{"id":9581,"date":"2009-10-01T00:00:13","date_gmt":"2009-09-30T22:00:13","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9581"},"modified":"2022-07-26T14:14:41","modified_gmt":"2022-07-26T12:14:41","slug":"hier-geht-die-anarchistische-post-ab","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/10\/hier-geht-die-anarchistische-post-ab\/","title":{"rendered":"Hier geht die anarchistische Post ab"},"content":{"rendered":"<p>Mit den B\u00fcchern seiner &#8222;theorie.org&#8220;-Reihe m\u00f6chte der Schmetterling-Verlag nach eigenen Angaben sowohl dem &#8222;neu erwachenden Interesse an theoretischen Grundlagen linker Politik als auch dem Bed\u00fcrfnis nach Reflexion politischer Praxis&#8220; Rechnung tragen: &#8222;Die Autorinnen und Autoren n\u00e4hern sich ihrem Gegenstand sachlich, n\u00fcchtern und ohne Nostalgie, aber stets mit emanzipatorischem Anspruch. Dabei verpflichten sie sich einem hohen Ma\u00df an Verst\u00e4ndlichkeit. \u201atheorie.org&#8216; arbeitet die zentralen Themen linker Debatte kritisch auf, fasst Resultate zusammen und versucht zentrale Gedanken f\u00fcr die Zukunft festzuhalten. Die Reihe bietet fundiertes \u00dcberblickwissen, will Orientierungshilfe geben und Perspektiven aufzeigen.&#8220;<\/p>\n<p>Diesen Anforderungen wird das 2006 in dieser Reihe erschienene Buch &#8222;Anarchismus. Eine Einf\u00fchrung&#8220; von Hans J\u00fcrgen Degen und Jochen Knoblauch gerecht.<\/p>\n<p>Mein Eindruck, den ich damals beim Lesen des Werks gewonnen habe, war, dass hier zwei verdiente Autoren des Anarchismus eine n\u00fcchtern formulierte Auftragsarbeit abgeliefert haben, der es nicht an Sachlichkeit, aber an Herzblut, Witz und Originalit\u00e4t mangelt.<\/p>\n<p>F\u00fcr \u00e4ltere AnarchistInnen findet sich in dem Buch wenig Neues. Vieles, was wichtig gewesen w\u00e4re, kommt nicht vor. Und ob ein Einf\u00fchrungsband zum Anarchismus, der nicht enthusiastisch r\u00fcberkommt, Menschen \u00fcberzeugen kann, darf bezweifelt werden.<\/p>\n<p>Dabei geht es auch anders, wie z.B. die spannenden Texte in dem 2007 von Achim von Borries und Ingeborg Weber Brandies herausgegebenen Sammelband &#8222;Anarchismus. Theorie, Kritik, Utopie&#8220; und der im gleichen Jahr erschienene Prachtband &#8222;Anarchie! Idee &#8211; Geschichte &#8211; Perspektiven&#8220; von Horst Stowasser beweisen.<\/p>\n<p>Solche B\u00fccher begeistern f\u00fcr die Idee einer herrschaftslosen Gesellschaft und f\u00fcr die libert\u00e4re Praxis der Gegenseitigen Hilfe.<\/p>\n<p>Ankn\u00fcpfend an &#8222;Anarchismus. Eine Einf\u00fchrung&#8220; erschien im Mai 2009 im Schmetterling Verlag der von Knoblauch und Degen herausgegebene Sammelband &#8222;Anarchismus 2.0&#8220;.<\/p>\n<p>Meine Erwartungshaltung war diesmal nicht so \u00fcbertrieben hoch wie beim Vorg\u00e4nger-Buch. Und ich muss sagen: Diese Textsammlung ist absolut lesenswert!<\/p>\n<p>Ein gro\u00dfes Lob an die Herausgeber. Die R\u00fcffel aus der libert\u00e4ren Szene, die es 2006 an dem f\u00fcr meinen Geschmack etwas zu blutleeren Einf\u00fchrungsband gegeben hat, f\u00fchrten nicht dazu, dass sich Knoblauch und Degen beleidigt in die Schmollecke zur\u00fcckzogen.<\/p>\n<p>Stattdessen sind sie mit der Kritik konstruktiv umgegangen.<\/p>\n<p>Ein Beispiel: Jens Kastner hat &#8222;Anarchismus. Eine Einf\u00fchrung&#8220; im Oktober 2006 in den Libert\u00e4ren Buchseiten (GWR 312) verrissen und u.a. das Ausblenden des Zapatismus kritisiert.<\/p>\n<p>Daraufhin haben Degen und Knoblauch ihn eingeladen, seinen zuvor exklusiv in der Graswurzelrevolution ver\u00f6ffentlichten Artikel &#8222;Ist der Zapatismus ein Anarchismus?&#8220; f\u00fcr den &#8222;Anarchismus 2.0&#8220;-Band zu aktualisieren, was er getan hat.<\/p>\n<p>Ein solch souver\u00e4ner und kreativer Umgang mit Kritik ist in libert\u00e4ren Kreisen keine Selbstverst\u00e4ndlichkeit. Allzu oft f\u00fchren kritische Rezensionen dazu, dass die Kritisierten die RezensentInnen und die Zeitung, in der die Kritik ver\u00f6ffentlicht wurde, f\u00fcr ewige Zeiten mit dem Bannstrahl der Verachtung oder gar der Abok\u00fcndigung strafen. Gelegentlich entstehen in diesem Zusammenhang sogar neue Verschw\u00f6rungstheorien.<\/p>\n<p>Aber zur\u00fcck zum Thema. Die unterschiedlichen AutorInnen und Beitr\u00e4ge machen &#8222;Anarchismus 2.0&#8220; abwechslungsreich. Nicht alle Artikel sind mitrei\u00dfend, aber es kommt keine Langeweile auf. Die Beitr\u00e4ge neutralisieren in gewisser Weise die inhaltlichen Schw\u00e4chen von &#8222;Anarchismus. Eine Einf\u00fchrung&#8220;.<\/p>\n<p>Eine Kritik daran war, dass dort Anarchosyndikalismus, Gewaltfreier Anarchismus, Anarchafeminismus und &#8222;Postanarchismus&#8220; nur unzureichend bzw. gar nicht beschrieben werden.<\/p>\n<p>In &#8222;Anarchismus 2.0&#8220; findet sich nun ein Beitrag von FAU-Aktivist Hansi Oostinga zum &#8222;Anarchosyndikalismus&#8220;, Wolfram Beyer (IDK Berlin) widmet sich dem Thema &#8222;Gewaltfreier Anarchismus&#8220; und Friederike Pfaff beschreibt aktuelle Entwicklungen des Anarchafeminismus.<\/p>\n<p>Ulrich Klemm breitet sein Lieblingsthema &#8222;Anarchismus und P\u00e4dagogik&#8220; aus, Gerhard Senft beleuchtet den oft unterbelichteten Themenkomplex &#8222;Anarchismus und \u00d6konomie&#8220; und Elisabeth Vo\u00df wirft einen Blick auf die Geschichte und Gegenwart alternativer Praxis: &#8222;Arbeit und Leben: Wohnprojekte, Kommunen, Genossenschaften&#8220;.<\/p>\n<p>Der Anarchismusforscher Hans J\u00fcrgen Degen fasst in dem Artikel &#8222;Anarchismus in Deutschland (1945-1968)&#8220; seinen Forschungsschwerpunkt pr\u00e4gnant zusammen. Daran kn\u00fcpft Rolf Raasch mit seinem Text zum Thema &#8222;Neo-Anarchismus: 1968 und die Folgen&#8220; an.<\/p>\n<p>Lesenswert sind auch Jochen Knoblauchs Exkurs &#8222;Von bolo&#8217;bolo zu KraftWerk1&#8220;, Anja Kraus&#8216; Beitrag \u00fcber indigene Frauen im bolivischen Aymara, &#8222;Anarchismus und Internet&#8220;, sowie Maurice Schuhmanns Ann\u00e4herung an eine anarchistische Kulturtheorie.<\/p>\n<p>Besonders gefreut habe ich mich \u00fcber Ralf Landmessers &#8222;Neue Soziale Bewegungen: Von der Alternativszene bis Attac&#8220;. Er hat von 1983 bis 2000 Jahr f\u00fcr Jahr den gro\u00dfartigen schwarz-roten Kain Kalenda produziert und nichts von seiner erfrischenden Schreibe eingeb\u00fc\u00dft. Wie er in seinem Artikel kenntnisreich die regionalen Eigenheiten verschiedener libert\u00e4rer Szenen und das jeweilige Umfeld analysiert, ist entz\u00fcckend.<\/p>\n<p>Wenig \u00fcberraschend war dagegen J\u00fcrgen M\u00fcmkens &#8222;Postanarchismus&#8220;-Artikel, der den vielen Tippfehlern zum Trotz durchaus lesenswert ist.<\/p>\n<p>Erstaunt hat mich, dass ich dort als &#8222;Traditionalist&#8220; geschm\u00e4ht werde, der sich und seine &#8222;Ideen immer von dem Neuen bedroht&#8220; sieht.<\/p>\n<p>Aha? Das war mir bisher neu.<\/p>\n<p>Ausl\u00f6ser f\u00fcr M\u00fcmkens Klage war meine ironisch formulierte Kritik an dem m.E. irref\u00fchrenden Begriff &#8222;Postanarchismus&#8220;. Diese findet sich von der Redaktion zusammengek\u00fcrzt in einem Interview in der Jungle World Nr. 35 vom 30. August 2007.<\/p>\n<p>Auch wenn ich den Begriff &#8222;Postanarchismus&#8220; nach wie vor als missverst\u00e4ndlich empfinde, weil viele damit einen von den Begriffsch\u00f6pfern nicht gemeinten &#8222;Nach-Anarchismus&#8220; assoziieren werden, halte ich die Auseinandersetzung mit dem Thema &#8222;Postmoderne&#8220; und &#8222;Poststrukturalismus&#8220; f\u00fcr sinnvoll. Der Begriff &#8222;Anarchismus&#8220; muss jedoch nicht als &#8222;traditionalistisch&#8220; entsorgt werden, nur weil nicht alles, was AnarchistInnen in den letzten 170 Jahren von sich gegeben haben, richtig war.<\/p>\n<p>Gegen &#8222;Anarchismus in der Postmoderne&#8220; habe ich nichts einzuwenden. Das klingt im Gegensatz zu &#8222;Postanarchismus&#8220; nicht wie eine klammheimliche Distanzierung vom Anarchismus. Schlie\u00dflich ist der Anarchismus im Gegensatz zum Marxismus keine festgefahrene Ideologie, die ihre alten TheoretikerInnen zu S\u00e4ulenheiligen verkl\u00e4rt. Der Anarchismus ist eine freiheitlich-sozialistische Weltanschauung.<\/p>\n<p>Und das Buch &#8222;Anarchismus 2.0&#8220; ist eine prima Lekt\u00fcre, ein wichtiger Beitrag, der die libert\u00e4re Theoriebildung voranbringen kann.<\/p>\n<p>Oder, um hier sinnentstellend den \u00fcblen Anarchismushasser Lenin zu zitieren: &#8222;Lesen! Lesen! Lesen!&#8220;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit den B\u00fcchern seiner &#8222;theorie.org&#8220;-Reihe m\u00f6chte der Schmetterling-Verlag nach eigenen Angaben sowohl dem &#8222;neu erwachenden Interesse an theoretischen Grundlagen linker Politik als auch dem Bed\u00fcrfnis nach Reflexion politischer Praxis&#8220; Rechnung tragen: &#8222;Die Autorinnen und Autoren n\u00e4hern sich ihrem Gegenstand sachlich, n\u00fcchtern und ohne Nostalgie, aber stets mit emanzipatorischem Anspruch. 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