, Bitte. Diese Schritte k\u00f6nnen beispielsweise beim aktiven Zuh\u00f6ren, zur Kommunikation der eigenen Situation, zur Selbstkl\u00e4rung, beim Ausdruck von Wertsch\u00e4tzung oder auch beim Schreien in Situationen extrem unbefriedigter Bed\u00fcrfnisse eingesetzt werden. Rosenberg ermutigt, sich mit der \u00dcbung nach und nach von dem schematischen Vorgehen zu l\u00f6sen und die vier Schritte in den eigenen \u201eSlang\u201c zu \u00fcbersetzen.<\/p>\n<p>Beobachtung<\/p>\n<p>In Wolfssprache wird statt einer Beobachtung h\u00e4ufig eine Bewertung oder ein Vorwurf ge\u00e4u\u00dfert: \u201eDu bist immer zu sp\u00e4t.\u201c Problematisch an dieser Art der Kommunikation ist die Annahme eines von au\u00dfen gesetzten \u201erichtig\u201c (oder \u201ezu sp\u00e4t\u201c). Zudem erzeugen Bewertungen beim Gegen\u00fcber meist eine Abwehrhaltung, sodass das Gespr\u00e4ch an dieser Stelle schon zu Ende sein kann. In der GFK wird statt dessen versucht, wertfrei zu beobachten oder zu zitieren. Wenn auf eine \u00c4u\u00dferung Widerspruch m\u00f6glich ist, handelt es sich eher um eine Bewertung als um eine Beobachtung. In Giraffensprache k\u00f6nnte der obige Satz lauten \u201eDu bist letzte Woche zweimal nach 20 Uhr angekommen\u201c.<\/p>\n<p>Gef\u00fchl<\/p>\n<p>In der Wolfssprache werden statt eines Gef\u00fchls h\u00e4ufig Gedanken und Interpretationen ge\u00e4u\u00dfert: \u201eIch f\u00fchle mich herabgesetzt und missverstanden.\u201c \u201eWir haben Dich nicht angegriffen.\u201c Bedenklich dabei ist, dass der\/die Sprecher_in sich als Opfer der Handlungen des Gegen\u00fcbers darstellt und durch die Anma\u00dfung einer Interpretation der Handlungsweise des Gegen\u00fcbers m\u00f6glicherweise Abwehr erzeugt. Gef\u00fchle sind Signale f\u00fcr erf\u00fcllte oder unerf\u00fcllte Bed\u00fcrfnisse und damit ein wichtiges Zeichen beim bed\u00fcrfnisorientierten Umgang miteinander. Um zu testen, ob es sich bei einer \u00c4u\u00dferung um ein Gef\u00fchl und nicht um eine Interpretation handelt, kann gepr\u00fcft werden, ob sich das gesagte in \u201eich bin &#8230;\u201c umformulieren l\u00e4sst. Beispiele in Giraffensprache sind \u201eIch bin beunruhigt, verbittert, w\u00fctend, \u00e4ngstlich, deprimiert, optimistisch &#8230;\u201c<\/p>\n<p>Bed\u00fcrfnis<\/p>\n<p>Unter Bed\u00fcrfnissen werden in der GFK allen gemeinsame Grundbed\u00fcrfnisse wie Nahrung, Autonomie, Klarheit, Unterst\u00fctzung, gesehen Werden, beitragen K\u00f6nnen oder Freude verstanden. Statt ein Bed\u00fcrfnis als Ursache f\u00fcr die eigenen Gef\u00fchle zu benennen, wird in Wolfssprache h\u00e4ufig die Verantwortung f\u00fcr die eigenen Gef\u00fchle dem Gegen\u00fcber zugeschoben: \u201eWir kommen nicht weiter, weil Du dazwischen quatschst.\u201c Das ist die aus meiner Sicht problematische Sprache der Schuld und Unschuld. W\u00f6lfe pr\u00e4sentieren zudem alternativlose Strategien wie \u201eich will, dass Du heute bei mir bleibst\u201c, anstatt das dahinter liegende Bed\u00fcrfnis (Gemeinschaft) zu benennen, was wegen des universellen Charakters der Bed\u00fcrfnisse im Gegensatz zu individuellen Strategien Verst\u00e4ndigung f\u00f6rdert. Die Kommunikation \u00fcber Bed\u00fcrfnisse er\u00f6ffnet viele Handlungsperspektiven. Um zu testen, ob es sich bei einer \u00c4u\u00dferung um ein Bed\u00fcrfnis oder eine Strategie handelt, kann gepr\u00fcft werden, ob das Gesagte frei von Zeit-, Orts- oder Personenangaben ist. Ein Beispiel in Giraffensprache ist: \u201emir ist es wichtig, konzentriert an diesem Thema zu bleiben\u201c.<\/p>\n<p>Bitte<\/p>\n<p>Als abschlie\u00dfender Schritt empfiehlt die GFK, eine konkrete ausf\u00fchrbare Bitte zu \u00e4u\u00dfern, um dem Gegen\u00fcber klar zu machen, wie es zu meinem Wohlbefinden beitragen kann. \u201eSei bitte fair\u201c ist zu unkonkret und wird daher eher als Kritik verstanden werden oder mit \u201ebin ich doch\u201c abgeschmettert werden. W\u00f6lfe versuchen h\u00e4ufig mittels Schuldgef\u00fchlen das Gegen\u00fcber zur gew\u00fcnschten Handlung zu bewegen: \u201eWenn Du mich wirklich lieben w\u00fcrdest &#8230;\u201c. Da mir wichtig ist, dass das Gegen\u00fcber sich aus Eigenmotivation zu seiner Handlung entscheidet, halte ich diese Vorgehensweise f\u00fcr sehr bedenklich. Der Unterschied zwischen Forderung und Bitte wird \u00fcbrigens erst in meiner Reaktion auf ein \u201eNein\u201c des Gegen\u00fcbers deutlich. Die Testfrage lautet hier: \u201eIst die Bitte konkret machbar und \u00fcberpr\u00fcfbar?\u201c. Neben Handlungsbitten lautet eine typische Giraffenbitte \u201ekannst Du mir bitte mitteilen, was Du mich hast sagen h\u00f6ren\u201c, um sicher zu stellen, dass das Gesagte nicht doch als Kritik geh\u00f6rt wurde.<\/p>\n<p>Die \u201evier Ohren\u201c<\/p>\n<p>GFK ist nicht nur eine Methode des Sprechens, sondern auch eine des Zu_h\u00f6rens. Um f\u00fcr unterschiedliche Arten des Zuh\u00f6rens zu sensibilisieren, zeigt Marshall B. Rosenberg anschaulich, wie mensch sich bewusst entscheiden kann, wie sie_er das Geh\u00f6rte aufnehmen will: Ich kann mich zwischen den in der GFK so genannten \u201evier Ohren\u201c entscheiden. Entscheide ich mich f\u00fcr die Wolfsohren nach innen, so gebe ich mir selbst Schuld, mache mir Vorw\u00fcrfe oder sch\u00e4me mich. (\u201eAch, er hat ja so Recht, ich bin wirklich eine totale Versagerin.\u201c) W\u00e4hle ich die Wolfsohren nach au\u00dfen, so lehne ich jede Verantwortung ab, gebe dem Gegen\u00fcber die Schuld und mache ihm w\u00fctende Vorw\u00fcrfe. (\u201eJetzt reicht\u2019s mir! Du bist ja selber Schuld, wenn Du mir nicht klar sagst, was Du willst.\u201c) Setze ich die Giraffenohren nach innen auf, so achte ich auf meine eigenen Bed\u00fcrfnisse und kommuniziere diese. (\u201eIch bin jetzt echt irritiert, weil mir Ehrlichkeit und Klarheit wichtig ist.\u201c) Die vierte Entscheidungsm\u00f6glichkeit sind die Giraffenohren nach au\u00dfen. Dabei achte ich auf die Bed\u00fcrfnisse des Gegen\u00fcbers und gebe diesem Empathie (Einf\u00fchlung). (\u201eBist Du \u00e4rgerlich, weil Du Zuverl\u00e4ssigkeit in der Organisation brauchst?\u201c)<\/p>\n<p>Empathie<\/p>\n<p>Einf\u00fchlung (oder Empathie) ist ein wichtiger Teil der GFK, der in unterschiedlichen Phasen der Kommunikation und in zwei Auspr\u00e4gungen \u2013 als Selbsteinf\u00fchlung und Fremdeinf\u00fchlung \u2013 vorkommt. Empathie bedeutet zuzuh\u00f6ren, durch volle Pr\u00e4senz Aufmerksamkeit zu schenken, wertfrei wahrzunehmen, durch aktives Zuh\u00f6ren und Nachfragen zus\u00e4tzliche Ausdrucks- und Wahrnehmungsm\u00f6glichkeiten zu er\u00f6ffnen, einzuf\u00fchlen. Empathie bedeutet nicht, ungefragt von eigenen Erfahrungen zu berichten, Ratschl\u00e4ge zu geben und auch nicht Sympathie (Mitf\u00fchlen) zu bekunden (\u201eich verstehe dich und f\u00fchle mit dir\u201c), denn diese drei Strategien lenken die Aufmerksamkeit weg von der sprechenden Person auf mich. Auch Nicken, Kopfsch\u00fctteln oder \u00e4hnliche Reaktionen k\u00f6nnen die Empathie st\u00f6ren.<\/p>\n<p>Empathisch zu zuh\u00f6ren bedeutet die sprechende Person zu begleiten ohne ihr L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge zu unterbreiten. (Diese k\u00f6nnen m\u00f6glicherweise sp\u00e4ter, wenn das Bed\u00fcrfnis der sprechenden Person wahrgenommen zu werden erf\u00fcllt ist, in Form einer Bitte ge\u00e4u\u00dfert werden.) Die Idee hinter dieser Art des Zuh\u00f6rens ist, dass jede Person die L\u00f6sungen f\u00fcr ihre Anliegen selbst in sich tr\u00e4gt. Die zuh\u00f6rende Person kann in Sprechpausen mitteilen, welche Gef\u00fchle und Bed\u00fcrfnisse sie in dem Gesagten geh\u00f6rt hat. Selbst wenn dies nicht dem entspricht, was die sprechende Person f\u00fchlt und bedarf, so kann dadurch dennoch eine Verbindung sowohl zwischen den beiden Personen als auch zwischen der sprechenden Person und ihren Gef\u00fchlen und Bed\u00fcrfnissen entstehen.<\/p>\n<p>In einer Situation, in der durch eine \u00c4u\u00dferung oder einen anderen Umstand eines oder mehrere meiner Bed\u00fcrfnisse nicht erf\u00fcllt sind, kann ich die vier Schritte der GFK in vier Phasen anwenden. In der ersten Phase gebe ich mir Empathie, um meine Gef\u00fchle anzuerkennen, meine Bed\u00fcrfnisse klar zu bekommen und neue Kraft zu sammeln: Was ist passiert? Wie geht es mir damit? Was ist mir jetzt wichtig? In der zweiten Phase versuche ich mit stiller Fremdeinf\u00fchlung meine das Gegen\u00fcber betreffenden Feindbilder abzubauen und mich auf die geplante Kontaktaufnahme einzustellen: Wie f\u00fchlt sich das Gegen\u00fcber und was braucht es jetzt? Wenn dies geschafft und der \u00c4rger gegen das Gegen\u00fcber sich in Trauer um nicht erf\u00fcllte Bed\u00fcrfnisse gewandelt hat, kann in der dritten Phase offen Empathie gespendet werden: \u201eBist Du aufgeregt, weil Dir Sicherheit bei der Aktion wichtig ist?\u201c H\u00e4ufig ist das Gegen\u00fcber verwundert \u00fcber die Aufmerksamkeit. Rosenberg empfiehlt, erst wenn das Gegen\u00fcber nach einigen Nachfragen beispielsweise durch tiefes Durchatmen zeigt, dass es sich verstanden f\u00fchlt, in Phase vier, das \u00c4u\u00dfern eigener Beobachtungen, Gef\u00fchle, Bed\u00fcrfnisse und Bitten \u00fcberzugehen. \u201eWenn du mich &#8217;schwach&#8216; nennst, bin ich w\u00fctend, weil ich gerne mit meinen St\u00e4rken gesehen werden und beitragen m\u00f6chte. Was denkst Du dazu?\u201c<\/p>\n<p>GFK als Keimform des bed\u00fcrfnisorientierten und gewaltfreien Zusammenlebens?<\/p>\n<p>Laut Rosenberg kommen 90% der Trauer, die wir t\u00e4glich empfinden, aus Wolfsdenken, das hei\u00dft aus gegen uns selbst gerichtete Gewalt, hingegen nur 10% aus unerf\u00fcllten Bed\u00fcrfnissen. Was wird geschehen, wenn wir das Giraffendenken \u00fcben, laut unsere Gef\u00fchle rausschreien, neue Bed\u00fcrfnisse entdecken und diese selbstbewusst kommunizieren? Was, wenn wir uns dazu gewaltfrei mit anderen zusammenfinden, uns gegenseitig empathisch best\u00e4rken und gewaltfreie, bed\u00fcrfnisorientierte Strukturen aufbauen?<\/p>\n<p>In der n\u00e4chsten Ausgabe der Graswurzelrevolution werden sich weitere Artikel zur GFK finden. Dabei werden Zusammenh\u00e4nge, Differenzen und M\u00f6glichkeiten der gegenseitigen Bereicherung zwischen gewaltfreier Kommunikation und anarchistischer Praxis beschrieben werden. Ein weiterer Artikel wird von Erfahrungen mit dem Einsatz von GFK in der (politischen) Praxis berichten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kommunikation ist nicht nur notwendig, um soziales Miteinander zu organisieren, sie ist in ihren unterschiedlichen Auspr\u00e4gungen h\u00e4ufig ein Bed\u00fcrfnis. Kommunikation erm\u00f6glicht nicht nur den Austausch von Informationen, sondern auch das sich Mitteilen, das Aufbauen menschlicher Beziehungen und die Entwicklung der eigenen Identit\u00e4t. 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