{"id":9547,"date":"2009-10-01T00:00:30","date_gmt":"2009-09-30T22:00:30","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9547"},"modified":"2022-07-26T14:14:40","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:40","slug":"ein-beharrlicher-saer-libertarer-ideen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/10\/ein-beharrlicher-saer-libertarer-ideen\/","title":{"rendered":"Ein beharrlicher S\u00e4er libert\u00e4rer Ideen"},"content":{"rendered":"<p>Die Polizei war pr\u00e4sent, hielt sich aber dezent im Hintergrund,                 als am Montag, den 7. September 2009 um 10 Uhr morgens auf dem                 Friedhof in Neustadt an der Weinstra\u00dfe rund 300 Freundinnen und                 Freunde Abschied genommen haben von einem lieben und geliebtem                 Menschen, dem gro\u00dfartigen Schriftsteller und Anarchisten Horst                 Stowasser. <\/p>\n<p>Ich erinnere mich gerne an Horst. <\/p>\n<p>Seit ich am 30. August die Nachricht von seinem Tod erhalten                 habe, bin ich ersch\u00fcttert. <\/p>\n<p>Sein Tod macht mich traurig. <\/p>\n<p>Es ist unfassbar, dass er so pl\u00f6tzlich und unerwartet gestorben                 ist. <\/p>\n<h3>Er stand mitten im Leben<\/h3>\n<p>Wenige Tage vor seinem Tod haben wir noch ausgiebig telefoniert.                 Horst wollte eine Rezension f\u00fcr die Libert\u00e4ren Buchseiten und                 einen weiteren Artikel f\u00fcr die Graswurzelrevolution Nr. 342 schreiben,                 \u00fcber das generations\u00fcbergreifende Wohnprojekt &#8222;Eilhardshof&#8220;, das                 er in Neustadt mit vielen Freundinnen und Freunden ins Leben gerufen                 hat. <\/p>\n<p>Gemeinsam wollten wir auch das etwas angestaubte Layout der Graswurzelrevolution                 \u00fcberarbeiten. Er steckte voller Lebenskraft und Tatendrang &#8211; seiner                 Kinderl\u00e4hmung zum Trotz. <\/p>\n<p>Seine gro\u00dfe Menschenfreundlichkeit und sein Optimismus waren                 mitrei\u00dfend. Er war ein unerm\u00fcdlicher S\u00e4er anarchistischer Utopien.                 Ein toleranter, genie\u00dfender und gro\u00dfherziger Mensch. Sektierertum                 und Dogmatismus waren ihm fremd.<\/p>\n<p>Stattdessen begegnete er allen Menschen mit einer gro\u00dfen Offenheit,                 unabh\u00e4ngig von ihrer Weltanschauung. Er konnte gut zuh\u00f6ren, reden,                 diskutieren, Menschen integrieren und begeistern. Ganz im Sinne                 Gustav Landauers war Anarchie f\u00fcr ihn keine Sache der Forderungen,                 sondern des Lebens. <\/p>\n<h3>Horst wird uns fehlen<\/h3>\n<p>Gepr\u00e4gt wurde der sprachgewandte Agitator des freiheitlichen                 Sozialismus nicht zuletzt durch Weltreisen und seine Kindheit,                 die er mit seinem \u00e4lteren Bruder Klaus und seinen Eltern in Deutschland                 und sp\u00e4ter in Argentinien verbrachte. In Argentinien kam er als                 Sch\u00fcler durch einen Lehrer erstmals in Ber\u00fchrung mit anarchistischer                 Literatur. <\/p>\n<p>Seit 1969 engagierte er sich in der anarchistischen Bewegung,                 nahm an wichtigen internationalen Treffen und Kongressen teil.                 Aufgrund libert\u00e4rer und antimilitaristischer Agitation sa\u00df er                 zeitweise im Gef\u00e4ngnis. \u00c4hnlich wie in den 20er und 30er Jahren                 der Pazifist Kurt Tucholsky und der Anarchopazifist Ernst Friedrich,                 wurde in den 80er Jahren auch Horst Stowasser immer wieder aufgrund                 der Verwendung des Satzes &#8222;Soldaten sind M\u00f6rder&#8220; kriminalisiert.<\/p>\n<p>Horst war seit den 70er Jahren durch die von ihm mitgepr\u00e4gten                 Bewegungszeitungen, durch seine Vortr\u00e4ge und B\u00fccher der wohl einflussreichste                 Anarchist in Deutschland. <\/p>\n<p>Auch bei meiner pers\u00f6nlichen Politisierung spielte er eine gro\u00dfe                 Rolle. Anfang der 80er Jahre habe ich das vor allem von ihm verfasste                 Buch &#8222;Was ist eigentlich Anarchie?&#8220; ((2))                 aus dem Berliner Karin Kramer Verlag gelesen. <\/p>\n<p>Seitdem verstehe ich mich als Anarchist. Als ich 1986 sein Standardwerk                 &#8222;Leben ohne Chef und Staat&#8220; ((3))                 zum ersten Mal gelesen habe, war ich 20 und begeistert. So lebendig                 und klar, ohne verschwurbelte Fachtermini, ohne soziologenchinesische                 Tendenzen &#8211; so wie Horst schreiben leider nur wenige AnarchistInnen.               <\/p>\n<p>Inspiriert unter anderem durch das Lebenswerk des am 2. Mai 1919                 ermordeten Anarchisten Gustav Landauer entwickelte Horst die Idee                 vom <i>Projekt A<\/i>. Seine Vorstellungen vom &#8222;Projektanarchismus&#8220;                 zielten auf die Verankerung libert\u00e4rer &#8222;Doppel-Projekte&#8220; im Alltagsleben                 einer Kleinstadt. Ziel war der Aufbau und die Vernetzung dezentraler,                 \u00f6kologischer und anarchistischer Strukturen, die wirtschaftlich,                 kulturell und politisch wirken. Der &#8222;Projektanarchismus&#8220; sollte                 Arbeits- und Wohnm\u00f6glichkeiten in kollektiver Selbstverwaltung                 schaffen.<\/p>\n<p>Ab 1989 wurde unter anderem in Wetzlar, in Alsfeld, in Neustadt                 an der Weinstra\u00dfe sowie weiteren Orten im In- und Ausland versucht,                 das <i>Projekt A<\/i> zu realisieren. <\/p>\n<p>In Horsts Wohnort Neustadt gab es vor der Krise des Projektes                 Mitte der 90er Jahre 14 selbstverwaltete Betriebe, von denen etwa                 die H\u00e4lfte bis heute \u00fcberlebt und sich im &#8222;Werk Selbstverwalteter                 Projekte und Einrichtungen&#8220; (WESPE) zusammengeschlossen haben.<\/p>\n<p>Horst Stowassers &#8222;Projekt-A-Buch&#8220; ((4))                 wurde seit Erscheinen 1985 konspirativ verbreitet. Es hatte aber                 dennoch einschlagende Wirkungen. Auch in meiner Wahlheimatstadt                 M\u00fcnster spielte es als Inspirationsquelle z.B. bei der Gr\u00fcndung                 von libert\u00e4ren Zentren und Projekten eine gro\u00dfe Rolle. <\/p>\n<p>Die bundesweiten, szeneinternen Konflikte um das Projekt A f\u00fchrten                 allerdings dazu, dass sich Horst ab 1995, nach Erscheinen seines                 &#8222;Freiheit pur&#8220;-W\u00e4lzers ((5)),                 10 Jahre lang entt\u00e4uscht aus der libert\u00e4ren Szene zur\u00fcckzog. Er                 k\u00fcmmerte sich liebevoll um seine Kinder, arbeitete viel und verdiente                 zeitweise gutes Geld in der Werbebranche. Aber er verfasste 10                 Jahre lang keine Artikel f\u00fcr anarchistische Zeitungen und er schrieb                 keine B\u00fccher mehr.<\/p>\n<p>Als ich in den 90er Jahren meine Doktorarbeit \u00fcber Anarchistische                 Presse geschrieben habe, konnte ich zig Bewegungs-Archive in Europa                 besuchen und dort libert\u00e4re Sch\u00e4tze auftun. Nat\u00fcrlich habe ich                 zu jener Zeit auch mehrfach Horst Stowasser angeschrieben, um                 das von ihm 1971 gegr\u00fcndete, legend\u00e4re &#8222;AnArchiv&#8220; zu besuchen.                 Ich bekam damals keine Antwort. Es war die Zeit, in der er die                 Schnauze voll hatte von der anarchistischen Szene. <\/p>\n<p>Trotzdem habe ich in diversen Bewegungsbibliotheken 500 verschiedene                 Periodika gefunden und auswerten k\u00f6nnen, darunter auch viele,                 an denen Horst in den 70er und 80er Jahren beteiligt war &#8211; z.B.                 die anarchosyndikalistische <i>direkte aktion<\/i>, die 1977 gegr\u00fcndet                 wurde und heute immer noch alle zwei Monate als bundesweites Sprachrohr                 der Freien ArbeiterInnen Union (FAU) erscheint. <\/p>\n<p>&#8222;Zwischen Schreibtisch und Stra\u00dfenschlacht?&#8220; ((6)),                 der als Frage formulierte Titel der 1998 ver\u00f6ffentlichten Buchfassung                 meiner Dissertation, bezieht sich auf eine Stowasser-These. In                 &#8222;Freiheit pur&#8220; hatte Horst geschrieben, der Anarchismus in Deutschland                 bewege sich &#8222;seit 20 Jahren im Wesentlichen nur zwischen Schreibtisch                 und Stra\u00dfenschlacht&#8220;. Diese These habe ich in meiner Studie verworfen.                 Und letztlich tat das auch Horst. Nicht zuletzt inspiriert auch                 durch seine Werke, entstanden n\u00e4mlich viele Projekte, darunter                 Kommunen, libert\u00e4re Zentren und selbstverwaltete Wohnprojekte,                 wie der generations\u00fcbergreifende Eilhardshof in Neustadt.<\/p>\n<p>Im November 2005 habe ich ein einst\u00fcndiges Radiointerview mit                 Horst gef\u00fchrt. Es wurde im B\u00fcrgerfunk auf Antenne M\u00fcnster in zwei                 Teilen ausgestrahlt ((7)), erschien                 gek\u00fcrzt in der Graswurzelrevolution Nr. 304 und in einer \u00fcberarbeiteten                 und erweiterten Version in dem Interviewband &#8222;ja! Anarchismus.                 Gelebte Utopie im 21. Jahrhundert&#8220; ((8)).<\/p>\n<p>In vielen Gespr\u00e4chen und bei gemeinsamen Veranstaltungen in M\u00fcnster                 und K\u00f6nnern entwickelte sich eine tiefe Freundschaft. <\/p>\n<p>Ich bin froh, dass ich Horst dazu motivieren konnte, Artikel                 f\u00fcr die Graswurzelrevolution zu schreiben und sein Standardwerk                 &#8222;Freiheit pur&#8220; zu aktualisieren und um weitere Kapitel zu erg\u00e4nzen.                 &#8222;Freiheit pur&#8220; hei\u00dft jetzt &#8222;Anarchie!&#8220; ((9)).                 Es ist das beste Buch zum Anarchismus, das im Deutschland des                 21. Jahrhunderts bisher erschienen ist. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend &#8222;Der Kleine Stowasser&#8220; ein Buch ist, mit dem seit Generationen                 Latein-Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler gequ\u00e4lt werden, ist &#8222;Der Gro\u00dfe                 Stowasser&#8220; ((10)) ein Werk,                 das Generationen von Anarchie-Begeisterten hervorbringen wird.<\/p>\n<p>Horst ist gestorben. Aber sein Traum von einer herrschaftslosen                 Gesellschaft, von einem Leben ohne Chef und Staat, ist lebendig.               <\/p>\n<p>Wir sollten alles tun, damit dieser Traum Wirklichkeit wird.               <\/p>\n<p>Ich schlie\u00dfe mit einem Zitat des 1934 von den Nazis ermordeten                 Anarchisten Erich M\u00fchsam: &#8222;Wollt ihr denen Gutes tun, die der                 Tod getroffen, Menschen, lasst die Toten ruhn und erf\u00fcllt ihr                 Hoffen.&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Polizei war pr\u00e4sent, hielt sich aber dezent im Hintergrund, als am Montag, den 7. September 2009 um 10 Uhr morgens auf dem Friedhof in Neustadt an der Weinstra\u00dfe rund 300 Freundinnen und Freunde Abschied genommen haben von einem lieben und geliebtem Menschen, dem gro\u00dfartigen Schriftsteller und Anarchisten Horst Stowasser. 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