{"id":9537,"date":"2009-09-01T00:00:18","date_gmt":"2009-08-31T22:00:18","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9537"},"modified":"2022-07-26T13:56:43","modified_gmt":"2022-07-26T11:56:43","slug":"freiheitssinn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/09\/freiheitssinn\/","title":{"rendered":"Freiheitssinn"},"content":{"rendered":"<p>Als vor 500 Jahren dieser Text des Tacitus wiederentdeckt wurde, begann ein Rummel um diesen Arminius, der bis heute nicht verebbt ist. Arminius wurde sogleich zu &#8222;Hermann&#8220; und die r\u00f6mische Abstraktion &#8222;Germanien&#8220; wurde in &#8222;Deutschland&#8220; \u00fcbersetzt, das im \u00dcbergang zur Neuzeit als kulturelle Einheit gerade im Entstehen begriffen war und einen ruhmreichen Gr\u00fcndungsmythos gut gebrauchen konnte. Die deutschen Humanisten waren begeistert, dass sie ihren \u00fcberlegenen italienischen Kollegen einmal etwas entgegenzusetzen hatten, und dann auch noch einen Bezwinger Roms!<\/p>\n<p>In der deutschen Geschichte der letzten 500 Jahre hat dieser Impuls die Wahrnehmung des Arminius durchg\u00e4ngig dominiert. &#8222;Hermanns&#8220; Schicksal als Nationalist war besiegelt, noch bevor es den modernen Nationalismus als Ideologie \u00fcberhaupt gab. &#8222;Freiheit&#8220; &#8211; das war demnach die Freiheit des schicksalhaft zusammengeschmiedeten Kollektivs, der Nation. Sie zu verteidigen, das hie\u00df, sich f\u00fcr Kriege zu r\u00fcsten oder sie zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Lustigerweise musste man daf\u00fcr ganz sch\u00f6n an Tacitus vorbei lesen. Unmittelbar bevor dieser das Etikett &#8222;Germaniens Befreier&#8220; an Arminius heftete, hatte er n\u00e4mlich noch etwas anderes zur Freiheit geschrieben: &#8222;\u00dcbrigens hatte Arminius, als er [\u2026] nach der K\u00f6nigsmacht strebte, den Freiheitssinn seiner Landsleute gegen sich, und fiel [\u2026] durch die Hinterlist seiner Verwandten.&#8220; Der gro\u00dfe Feldherr &#8222;Hermann&#8220;, der die R\u00f6mer und sp\u00e4ter auch konkurrierende Germanen im Krieg besiegt hatte, wollte also seinen Ruhm in eine dauernde Herrschaftsposition \u00fcbersetzen, woraufhin man ihn kurzerhand umbrachte. &#8211; Freiheitssinn. Dieser richtete sich also nicht nur gegen die r\u00f6mische Imperialmacht mit ihren Besatzungstruppen, Steuereintreibern und ihrer fremden Rechts- und Eigentumsordnung, sondern auch gegen einheimische Herrschaftsaspiranten. Peinlich f\u00fcr die meisten &#8222;Hermanns&#8220;-Verehrer. Deswegen wurde diese Passage des Tacitus auch gerne vergessen, gerade im 1871 vereinigten, monarchischen Deutschland.<\/p>\n<p>Dennoch gab es seit den antinapoleonischen &#8222;Befreiungskriegen&#8220; im fr\u00fchen 19. Jahrhundert immer auch eine Lesart der Geschichte, die neben der \u00e4u\u00dferen Freiheit &#8222;der Deutschen&#8220; auch deren innere Freiheit thematisierte. &#8222;Hermann&#8220; personifizierte dann allerdings nicht die dialektische Bedrohung der Volksfreiheit, sondern er verk\u00f6rperte dieses Volk als dessen Allegorie. Auch das Hermannsdenkmal, das von 1838 bis 1875 bei Detmold errichtet wurde, konnte zun\u00e4chst durchaus antidynastisch gelesen werden. Bei seiner schlie\u00dflichen Enth\u00fcllung war der Denkmalshermann dann aber zum Vorl\u00e4ufer des Kaisers Wilhelm I. mutiert, was anhand bronzener Tafeln, die am Denkmalsunterbau angebracht sind, noch heute \u00fcberpr\u00fcft werden kann.<\/p>\n<p>Als das Denkmal im August 1875 enth\u00fcllt wurde, m\u00e4kelte die Zeitung &#8222;Neuer Social-Democrat&#8220;, die historische Varusschlacht habe, anders als die Enth\u00fcllungsfeiern nahe legten, weder etwas mit &#8222;nationaler Bajonettglorifizierung&#8220; zu tun, noch mit &#8222;liberaler Gr\u00fcnderwirthschaft&#8220;; es habe sich vielmehr um den Sieg einer &#8222;aufr\u00fchrerischen Volkswehr&#8220; gegen ein korrumpiertes Ausbeutervolk gehandelt. Und zur von Arminius angestrebten K\u00f6nigsw\u00fcrde hie\u00df es: &#8222;Die deutschen Bauern aber lie\u00dfen nicht mit sich spa\u00dfen; sie, die das R\u00f6merjoch abgesch\u00fcttelt hatten, wollten sich keinen Staatsstreich gefallen lassen: sie griffen zu den Keulen, und ohne viel Federlesens schlugen sie den Arminius todt&#8220;.<\/p>\n<p>Daran h\u00e4tte man doch diskursiv ankn\u00fcpfen k\u00f6nnen. Aber das unterblieb selbst in der Sozialdemokratie. Friedrich Engels machte sich in seiner &#8222;Urgeschichte der Deutschen&#8220; zwar \u00fcber das &#8222;kindische&#8220; Hermannsdenkmal lustig, bewunderte aber die Varusschlacht als &#8222;einen der entscheidendsten Wendepunkte der Geschichte&#8220;, weil mit ihr &#8222;die Unabh\u00e4ngigkeit Deutschlands von Rom ein f\u00fcr allemal entschieden&#8220; gewesen sei. Der versuchte &#8222;Staatsstreich&#8220; interessierte ihn dabei nicht. Sp\u00e4tere Generationen von Sozialdemokraten \u00fcberlie\u00dfen das historische Terrain g\u00e4nzlich der Rechten.<\/p>\n<p>Diskursiv umk\u00e4mpft blieb &#8222;Hermann&#8220; vor allem in Gestalt seiner dramatischen Bearbeitung durch Heinrich von Kleist. Dieser hatte unter dem Eindruck der napoleonischen Besatzung 1808 &#8222;Die Hermannsschlacht&#8220; geschrieben, mit dem ausdr\u00fccklichen Ziel, seine Landsleute zum Krieg gegen die Franzosen aufzustacheln. Dieses St\u00fcck strotzt nur so vor Amoralit\u00e4t. &#8222;Hass&#8220; und &#8222;Rache&#8220; sind seine Leitbegriffe, und seine Kernbotschaft lautet, dass im Befreiungskrieg alles erlaubt sei &#8211; jede List, jede Heimt\u00fccke, jede Brutalit\u00e4t &#8211; nur kein Mitgef\u00fchl. Auch deswegen dauerte es ein halbes Jahrhundert, bis die &#8222;Hermannsschlacht&#8220; uraufgef\u00fchrt wurde. Seine gro\u00dfe Zeit hatte dieses Drama zwischen 1871 und 1945, mit deutlichen Spitzenwerten bei der Zahl der Inszenierungen am Vorabend des Ersten Weltkriegs (1913) sowie am Beginn des &#8222;Dritten Reichs&#8220; (1933\/34) &#8211; zu Zeiten also, wo der Verrohungsaufruf Kleists den deutschen Eliten besonders plausibel erschien.<\/p>\n<p>Am hundertsten Todestag Kleists 1911 konnte dieser im &#8222;Vorw\u00e4rts&#8220; noch zum Klassenk\u00e4mpfer stilisiert werden, dessen Hermann das bequeme B\u00fcrgertum besch\u00e4me und das &#8222;verr\u00e4terische Schacherspiel&#8220; der Potentaten gei\u00dfele. Die Auff\u00fchrungspraxis sprach eine andere Sprache; so sehr, dass das St\u00fcck nach 1945 lange als unauff\u00fchrbar galt. Die erste Inszenierung in Deutschland nach dem Ende der Nazi-Diktatur fand 1957 im Harzer Bergtheater in Thale, in der DDR, statt. Wie fr\u00fcher die imperialen R\u00f6mer auf die Franzosen der Gegenwart bezogen worden waren, so mussten sie in dieser Auff\u00fchrung als Allegorie der US-Amerikaner herhalten, welche den Westen Deutschlands &#8222;besetzt&#8220; hielten.<\/p>\n<p>Im Westen selbst fand die erste Nachkriegs-Inszenierung der &#8222;Hermannsschlacht&#8220; 1982 in Bochum statt. Klaus Peymann stilisierte darin Kleists &#8222;Hermann&#8220; zum Guerillero. Statt eines Fl\u00fcgelhelms setzte er ihm eine Baskenm\u00fctze auf, so dass er an Ch\u00e9 Guevara erinnerte. &#8222;Ich sehe&#8220;, sagte Peymann \u00fcber Kleists &#8222;Hermannsschlacht&#8220;, &#8222;tats\u00e4chlich in ihr so etwas wie das Modell eines Befreiungskrieges mit allen Widerspr\u00fcchen&#8220;. \u00c4hnlich hat man am Ende des 20. Jahrhunderts in der wissenschaftlichen Literatur vereinzelt versucht, Kleist mit Frantz Fanon zu lesen. Jan Philipp Reemtsma hat darauf hingewiesen, dass der Guerillero, als Partisan, durch die Absolutsetzung seines Ziels und der daraus folgenden Absolutsetzung der Feindschaft stets einer \u00e4u\u00dferen Beschr\u00e4nkung des erlaubten Verhaltens ermangelt: Die Verrohung lauert auf Schritt und Tritt. (Allerdings ist mir nicht gel\u00e4ufig, dass &#8222;regul\u00e4r&#8220; K\u00e4mpfende von solchen Trends verschont blieben.)<\/p>\n<p>Heute ist Arminius als &#8222;Che-Rusker&#8220; dem entpolitisierenden Merchandising ebenso verfallen wie der echte Ch\u00e9. Im Siebdruck-Image, schwarz auf Rot, kann man sich das Konterfei des Denkmal-Hermanns samt Fl\u00fcgelhelm applizieren, als T-Shirt, Button, Autoaufkleber usw.<\/p>\n<p>Man muss \u00fcber diese Profanisierung des linken Cheruskers keine Tr\u00e4nen vergie\u00dfen. Denn die j\u00fcngere linke Diskussion \u00fcber &#8222;Hermann&#8220; darf nicht verwechselt werden mit einer Diskussion \u00fcber den historischen Arminius. Geschweige denn \u00fcber die Cherusker (oder gar &#8222;die Germanen&#8220;). Das entscheidende Skandalon, dass diese ihren Kriegshelden nicht K\u00f6nig werden lie\u00dfen (so jedenfalls Tacitus), wird noch immer gemieden wie das Weihwasser vom Teufel. Dass diese &#8222;Germanen&#8220;, wie die r\u00f6mischen Autoren \u00fcber sie zu berichten wussten, &#8222;Barbaren&#8220; waren, das l\u00e4sst man kampflos die Rechten ausschlachten, die mit dem Barbarischen die z\u00fcgellose Gewalt und die Hochsch\u00e4tzung des Krieges assoziieren. Man k\u00f6nnte aus den Schilderungen des Tacitus \u00fcber die germanischen Barbaren aber auch schlie\u00dfen, dass die Staatsentstehung bei diesen noch nicht sehr fortgeschritten war &#8211; dass es zwar eine Art Proto-Adel gab, das politische System aber darin bestand, wie Max Weber \u00fcber die altgermanische Sozialverfassung der Cherusker zu Tacitus&#8216; Zeiten schrieb, dass &#8222;<em>alle<\/em> politischen Verhandlungen \u00f6ffentlich unter Mitwirkung<em> aller<\/em> Freien&#8220; stattfanden. Diese Leute wussten also, was sie zu verlieren hatten, wenn sie ihrem Kriegshelden erlaubt h\u00e4tten, K\u00f6nig zu sein.<\/p>\n<p>Das ist eine Geschichte von der Ablehnung von Herrschaft.<\/p>\n<p>Aber in der Linken ist schon lange niemand mehr auf die Idee gekommen, diese Cherusker f\u00fcr die Tradition der Herrschaftsablehnung zu reklamieren.<\/p>\n<p>Stattdessen l\u00e4sst man Neonazis (z.B. bei einer Demo in Osnabr\u00fcck im M\u00e4rz dieses Jahres) davon schwadronieren, die Varusschlacht habe einen zweitausendj\u00e4hrigen Kampf &#8222;gegen \u00dcberfremdung&#8220; begr\u00fcndet (\u00fcbrigens sehr lustig, wenn man bedenkt, was germanische V\u00f6lker einige Jahrhunderte sp\u00e4ter in der V\u00f6lkerwanderung so angestellt haben). Welches Konzept von &#8222;Freiheit&#8220; diese Weltsicht hervorbringt, hat der Nazi-Schriftsteller Hjalmar Kutzleb 1934 in einem Hermanns-Roman seinen Helden b\u00fcndig formulieren lassen. \u00dcber seine Landsleute sagt Kutzlebs Hermann: &#8222;Sie haben zu gehorchen. Was ihnen die R\u00f6mer beibr\u00e4chten, wenn wir ihnen dienten, das sollen sie ihren F\u00fcrsten und F\u00fchrern auch leisten k\u00f6nnen. Droht ihnen den Strick an den Hals, wenn sie Torheiten machen!&#8220;<\/p>\n<p>Deutsche Antifas riefen im M\u00e4rz 2009 dazu auf, man solle die hermanns-betrunkenen Nazis &#8222;wegr\u00f6mern&#8220;, und versahen auf ihrem Logo die rote Flagge mit der imperialen r\u00f6mischen Abk\u00fcrzung &#8222;SPQR&#8220;. Als Provokation der Rechten vielleicht ganz drollig; aber m\u00fcssen wir uns jetzt wirklich mit einem Weltreich &#8211; dem Zielpunkt aller Herrschaftsakkumulation &#8211; identifizieren, wenn wir gegen Nazis sind? &#8211; Arminius war sicher kein Linker. Aber seine Cherusker muss man ebensowenig den Rechten \u00fcberlassen wie alle anderen &#8222;Barbaren&#8220;, &#8222;Wilden&#8220; oder &#8222;Primitiven&#8220;.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Als vor 500 Jahren dieser Text des Tacitus wiederentdeckt wurde, begann ein Rummel um diesen Arminius, der bis heute nicht verebbt ist. 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