{"id":9585,"date":"2009-10-01T00:00:41","date_gmt":"2009-09-30T22:00:41","guid":{"rendered":"http:\/\/test.graswurzel.net\/gwr\/?p=9585"},"modified":"2022-07-26T13:18:07","modified_gmt":"2022-07-26T11:18:07","slug":"another-brick-in-the-wall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.graswurzel.net\/gwr\/2009\/10\/another-brick-in-the-wall\/","title":{"rendered":"Another brick in the wall"},"content":{"rendered":"<p>Der Bundesverband der Zeitarbeitsfirmen (BZA) schrieb j\u00fcngst                 in einer gegen die IG Metall gerichteten Pressemitteilung: &#8222;Die                 IG-Metall [&#8230;] sollten ihr Bild von einer modernen Arbeitswelt                 grundlegend \u00fcberdenken. Hier werden Schlachten von vorgestern                 geschlagen. Klassische Lebensl\u00e4ufe mit unbefristeten Vollzeitarbeitsverh\u00e4ltnissen                 \u00fcber 40 Jahre im gleichen Unternehmen sind l\u00e4ngst vorbei und werden                 von den Besch\u00e4ftigten selbst nicht mehr gew\u00fcnscht. Vor allem auch                 im Sinne der Arbeitnehmer sollte sich die IG-Metall einem flexiblen                 Arbeitsleben, das erst eine stetige pers\u00f6nliche Weiterentwicklung                 m\u00f6glich macht, nicht verschlie\u00dfen. Statt die Zeitarbeit zu verteufeln,                 sollten die Gewerkschaften &#8211; gemeinsam mit den Arbeitgebern &#8211;                 die legitimen Bed\u00fcrfnisse der Besch\u00e4ftigten nach sozialer Sicherheit                 und Anerkennung mit dem ebenfalls vorhandenen Wunsch nach flexibler                 Lebens- und Karriereplanung verbinden.&#8220; ((1))               <\/p>\n<p>Der BZA hat da leider in einigen Punkten recht. Nat\u00fcrlich gibt                 es das 40j\u00e4hrige Vollarbeitsverh\u00e4ltnis nicht mehr &#8211; auch, weil                 es nicht gewollt war.<\/p>\n<p>Die Leiharbeitsbranche kann heute gegen die traditionellen Gewerkschaften                 mit den Interessen einer alternativen Szene argumentieren. <\/p>\n<p>Das ist die individuelle Wirkung des Neoliberalismus. M\u00f6gen sene                 \u00f6konomischen Konzepte auch angesichts der globalen Wirtschaftskrise                 im Abschwung sein, an der Ideologie werden wir noch lange zu knacken                 haben.<\/p>\n<p>Der vorliegende Sammelband der Gruppe Blauer Montag zeigt, wie                 es dazu kommen konnte.<\/p>\n<p>Eine Reflexion der eigenen Involviertheit in den Kapitalismus                 fand in der Linken sp\u00e4testens seit den fr\u00fchen 1990ern kaum statt.                 Man erkl\u00e4rt sich solidarisch mit MigrantInnen, thematisiert seine                 \u201aM\u00e4nnlichkeit&#8216; im Geschlechterdiskurs, engagiert sich gegen Nazis                 und f\u00fcr &#8222;Tierrechte&#8220;, aber vernachl\u00e4ssigt seine eigene \u00f6konomische                 Involviertheit in den Kapitalismus und betrachtet sich nicht mehr                 als Bestandteil des Systems.<\/p>\n<p>Dass dem Kapitalismus das oft gelegen kam, wie im vorliegenden                 Band beschrieben, wird nicht gesehen. Dass im Zuge einer Flexibilisierung                 der Arbeitsverh\u00e4ltnisse der &#8222;Freak&#8220; dem Kapitalismus Anfang der                 1980er brauchbarer war als der &#8222;Gastarbeiter&#8220; mit Familie, also                 gerade der linke Lifestyle integrierbar war, f\u00e4llt nicht auf.                 Der spezialisierte ITler konnte gerne in der Kommune wohnen, konnte                 dort auch ausschlafen, hat aber sein Projekt dann auch bis sp\u00e4t                 in die Nacht betreut.<\/p>\n<p>Der Kapitalismus hat seit den 1970er Jahren damit einen historischen                 Verhandlungskompromiss geschaffen, an dem kaum eine Gewerkschaft                 beteiligt war: Wir geben die gew\u00fcnschte Flexibilit\u00e4t im Tausch                 gegen soziale Sicherheit. Die vermeintlich gr\u00f6\u00dfere Freiheit wurde                 gew\u00e4hrt gegen einen realen Lohnabzug. Kohle gegen Zeit, so funktioniert                 der Kapitalismus. Daran hat sich seit Marx nichts ge\u00e4ndert. Und                 die Lifestyle-Linke hat damit zum neoliberalen Duktus beigetragen.                 Kaum jemand hat gemerkt, dass das immer noch Klassenkampf ist                 und dass der scheinselbstst\u00e4ndige ITler, Layouter oder Schreiberling                 genauso zum Proletariat geh\u00f6rt wie die Industriearbeiterin im                 Blaumann am Band.<\/p>\n<p>Das komplexe Wechselverh\u00e4ltnis zwischen dem anpassungsf\u00e4higen                 Kapital, dem nationalen Wettbewerbsstaat und der produktiven Arbeit                 ist ein relevantes Thema des Sammelbandes. Hervorheben m\u00f6chte                 ich die Frage nach dem Umgang damit in einer sogenannten &#8222;linken                 Szene&#8220; bzw. zumindest in einer sich selbst so verstehenden Klassenlinken.                 Das erste Thema &#8211; der Wandel des Kapitalverh\u00e4ltnisses &#8211; h\u00e4ngt                 dabei unmittelbar mit dem zweiten zusammen.<\/p>\n<p>Am deutlichsten wird dies im dokumentierten Gespr\u00e4ch &#8222;Auch mit                 Solidarit\u00e4t kannst du Pleite machen&#8220; (S. 166 &#8211; 174). Der neoliberale                 und (post)moderne Wandel des Kapitalismus intendiert viele verschiedene                 Weisen des Umgangs aus dieser Klassenlinken. Die Gr\u00fcndung von                 Kollektiven im Sinne einer solidarischen \u00d6konomie geh\u00f6rt genauso                 dazu wie die prek\u00e4re Selbstst\u00e4ndigkeit oder die Bem\u00fchung, Karriere                 in der Wissenschaft zu machen. Vom Standpunkt der gemeinsamen                 kapitalistischen Verwertbarkeit ist es insofern durchaus legitim,                 von einem neuen &#8222;Prekariat&#8220; zu sprechen. <\/p>\n<p>Dankenswerterweise verzichtet die Gruppe Blauer Montag weitgehend                 auf diesen Begriff &#8211; impliziert er doch erstens ein vermeintliches                 neues \u201arevolution\u00e4res Subjekt&#8216;, wo keines ist, und spaltet er                 zweitens in die neu Proletarisierten und die traditionellen ProletarierInnen.               <\/p>\n<p>Der Begriff wird gerade von Intellektuellen gerne im Munde gef\u00fchrt,                 die ein neues Subjekt suchen, damit eine Homogenit\u00e4t zwischen                 der polnischen Putzfrau und dem deutschen Promovierenden implizieren                 und sich dann wundern, dass erstere nicht bei dem \u201aEuro-MayDay&#8216;                 auftaucht. <\/p>\n<p>Auch hier wirkt das, was der BZA in der zitierten Pressemitteilung                 ausdr\u00fcckt: Es ist ein Unterschied um das Ganze, ob man schlecht                 bezahlte Arbeit annimmt, weil man sonst keine bekommt, oder aber,                 weil man sich die eigene Flexibilit\u00e4t &#8211; f\u00fcr eine Promotion, die                 politische Aktion oder Treffen mit FreundInnen &#8211; erhalten m\u00f6chte.                 Der Ansatz &#8222;Prekariat&#8220; geht ferner davon aus, dass die Vollzeitbesch\u00e4ftigten                 gerne bis zum 65. oder 67. Lebensjahr arbeiten w\u00fcrden und man                 selber ganz \u201aanders&#8216; sei.<\/p>\n<p>Daraus entstehen regelm\u00e4\u00dfig Konflikte innerhalb der Klassenlinken.                 Nach der T\u00e4tigkeit in der Leiharbeitsklitsche freut sich der Grafikdesigner,                 endlich ein schwarz-rotes Plakat, das er inhaltlich wichtig findet,                 bezahlt f\u00fcr ver.di statt unbezahlt f\u00fcr die anarchosyndikalistische                 FAU zu layouten, und der CallCenter-Agent kungelt mit dem Professor,                 um zu dozieren statt zu telefonieren.<\/p>\n<p>Regelm\u00e4\u00dfig sorgt das f\u00fcr Konflikte in einer vermeintlichen \u201aSzene&#8216;.                 Irgendjemand hat immer zu viel Engagement in seine Karriere gesteckt,                 statt dies einem gew\u00e4hlten oder eingebildeten Kollektiv zur Verf\u00fcgung                 zu stellen. Der Gruppe Blauer Montag geb\u00fchrt der Verdienst, diese                 Vorg\u00e4nge in den beschriebenen Gesamtzusammenhang gestellt zu haben.               <\/p>\n<p>In Organisationen wie diesen, die eine \u00fcber Jahrzehnte gef\u00fchrte                 Debatte reflektieren und dennoch keinen Abstand von einer linken                 Alltagspraxis nehmen, \u00fcberwintert die Revolution.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Bundesverband der Zeitarbeitsfirmen (BZA) schrieb j\u00fcngst in einer gegen die IG Metall gerichteten Pressemitteilung: &#8222;Die IG-Metall [&#8230;] sollten ihr Bild von einer modernen Arbeitswelt grundlegend \u00fcberdenken. Hier werden Schlachten von vorgestern geschlagen. 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