{"id":9576,"date":"2009-10-01T00:00:23","date_gmt":"2009-09-30T22:00:23","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9576"},"modified":"2022-07-26T14:24:09","modified_gmt":"2022-07-26T12:24:09","slug":"schweigen-heist-lugen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/10\/schweigen-heist-lugen\/","title":{"rendered":"Schweigen hei\u00dft L\u00fcgen"},"content":{"rendered":"<p>Es freut mich, dass meine Autobiografie mit der vorliegenden                 \u00dcbersetzung nun auch den deutschsprachigen Leserinnen und Lesern                 zug\u00e4nglich gemacht wird. Ich k\u00f6nnte mir vorstellen, dass viele                 von ihnen sich fragen, was ich wohl von dem neuen US-Pr\u00e4sidenten                 Barack Obama halte. Wie ich wei\u00df, gilt er in Deutschland und im                 \u00fcbrigen Europa als gro\u00dfer Hoffnungstr\u00e4ger, und viele Leute scheinen                 zu denken, Kritik an Obama sei fehl am Platze oder doch zumindest                 verfr\u00fcht. Ich betrachte es dennoch als meine Pflicht, ganz offen                 zu sagen, was mir an diesem Pr\u00e4sidenten gef\u00e4llt und was nicht.<\/p>\n<p>Dass in Washington ein neuer Wind weht, sp\u00fcrt in diesen Tagen                 jeder, der dorthin kommt. Als bekannt gegeben wurde, dass Obama                 die Wahl gewonnen hatte, atmeten die meisten Leute auf: &#8222;<i>Die<\/i>                 w\u00e4ren wir los!&#8220;, sagten sie &#8211; auch wenn die Geschm\u00e4hten noch nicht                 dort sind, wo sie hingeh\u00f6ren, n\u00e4mlich hinter Gittern.<\/p>\n<p>Ein denkw\u00fcrdiges Ereignis war die Wahl des ersten schwarzen US-Pr\u00e4sidenten                 allemal. <\/p>\n<p>Wer wollte behaupten, dass ihn das, was sich bei der Bekanntgabe                 des Wahlergebnisses auf den Gesichtern der versammelten Menschen                 abspielte, nicht ber\u00fchrt h\u00e4tte? F\u00fcr mich pers\u00f6nlich war es ein                 besonders ergreifender Moment, als das Fernsehen Studenten des                 Spelman College einblendete. <\/p>\n<p>An diesem College hatte ich ja zur Zeit der B\u00fcrgerrechtsbewegung                 sieben Jahre lang gelehrt. <\/p>\n<p>Wie gl\u00fccklich die Studenten aussahen und wie sie jubelten! F\u00fcr                 mich war das ein \u00fcberw\u00e4ltigender Anblick.<\/p>\n<p>Soviel zu meinen pers\u00f6nlichen Empfindungen, die an dieser Stelle                 nicht unerw\u00e4hnt bleiben durften. Im Folgenden wird es aber darum                 gehen, die Obama-Pr\u00e4sidentschaft einer n\u00fcchternen Betrachtung                 zu unterziehen.<\/p>\n<p>Obama ist wortgewandt, intelligent und charismatisch. In vielerlei                 Hinsicht ist er das Gegenteil seines Amtsvorg\u00e4ngers. Man ist nat\u00fcrlich                 froh, wenn im Wei\u00dfen Haus jemand sitzt, dem man die F\u00e4higkeit,                 einen Wandel einzuleiten, zumindest nicht von vornherein absprechen                 w\u00fcrde. Aber machen wir uns nichts vor: Obama ist ein Politiker,                 jemand, auf den schon qua Amt Druck ausge\u00fcbt und Einfluss genommen                 wird, damit er nicht mit gewissen Traditionen bricht. Kurz, der                 Politiker Obama wird dazu neigen, sich auf sicherem Terrain zu                 bewegen. Es ist nicht anzunehmen, dass er allzu stark von jenen                 Prinzipien abweichen wird, von denen sich fr\u00fchere US-Pr\u00e4sidenten                 haben leiten lassen.<\/p>\n<p>Und was sind das f\u00fcr Prinzipien? Zwei Worte reichen aus, um sie                 auf den Punkt zu bringen: Nationalismus und Kapitalismus. Jeder                 US-Pr\u00e4sident, ob liberal oder konservativ, ob Republikaner oder                 Demokrat, f\u00fchlte sich diesen beiden Prinzipien verpflichtet: Nationalismus,                 das hei\u00dft, Expansionsstreben, Imperialismus; und Kapitalismus,                 das hei\u00dft, Vertrauen auf das Big Business und die sogenannte Marktwirtschaft                 bei gleichzeitigem Verzicht auf jegliche Ma\u00dfnahmen, die einem                 als &#8222;sozialistisch&#8220; ausgelegt werden k\u00f6nnten. Zwar ist Obama jetzt,                 wo ich diese Zeilen schreibe, erst seit Kurzem im Amt, aber Anhaltspunkte                 daf\u00fcr, dass er diese Tradition fortzuf\u00fchren gedenkt, gibt es bereits                 mehr als genug. Obwohl er gesagt hat, er wolle den Irakkrieg beenden,                 zieht Obama die Truppen nur sehr langsam ab; gleichzeitig entsendet                 er Soldaten nach Afghanistan, wo unsere Milit\u00e4raktionen bereits                 Tausende zivile Opfer gefordert haben und unter seiner \u00c4gide auch                 weiterhin fordern.<\/p>\n<p>Als Obama sich noch im Pr\u00e4sidentschaftswahlkampf befand, hatte                 er gesagt, aus dem Irak abzuziehen, sei nicht genug; wir m\u00fcssten                 auch die Geisteshaltung ablegen, aufgrund deren wir \u00fcberhaupt                 erst im Irak gelandet seien. Was f\u00fcr eine Geisteshaltung ist das?                 Es ist die \u00dcberzeugung, dass sich Probleme mit milit\u00e4rischen Mitteln                 l\u00f6sen lassen. Dass die USA eine m\u00e4chtige Milit\u00e4rmaschinerie haben                 m\u00fcssen. Dass sie einen Gutteil ihres Reichtums in die Unterhaltung                 einer gro\u00dfen Armee, einer gro\u00dfen Marine und einer gro\u00dfen Luftwaffe                 stecken m\u00fcssen. Dass sie Milit\u00e4rst\u00fctzpunkte in aller Welt haben                 m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Es sieht aber ganz und gar nicht so aus, als habe Obama vor,                 eine andere Denkart einzuf\u00fchren. <\/p>\n<p>Eine seiner ersten Amtshandlungen bestand darin, gr\u00fcnes Licht                 f\u00fcr von &#8222;Predator&#8220;-Drohnen auszuf\u00fchrende Luftangriffe auf Pakistan                 zu geben. Hunderte Unschuldige sind bei diesen Angriffen bereits                 ums Leben gekommen. Zur Rechtfertigung hei\u00dft es, die Angriffe                 richteten sich ausschlie\u00dflich gegen Terroristen, doch sagt uns                 schon der gesunde Menschenverstand, dass Bomben und Raketen nicht                 zwischen einem Terroristen und einem Zivilisten zu unterscheiden                 verm\u00f6gen.<\/p>\n<p>Die Demokraten geben sich bei innenpolitischen Belangen traditionell                 liberaler als in der Au\u00dfenpolitik. Allerdings nur gerade so liberal,                 wie ihre W\u00e4hlerschaft es verlangt, nicht liberal genug, um das                 Wirtschaftssystem von Grund auf zu erneuern. Obama hat zum Beispiel                 gesagt, dass er im Gesundheitswesen bedeutende Ver\u00e4nderungen durchsetzen                 will. Er weigert sich aber, eine Z\u00e4sur vorzunehmen, die von der                 Mehrheit der US-Amerikaner begr\u00fc\u00dft w\u00fcrde, n\u00e4mlich jedem B\u00fcrger                 im Rahmen eines staatlichen Gesundheitssystems zu einer kostenfreien                 Gesundheitsversorgung zu verhelfen. Aufgrund seiner engen Verbindungen                 zum Big Business scheut Obama davor zur\u00fcck, an der Rolle der riesigen                 Versicherungsgesellschaften zu r\u00fctteln, und so werden auch weiterhin                 30 Prozent der US-amerikanischen Gesundheitskosten f\u00fcr Verwaltung                 draufgehen, anstatt in die medizinische Versorgung zu flie\u00dfen.<\/p>\n<p>Wenn mich nun jemand fragt, &#8222;Na ja, was erwarten Sie denn?&#8220;,                 dann sage ich: &#8222;Eine ganze Menge.&#8220; Und wenn mich jemand fragt,                 &#8222;Was sind Sie denn &#8211; ein Tr\u00e4umer?&#8220;, dann sage ich: &#8222;Genau das.                 Ich bin ein Tr\u00e4umer. Ich will alles. Eine friedliche Welt. Eine                 egalit\u00e4re Welt. Keinen Krieg. Keinen Kapitalismus. Ich will eine                 anst\u00e4ndige Gesellschaft.&#8220; Ich bin froh, dass ich das Tr\u00e4umen nicht                 verlernt habe. Denn w\u00fcrde ich damit aufh\u00f6ren, m\u00fcsste ich mich                 immer mehr auf eine Realit\u00e4t einlassen, die f\u00fcr mich nicht hinnehmbar                 ist.<\/p>\n<p>Obama wird das Kapitalismusmodell zwar nicht grunds\u00e4tzlich in                 Frage stellen. Seine Pr\u00e4sidentschaft f\u00e4llt aber nicht in eine                 x-beliebige Epoche der Geschichte, sondern just in die Zeit, da                 das kapitalistische System der USA in die Br\u00fcche geht. Und ich                 bin froh, dass es in die Br\u00fcche geht, denn sonst w\u00e4re die Dringlichkeit                 einer General\u00fcberholung weniger augenf\u00e4llig. Was wir in den USA                 brauchen, ist eine Abkehr von den alten Praktiken, eine Umgestaltung                 des Wirtschaftssystems. Obama war bisher nur allzu bereit, dem                 Druck der Konzerne und des Marktes nachzugeben.<\/p>\n<p>Wenn wieder einmal die Vorz\u00fcge des marktwirtschaftlichen Systems                 gepriesen werden, ist Skepsis angebracht. Die Marktwirtschaft                 ist das, was wir bis jetzt hatten. &#8222;Lasst den Markt entscheiden&#8220;,                 sagten die Bef\u00fcrworter dieses Systems. &#8222;Freie Gesundheitsversorgung                 &#8211; das darf nicht sein.&#8220; Der Markt sollte die Dinge regeln, und                 das tat er denn auch. Mit dem Ergebnis, dass in den USA 45 Millionen                 Menschen ohne Gesundheitsversorgung dastehen, zwei Millionen Menschen                 kein Dach \u00fcber dem Kopf haben und Abermillionen Menschen ihre                 Miete nicht bezahlen k\u00f6nnen. Fazit: Der Markt darf eben <i>nicht<\/i>                 das Sagen haben. Einer Wirtschaftskrise, wie wir sie gegenw\u00e4rtig                 erleben, ist mit den alten Rezepten nicht beizukommen. <\/p>\n<p>Man kann nicht einfach Geld in die obersten Gesellschaftsschichten                 und in die Konzerne pumpen und darauf vertrauen, dass dieses Geld                 dann schon irgendwie nach unten durchsickert. Was da durchsickert,                 ist allenfalls der ber\u00fchmte Tropfen auf den hei\u00dfen Stein.<\/p>\n<p>In diesem Zusammenhang sei an die Geschichte des &#8222;New Deal&#8220; der                 1930er Jahre erinnert, mit der viele Leute nicht vertraut sind.                 Wenngleich dieses Reformpaket nicht weit genug ging, beinhaltete                 es doch ein paar sehr gute Ideen, was sich allein dem Umstand                 verdankte, dass in den USA damals heftig agitiert wurde. Der Aufruhr                 hatte Pr\u00e4sident Franklin D. Roosevelt unter Zugzwang gebracht.                 Was also tat seine Regierung? Sie nahm Milliarden von Dollar in                 die Hand und gab bekannt, dass sie Leute einstellte. <\/p>\n<p>&#8222;Sie sind arbeitslos? Ihre Regierung hat einen Job f\u00fcr Sie. Was                 Sie auch immer beruflich machen &#8211; melden Sie sich bei Ihrer Regierung,                 und Sie stehen in Lohn und Brot.&#8220; <\/p>\n<p>Das Ergebnis war, dass im ganzen Land gro\u00dfartige Arbeit geleistet                 wurde. Junge Leute wurden millionenfach in das &#8222;Civilian Conservation                 Corps&#8220; aufgenommen. Anstatt sie als Kampfsoldaten nach \u00dcbersee                 zu entsenden, gab die Regierung ihnen Geld &#8211; genug, um den eigenen                 Lebensunterhalt bestreiten und einen Betrag an die Eltern schicken                 zu k\u00f6nnen -, und dann machten sich diese jungen Leute auf, im                 ganzen Land Br\u00fccken und Stra\u00dfen zu bauen, Kinderspielpl\u00e4tze anzulegen                 und allerlei andere bemerkenswerte Dinge zu tun.<\/p>\n<p>Die Regierung legte auch ein bundesweites Kunstf\u00f6rderungsprogramm                 auf. Sie wartete nicht ab, ob der Markt vielleicht von selbst                 auf die Idee k\u00e4me. <\/p>\n<p>Nein, die Regierung brachte das Programm eigenh\u00e4ndig auf den                 Weg und stellte Tausende arbeitslose K\u00fcnstler ein: Dramatiker,                 Schauspieler, Musiker, Maler, Bildhauer, Schriftsteller. Was dabei                 herauskam? <\/p>\n<p>Tausende Kunstwerke. Noch heute kann man im ganzen Land Tausende                 Wandgem\u00e4lde bestaunen, die damals im Rahmen dieses Programms entstanden                 sind. Im ganzen Land wurden Theaterst\u00fccke aufgef\u00fchrt, und zwar                 zu so niedrigen Eintrittspreisen, dass auch Leute hingingen, die                 sich in ihrem Leben noch keinen einzigen Theaterbesuch hatten                 leisten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Damit ist nur angerissen, was sich alles auf die Beine stellen                 lie\u00dfe. Die Regierung hat die Interessen ihrer B\u00fcrgerinnen und                 B\u00fcrger zu vertreten. Sie darf diesen Auftrag nicht von den Konzernen                 und dem Markt erledigen lassen, denn denen geht es nicht um die                 Interessen der B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger, sondern um Profit.<\/p>\n<p>Vergessen wir also nicht: Obama ist ein Politiker und wir US-Amerikaner                 sind aufgerufen, unserer B\u00fcrgerpflicht nachzukommen und die Politiker,                 einschlie\u00dflich Obama, in eine fortschrittliche Richtung zu dr\u00e4ngen.                 Streik, Boykott, ziviler Ungehorsam &#8211; jene Mittel also, mit denen                 Roosevelt damals zu den Reformen des &#8222;New Deal&#8220; gedr\u00e4ngt wurde                 &#8211; lassen sich auch heute noch wirksam einsetzen. Das ist es doch,                 was es hei\u00dft, in einer Demokratie zu leben. <\/p>\n<p>In einer Demokratie m\u00fcssen die B\u00fcrgerinnen und B\u00fcrger ihrer Regierung                 einsch\u00e4rfen, dass sie dazu da ist, <i>ihre<\/i> Interessen zu vertreten,                 nicht die der Politiker, Konzerne und Gener\u00e4le. <\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen Stellung beziehen und d\u00fcrfen nicht tatenlos dabei                 zusehen, wie die Politik weiter auf Irrfahrt geht. <\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen daf\u00fcr sorgen, dass die Weichen neu gestellt werden.                 Das ist eine Grundvoraussetzung f\u00fcr den Aufbau einer friedlichen                 und gerechten Welt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es freut mich, dass meine Autobiografie mit der vorliegenden \u00dcbersetzung nun auch den deutschsprachigen Leserinnen und Lesern zug\u00e4nglich gemacht wird. 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